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Musikwissenschaftler Kramarz über erfolgreiche Kompositionen

Harmoniesüchtige Hörer: Auf der Suche nach der Hit-Formel

Interview von Mario Rembold
veröffentlicht am 04.02.2015

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Harmoniesüchtige Hörer: Auf der Suche nach der Hit-Formel

Volkmar Kramarz. © Osman Balkan

Gibt es die Formel für den perfekten Hit? Wahrscheinlich nicht, doch der Bonner Musikwissenschaftler Volkmar Kramarz hat zumindest Harmoniefolgen beschrieben, die in vielen erfolgreichen Songs Verwendung finden. Er nennt sie „Pop-Formeln“. Und diese Popformeln machen Hörer glücklich.

Du fährst rechts ran, drehst den Motor ab, das Radio auf und schließt die Augen. Gepackt hat es dich schon während der Fahrt, doch jetzt dringt es unter deine Haut und lässt dich nicht mehr los. Nach dreieinhalb Minuten ist der Rausch vorbei, doch du willst mehr! Du notierst dir den Sender und die Uhrzeit, um später in der Playliste recherchieren zu können. Denn diesen Song musst du einfach haben! Offensichtlich bist du nicht der einzige, denn wenig später meldet sich der Moderator: „Hier laufen grad alle Leitungen heiß! Also gut Leute, ihr braucht nicht mehr anrufen. Ich sag euch, wie die Nummer heißt, die wir eben gespielt haben....“

Jeder kennt sicher die Momente, in denen ein einziger Song das Leben oder zumindest die nächsten Tage verändert. Was aber unterscheidet ein solches Lied von anderen Stücken? Ist all das eine Frage des persönlichen Geschmacks? Warum aber reagieren oft viele Menschen gleich auf dasselbe Musikstück? Solche Fragen hat sich wohl jeder schon gestellt, der selbst Songs schreibt und sein Publikum packen möchte. Was muss man der eigenen Komposition beimischen, um den Hörer zu verzaubern und ihn süchtig zu machen?

Fragt man nach Meinungen zu diesem Thema, so hört man immer wieder, dass es doch vor allem um die Vermarktung gehe. Was uns vorgesetzt wird, das schlucken wir früher oder später auch. Und so regiere ein massentauglicher Einheitsbrei den Rundfunk; um echte Kreativität gehe es im Zeitalter der Casting-Shows und Scripted Realitys lange nicht mehr. Andererseits war die Auswahl an Musik nie so groß wie heute. Wer genervt ist vom Mainstream-Radio, der findet praktisch kostenlos eine unerschöpfliche Auswahl an Musik auf Streamingplattformen und Videoportalen. Dennoch kristallisieren sich aus dieser Masse immer wieder einzelne Songs heraus, die besonders hängenbleiben und vielen gefallen. Liegt das wirklich allein an der richtigen Promotion? Oder haben diese Stücke auch musikalische Gemeinsamkeiten?

Genau nach solchen Gemeinsamkeiten sucht der promovierte Musikwissenschaftler Volkmar Kramarz. Er lehrt an der Uni Bonn, doch er sieht die Welt der Popmusik nicht bloß aus dem theoretischen Blickwinkel des Akademikers. Als Redakteur und Moderator war er für diverse Radiosender tätig und gehört zum Gründungsteam von 1Live. Außerdem stand und steht er selbst immer wieder mit diversen Bands auf der Bühne. Heiß diskutiert werden in Blogs und Foren seine Bücher, die Titel tragen wie „Die Pop-Formeln“ oder sein jüngstes Werk „Warum Hits Hits werden“. Kramarz beschreibt Muster, die in erfolgreichen Popstücken immer wieder auftauchen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Harmoniefolgen.

