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"With the lights out..."

1991 – Auf Spurensuche in einem außergewöhnlichen Musikjahr

Spezial/Schwerpunkt von Steffen Blatt
veröffentlicht am 30.12.2016

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1991 – Auf Spurensuche in einem außergewöhnlichen Musikjahr

Nirvana. © Warner Music

Vor einem Vierteljahrhundert endete ein Jahr, im Laufe dessen vor allem in den USA einige der wichtigsten Alben des Jahrzehnts erschienen waren – Warum eigentlich? Steffen Blatt begab sich auf die Spurensuche.

1991: Die USA ziehen in den Golfkrieg, die Sowjetunion löst sich endgültig auf, und in Jugoslawien beginnt der Bürgerkrieg. In Deutschland veröffentlichen die Scorpions mit "Wind of Change" auf den letzten Drücker den Soundtrack zur Wiedervereinigung. Helmut Kohl wird vom ersten gesamtdeutschen Bundestag erneut zum Kanzler gewählt – und muss im Mai erkennen, dass die Einheits-Euphorie bei manchen Deutschen schon wieder verflogen ist, als er in Halle mit Eiern beworfen wird.

Es ist eine Zeit des Umbruchs. Der Kalte Krieg ist zu Ende, die Blöcke haben sich aufgelöst, und viele glauben, dass die liberale westliche Demokratie gesiegt hat. In der Popkultur beginnt der Aufstieg des Techno. In Berlin wird der legendäre Club "Tresor" gegründet und macht die frisch gebackende deutsche Hauptstadt zu einer der Metropolen des neuen Stils.

Nirvana verdrängen Michael Jackson von der Eins, Pearl Jam debüttieren

Doch auch in der Rockmusik passiert 1991 Epochales, und zwar im Nordwesten der USA:

Am 24. September veröffentlicht die Band Nirvana aus Seattle mit "Nevermind" ihr zweites Album, verdrängt damit Michael Jackson vom ersten Platz der amerikanischen Albumcharts und erreicht in nur wenigen Wochen Platin-Status für eine Million verkaufter Tonträger. Der Grunge ist geboren, der bislang letzte große Umbruch der Rockmusik. Der neue Stil klingt wie Metal, nur nicht so überkandidelt, aber auch wie Punk, nur nicht so schnell.

Bereits am 27. August hatten Pearl Jam, ebenfalls aus Seattle, ihr Debüt "Ten" herausgebracht, das zu einem der meistverkauften Rockalben überhaupt werden sollte.

Dritte im Bunde des 91er-Seattle-Jahrgangs sind Soundgarden. "Badmotorfinger" ist ihr drittes Album und erscheint im Oktober. Es gilt als eines der besten des Grunge, obwohl die Band mit "Superunknown" drei Jahre später weitaus erfolgreicher ist.

Durchbrüche in die Weltspitze

Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von

Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von "Out Of Time" veröffentlichten R.E.M. ein Reissue im November 2016

Gleichzeitig markiert das Jahr 1991 für einige schon etablierte Bands den Aufstieg in die absolute Weltspitze. Am 12. August bringen Metallica mit dem eigenbetitelten "schwarzen Album" das bislang erfolgreichste Metal-Album auf den Markt (rund 28 Millionen verkaufte Einheiten). Mit eingängigen Melodien und einer Ballade ("Nothing else matters") vergraulen die Vier aus San Francisco zwar einige Hardcore-Fans, stoßen aber endgültig in den Mainstream vor – und damit auch finanziell in völlig neue Sphären.

Noch krasser ist der Sprung bei Guns ’N’ Roses, die am 17. September "Use Your Illusion I und II" veröffentlichen. Nach dem eher rohen Sound auf ihrem 1987er-Debüt "Appetite for Destruction", das umgehend zum Klassiker wurde, sind auf der Doppelveröffentlichung nun auch Klavier und Background-Sängerinnen zu hören, die Band covert sogar Bob Dylans "Knocking on heaven’s door". Viele Arrangements klingen, als wäre man ganz bewusst auf die Straße zum Mainstream eingebogen.

