"die atmosphäre ist das besondere"

Bericht: Vor Ort bei der Bandfactory der Volkswagen Sound Foundation 2012

Artikel veröffentlicht von Daniel Nagel | 27.08.2012, 17:00

Bericht: Vor Ort bei der Bandfactory der Volkswagen Sound Foundation 2012

In Golden Tears erhielten für ihren zweiten Auftritt in der Bandfactory viel Lob der Jury., © Daniel Nagel

Zum fünften Mal versammelte die Volkswagen Sound Foundation am vergangenen Wochenende junge Bands und Künstler zur Bandfactory im Wolfsburger Hallenbad. Die Newcomer erhielten nicht nur Gelegenheit, vor Repräsentanten der deutschen Major Labels und zahlreichen Profis aus anderen Teilen des Musikgeschäfts zu spielen, sondern sich auch in Einzelgesprächen wertvolle Tipps und Hinweise abzuholen und Kontakte zu knüpfen.

Das Prinzip der von der Volkswagen Sound Foundation veranstalteten Bandfactory ist denkbar einfach. Elf Bands bzw. Künstler erhalten zwanzig Minuten Zeit, eine Jury aus Profis des Musikgeschäfts, darunter Vertreter der deutschen Major Labels, von ihrem Können zu überzeugen. Auf das direkte, spontane und manchmal unverblümte Feedback der Jury folgt am nächsten Tag die Arbeit im Detail: Produktionstechniken, Songwriting, Videoproduktion und Choreographie werden in Einzelgesprächen zwischen Bands und Profis ebenso besprochen wie Booking, Chancen im Musikgeschäft und der richtige Umgang mit der Presse.

Das Besondere an diesem Wochenende ist die Kombination aus intensiver Arbeit und entspannter Atmosphäre. Einerseits erhalten die Teilnahmer eine große Masse an Informationen, die sie in den Worten einer Band wohl erst in den nächsten Wochen und Monaten im Gespräch untereinander so wirklich verarbeiten können, andererseits herrscht kein hektisches oder gar stressiges Treiben, sondern eine wohltuend relaxte Atmosphäre in den Räumen des ehemaligen Hallenbads am Schachtweg. Dazu trägt mit Sicherheit die hochprofessionelle, reibungslose Organisation ebenso bei wie die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Verantwortlichen. Auf dieser Basis lässt es sich gut arbeiten.

Christian Reich, Leiter der Volkswagen Sound Foundation lud zum fünften Mal zur Bandfactory nach Wolfsburg ein.
Daniel Nagel

Die teilnehmenden Künstler sind in zwei Gruppen aufgeteilt, Newcomer und Talents. Letztere verfügen im Gegensatz zu echten Newcomern schon über eine festere Basis und mehr Erfahrung. Zwei der Talents, Mega! Mega! und In Golden Tears, waren auch bereits bei früheren Ausgaben der Bandfactory und haben sich die Tipps und Hinweise der Profis zu Herzen genommen. Das bedeutet keineswegs, dass sie ihre Musik komplett glattgebügelt haben. Im Gegenteil: Mega! Mega! mit ihrem gewaltigen, aggressiven Hardcore-Indie-Rock haben sich unangepasste, wütende Gesellschaftskritik aufs Revers geschrieben und ernten dafür übereinstimmendes Lob der Jury.

In Golden Tears hingegen haben sich einen einheitlichen Bandlook verpasst und ihre Stage Moves überarbeitet. So banal diese Aspekte klingen mögen, sie sind zentral für die erfolgreiche Präsentation der Musik. Den wichtigsten Fortschritt konnte die Band allerdings im Songwriting erzielen, dessen Bedeutung für den musikalischen Erfolg die Juroren ständig mit Recht hervorheben. Ihre Songs besitzen starke Melodien, einen ausdrucksstarken Gesang und einen epischen Breitwandsound, der an eine rockigere und elektronischere Ausgabe von Coldplay denken lässt. Mit dieser Mischung überzeugen sie die Jury, die ihnen rät, ihren Weg konsequent weiterzugehen.

Die Newcomer stehen hingegen vor der Herausforderung, die relevanten Teile der auf sie einströmenden Kritik zu erkennen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Auch wenn die Profis über viel Erfahrung verfügen, ihre Eindrücke sind natürlich stets subjektiv und manchmal auch direkt widersprüchlich. So lobt ein Jurymitglied die Interaktion des – durch eine Wildcard von Backstage PRO zur Bandfactory gekommenen – Trios Stella Roin, während ein anderer Juror gerade diesen Aspekt bemängelt.

Backstage PRO Wildcard-Gewinner Stella Roin erhalten Tipps zum Booking von Four Artists-Geschäftsführer Alexander Richter.
Daniel Nagel

Der häufigste Kritikpunkt betrifft das Songwriting, das fast durchweg bemängelt wird, selbst dann, wenn wie im Fall von Elena Jank & The Acoustics die Stimme der namensgebenden Frontfrau großen Eindruck hinterlässt; oder wenn bei der energiegeladenen Wiesbadener Rockband The Blind Circus ein stimmiges Thema in Form der Berufung auf den exakltierten Rock der 1970er Jahre vorhanden ist. In anderen Fällen ist Energie im Überfluss vorhanden wie bei der Münchner Band BlindFreddy, allein es fehlt an einem Bühnenkonzept, das nicht nur das Erscheinungsbild, sondern auch die Bewegungen koordiniert, sodass die langjährige Freundschaft der Musiker auch für die Zuschauer erkennbar wird.

Manche Auftritte sind auch deshalb nicht leicht zu beurteilen, weil sich das Ambiente der Bandfactory so sehr vom gewohnten Umfeld der Künstler unterscheidet. Am schwersten hat es sicherlich DJ Steve Senderos, der sein sitzendes Publikum zur "Bundesliga-Zeit" (so einer der Juroren) mit House-Musik unterhalten muss. Vor kaum leichteren Aufgaben stehen die Spaß-Elektro-Punker Mustage oder Nuwella Love, eine in Kenia geborene Sängerin, deren schillernde Exotik auf Ibiza, ihrem bevorzugten Auftrittsort, sicher eindringlicher wirkt als in Wolfsburg.

So hinterlassen viele Newcomer den Eindruck, den Juror Thorsten Heinze in Bezug auf die unfertige, aber faszinierende Band Panda People in den Satz fasst: "Es ist alles da, es muss nur noch aktiviert werden." Diesen Knopf zu finden, eine Entwicklung in Gang zu setzen, ist das Ziel aller Beteiligten. In den Einzelgesprächen des Sonntags kann man angesprochene Aspekte vertiefen, am Songwriting feilen oder einfach die Adresse eines passenden Bookers erhalten.

Die Mischung aus großen und kleinen Tipps, aus entspannten Momenten und konzentrierter Arbeit verleiht der Bandfactory ihren ganz besonderen Charakter – und ist vielleicht wertvoller als der von manchen ersehnte Plattenvertrag.

Registriere dich, um einen Kommentar zu schreiben

X