Pop-Formeln

Ob ein Song seicht oder rockig rüberkommt, als Ballade ins Ohr geht oder die Leute auf die Tanzfläche lockt – all das hängt natürlich auch von der Instrumentierung und dem Arrangement ab. Doch reduziert man ein Lied nur auf seine Akkordfolge, dann erstaunt es, wie viele populäre Stücke auf demselben Harmoniegerüst aufbauen. Youtube liefert hierzu eindrucksvolle Beispiele, etwa wenn jemand auf dem Digitalklavier die Akkorde „D-Dur, A-Dur, H-Moll, G-Dur“ in Endlosschleife klimpert und dazu Refrains von Lady Gaga, U2, den Smashing Pumpkins und Elton John singt. Das Hit-Rezept erscheint plötzlich ziemlich simpel. Über 20 Mio. Views hat beispielsweise dieser Clip:

„Viele wollen diesen Mythos unbedingt aufrechterhalten, dass es das große Lotteriespiel wäre“, meint Kramarz. Dabei seien diese Beispiele keine Einzelfälle. Es gebe einige wenige Akkordfolgen, auf die fast alle großen Hits der Popgeschichte zurückgreifen. Kramarz spricht bei diesen gängigen Mustern von „Popformeln“. „Was in den letzten fünf oder sechs Jahren aktuell ist, das ist die Durkadenz mit der Mollparallele“, stellt er fest. Vor allem drei Varianten seien momentan angesagt:

Turnaround: C-Dur, A-Moll, F-Dur, G-Dur

Modern Pop: A-Moll, F-Dur, C-Dur, G-Dur

Four Chord: C-Dur, G-Dur, A-Moll, F-Dur

(Die Akkordfolgen sind so notiert, wie man sie in C-Dur „nur mit den weißen Tasten“ spielen würde; sie können natürlich beliebig in andere Tonarten transponiert werden.)

Dass uns immer dieselben Grundmuster aufgetischt werden, könnte daran liegen, dass die Produzenten nur vier Akkorde beherrschen. Kramarz hingegen sucht den Grund dafür nicht auf Seiten der Künstler, sondern bei den Hörern. „Bei der gigantischen Auswahl, die da jeden Tag auf uns zukommt, haben wir Hörer ja jeden Tag die Möglichkeit, selber auszuwählen.“ Und anstatt wilder Klangexperimente bevorzugen die meisten Menschen einfache Harmoniefolgen.

"Viele wollen einen Mythos aufrechterhalten"

Kramarz betont aber, dass es nicht „die eine“ Popformel gibt. Auch der Zeitgeist spielt hier wohl eine Rolle. Den Startschuss der Popmusik sieht Kramarz in den 1950er Jahren. „Da ist schon der Beginn dieser typischen Popformeln“, erklärt er. Vor allem das Bluesschema habe damals dominiert. „Die drei Durakkorde, die berühmten drei Akkorde“ so Kramarz. „Daneben gab es den Turnaround bei ganz vielen langsamen Liebessongs“ ergänzt er. Doch der Turnaround sei dann in den späten 60ern und frühen 70ern wieder verschwunden. „Auch das Bluesschema rückt dann immer mehr in den Hintergrund.“ Doch der Turnaround kehrte zurück, nämlich Ende der 90er. „Avril Lavigne, Pink und Nena machen dann riesen Hits mit genau dieser Formel“, stellt Kramarz fest.

Von einer „Popformel“ spricht Kramarz nur, wenn eine Akkordfolge wirklich in einer signifikanten Anzahl von Hits zu finden ist. Manchmal wird eine solche Formel den gesamten Song hindurch wiederholt, in anderen Liedern taucht sie nur im Refrain, einer Hookline oder anderen prägnanten Passagen auf. Auch wenn verschiedene Jahrzehnte von unterschiedlichen Popformeln geprägt werden, gibt es Gemeinsamkeiten zwischen diesen harmonischen Fundamenten.

Im Turnaround, Modern Pop, Bluesschema und Four Chord spielen Tonika und Dominante eine Schlüsselrolle (also die Dreiklänge C-Dur und G-Dur, wenn man bei den „weißen Tasten“ in der Tonart C-Dur bleibt). Zusammen mit der Subdominante (hier F-Dur) lässt sich die gewohnte Dur-Kadenz bauen, und der parallele Mollakkord zur Tonika (hier A-Moll) hat sich ebenfalls bewährt. Es gibt auch erfolgreiche Popsongs, die sich um Mollakkorde drehen. Denken wir an „Losing my Religion“ von R.E.M, dessen harmonische Grundstruktur vor allem von A-Moll und E-Moll bestimmt wird.