Den kommerziellen Durchbruch schaffen auch die Red Hot Chili Peppers, die am 20. September "Blood Sugar Sex Magik" herausbringen – vor allem durch den Song "Under the bridge". Das fünfte Studio-Album des Quartetts aus Los Angeles ist ein Meilenstein der Bandgeschichte und markiert den Beginn des Weges weg vom Funk-Rock der Vorgängerplatten hin zum Pop.

Und dann sind da noch R.E.M. aus Athens/Georgia, die im März mit "Out of time" den Reigen der "Durchbruch-Alben" eröffnen. Denn mit "Losing my religon" im Gepäck kennt man die Band am Ende des Jahres auf der ganzen Welt.

Alles nur Zufall?

Der Experte: Udo Dahmen ist seit 2003 künstlerischer Direktor und Geschäftsführer der Popakademie Baden-Württemberg. Dahmen war auch als Profi-Schlagzeuger tätig, u.a. bei Kraan, Inga Rumpf, Nina Hagen oder Gianna Nannini.
(Fotograf: Horst Hamann)

Der Experte: Udo Dahmen ist seit 2003 künstlerischer Direktor und Geschäftsführer der Popakademie Baden-Württemberg. Dahmen war auch als Profi-Schlagzeuger tätig, u.a. bei Kraan, Inga Rumpf, Nina Hagen oder Gianna Nannini. (Fotograf: Horst Hamann)

Warum passiert das alles 1991? Gibt es einen bestimmten Grund, dass ausgerechnet in diesem Jahr so viele wegweisende Platten gemacht wurden und die – im Fall der Grunge-Bands – eminent wichtig waren für die Rockgeschichte und Musiker noch heute inspirieren? Oder war das alles Zufall?

"Ganz viel hängt vom Ort des Geschehens ab", meint Udo Dahmen, der Künstlerische Direktor und Geschäftsführer der Mannheimer Popakademie.

London und Liverpool stehen für Beat, Manchester, Berlin und Detroit für Techno, Chicago für Jazz, Blues und Soul. Die Mischung aus Großstadt, Multi-Kulti und einer gewissen Infrastruktur – Clubs, Labels, Plattenfirmen – erzeugt für Dahmen die kritische Masse, die neue musikalische Trends befeuert.

Seattle hatte Anfang der 1990er Jahre auf den ersten Blick jedoch gar nichts davon. "Es gab einen ausgeprägten Mittelstand, aber keine Musikindustrie", sagt Dahmen. Aber seit den 1970er Jahren hatte sich in der Region ein Prekariat gebildet, das immer weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden war. Nirvana-Frontmann Kurt Cobain, der in Aberdeen aufwuchs, 140 Kilometer südwestlich von Seattle, kommt aus dieser weißen Unterschicht. "Die Kids haben gemerkt, dass der ,American Dream’ für sie nicht mehr funktioniert. Sie haben sich das Motto ,No Future’ zu eigen gemacht – zehn Jahre nach dem Ende der Punkwelle in Europa".

Aus dieser Einstellung entsteht die Attitüde des Grunge: Man will nichts Besonderes sein, die Musik soll für sich sprechen. Zerrissene Jeans und Hemden, wie sie die Holzfäller im Nordwesten tragen, unterstreichen den Ansatz – und werden zur Grunge-Uniform, als der Mainstream zuschlägt. Der wilde Frontmann, wie er etwa im Glam-Metal der 80er-Jahre gang und gäbe war, zählt nichts mehr, auch nicht der Solo-Gitarrist mit immer ausladenderen Einzelparts in Zehn-Minuten-Songs.

"Musikbewegungen in den USA sind nachhaltiger"

Kurt Cobain entstammt der weißen Unterschicht.

