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"Ich kann mich richtig austoben"

"Mein Plan B: Musik für Games": Jürgen Zimmermann – Musiker, Komponist und Sounddesigner

Interview von Martell Beigang
veröffentlicht am 10.05.2017

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"Mein Plan B: Musik für Games": Jürgen Zimmermann – Musiker, Komponist und Sounddesigner

Jürgen Zimmermann. © (privat)

Früher stellte ich mir mein Leben als Musiker so vor: Mit meiner Band schreibe ich einen Hit und toure bis zu meinem Lebensende. Inzwischen weiß ich, dass das nur sehr wenigen Musikern vergönnt ist. Für die meisten Profis besteht ihr Job aus ganz unterschiedlichen Facetten. In meiner Serie "Plan B" stelle ich euch Kollegen vor, die interessante Nischen besetzen. Wir beginnen mit Jürgen Zimmermann (44), Musiker, Komponist und Sounddesigner.

Jürgen Zimmermann ist ein entspannter Typ. Neben seiner Tätigkeit als Saxophonist und Klarinettist arbeitet er für die in Giebelstadt (bei Würzburg) ansässige Firma HandyGames, die letztes Jahr den Entwicklerpreis für das beste deutsche Gamestudio gewonnen hat. Nach seinem Musikstudium kam er fast zufällig zu seinem zweiten Job.

Backstage PRO: Worin besteht deine Arbeit bei HandyGames?

Jürgen: Ich produziere Musik, Soundeffekte und Soundscapes für diverse Videospiele, zum Beispiel Cloud & Sheeps, fürs Handy.

Backstage PRO: Wie bist du zu diesem Job gekommen?

Jürgen: Von Hause aus bin ich Jazzsaxophonist und habe Ende der Neunziger am deutschen Konservatorium in Würzburg studiert. Danach ging ich für ein Jahr nach London, um weiterzustudieren, und dort habe ich mich in der elektronischen Musikszene rumgetrieben. Zurück in Deutschland habe ich noch einen Aufbaustudiengang Komposition drangehängt.

2003 hat HandyGames einen Zettel in der Musikhochschule ans Schwarze Brett geheftet: "Komponist gesucht". Ich hab mich beworben und bin schönerweise genommen worden.

Backstage PRO: Wie teilt sich deine Arbeit auf?

Jürgen: Ich würde sagen zu 50 Prozent bin ich Sounddesigner und zu 50 Prozent Musiker mit Schwankungen in beide Richtungen. Es gibt musikalische Durststrecken und Zeiten, in denen es besser läuft mit dem Livespielen. Unterm Strich hält es sich die Waage.

"Beim Videospiel ist man von Anfang an mit dabei"

Backstage PRO: Wie ist so der normale Ablauf bei einer neuen Spiele Produktion?

Jürgen: Der Ablauf ist deutlich anders als beim Film, wo man als Sounddesigner sehr spät dazu kommt, wenn es zumindest schon mal einen Rohschnitt gibt. Beim Videospiel ist man von Anfang an mit dabei.

Es gibt ein Arbeitsmodell, das Scrum heißt. Bei diesem werden wöchentlich bestimmte Aufgaben im Team abgearbeitet. Zunächst geht es um eine grobe Stilfindung der Musik, erste Szenen werden untermalt, man versucht herauszufinden, wie sich das Spiel anfühlt, welche Musik zu den Grafiken passt, etwas schnelles oder süßes oder bombastisches.

Bei manchen Spielen liegt der Fokus auf der Musik, bei anderen geht es hauptsächlich um interessante Soundlandschaften. Das ist eigentlich die spannendste Phase meiner Arbeit. Man kann einiges ausprobieren.

Backstage PRO: Benutzt du auch echte Instrumente oder kommt alles aus der Dose?

Jürgen: Als ich damals anfing konnte man Handys nur monophon piepsen lassen. Bei Explosionen mußte ich mir schon was einfallen lassen und hab auch schon mal den Vibrationsalarm benutzt. Dann kam die Zeit, in der alles über Midi lief. Die Herausforderung bestand darin, dass der Soundtrack zuverlässig auf ganz unterschiedlichen Geräten lief.

Das war teilweise ein ziemlich wildes Rumgeskrippte. Wir haben damals selbst Konvertierungstabellen geschrieben, damit eine Barockflöte nicht plötzlich wie der Schrei des Nazguls klang. Aber heute ist fast alles möglich. Ich nutze gesampelte Sounds und kann sogar echte Instrumente, gerne auch meine eigenen einsetzen.

"Viele kleine Firmen drängen auf den Markt"

Backstage PRO: Wie wird der Job vergütet?

Jürgen: Ich habe eine halbe Stelle, in der ich die Zeit relativ frei einteilen kann, sodass ich weiterhin meine Gigs spielen kann.

Backstage PRO: Hast du den Eindruck, dass dieser Job Zukunft hat?