Akkorde fürs Belohnungszentrum

Trotzdem bleibt der Spielraum für die Popformeln laut Kramarz überschaubar: „All diesen Popformeln ist gemeinsam, dass sie diatonisch sind.“ Mit „diatonisch“ sind die klassischen Dur- und Molltonleitern gemeint, die aus jeweils sieben verschiedenen Tönen bestehen. Natürlich kann die Tonart im Lied auch mal wechseln – man denke an die Rückung nach oben im letzten Refrain vieler Schlager. Aber eine Passage zum Mitsingen bleibt normalerweise in einer Tonart und nutzt in den meisten Fällen nur Dur- und Mollakkorde aus dem Repertoire dieser einen Tonleiter.

Und wer jetzt auf die Popmusik als „Fast Food für die Ohren“ schimpft, der höre sich doch einfach mal Johann Sebastian Bachs „Air“ aus der „Suite Nr. 3 D-Dur“ an und lege anschließend "A Whiter Shade of Pale" von Procol Harum oder OMDs „Walking on the Milky Way“ auf. Man achte auf den Basslauf und die Harmoniefolge. Kramarz weist darauf hin, dass man zu Bachs Zeiten noch „horizontal“ in Melodielinien gedacht habe und will die „Pop-Formeln“ daher noch nicht bei den alten Meistern ansiedeln. Das „vertikale Denken“ in Akkorden mit einer einzigen Hauptmelodie sei erst später aufgekommen und eine grundsätzlich andere Herangehensweise. Dass man aber auch in klassischen Stücken eingängige Muster findet, die später in der Popmusik erneut aufgegriffen wurden, spricht gegen ein kurzlebiges Zeitgeistphänomen.

Doch warum sind wir Hörer so sehr auf Dur- und Mollakkorde und eine leicht zu erfassende Beziehung zwischen den Tönen eingestellt? Ein Künstler hätte doch viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten, wenn er alle zwölf Töne auf dem Klavier verwenden könnte. Und es gibt ja Beispiele für Zwölftonmusik oder experimentelle Stücke, die sogar die chromatische Tonleiter verlassen. Nur findet man darunter eben keine Welthits. Liegt das einfach an unseren Hörgewohnheiten und der kulturellen Prägung? Oder sind diese Hörvorlieben gar angeboren?

"Unser Tonsystem ist zum riesen Exportschlager der westlichen Welt geworden"

Auch Kramarz wollte dieser Frage auf den Grund gehen und hat Hörern im Alter zwischen 20 und 72 Jahren Akkordsequenzen vorgespielt. Diese Sequenzen entsprachen entweder einer gängigen Popformel oder aber sie waren durch Halbton-Verrückungen verändert. Der Musikwissenschaftler holte sich an der Uni Bonn Unterstützung durch Kollegen aus der Abteilung „Differentielle & Biologische Psychologie“. Die Forscher legten die Probanden während der Versuche ins MRT, um ihnen ins Gehirn schauen zu können. Dabei zeigte sich, dass beide Eindrücke tatsächlich anders verarbeitet werden. Entspricht die Sequenz den gängigen Popformeln, springt das Belohnungszentrum an. Offenbar kommt es zur Dopaminausschüttung, ähnlich wie bei gutem Sex oder anderen euphorischen Erlebnissen. Die Akkordfolgen ohne klaren tonalen Zusammenhang aktivieren hingegen Hirnareale, die sonst für Konfliktbewältigung zuständig sind. Wie es aussieht, setzt uns diese Art von Klangfolgen regelrecht unter Stress. „Im Horrorfilm lässt sich solche Musik deswegen natürlich wunderbar einsetzen“, kommentiert Kramarz die Ergebnisse.

Studien wie diese sprechen dafür, dass wir radiotaugliche Popmusik nicht hören, weil wir müssen, sondern weil wir uns mit ihr wohlfühlen. Und zwar quer durch alle Altersgruppen. Kramarz räumt jedoch ein, dass die Studienteilnehmer alle aus demselben Kulturkreis stammten. „Ich persönlich konnte bisher nur deutsches Publikum testen.“ Kritiker könnten einwenden, dass Popformeln nur deswegen das Belohnungszentrum aktivieren, weil wir mit ihnen vertraut sind und sie bereits kennen. Auch dies könnte sich ja in der neurobiologischen Architektur niederschlagen. Es gibt aber gute Gründe dafür, dass zumindest die Grundlagen unseres Harmoniehörens tatsächlich angeboren sind.

Exkurs in die Physik

Volkmar Kramarz beschreibt in „Warum Hits Hits werden“ Muster, die in erfolgreichen Popstücken immer wieder auftauchen.

