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Das zeitlose Medienformat: Vinyl

News von Christian Grube
veröffentlicht am 22.02.2017

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Das zeitlose Medienformat: Vinyl

Die Schallplatte. Lange Zeit fristete sie ein Nischendasein. Im Zuge der Retrowelle, die nach 2010 einsetzte, erinnerte man sich des schwarzen Tonträgers aus Polyvinylchlorid. Unser Autor fasst den aktuellen Stand zum Thema Vinyl zusammen und gibt eine mögliche Antwort auf die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, als Newcomer etwas auf Vinyl herauszubringen.

Im Oktober 2016 vermeldete der Bundesverband der Musikindustrie, dass in den ersten neun Monaten des Jahres bereits mehr LPs als im gesamten Jahr 2015 verkauft worden waren.

In Zahlen heißt das, dass in den drei Quartalen 2,1 Millionen Alben als Schallplatte verkauft worden sind. Insgesamt machte man etwa 47 Millionen Euro Umsatz damit. Im ganzen Jahr 2015 waren es 50 Millionen.

Zum Vergleich: In Großbritannien wurden etwa 3,2 Millionen Einheiten verkauft. Das entspricht einem Anteil von 5% am Gesamtmarkt. In Deutschland sind es 4,3%. Auf Platz 1 der meistverkauften Platten 2016 rangiert David Bowie mit "Blackstar". Der Schwanengesang des verstorbenen Sängers liegt noch vor "Alles nix konkretes" von AnnenMayKantereit und "Advanced Chemistry" der Beginner.

"Keine reine Liebhaberecke"

Der Geschäftsführer des BVMI, Dr. Markus Drücke, ist darüber nicht zu Unrecht begeistert: "Bei einem Anteil von 4,3 Prozent am Branchenumsatz ist Vinyl zwar noch immer ein vergleichsweise kleines Marktsegment, aber angesichts der erneut hohen Verkaufszuwächse von rund 50 Prozent kann man sagen, dass es sich nicht mehr um eine reine und kleine Liebhaberecke handelt."

Aber warum Vinyl? Drücke vermutet, dass dieser Trend auch damit zusammenhänge, dass die "zunehmende Digitalisierung unserer Welt bei vielen den Wunsch nach analogen Ankerpunkten hervorruft".

Viele Verfechter der Schallplatte loben vor allem die Haptik. Das Cover wirkt eben auf 31,5 x 31,5cm wesentlich imposanter als auf einer kleinen CD Hülle mit 12 x 12cm – vom digitalen Thumbnail ganz zu schweigen. Teils filigrane Details werden so erst sichtbar. Als Beispiel: "Achtung Baby" von U2 oder "P.U.L.S.E." von Pink Floyd. Vieles eröffnet sich erst im größeren Format.

"Achtung Baby", 1991, Label: Island Records

Warmer Klang

Dem ein oder anderen mag es vielleicht auch zu stressig sein alle 20 Minuten die Seite zu wechseln. Andere zelebrieren das Auflegen förmlich. Da wird Platte aus der Hülle geholt, ein prüfender Blick auf Kratzer und dann legt man sie liebevoll auf den Teller. Die Nadel vorsichtig drauf gelegt und los geht’s.

Vor allem wird immer wieder der subjektiv empfundene bessere Klang als absolutes Argument für die LP genommen. Doch technisch betrachtet hat sie eigentlich keinen Vorteil gegenüber der CD. Sie ist äußerst anfällig für Schäden. Jedes Staubkorn, jeder Knackser ist unmittelbar zu hören. Ein jedes Abspielen sorgt für einen Materialabrieb durch die Nadel – somit wird die Qualität eigentlich jedes Mal schlechter.

Viele empfinden den Sound einer LP allgemein als "wärmer". Dies entsteht vor allem durch sog. Phasenverschiebungen. Diese leichten Fehler im Stereosound entstehen bei der Herstellung der Platte und sorgen dafür, dass man z.B. Höhen nicht als störend empfindet. Gleichzeitig kann eine LP nicht zu "laut" geschnitten werden – die zu große Auslenkung würde die Nadel zu sehr strapazieren. Darum gibt es den berühmten "Loudness War" nur bei der CD. 

Die Plattenläden

Hört man sich in den unabhängigen Plattenläden um, sind die Töne nicht immer ganz so jubelnd. Viele Händler machen ihren Hauptumsatz mit Second Hand Ware. Hier ist die Marge deutlich größer als bei Neuware.

Ein Leipziger Plattenhändler rechnet vor: Kauft er eine neue LP ein, hat er nicht selten einen Einkaufspreis von 14 bis 15 € pro Album. Er verkauft sie schließlich für 19 bis 22 €.

