"es ist ein abgefahren schwerer weg"

Ist man Musiker oder Betriebswirtschaftler? Ein Gespräch mit Mathis Kerscher von Aion

Artikel veröffentlicht von Daniel Nagel | 06.06.2012, 16:14

Ist man Musiker oder Betriebswirtschaftler? Ein Gespräch mit Mathis Kerscher von Aion

Bin ich Musiker oder Betriebswirtschaftler? Diese Frage stellen sich vermutlich viele junge Musiker auf der Suche nach Label, Gigs und Management. Wir sprachen mit Mathis Kerscher, Schlagzeuger der Band Aion aus Nürnberg über ihr Debütalbum "Reveal Yourself", Thunfisch aus Dosen und den harten und entbehrungsreichen Weg zum Erfolg.

Backstage PRO: Wie seid ihr als Band zusammengekommen?

Mathis Kerscher: Wir kannten uns schon länger, weil wir vor Aion in anderen Bands gespielt haben, vornehmlich in Metal-Bands. Unser Sänger, Miguel, hat dann vorgeschlagen, gemeinsam etwas anderes als Metal zu versuchen, mehr in Richtung Pop-Rock. Und auf diesem Weg hat sich das nach und nach entwickelt.

Ihr habt kürzlich ein Album veröffentlicht, wie zufrieden seid ihr damit?

Das Album heißt Reveal Yourself und es ist viel besser geworden, als wir eigentlich erwartet haben. Miguel hatte bereits begonnen, Songs zu schreiben, erst alleine, dann mit unserem Bassisten und mit mir. Dadurch kam ein gutes Dutzend Songs zusammen, die in ihrer Grundstruktur fertig waren, bevor es jemals eine Bandprobe gab. Von diesen Songs haben wir uns einige ausgesucht und sie schon nach einigen Monaten im Tonstudio aufgenommen, was eigentlich ja nicht so üblich ist. Dann kam der Einfluss unseres neuen Gitarristen Sami hinzu und wir haben begonnen, alles wieder umzuschreiben und zu verändern.

Und das habt ihr alles alleine gemacht?

Nein, wir hatten einen sehr guten Produzenten, der zufällig mein Bruder ist. (lacht) Er ist ein professioneller Produzent, sein Tonstudio heißt Ghost City Recordings. Wir haben uns drei Wochen im Studio eingeschlossen und versucht, so authentisch wie möglich zu klingen. Das heißt, wir haben alles live gespielt, nur One-Takes und uns bemüht, den Sound so natürlich wie möglich zu halten.

Ihr habt die Platte live im Studio eingespielt?

Nur das Schlagzeug, das sind alles One-Takes, so wie ich das auch auf der Bühne spielen würde. Wir haben alles aufgebaut, wie im Proberaum und gemeinsam gespielt, aber die Gitarren haben wir wegen des besseren Sounds später einzeln drübergespielt.

Das ist ja durchaus ungewöhnlich.

Schon. Aber seitdem wir das gemacht haben, ist das das neue Arbeitskonzept meines Bruders.

Welche Erfahrungen habt ihr in eurer Region damit gemacht, Gigs zu bekommen?

Das wichtigste in dem Geschäft ist es, die Veranstalter zu kennen. Es bringt nicht so viel, eine Email an Locations oder Veranstalter zu schreiben, da ein gigantisches Überangebot herrscht. Aion gibt ja erst seit einem Jahr und drei Monaten, aber da wir vorher schon in Bands aktiv waren, haben wir natürlich Kontakte. Am einfachsten für eine ganz neue Band auf der Suche nach einem Gig ist es, andere Bands zu kennen, die an einen Gig gekommen sind. Man kann mit ihnen vereinbaren, dass man sie supporten darf und im Gegenzug dürfen sie bei unserem eigenen Konzert als Vorgruppe spielen. Außerdem gibt es ganz viele kleine Locations, wo man selbst mit den Inhabern vereinbaren kann, ein Konzert zu veranstalten. Ganz am Anfang sind das oft die einzigen Möglichkeiten, überhaupt Gigs zu spielen. Dann gibt es natürlich die ganzen Bandwettbewerbe, aber wir wollen davon eigentlich wegkommen.

Und wie funktioniert das in der Praxis?

Das Cover von Aions Debütalbum Reveal Yourself.

Nächsten Monat spielt die bekannte amerikanische Band Eyes Set To Kill im Hirsch in Nürnberg, das ist einer der angesagtesten Clubs in der Gegend. Ich bin mit einem der Verantwortlichen befreundet und habe ihn einfach gefragt, ob wir als Vorgruppe spielen können und er hat zugestimmt. Und plötzlich können wir ein Konzert vor 500 Leuten spielen. An dieses Vitamin B zu kommen, ist der Dreh- und Angelpunkt für jede Band. Wenn wir in einem kleinen Club vor 20 Leuten spielen, wo weder die Ton- noch die Lichtanlage gut sind, dann sind weder das Publikum noch die Band glücklich. In einem guten Club sind die Bedingungen, eine gute Show abzuliefern viel besser.

Du würdest also einer Band davon abraten, in Jugendzentren zu spielen oder an Newcomerfestivals teilzunehmen?

