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Ein Gespräch über Erfolgsrezepte im Musikbusiness

Michael Schönmetzer (Rainer von Vielen): "Man muss geile Scheiße machen und Klinken putzen"

Interview von Bernd Wagner
veröffentlicht am 21.12.2015

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Michael Schönmetzer (Rainer von Vielen): "Man muss geile Scheiße machen und Klinken putzen"

Michael Schoenmetzer (Rainer von Vielen). © Pressefoto (vollmond-konzertfotografie.de)

Sein eigenes Ding machen, Gigs ohne Ende spielen und davon gut leben können, davon träumen viele Bands. Rainer von Vielen hat genau das geschafft: Der Band aus Kempten gelang es in den letzten Jahren, sich einen Namen als erstklassiger Live-Act zu machen und bundesweit eine treue Fanbasis aufzubauen – und zwar in weiten Teilen in Eigenregie. Unser Autor Bernd Wagner sprach mit Michael Schönmetzer alias Mitch Oko, dem Manager und Gitarristen der Band, über Booking, Promotion und die Praxis im Musikbusiness.

Backstage PRO: Du hast vor ein paar Jahren mal gesagt: "Was wir tun, ist harte Arbeit. Wir reisen lange, wir tragen alles selbst." Inzwischen seid ihr viel bekannter und habt einen Plattendeal. Reist ihr jetzt im Learjet und lasst euer Zeug von Roadies schleppen?

Michael: Schön wär's. Viele denken, bei Bands mit Plattenvertrag zahlt alles die Plattenfirma, aber das stimmt gar nicht. Letztendlich zahlt man immer selbst, sogar bei Bands wie U2 ist das so: Wenn die Plattenfirma einen Showcase in Los Angeles ausrichtet, zahlt das indirekt die Band über die Tantiemen aus ihren Plattenverkäufen. Wir haben zwar eine Plattenfirma – Motor Music –, die uns unterstützt, und ziehen bei Bedarf externe Experten wie etwa Tontechniker dazu. Im Wesentlichen liegt der Leistungserstellungsprozess aber bei der Band. Ich bin nicht nur Gitarrist, sondern als Manager für alles Organisatorische zuständig. Unser Bassist kümmert sich ums Internet, die Programmierung der Homepage, den Onlineverkauf und die Gema-Listen. Der Schlagzeuger ist Head of Twitter. Und Rainer macht im Wesentlichen das Songwriting, die Soundprogrammierung, schreibt die Texte und macht viel von den Grafik-Sachen.

"Das alte Bundle-Modell funktioniert nicht mehr"

Backstage PRO: Ihr habt sogar einen eigenen Musikverlag, "Ebensomusik". Wozu braucht es dann noch Motor Music?

Michael: Motor Music ist zum Beispiel für die Vertriebskoordination zuständig, sowohl für Online als auch den physischen Vertrieb, also was bei Saturn und Media Markt im Regal steht. Außerdem ist die Plattenfirma für uns quasi auch Bank: Sie streckt Geld vor, etwa für Veröffentlichungen oder Promo-Aktionen.

Backstage PRO: Ihr müsst also nicht per Crowdfunding das Geld für eure nächste CD-Produktion zusammmenkratzen?

Michael: Nein, wir haben noch einen richtigen Old-School-Plattenvertrag aus der Zeit, als die Plattenfirmen mit einer erfolgreichen Produktion neun Flops aufgefangen haben. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich, weil die Einnahmen wegbrechen durch die Digitalisierung und das Internet. Und auch das alte Bundle-Modell funktioniert nicht mehr: Die Fans kaufen sich nur den einen Song, den sie gut finden, und nicht das ganze Album. Überhaupt sind die Jugendlichen heute eher auf die Hardware fokussiert, vor allem auf ihr Smartphone. Wir haben uns früher über unsere Plattensammlung definiert. Heutzutage kriegst du wegen einer geilen Plattensammlung keine Weiber mehr (lacht) – okay, das war auch damals schon schwierig. Auf jeden Fall gehen dadurch die Umsätze aus dem Verkauf von Musik zurück.

"0,003 € für einen Stream sind ein Witz."

Backstage PRO: Wie entwickeln sich bei euch die Verkäufe über Downloads verglichen mit CDs?

Michael: Bei uns steigen beide, einfach weil wir uns den Arsch aufreißen und immer bekannter werden, aber die Onlineverkäufe deutlich stärker als die physischen.

Backstage PRO: Wie sieht es mit dem Thema Streaming aus?

Michael: Bei Spotify kriegen wir für einen Stream 0,003 €. Das ist ein Witz. Du musst dir mal vor Augen führen, dass selbst ein Welthit auf Spotify nur ein paar tausend Euro bringt – lächerlich! Das kann doch nicht die Antwort der Musikindustrie auf die Digitalisierung sein, dass die Künstler jetzt praktisch null Kohle kriegen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass bei den Plattenfirmen viel mehr Geld hängenbleibt.

