"Überall wird mit Musik Geld verdient"

Stefan Schulte-Holthaus (Liquido / MHMK) über die vielfältigen Wege ins Musikbusiness

Interview veröffentlicht von Markus Biedermann am 24.10.2014, 10:50

Tags: Unter Ferner Liefen Berufswelt Liquido Musikbusiness Bandmanagement Musikmanagement Studium Ausblidung

Stefan Schulte-Holthaus (Liquido / MHMK) über die vielfältigen Wege ins Musikbusiness

Stefan Schulte-Holthaus an den Drums, © Quelle: privat

Stefan Schulte-Holthaus wurde als Bassist der Hitband Liquido ("Narcotic") bekannt. Nach deren Erfolgszeiten blieb er dem Business auf andere Art weiterhin verbunden. Welche Perspektiven haben junge Menschen heute, die in der Musikbranche Fuß fassen wollen?

Der Musik hat er nie den Rücken gekehrt: Heute spielt Stefan Schulte-Holthaus Schlagzeug bei Unter Ferner Liefen. Seit 2010 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studiengang Musikmanagement an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK) in München. Seine Studenten veranstalten in Kooperation mit Backstage PRO zum Beispiel den jährlichen House of Music-Contest. Als freiberuflicher Coach beackert er außerdem noch die spezifischeren Felder Band- und Künstlermanagement.

"Man muss sich viele Möglichkeiten offenhalten"

Backstage PRO: Hallo Stefan! Danke, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst. Mir persönlich klingt "Narcotic" noch gut im Ohr, was vielen so gehen wird. Aber kannst du den weiteren Weg danach beschreiben?

Stefan Schulte-Holthaus: Das Thema Musik hatte sich lange voll auf Liquido konzentriert. Aus persönlichen Gründen haben wir uns 2008 aufgelöst. Dann stand die Frage im Raum, was ich nun machen möchte. Durch einen Lehrauftrag ergab sich dann der Kontakt zur Hochschule, woraus später eine Festanstellung wurde. Ich denke, dass man an meinem Beispiel sehen kann wie wichtig es ist, neben dem Musikmachen noch ein zweites oder manchmal sogar ein drittes Standbein zu haben. Heutzutage muss man sich viele Möglichkeiten offenhalten. Alleine nur Musiker zu sein genügt meist nicht.

Backstage PRO: Du hattest dein zweites Standbein schon zu Bandzeiten?

Stefan Schulte-Holthaus: Mit Anfang 20 habe ich mein Studium begonnen, aber als es von heute auf morgen mit der Band so richtig durch die Decke ging, haben wir alle unsere bisherigen anderen Aktivitäten abgebrochen. Das war 1998. Vier Jahre später lag die ganz große Erfolgswelle hinter uns und ich habe überlegt, ob ich das Studium der Anglistik, BWL und Medien, das mir großen Spaß brachte, wieder aufgreifen soll. Es war aber ein Kraftakt, das alles neben der Band fertig zu bringen. Es standen immer noch ca. 50 bis 100 Konzerte im Jahr, Aufnahmen und anderes an. Aber ich bereue nicht, das durchgezogen zu haben. Ohne meinen Abschluss hätte ich ja auch keine Chance, heute in einem Bildungsbetrieb arbeiten zu können.

"Zielstrebigkeit gehört dazu"

Backstage PRO: Inwiefern habt ihr damals ganz konkret auf euren Erfolg hin gearbeitet?

Stefan Schulte-Holthaus: Wir hatten das durchaus zielstrebig betrieben. Natürlich hat das Proben Spaß gemacht, aber wir wollten auch immer aufnehmen, haben schnell ein Demo gemacht. Das Ziel war klar: Plattendeal, Gigs spielen, weiter professionelle Aufnahmen machen können… Als das Demo fertig war haben wir uns auch in die Promo gehängt, damals zum Beispiel rein auf postalischem Weg mehr als 200 Exemplare verschickt mit Anschreiben an Magazine, Agenturen, Labels, Musikverlage und so weiter. Wir waren vier Jungs vom Lande, die das selbst in die Hände genommen haben. Diese Zielstrebigkeit gehört einfach dazu. Eine Portion Glück sicher auch. Man muss jedenfalls etwas erreichen wollen und alle Chancen nutzen, die sich bieten. Wir haben viele Absagen bekommen, aber eben auch Zusagen, was dann Stück für Stück zur weiteren positiven Entwicklung geführt hat.

