"clubs sind die ersten, die weichen müssen"

Clubvereinigungen streiten für die Interessen der Livemusikszene

Artikel veröffentlicht von Daniel Nagel | 10.05.2012, 15:34

Clubvereinigungen streiten für die Interessen der Livemusikszene

Impression eines Meetings der Clubkommission Berlin.,

Die Livemusikszene, die traditionell vom Einzelkämpfertum dominiert war, organisiert sich seit einigen Jahren in immer stärkeren Maße. Mit Hilfe von Clubvereinigungen kämpfen die Musikclubs für die Wahrung ihrer Interessen in Politik und Verwaltung. Darüber hinaus bieten sie gegenseitige Unterstützung und betreiben aktive Öffentlichkeitsarbeit, um auf den Nutzen der Clubszene für das kulturelle Leben und die Lebensqualität einer Stadt aufmerksam zu machen.

Im Backstage PRO Locationguide kannst du über 1000 Live-Clubs anhand von Musikerbewertungen und exklusiven Informationen (bevorzugtes Genre, Größe, Backstagesituation, Technik etc.) recherchieren. Viele sind top-bewertet und bieten seit vielen Jahren ein kontinuierlich gutes Programm. Dabei ist das Betreiben eines solchen Livemusikclubs alles andere als eine einfache Angelegenheit.

In der heutigen Zeit muss ein Clubbesitzer eine Vielzahl unterschiedlicher Aufgaben bewältigen. Die Bereitstellung der Räumlichkeiten einschließlich der Technik und des Personals sowie die Gestaltung eines Programms, d.h. das Booking sind natürlich nach wie vor die grundlegenden Aufgaben. Darüber hinaus benötigen Clubbetreiber eine Genehmigung des Ordnungsamts, eine Ausschankgenehmigung und der Brandschutz muss gewährleistet sein. Das ist noch längst nicht alles – und die rechtlichen Anforderungen und deren Komplexität nehmen stetig zu.

Ziele und Leistungen der Clubvereinigungen

Die Clubkommission Berlin war Vorbild für viele weitere Clubvereinigungen in ganz Deutschland.

Schon seit einigen Jahren haben sich daher Livemusikclubs verschiedener Größe und musikalischer Ausrichtung in Clubvereinigungen zusammengeschlossen. Beispielhaft seien dafür das Hamburger Clubkombinat und die Berliner Clubkommission genannt.

Die Clubvereinigungen helfen sich bei Streitigkeiten mit Behörden und beraten Clubbetreiber und Existenzgründer in juristischen bzw. finanziellen Angelegenheiten.

Ein wichtiger Aspekt der Clubvereinigungen besteht natürlich auch darin, die vielfach als Einzelkämpfer agierenden Clubbesitzer- und Betreiber in ein Netzwerk einzubinden. Nur so kann man effektiv die Interessen der Livemusikclubs gegenüber staatlichen Organen vertreten und ein öffentliches Bewusstsein für deren Anliegen schaffen. 

Kulturschutz als Fernziel

Karsten Schölermann will "Kulturschutz" analog zum Umweltschutz im deutschen Recht verankern.

Knust-Betreiber Karsten Schölermann verbindet mit Clubvereinigungen das anspruchsvolle Konzept des "Kulturschutzes". Analog zum Umweltschutz fordert er den Schutz von "Kulturräumen". Eine Institution, die jahrzehntelang Kultur hervorgebracht habe, dürfe nicht einfach finanziellen Erwägungen weichen: "Ein Musikclub in einer alten Fabrik, der seinen Wert erst durch sich selbst erzeugt, hat ein Anrecht auf Schutz, damit er nicht verraten und verkauft wird und einem Neubau weicht."

Schölermann ist sich sehr wohl bewusst, dass dieses Konzept umfassende Änderungen des deutschen Baurechts erfordern würde und daher noch Zukunftsmusik ist: "Im Moment staunen die Architekten immer noch Bauklötze, wenn wir von Kulturzonen reden und die im Baurecht verankert wissen wollen."