Backstage PRO: Habt ihr als Künstler darauf einen Einfluss?

Michael: Auf die Verteilungsquote: nein. Diesem ganzen Spotify-Ding ist man als Künstler machtlos ausgesetzt.

Backstage PRO: Wie seid ihr eigentlich rechtlich als Band organisiert?

Michael: Wir sind eine GbR. Das ist an sich eine schlanke Rechtsform, bringt aber trotzdem viel Verwaltungskram mit sich, Steuererklärung und das ganze Programm. Ich bin gerade mit der Vorsteuer für das dritte Quartal durch, das mache ich meistens in einer Nachtsitzung. Wir hatten auch schon eine Steuerprüfung…

Backstage PRO: …und da hat das Finanzamt sicher Ärger gemacht, weil Gitarren = Liebhaberei.

Michael: Nein, das ist bei uns absolut Beruf! Ich setze jede Batterie ab, die ich für die Band kaufe. Am Ende musste ich 50 Euro nachzahlen, das ist praktisch nichts. Die können gerne wiederkommen! Bei uns hat jeder Beleg eine Rechnungsnummer, und ich habe auch einen Steuerberater, der über alles drübergeht.

"Ich nutze gerne Backstage PRO"

Backstage PRO: Ihr habt in den letzten Jahren zwischen 80 und 130 Konzerte im Jahr gespielt. Und das Booking habt ihr auch komplett selbst erledigt?

Michael: Richtig, das mache ich seit sieben Jahren ganz alleine, über meine Firma Ebensomusik. Das hat viel mit Klinkenputzen zu tun, ich muss dafür eine Menge Zeit aufwenden. Gerade bin ich in den letzten Zügen des Club-Buchens fürs Frühjahr 2016 und fange so langsam mit den Open-Air-Festivals an.

Backstage PRO: Wie gehst du dabei vor?

Michael: Ich habe mir am Anfang die Tourdaten von vergleichbaren Bands angeschaut und daraus eine Datenbank aufgebaut. Dann versuche ich, zielgerichtet zu kommunizieren, indem ich die richtigen Ansprechpartner identifiziere. Dafür nutze ich übrigens auch ganz gerne Backstage PRO [der Locationguide macht dieses Vorgehen möglich, vgl. diesen Artikel; Anm.d.Red.]. Es bringt nämlich gar nichts, blind 20.000 Pakete rauszuhauen, von denen 10.000 gar nicht beim richtigen Empfänger ankommen. Oft greife ich auch zum Telefon, frage mich durch und bereite die Leute drauf vor, dass da was kommt. Alles andere ist rausgeschmissenes Geld.

Backstage PRO: Ihr habt natürlich beim Booking auch den Vorteil eines gewissen Bekanntheitsgrads…

Michael: …den wir uns hart erarbeitet haben! Am Anfang kannte uns auch niemand. Geholfen hat uns damals, dass wir den Protestsong-Contest bei FM4 gewonnen haben und als Support bei Anne Clark reinkamen. Aber wir haben auch viel Geld in den Aufbau unseres Namens investiert. Hin und wieder leisten wir uns eine Promo-Agentur, zum Beispiel für gezielte Print-Promo. Die scannt dann ganz Deutschland auf passende Medien und versucht, uns in alles rein zu bringen, was für unsere Musik passt – also nicht nur werblich, sondern auch mit Interviews, Verlosungen und so weiter. Das ist natürlich nicht ganz billig.

"Wenn ihr Gigs wollt, promotet euch selbst!"

Backstage PRO: Und die Promotion für eure Konzerte?

Michael: Die machen wir wiederum größtenteils selbst. Das wäre übrigens auch mein heißer Tipp an alle Bands da draußen. Wenn ihr Gigs wollt, promotet euch selbst! Im Englischen heißt der Veranstalter "Promoter", weil es sein Job ist, das Konzert zu promoten. Aber das machen die meisten nicht, zumindest nicht richtig.

Backstage PRO: Für die meisten Bands beginnt das Problem doch schon vorher, bei der Vergabe von Slots. Oder wie siehst du das?

Michael: Da scheißt der Teufel auf den großen Haufen, weil: Wenn du ein Konzert gekriegt und das gut beworben hast und es kommen eine Menge Leute, dann merkt sich das der Veranstalter und bucht dich wieder. Mit ein bisschen Glück spricht sich das rum. Du musst quasi einen Kreislauf zum Laufen bringen. Dabei darf man sich nie auf seinen Lorbeeren ausruhen, man muss bei jedem Konzert aufs Neue dran bleiben.