Volkmar Kramarz beschreibt in „Warum Hits Hits werden“ Muster, die in erfolgreichen Popstücken immer wieder auftauchen., © Foto: Osman Balkan

Schauen wir uns eine schwingende Gitarrensaite an: Sie erzeugt nicht einfach einen reinen Ton, sondern einen Klang, der sich aus verschiedenen Frequenzen zusammensetzt. Dabei dominieren die Frequenzen, die in einem ganzzahligen Verhältnis zur Grundfrequenz stehen - die so genannten Obertöne. Und das gilt nicht nur für die Gitarrensaite, sondern für alles, was ähnlich einer Gitarrensaite schwingt – Klaviersaiten, die Luftsäule in Blasinstrumente oder auch die menschliche Stimme.

Wer zum Beispiel den Kammerton „a“ anschlägt, hört erst einmal die Grundfrequenz von 440 Hertz – so oft schwingt die Saite pro Sekunde. Doch beigemischt sind auch Frequenzen, die ganzzahlig durch die Grundfrequenz teilbar sind. Also die doppelte, dreifache, vierfache Frequenz, und so weiter. Die doppelte Frequenz von 880 Hertz entspricht nun genau dem „a“, das eine Oktave darüber liegt. Physikalisch sind das zwar unterschiedliche Töne, wir nehmen sie aber trotzdem als gleich wahr. Denn die Oktave kommt viele Male im Obertonspektrum vor – auch die vierfache, achtfache, 16-fache und 32-fache Frequenz sind Oktaven. Umgekehrt bedeutet das: Der Kammerton „a“ hat viele Obertöne gemeinsam mit dem „a“ in der Oktave darüber oder darunter. Und so führen diese physikalisch verschiedenen Töne zu fast gleichen neuronalen Aktivitäten im Gehirn. Deswegen klingen Oktaven nicht nur für Menschen, sondern sogar für Rhesusaffen gleich, wie US-amerikanische Forscher in Verhaltensexperimenten zeigen konnten.

Ebenfalls recht präsent in den Obertönen ist die Quinte (für die Mathematiker: hier beträgt das Zahlenverhältnis 3:2). Ein „a“ und ein „“e“ klingen für uns zwar nicht gleich, aber doch irgendwie ähnlich und „harmonisch“. Eben weil das „e“ auch im Obertonspektrum des Tons „a“ vorkommt. Dass der Quinte eine solche Schlüsselrolle zukommt, lässt sich also physikalisch und biologisch erklären. Auch Kramarz bestätigt, dass Oktave und Quinte weltweite Phänomene sind, die in der Musik verschiedenster Kulturen ihren Platz haben. In der Tonart „C-Dur“ baut die Dominante auf dem Ton auf, der eine Quinte über dem „c“ liegt, nämlich auf dem „g“. Der Grundton der Subdominante, „f“, liegt genau eine Quinte tiefer als das „c“. Sowohl Dur- als auch Mollakkorde enthalten die Quinte zum Grundton des Dreiklangs. Die „Powerchords“, wie man sie gern auf E-Gitarren spielt, klingen besonders rein, weil sie nur Grundton und Quinte enthalten. Und die Verwandtschaftsverhältnisse verschiedener Tonarten gibt man – welch eine Überraschung – im Quintenzirkel an. Wer glaubt, in einem Song einen fremden Akkord gefunden zu haben, der dort scheinbar nicht reingehört: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass dieser Dreiklang aus einer verwandten Tonart stammt, nämlich aus der Quinten-Nachbarschaft. Dieser Akkord macht den Song also spannender, ohne dem Hörer dabei komplett den tonalen Boden unter den Füßen wegzureißen.