Kurt Cobain entstammt der weißen Unterschicht. "Die Kids haben gemerkt, dass der ,American Dream’ für sie nicht mehr funktioniert", konstatiert Dahmen., © (Fotoquelle: Warner Music)

Stattdessen ist viel Punk im Grunge: Jeder kann eine Band gründen, die perfekte Beherrschung eines Instruments ist keine Voraussetzung mehr. Sound, Texte und Auftreten treffen den Nerv einer ganzen Generation, die in einem "Wohlstandskokon" (Dahmen) lebt: Finanziell geht es ihnen eigentlich gut, politisch sind sie eher indifferent, haben aber das Gefühl, dass ihre Stimme nicht gehört wird. "Konsum war erwünscht, eigenes Denken nicht", so Dahmen. Wer eher hedonistisch veranlagt ist, landet vielleicht beim Techno, für die anderen ist Grunge genau das Richtige.

"Musikbewegungen in den USA sind langsamer als in Europa – und dafür nachhaltiger", erklärt Dahmen. Denn während viele der englischen Punkbands der 1970er Jahre nie großen kommerziellen Erfolg hatten, verkauften ihre Grunge-Kollegen Millionen Platten. Wenn in den USA mal etwas gefragt ist, dann ist der Markt riesig.

Solche Kristallisationspunkte wie zu Beginn der 90er findet Dahmen noch häufiger in der Musikgeschichte: 1964/65 etwa, als die Beatles in London die Stücke aufnahmen, die später auf "Rubber Soul", "Revolver" und "Sgt. Pepper’s" erscheinen sollten. Es war der Höhepunkt der Kreativität der Band. Gleichzeitig veröffentlichten die Rolling Stones 1965 die Single "(I can’t get no) satisfaction", die ihre erste Nummer 1 in den USA wurde, die Kinks experimentierten auf ihren Gitarren mit Powerchords – die Grundlage von Hard Rock und Metal. Und in Kalifornien sorgte ein junger Sänger für einen Eklat, weil er es wagte, beim Newport Folk Festival auf einer E-Gitarre und mit Band-Begleitung zu spielen – der Auftritt von Bob Dylan ist zur Legende geworden.

Traumata der Generation Grunge

Alice In Chains

Alice In Chains, © (Fotoquelle: Sony Music)

Darum könne sich eine Analyse auch nicht nur auf ein Jahr wie 1991 beschränken, meint der Popakademie-Chef. Denn der Grunge ist etwa undenkbar ohne die Seattle-Band Alice in Chains, die 1992 ihr Referenzalbum "Dirt" veröffentlichte, oder die Stone Temple Pilots, die im selben Jahr mit "Core" von Los Angeles ihren musikalischen Senf dazu gaben – und das sind nur die erfolgreichsten Bands dieser Ära.

Es war auch der Erfolg, die Vereinnahmung durch die Musikindustrie, an der einige Protagonisten des Grunge scheiterten. Denn die Frontmänner wollten gerade nicht im Mittelpunkt stehen, verehrt und angehimmelt von Millionen Fans. Kurt Cobain ist daran zerbrochen. Er betäubte seinen psychischen Schmerz (und den körperlichen, der durch Magengeschwüre ausgelöst wurde) mit Heroin – am 5. April 1994 steckte er sich in seinem Haus in Seattle eine Schrotflinte in den Mund und drückte ab.

Auch Alice in Chains gingen an der Drogensucht ihres Sängers Layne Staley zugrunde, der 2002 starb. Ebenso ging es den Stone Temple Pilots, deren Frontmann Scott Weiland im Dezember 2015 tot im Tourbus seiner damaligen Band gefunden wurde. Pearl Jam haben die ganze Zeit durchgehalten, Soundgarden haben sich 2010 wiedervereint und Alice in Chains 2005 mit neuem Sänger ein beachtliches Comeback gefeiert.

Produzenten des Umbruchs

Pearl Jam anno 1991 in ihrem Proberaum

Pearl Jam anno 1991 in ihrem Proberaum, © Sony Music

Was für Dahmen bliebt, ist eine Reihe von Bands, die Anfang der 1990er Jahre "gegen den Strich" arbeiteten und die mit den richtigen Leuten im Studio saßen. Denn oft wird unterschätzt, wie wichtig der Produzent für den Erfolg eines Albums ist.