Jürgen: Als ich vor vierzehn Jahren anfing, war ich der einzige Komponist in der Firma. Mittlerweile gibt es zwei und es werden sicher mehr. Die Spielebranche entwickelt sich dauernd, allerdings in Wellen. Am Anfang ist sie explodiert, dann wieder eingebrochen. Im Moment ist eine schwierige Phase, in der viele kleine Firmen auf den Markt drängen, der schon ziemlich aufgeteilt ist unter der großen Playern.

Weggebrochen ist die gesunde "Mittelschicht" der Spiele-Entwickler. Es gibt nur noch Triple-A- oder Indie-Produktion. Dort reinzukommen ist im Moment nicht einfach. Aber grundsätzlich besteht ein Bedarf nach guten Mitarbeitern, denn es werden ja heutzutage mehr Spiele produziert als je zuvor.

Backstage PRO: Arbeitest du zu Hause oder in der Firma?

Jürgen: Ich wohne in der Nähe von München, also ziemlich weit entfernt von der Firma. Zu Hause im Studio kann ich viel vorbereiten, aber wenn wenn es um die Implementierung der Sounds ins Spiel geht, muß ich vor Ort sein.

"Man muß bereit sein, gemeinsam Lösungen zu finden"

Backstage PRO: Macht dir dein Job Spaß?

Jürgen: Auf jeden Fall. Er ist sehr abwechslungsreich. Es kommt immer was Neues, weil die Spiele sehr unterschiedlich sind. Als Komponist kann ich mich da richtig austoben. Es gibt Spiele, bei denen ich ein goßes episches Besteck auspacken kann und dann gibt es casual games mit knuffigem Soundtrack.

Mittlerweile kann man mit Samplesounds fast alles möglich machen. Ich kann für ein ganzes Orchester komponieren und manchmal sogar echte Insrumente reinmischen, was natürlich immer eine Budgetfrage ist.

Backstage PRO: Programmierst du selbst?

Jürgen: Das nicht, dafür sind, Gott sei Dank, Fachleute bei uns zuständig. Logische Entscheidungen muß ich jedoch andauernd treffen und es hilft, dass ich mich mit bestimmten Game Engines auskenne, in denen das Spiel gebaut wird. Es schadet sicher nicht, wenn man in meiner Branche Ahnung vom Programmieren hat, aber ich persönlich habe da keinen großen Zugang.

Wichtig ist, dass man im Team gut mit anderen zusammen arbeiten kann. Man muß bereit sein, gemeinsam Lösungen zu finden, aber da hat man als Musiker, wenn man in einer Band spielt, ja genügend Übung...

"Ich habe viel gelernt über das Vokabular, wie andere über Musik reden"

Backstage PRO: Hast du aus deinem Job etwas gelernt, was du als Musiker gebrauchen kannst?

Jürgen: Es hilft durchaus, mal etwas über den eigenen Tellerrand hinaus zu gucken, um festzustellen, wie Musik von anderen Menschen wahrgenommen wird. Feedback zu bekommen von Nichtmusikern lehrt einen, sein Ego zurückzunehmen und es nicht als persönliche Beleidigung aufzufassen, wenn mal ein Stück nicht so gut ankommt. Nicht alles, was ich mache, muß dazu dienen, mich selbst zu produzieren.

Ich habe viel gelernt über das Vokabular, wie andere über Musik reden. Wenn Nichtmusiker zum Beispiel sagen, ein Lied sei zu schnell, meinen sie oft gar nicht das Tempo, sondern die Ereignisdichte, die das betreffende Stück Musik hat.

Backstage PRO: Spielst du selbst gerne mit den Spielen, die ihr entwickelt?

Jürgen: Ich denke, es ist sehr hilfreich für meinen Job, wenn man selbst drauf steht, Spiele zu spielen. Und das tue ich, auf jeden Fall.

Backstage PRO: Welche Musik der letzten Zeit hat dich besonders inspiriert?

Jürgen: Mein persönlicher Musikgeschmack ist sehr traditionell. Ich mag und spiele New Orleans Jazz und Gypsy Swing. Diese Musik ist viel komplexer als viele denken. In diesem Bereich versuche ich stetig zu wachsen.

Backstage PRO: Und was ist dein Plan für die Zukunft?

Jürgen: Im Pläne aufstellen bin ich nicht besonders gut. Eigentlich bin ich sehr glücklich damit, wie es gerade läuft. Irgendwann werde ich noch eine coole, neue New-Orleans-Band auf die Beine stellen. Und die technische Entwicklung in meinem Bereich werde ich weiter im Auge behalten. Ich bin sehr gespannt, wo das alles noch hinführt.

Backstage PRO: Jürgen, vielen Dank, dass du dir die Zeit für uns genommen hast.

Personen

Jürgen Zimmermann

Klarinettist, Saxophonist, Komponist aus Marzling Saxophonist, Klarinettist bei Cafe Caravan

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