Nicht unbedingt. Wenn du deinen dritten Auftritt vor 800 Leuten spielst und den verkackst, dann wissen die 800 Leute das und kommen nicht wieder, wenn Du einige Monate später wieder ein Konzert spielst. Daher ist es durchaus sinnvoll, am Anfang erst einmal zwanzig, dreißig Gigs zu spielen, auch wenn vielleicht nur 5 Leute da sind. Man sammelt Erfahrungen, wie es ist auf der Bühne zu stehen, was funktioniert und was nicht funktioniert. Und es gibt die Chance, Kontakte zu knüpfen. Wir haben bei einem Bandwettbewerb mitgemacht und ein Festivalveranstalter hat uns daraufhin eingeladen, auf seinem Festival zu spielen.

Ihr habt jetzt gerade eine Tour für den Herbst angekündigt und sucht auf Backstage PRO nach Unterstützung. Wie war da die Resonanz?

Wir haben erst vor zwei Wochen angefangen, die Tour zu planen. Mit meinen früheren Bands habe ich viele Dutzend Konzerte überall in Deutschland gespielt und Tourneen organisiert, aber Aion sind bisher nur an wenigen Orten aufgetreten. Das Problem ist, wenn ich irgendeinem Booker oder Veranstalter in Berlin eine Mail schreibe: "Hey, wir sind Aion, wir wollen spielen", dann sagen die natürlich: "Wer kommt auf dieses Konzert, wenn ihr spielt?"

Die sagen dann möglicherweise: Pay-to-play! Ihr könnt spielen, aber ihr müsst uns 300 Karten abkaufen. Und was sagst Du dann?

Das können wir nicht machen! Eine Tour ist sowieso ein finanzielles Risiko, wir müssen den Sprit bezahlen, wir müssen essen und übernachten. Eigentlich funktioniert es nur, wenn man irgendwen in der Stadt kennt, in der man spielen will.

Mit anderen Worten: Es ist ein langer, steiniger Weg. Man hat eine Heimatbasis, wo man bekannt ist und Gigs spielen kann, aber wenn man über diese Heimbasis hinaus will, muss man ganz unten anfangen und sich erst einmal bekannt machen bei den Veranstaltern, die 50, 60 Emails bekommen in der Woche…

…lustig, dass du das sagst: eher am Tag. Eine Band aufzubauen, nicht nur als reines Hobby, mit Auftritten in der Heimatstadt alle paar Monate, ist ein richtig abgefahren schwerer Weg. Ich war letztens auf einem Konzert im Hirsch bei einer amerikanischen Band, Of Mice And Men, die dort vor 600 Leuten gespielt hat. Die Support-Band für die gesamte Tour kam aus Italien – das muss man erst einmal schaffen, eine so große Band supporten zu dürfen. Diese italienische Band hatte am Merch-Stand ein Schild, auf dem stand, dass sie noch einen Schlafplatz suchen und auch ein Zelt dabei haben. Ich habe gedacht: "Was ist denn da los?" und sie zu mir nach Hause zum Übernachten einladen. Sie haben mir dann erzählt, wie hart das ist. Die bekommen nur das Spritgeld, mehr nicht. Keinen Schlafplatz und nur eine Mahlzeit am Tag. Die sind bei mir angekommen und haben Thunfisch-Dosen aufgemacht, weil sie so hungrig waren. Das musst du dir mal vorstellen!

Das ist ganz schön krass.

Die spielen mit einer Band, die mehrere tausend Euro Gage jeden Abend bekommt! Als Band denkst du dir natürlich, dass es gut ist, vor so vielen Leuten zu spielen. Man verdient zwar kein Geld, aber man hat die Möglichkeit unter den Fans der Headliner eigene Fans zu gewinnen.

Im Idealfall. Wenn der Gig quasi vor der Haustür stattfindet, ist das natürlich toll, aber wenn man dafür mehrere hundert Kilometer fahren muss, dann kommt ja auch kaum ohne Verlust aus der Sache raus. Was ist dann die Lösung?

Schwierig. Wir sind natürlich eine Band mit Ambitionen, wir möchten in großen Clubs vor vielen Leuten zu spielen. Am besten wäre es, wenn wir jemanden finden, der sich um solche Sachen wie Booking kümmert, so dass wir uns auf die Musik konzentrieren können. Dafür muss man natürlich Leute gewinnen, die Vertrauen in uns als Musiker haben. Wir sind aber noch ganz am Anfang, wir sammeln unsere Erfahrungen und fallen auch mal auf die Fresse, aber wir wollen raus und vor vielen Zuschauern spielen!

Vielen Dank für das Gespräch, Mathis! Wir wünschen euch dabei viel Erfolg.

 

Eure Meinung

Wie sind eure Erfahrungen mit den elementaren Gegebenheiten des Musikerdaseins, also Recording, Booking und Co.? Macht ihr vieles selbst, oder lasst ihr machen und konzentriert euch nur auf die Musik?

Christian Benner
Christian Benner (Schlagzeuger bei WHIZZKIT, Founder bei Noisefield): Man muss viele Frösche küssen um den Prinzen zu finden!
11.06.2012, 22:27
Pascal Moller
14.06.2012, 23:39
David (Gitarrist bei We're All Thieves): schöner Artikel. Danke!
25.05.2013, 15:07

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