Backstage PRO: Welche anderen Herausforderungen als zur damaligen Zeit gibt es heutzutage für junge Bands und Musiker?

Stefan Schulte-Holthaus: Durch den Wandel der Medien hat sich alles verändert. Es gibt jetzt ganz andere Möglichkeiten, sich selbst darzustellen, Promotion zu machen, soziale Netzwerke zu nutzen und vieles mehr. Aber nicht nur man selbst, sondern auch alle anderen haben diese Möglichkeiten. Dadurch werden wahnsinnig viele aufstrebende neue Künstler sichtbar, womit es durchaus schwieriger wird, sich durchzusetzen. Aber alles hat seine Vor- und Nachteile, egal ob das die heutige Nutzung neuer Kanäle oder das Plakatieren und Flyern der damaligen Zeit ist. Erfolge kommen so oder so nicht von heute auf morgen. Wir hatten das Glück, einen großen Hit zu landen, aber normalerweise begibt man sich als Musiker ja auf einen langfristigen Weg, der einen Prozess des permanenten Dranbleibens umfasst, bis alle entscheidenden Faktoren mal zusammenkommen.

"Man braucht ein Verkaufstalent"

Dazu zähle ich musikalisches Talent und Innovation, die sich nicht zuletzt in Text und Sound niederschlägt, aber auch eine Vision, die die Band von sich selbst haben sollte. Wofür steht man, wo will man hin? Und wie setzt man das alles um? Das ist nicht nur ein kreativer Prozess, sondern man begibt sich dann zwangsläufig auf die Gefilde des Managements, Verkaufs und Marketings. Auch dafür braucht man einfach ein Talent. Nimm' einen Weltstar wie Mick Jagger – bei ihm ist es ganz unzweifelhaft, dass er über beides verfügt. Wenn du das als Band nicht selbst mitbringst, dann musst du in einem relativ frühen Stadium jemanden finden, der so eine Management-Funktion übernimmt und die Band unterstützt.

Backstage PRO: Wie viel dieser Talente, aber auch Geld und vor allem Energie über welchen Zeitraum muss man investieren, bevor man mit einem gewissen Erfolg, der sich bestenfalls auch in der Bandkasse niederschlägt, rechnen kann?

Stefan Schulte-Holthaus: Das kann man meiner Meinung nach nicht so pauschal sagen. Zuerst einmal muss die Band definieren, warum sie das Ganze macht: Wollen sie eher schnell Geld verdienen oder glauben sie an ihre Kunst, was immer ein besonderes Maß an Leidenschaft bedeutet, so dass man auch mal für kleines Spritgeld auf der Bühne stehen wird? Aufwand, Promowert und Gage muss dementsprechend immer in die persönliche Waage geworfen und von Fall zu Fall beurteilt werden. Newcomer sollten den Spaß an der Musik jedenfalls nicht aus den Augen verlieren. Und wer wirklich etwas erreichen will, der wird auch kleine Gigs oder schlecht bezahlte Festivalslots spielen, um alle Chancen und Potenziale zu nutzen, Menschen live zu überzeugen und ein mediales Echo zu erhalten. Nicht nur das: Solche Gelegenheiten sind immer auch Ereignisse, die auf den eigenen Kanälen kommunizierbar und verbreitbar sind. So kommt dann auf einem langen Weg, den nicht alle überstehen werden, und nur bei kontinuierlicher Arbeit irgendwann eins zum anderen.

"Man benötigt umfassendes Wissen"

Backstage PRO: Du hast bereits angesprochen, dass es sinnvoll sein kann, dass man sich als Band frühzeitig Verstärkung von außen dazu holt – das Stichwort Bandmanager weist ja auch auf eine Möglichkeit hin, in der Musikbranche Fuß zu fassen, ohne selbst in einer Band mit hoch gesteckten Zielen aktiv zu sein. Wie groß ist der Bedarf an solchen Spezialisten tatsächlich?