Stattdessen befürwortet er, sich zum Schutz existierender Clubs auf den Aufkauf von Grundstücken zu konzentrieren. Um dieses Ziel zu fördern wurde 2010 mit öffentlichen Geldern der Stadt Hamburg die Stiftung zur Stärkung privater Musikbühnen Hamburg gegründet. 

Interessenvertretung bei Politik und Verwaltung

Lutz Leichsenring will das öffentliche Bewusstsein für den Beitrag von Livemusikclubs zum kulturellen und wirtschaftlichen Leben schärfen.

Damit ist ein weiteres wichtiges Ziel der Clubvereinigungen beschrieben, nämlich die Intensivierung des Kontakts zwischen Clubbetreibern und Politik bzw. Verwaltung. Trotz ihrer Bedeutung für die Wirtschaft, für Tourismus, Stadtentwicklung, kulturelles Leben und damit auch die Lebensqualität verfügte die Livemusikszene bislang über keine adäquate Interessensvertretung. Die Clubvereinigungen versprechen hier eine Verbesserung, so der Pressesprecher der Clubkommission Berlin, Lutz Leichsenring.

Jede Mittelkürzung für städtische Theater oder Opernhäuser beschwört innerhalb weniger Tage eine gut organisierte Protestkampagne herauf, die breiten Widerhall in den Medien findet. Clubbesitzer sehen sich hingegen einer übermächtigen Koalition aus öffentlicher Verwaltung und finanzstarken Investoren gegenüber, denen sie schlichtweg nicht gewachsen sind. Das zeigt der Fall des Berliner Clubs Knaack, dessen Betreiber über zwei Jahre hinweg durch eine massive Kampagne von Anwohnern zermürbt wurde, so Lutz Leichsenring.

Das unrühmliche Ende des Berliner Clubs "Knaack"

Verantwortlich für das Ende des Clubs war der Neubau eines Gebäudes mit Eigentumswohnungen in unmittelbarer Nähe. Dessen Bewohner suchten offensichtlich die Nähe zur Musikszene im Prenzlauer Berg, stellten aber nach ihrem Einzug fest, dass Musik überraschenderweise laut ist. Auf diese Weise in ihrem nächtlichen Schlaf beeinträchtigt entschlossen sich die Bewohner daher den Verursacher, das Knaack, mit Hilfe der gesetzlichen Regelungen zum nächtlichen Lärmschutz zu bewegen.

Als Vermittlungsgespräche und umfassende Lärmschutzmaßnahmen keinen Erfolg brachten, wuchs der Druck stetig an. Durch immer neue Auflagen der öffentlichen Verwaltung in die Enge getrieben, kapitulierten die Betreiber des Knaack schließlich und schlossen den Club – nach 57 Jahren.

Musikclubs gelten wenig

Mitarbeiter der Berliner Clubkommission. Von links: Lutz Leichsenring (Pressesprecher), Rainer Grigutsch (Büroleiter), Olaf Möller (1. Vorsitzender).
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Wer an eine Bahnlinie zieht, kann sich nicht darüber beschweren, dass Züge Lärm verursachen. Wer ein Haus neben einem Bauernhof baut, hat kein Recht, über "üble Gerüche" aus der Nachbarschaft zu klagen. Aber wer in die Nachbarschaft eines Musikclubs zieht, kann diesen unter Verweis auf den Lärmschutz bekämpfen und damit das Lebenswerk all derer vernichten, die ihn jahrzehntelang aufgebaut haben.

Livemusikclubs ziehen Publikum und Touristen an und sorgen dafür, dass eine Gegend oder ein Stadtviertel "in" ist. Wenn aber finanzkräftige Investoren anrücken, "dann sind die Clubs die ersten, die weichen müssen", so Lutz Leichsenring. Das Bewusstsein, dass ein Liveclub ebenfalls eine schützenswerte Institution ist, bricht sich in breiten Kreisen aber nur langsam Bahn.

Perspektiven für die Zukunft

Um dieses Bewusstsein zu schaffen, gründen sich deutschlandweit immer mehr Clubvereinigungen, aktuell sind es bereits mehr als 10.