"Wenn man dann sieht, dass die großen Versandhäuser LPs teilweise zum Einkaufspreis verkaufen, fragt man sich, wie man als unabhängiger Händler seine Miete reinholen soll. Teils liegt der Gewinn pro Platte bei 2 bis 3 Euro. Für uns lohnt es sich einfach nicht Neuware zu verkaufen, wenn die Kids lieber im Internet kaufen und die Labels die Preise immer weiter hochziehen",…

…berichtet er. Um die Plattenläden in den Städten zu stärken gibt es seit 2008 den Record Store Day. Dafür werden von großen und kleinen Labels streng limitierte Releases verkauft. Dies hat ohne Frage zum Boom beigetragen.

Doch hierzu kommt Kritik, vor allem an teils überzogenen Preisen. Die Labels begründen dies damit, dass man den Internethandel mit den limitierten Auflagen nicht fördern möchte:

"Wenn die Labels ein echtes Interesse daran hätten die kleinen Läden zu stärken, würden sie nicht diese wahnwitzigen Preise aufrufen. Für eine 7-Inch-Single 12 Euro im Einkauf zu verlangen, ist absolut übertrieben. Ich kann für diese Single nicht mehr als 20 € verlangen, sonst besorgen sich die Leute das im Netz",…

…erzählt uns der Händler. Sein Fazit dazu:

"Ich lege meinen Fokus wieder deutlich in den Second Hand Markt, die heutige Neuware kommt irgendwann dann auch zu mir."

Die Labels

Das große Interesse an Vinyl bewog die Majorlabels nach und nach dazu, neue Platten im 12-Zoll-Format auf den Markt zu bringen. Gleichzeitig war es ein perfekter Zeitpunkt ältere, längst vergriffene LPs wieder aufzulegen. So brachten z.B. Pink Floyd ihren gesamten Backkatalog neu heraus.

Ein Blick in die Vinylabteilungen der Geschäfte zeigt: Es sind vor allem die älteren Alben, welche die Regale füllen!

In Deutschland werden fast 70 Prozent des Umsatzes mit physischen Tontraegern erzielt

In Deutschland werden fast 70 Prozent des Umsatzes mit physischen Tontraegern erzielt, © wavebreakmediamicro / 123RF

Doch es waren die kleinen Indielabels – vor allem im Elektrobereich – die das Format über die Jahre am Leben hielten. Im Jahr 2006 lag der Absatz immerhin noch bei 300.000 Einheiten. Doch gerade sie müssen nun ums Überleben kämpfen – trotz eines unerwartet hohen Marktanteils.

Dies liegt vor allem an der überschaubaren Zahl an Presswerken, die in größeren Mengen LPs produzieren können. In Deutschland sind dies drei an der Zahl: R.a.n.d. Muzik in Leipzig, Pallas in Diepholz sowie Optimal in Berlin. Hinzu kommen jeweils ein Werk in den Niederlanden, Frankreich und in der Tschechischen Republik. Ihr Nachteil: Die vorhandene Technik ist teils 30 Jahre und älter. Maschinen werden zum Teil nicht mehr gebaut und mit Ersatzteilen sieht es auch schlecht aus. Es fehlt an Innovationen.

Telekom Electronic Beats TV war vor einigen Jahren bei Dubplates & Mastering in Berlin und R.A.N.D. Muzik in Leipzig und hat die Vinyl-Produktion dokumentiert

Durch die große Nachfrage stapelt sich natürlich auch die Auftragszahl und da haben Indielabels mit Kleinstauflagen das Nachsehen. Denn eine große Auflage mit ordentlicher Vorschusszahlung ist schon verlockend. Das können kleine Labels nicht leisten und müssen sich somit hinten anstellen.

Vinyl für Newcomer?

Für viele Newcomerbands ist es ein lang gehegter Traum: endlich eine eigene Platte in den Händen! Das Cover vielleicht noch selbst gestaltet. Hierfür gibt es zwei Wege.

Entweder man sucht sich einen reinen Vertrieb, der die meiste Arbeit abnimmt und einen Teil der Kosten übernimmt. Oder man versucht es im Direktvertrieb. Hier trägt man die Kosten und das Risiko selbst.

Diverse Presswerke bieten eine Preiskalkulation online an. Da setzen sich bei einer Beispielrechnung die Kosten wie folgt zusammen:

Auflage 500 Stück x 1,35€ pro Platte = 675€; möchte man dazu noch Labels darauf haben sowie eine ordentliche Hülle dazu, kommen nochmal 565 € drauf. Mitsamt den Kosten für einen EAN Code sowie einen Testdruck darf man ca. 1900 € planen. Bei 500 Exemplaren kostet die Herstellung pro Platte also nicht mehr als vier Euro. Für eine Band, die mit ihren Konzerten schon etwas Geld verdient, außerdem einen funktionierenden Merchandise aufgebaut und das Album selbst produziert hat, ist das möglicherweise eine durchaus machbare und lohnende Investition.

Hast du schonmal drüber nachgedacht oder es in die Tat umgesetzt?

Unternehmen

RAND Muzik - Record Manufacturing

Tonstudio und Recording in 04317 Leipzig

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