Backstage PRO: Und das machst du bei 100 Konzerten im Jahr? Das ist doch schier unmöglich.

Michael: Doch, das geht. Ich habe eine Datenbank mit den relevanten Medien an den jeweiligen Orten und machte dann die Promotion von meinem Büro aus, zum Beispiel, indem ich der lokalen Presse von Seiten der Band Interviews oder Verlosungen anbiete. Das kommt saugut an – von Seiten der Band zieht das oft mehr als von Seiten des Veranstalters. Natürlich muss aber auch die Musik die Leute vom Hocker hauen, du musst einfach eine geile Scheiße machen, die Leute müssen gern drauf tanzen. Dann klappt das auch mit den Aufritten.

"Wir versuchen möglichst viele Alleinstellungsmerkmale zu generieren"

Backstage PRO: Damit wären wir bei der Musik - welche Rolle spielt die bei der Vermarktung von Rainer von Vielen?

Michael: Aus der BWL-Perspektive gibt es das Argument "Unique Selling Point". Je mehr Alleinstellungsmerkmale etwas hat, desto besser. Da haben wir bei Rainer von Vielen ein paar coole Sachen: Den Rainer als fokale Person auf der Bühne mit dem Obertongesang, mit dem er auch Text produziert – das macht außer ihm niemand. Das Slapping auf der Gitarre. Das Zusammenschmeißen von Stilen, die nach allgemeiner Vorstellung kaum zusammenpassen. Wir versuchen also, möglichst viele Alleinstellungsmerkmale zu generieren. Weil wir in keine Schublade passen, fehlt uns auf der anderen Seite der Rückenwind einer Szene. Wenn wir über einen Landler-Beat rappen, da kotzen die Hip-Hop-Puristen.

Backstage PRO: Wenn es für die Musik kein klares Etikett gibt, mit dem der Veranstalter sofort was anfangen kann – ist das nicht ein Riesen-Hindernis beim Booking?

Michael: Ich behelfe mir da ganz einfach mit einem Link auf einen Live-Auftritt, wo jeder sofort sieht, was bei uns abgeht. Wir haben in diesem Jahr beim Heimatsound-Festival gespielt, der Mitschnitt lief im Bayerischen Fernsehen, und jetzt schicke ich gerade diesen Link rum. Man sieht sofort: Da ist gut was los, die Leute tanzen. Was für ein Etikett die Musik hat – absolute Nebensache.

"Authentizität ist ein wichtiger Pfeiler"

Backstage PRO: Ins Fernsehen kommt man aber auch nicht so einfach, schließlich ticken die Medien nach ihrer eigenen Logik. Muss man sich dafür verbiegen?

Michael: So würde ich das nicht nennen. Natürlich ist das eine Gratwanderung. Auf der einen Seite ist für Rainer von Vielen Authentizität einer der wichtigen Pfeiler, auf denen die Band aufgebaut ist. Wir würden uns nie eine spezielle Frisur zulegen, damit wir fett rauskommen. Es gibt also bestimmte Prinzipien, von denen wir nicht abweichen, zum Beispiel haben wir ein Problem mit Kernenergie oder machen keine Werbung für Alkohol. Auf der anderen Seite achten wir schon darauf, dass wir keine so starken Brüche in den Songs haben, dass sie nicht auch im Mainstream-Radio laufen könnten. Oder wenn wir einen Song haben, den wir als Single auskoppeln und speziell bewerben oder an Radiostationen schicken wollen: Da haben wir ein Auge drauf, dass die Länge radiotauglich ist und keine Extreme drin sind, die Airplay von vornherein ausschließen. Das verstehen wir aber nicht als "Verbiegen". Es ist ja nicht so, dass wir deswegen alles über Bord schmeißen.

Backstage PRO: Woher hast du eigentlich das Know-how, wie man eine Band managt?

Michael: Ich bin zufällig mal auf der Party einer Plattenfirma gelandet, die ihr Büro neben dem Haus meiner Eltern hatte. So kam ich nach dem Abi dort an ein Praktikum. Dabei habe ich gemerkt: Das ist ja fast alles Betriebswirtschaft. Deswegen bin ich dann zum BWL-Studieren nach Berlin. In den Semesterferien hab ich als Merchandiser bei der Anne-Clark-Tour gejobbt und mich zum Tourmanager hochgearbeitet. Gleich an meinem ersten Tag – wir waren gerade in Griechenland – kommt der Gitarrist zu mir und sagt: "I lost all my equipment at L.A. Airport. Here's the list. Get it". Das war ein Sprung ins kalte Wasser. Aber so lernt man's.

Vielen Dank für das Gespräch und weiter viel Erfolg!

Personen

Michael Schönmetzer

Ukulelespieler aus Krugzell

Artists

Rainer von Vielen

BastardPop aus Altusried

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