Weit gediehen sind Bestrebungen in der Rhein-Neckar-Region, wo mit Unterstützung des Clustermanagements Musikwirtschaft in baldiger Zukunft ein Zusammenschluss ins Leben gerufen werden soll.

Darüber hinaus werden die Vertreter verschiedener Clubvereinigungen Ende Mai 2012 in Würzburg zusammentreffen, um einen Bundesverband der Clubvereinigungen zu gründen. Dessen Aufgabe wird es sein, die Anliegen der Livemusikszene in die Bundespolitik zu tragen. Es dreht sich um die GEMA, um Emissionsschutzgesetze, Baurecht und ähnliches. Es sind keine aufregenden Themen, aber ihre praktische Bedeutung ist immens. An ihnen hängt in der Gesamtheit nicht weniger als die Zukunft der deutschen Livemusikszene.

→ Alle Infos zu einzelnen Clubs und anderen Veranstaltungsorten findet ihr im Locationguide!

Jan Genseke
Jan Genseke: Danke Daniel für diesen Artikel, in dem ich mich als Veranstalter 1 zu 1 wiederfinden konnte.
11.05.2012, 14:56
Jürgen
Jürgen "Hille" Hillenbrand (Gitarrist bei Sensles): Da kann ich Jan nur zustimmen !!!
11.05.2012, 17:31
Roman Koplenig
Roman Koplenig (Gitarrist bei Hard Boiled): Hard Boiled!
11.05.2012, 20:58
Udo c'est la vie
Udo c'est la vie (Geschäftsführer bei c'est la vie): ... würde mich freuen wenn wenigstens in diesem unserem Kulturbereich sich eine starke Bewegung formieren könnte. Ich wäre dabei - was ist zu tun?
12.05.2012, 03:08
Ralf
Ralf : Sicherlich muss da etwas getan werden ... nur was ist das die Frage ... ohne Livemusik und kleine Clubs gibt es weniger Chancen für Newcomer und ohne Newcomer weniger / keine Vielfalt
12.05.2012, 11:45
Daniel Nagel
Daniel Nagel (Chefredaktion): Ich denke, der Artikel zeigt durchaus auf, was getan werden kann, nämlich sich zusammenzuschließen, um mit einer Stimme den Verantwortlichen von Politik und Verwaltung gegenüberzutreten.
12.05.2012, 11:53
Andre Weiskeller
Andre Weiskeller (Sänger, Gitarrist bei A-Trio): Wäre echt ne feine Sache, wenn das Bewusstsein, dass Livemusik nicht aussterben darf in die Köpfe einkehren würde
12.05.2012, 13:28
Bernd Berger
Bernd Berger (Schlagzeuger bei Spoonhead): alles
selbst erlebt, bis vor's OLG... schaut unter musikult.com
13.05.2012, 14:44
Nico
Nico (Subkultura Booking): wäre schön, wenn es auch in Süddeutschland solche Zusammenschlüsse geben würde. Leider herrscht hier immer noch bei den meisten Veranstaltern und Einrichtungen ein Konkurrenzdenken statt ein Miteinander...
14.05.2012, 09:05
Daniel Nagel
Daniel Nagel (Chefredaktion):
Antwort zum Kommentar von Bernd Berger (13.05.12, 14:44): "alles
selbst erlebt, bis vor's OLG... schaut unter musikult.com"
Eine wirklich sehr krasse, traurige Geschichte
14.05.2012, 13:06
Space Idol
Space Idol (Gitarrist bei Degenerate Idol): ich bin zwar kein clubmanager sondern mucker, aber ich kenne viele clubs und höre immer wieder dieselben probleme. ein wesentliches sind bei eigentlich allen clubs, nervende nachbarn mir schallpegel-meßgeräten und rechtsschutzversicherungen. wenn (...) Mehr anzeigenes den clubbetreibern nicht gelingt, einfluß auf verwaltung und politik zu nehmen, sehe ich auf dauer schwartz für die clubs und damit auch für die mucker. gemeinsam sind wir stark, aber nur wenn es uns geligt unsere interessen gemeinsam offensiv zu vertreten.
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15.05.2012, 00:26

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