"Beim Hit muss am Ende jedes Element wirklich stimmen“

Übrigens kommt auch der Terzton des Durakkords in den Obertönen einer schwingenden Saite vor. Damit wäre eigentlich alles erklärt. Doch ganz so naturgegeben ist unser Tonsystem dann doch wieder nicht. Denn die Instrumente, mit denen heute gearbeitet wird, sind fast alle gleichstufig gestimmt – Halbtonabstände sind immer gleichgroß. Deshalb kann man bequem zwischen verschiedenen Tonarten wechseln, ohne dass man sein Instrument neu stimmen muss. Doch dieser Komfort hat einen Preis: Quinten und Terzen sind nicht mehr im physikalischen Sinne rein. Eigentlich müssten die Akkorde auf dem sauber gestimmten Klavier also ein bisschen schief klingen. „Es scheint aber trotzdem so zu sein, dass unser Gehör das im gewissen Sinne zurechtrückt“, meint Kramarz. Zumindest dann, wenn wir einen deutlichen Dur- oder Mollakkord vorgespielt bekommen. Was an unseren Hörvorlieben nun letztlich angeboren und was erlernt ist, wird sicher noch rege diskutiert werden und Teil weiterer Forschungsprojekte sein. „Es ist jedenfalls ein riesen Exportschlager der westlichen Welt geworden“, meint Kramarz zum diatonischen gleichstufig gestimmten Tonsystem mit seinen Dur- und Mollharmonien.

Kein Ersatz für Kreativität

Kommen wir zurück zur Eingangsfrage: Wie schreibt man eine Popnummer, die den Hörer alles andere vergessen lässt? Geht es wirklich nur um das richtige Akkordfundament? Schließlich hat ein Song ja noch wesentlich mehr Elemente. Nicht zuletzt halten viele Künstler große Stücke auf ihre Texte – auch das gehört doch zu einem Hit, oder? „Ich bin da ja immer ketzerisch und sage: Lasst den Text zumindest den Harmonieablauf nicht stören!“ scherzt Kramarz und fügt hinzu: „Natürlich ist auch der Text wichtig. Beim Hit muss am Ende jedes Element wirklich stimmen.“ Kramarz betont daher, dass man Popformeln nicht als Ersatz für Kreativität missverstehen dürfe. Über der Harmoniefolge muss eine eingängige Melodie liegen, das Arrangement muss dem Hörer gefallen. Hier gebe es sehr viel Spielraum für Originalität. Beispielsweise könne man eine Akkordfolge auch nur andeuten, statt sie dem Hörer explizit vorzukauen. Kramarz nennt als Beispiel den Song „Satellite“, wie er von Lena gesungen wurde. „Satt der üblichen Harmoniefolge hat man chromatische Bassläufe, die eigentlich relativ schräg sind.“ Unser Gehirn stört sich daran nicht und erfasst dennoch eine zugrunde liegende Akkordformel. „Dann können sogar mal relativ schräge Übergangstöne eingebaut werden, um die Sache farbiger und kontrastreicher zu machen.“

Doch selbst wenn man sich brav an den Popformeln orientiert: Für einen Hit, der die Massen erreichen soll, brauche es zusätzlich noch eine saubere Produktion, die den Zeitgeist trifft, gute Musiker, einen tollen Interpreten und das richtige Marketing, betont Kramarz. „Das ist eine Selektion, die leider verhindert, dass ganz viele Amateure jeden Tag zufällig mal einen Hit schreiben.“ Doch auch wer nicht den ganz großen Durchbruch hat, kann mit einem schönen Song bei seinem Publikum punkten. Kramarz rät zu einem Experiment: „Nimm doch mal eine Formel wie die Four Chord-Formel. Setz diese vier Akkorde so lange hintereinander, bis dir eine schöne Melodie dazu einfällt. Strukturiere einen Ablauf nur über das Arrangement und die Instrumente, die hinzukommen oder weggehen. Bleibe aber immer bei diesen vier Akkorden! Und dann schau mal – im Verhältnis zu den anderen Songs, die du bisher geschrieben hast – wie dieser Song bei deinem Publikum und deinen Freunden ankommt.“

Und wo bleiben all die Musiker, die lieber jenseits diatonischer Regeln experimentieren? „Es wird ja keiner gezwungen, mit diesen Popformeln zu arbeiten“, stellt Kramarz klar. Er habe überhaupt nichts dagegen, dass man Musik für eine kleinere Zielgruppe mache. „Nur wenn man sich dann fragt, warum das nicht im Radio kommt, dann kann ich die Antwort sagen: Wir Hörer freuen uns über bestimmte Harmoniekombinationen!“

Euer Feedback

Ist euch schon ein Hit gelungen oder bist du noch auf der Suche nach der einzig wahren Harmonie? Was hätst du von der Suche nach der Hit-Formel? Glaubst du, dass Volkmar Kramarz auf der richtigen Spur ist? Wir freuen uns auf deine Meinung zu diesem Artikel hier in den Kommentaren!

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