Butch Vig etwa, der die manchmal etwas holpernde Genialität der Nirvana-Songs in die richtigen Bahnen lenkte. "Er hat die Musik der Band dekonstruiert und neu zusammengesetzt", sagt Dahmen. Oder Brendan O'Brien, der mit Pearl Jam, Soundgarden und den Stone Temple Pilots arbeitete – und dessen weitere Kundenliste sich liest wie ein "Who is Who" der Rockmusik. Bei den Red Hot Chili Peppers war es Produzenten-Guru Rick Rubin, der es schaffte, den Sound aufs Wesentliche zu reduzieren und damit Großes entstehen zu lassen, bei Metallica war es Bob Rock.

Ein besonderes Kalkül, mehr auf Mainstream und Kommerz zu setzen, will Dahmen den Bands nicht unterstellen, auch nicht Guns 'N' Roses. "Zunächst geht es um eine künstlerische Weiterentwicklung. Die muss man Bands zugestehen, die länger bestehen", sagt er. Wer 200 Konzerte im Jahr spiele, werde automatisch besser, "und an einem gewissen Punkt will jeder auch mal den perfekten Song schreiben."

Dann auch einen Titel aufs Album zu nehmen, der kommerziellen Erfolg verspricht, und als Band wachsen zu wollen, hält Dahmen nicht für verwerflich: "Rockbands verdienen auch erst ab einer bestimmten Hürde Geld – und die liegt höher als mancher denkt." Das ist den drei Bands zunächst geglückt. Für die "Gunners" war der Erfolg ab 1991 jedoch der Beginn des Niedergangs.

Ende einer Ära

"Jeder will auch mal den perfekten Song schreiben", © (Foto: Guns N' Roses, Universal Music)

Die Band brachte zwar 1993 noch ein Cover-Album zustande, war dann aber am Ende. Metallica gingen mit Kurzhaarfrisuren auf Stil- und Sinnsuche und waren nah an der Auflösung, was eindrucksvoll in dem Dokumentarfilm "Some kind of Monster" festgehalten wurde. Natürlich spielten auch Drogen dabei eine Rolle.

Die Red Hot Chili Peppers schlitterten ab 1992 ebenfalls in die Krise. Gitarrist John Frusciante wurde der Erfolg zu viel, er hörte auf und suchte sein Heil im Heroin. Erst als der geniale Saitenvirtuose 1999 wieder einstieg, ging es erneut aufwärts – und seine zweite Kündigung 2009 scheint die Band besser verkraftet zu haben. Nur R.E.M. blieben von solchen Umbrüchen verschont – stattdessen toppten sie ihren Erfolg mit "Automatic for the People" 1992 noch und blieben noch fast 20 Jahre erfolgreich. Erst 2011 löste sich die Band überraschend auf – ohne Streit, wie alle Mitglieder beteuertern.

1991 war also auch in der Rockmusik ein Jahr des Umbruchs, zumindest in den USA. Europa ist zu dieser Zeit klar im Hintertreffen:

In Großbritannien veröffentlichen Genesis "We can’t dance", das zwar ein Riesenerfolg wurde, aber kein Stil- oder Umbruch war – außer dass Sänger Phil Collins danach ausstieg. Queen brachten "Innuendo" heraus, das letzte Album mit Sänger Freddie Mercury, der am 24. November 1991 starb.

Lediglich U2 gelang mit "Achtung Baby" etwas wirklich Neues, auch weil die Iren in die Umbruchstadt Berlin zogen, um einige Stücke aufzunehmen. Die Band erfand sich neu, sowohl ihren Sound als auch ihr Auftreten, und gab mit "Achtung Baby" sowie der anschließenden Zoo-TV-Tour ihren ganz eigenen Kommentar zur Konsumgesellschaft der 90er ab.

Und in Deutschland: Dort trägt der "Wind of Change" die Scorpions auf Platz 1 der Jahrescharts.

Personen

Steffen Blatt

Musiker aus Heidelberg Schlagzeuger, Percussionist bei IDIOTS in the CROWD

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