Stefan Schulte-Holthaus: Viele Musiker und Bands finden quasi eine interne Lösung. Aber wenn niemand dabei ist, der die betreffenden Business-Themen wie Finanzen, Booking, Logistik für Konzerte und so weiter kompetent besetzten kann, dann ist der Bedarf schnell da. Wie funktioniert ein Label? Welche Verträge liegen Promotion und Marketing zugrunde? Was sind Musikverlage, was macht die Gema? Welche Deals sind Standard mit Bookern, Veranstaltern und Spielstätten? – Man benötigt ein umfassendes Wissen, um eine Band gut managen zu können. Mal im gesamten, übergeordnet also den heutigen Musikmanager betrachtet, ist es so, dass diese ausgebildeten Kräfte in steigendem Maße gefragt sind. Musik ist schließlich nach wie vor ein wichtiges gesellschaftliches Gut. Wir alle brauchen, wollen und lieben Musik. Sie ist überall eingesetzt, von Werbung bis Film, vom Stream zum Liveauftritt. Und überall wird damit Geld verdient. Kurzum: Auch Labels, Verlage, Konzertagenturen, sogar Telefonanbieter und viele andere neue Akteure wie Content-Aggregatoren oder Distributionsdienste brauchen Musikmanager.

Backstage PRO: Welche weiteren attraktiven Wege ins Musikgeschäft gibt es daneben noch?

Stefan Schulte-Holthaus: Eine ganze Reihe Ausbildungen und Umschulungen an vielen, teils sehr spezialisierten Akademien! Tontechniker, Eventkaufleute, Social Media Manager – da gibt es ein ganz breites Ausbildungsangebot für ganz gewisse Bereiche im Musikbusiness. Musik ist ja auch so extrem vielfältig, dass man selbst in einem Buchverlag Schnittstellen dazu finden kann, Musiker-Biografien zum Beispiel, salopp gesagt. Mehrere klassische Ausbildungswege können in die Musikinstrumentehersteller-Industrie führen. Das kann man kaum alles zusammenfassen und schon gar nicht pauschalisieren. Alles hängt davon ab, wo das persönliche Interesse liegt.

"Musiker leben von Innovation"

Um noch ein Beispiel für die angesprochenen notwendigen Standbeine zu geben: Mal angenommen jemand ist guter Schlagzeuger, hat eine Band mit der er viel spielt und gibt Unterricht. Gleichzeitig schreibt er eventuell in Blogs, Foren und für Magazine über neue Instrumente. Er hat vielleicht ein Endorsement und Kontakt zum Hersteller, wo er eventuell sogar in der Entwicklung mitarbeitet. So individuell kann das sein. Letztendlich ist alles möglich. Früher konnte man ja sogar mit BWL bei Labels unterkommen, …

Backstage PRO: Gibt es Bereiche, deren Wichtigkeit in Zukunft besonders wachsen wird?

Stefan Schulte-Holthaus: Musiker leben von Innovation, sind ein Filter gesellschaftlicher Strömungen und Entwicklungen und immer auch ein kommunikativer Verstärker. Insofern glaube ich, dass sich bei Social Media und dem Thema Crowdfunding weiterhin viel tun wird und auch die Potenziale, die für das Musikbusiness in ganz neuen Entwicklungen liegen – da denke ich zum Beispiel sowas wie das Thema 3D-Druck – längst noch nicht wirklich erkannt sind.

Backstage PRO: 3D-Druck ist aktuell womöglich noch ein Grenzbereich, der etwas abseits steht. Aber bei all diesen Möglichkeiten, die da auf junge Interessierte lauern, kann man wohl sagen: Auch der Quereinstieg ist heute noch möglich?

Stefan Schulte-Holthaus: Ja auf jeden Fall! Aus allen möglichen Bereichen. Wichtig ist, dass man eine Idee hat und versucht, diese auch umzusetzen, indem man sich entsprechende Qualifikationen aneignet. Der Weg muss nicht immer zwangsläufig über ein Studium oder eine Ausbildung führen. Der vorhin genannte Drummer muss also nicht unbedingt an der Musikhochschule studiert haben, sondern könnte sich sein Können auch selbst angeeignet haben.

Backstage PRO: Danke Stefan! Das sollte doch allen Mut machen, die ihr Berufsleben mit Bezug zur Musik gestalten wollen.

Euer Feedback

Liebe Backstage PRO Community, euer Feedback zu diesem Interview könnt ihr wie gewohnt hier in den Kommentaren loswerden!

Benji Rock
Benji Rock (Creative Director bei Rock-Drinks.de): Und damit hat er verdammt recht!
24.10.2014, 12:39
Peter Reimer
Peter Reimer (Peter Reimer): Danke an Stefan Schulte-Holthaus für dieses Interview, in welchem sehr wesentliche Elemente des Erfolges, wie umfangreich/durchschlagend er auch immer sein mag, sehr schön beschrieben sind.

Egal auf welcher Ebene eine Band oder ein Künstler arbeiten (...) Mehr anzeigen- die genannten Fähigkeiten / Tätigkeiten, die neben dem Musik machen beschrieben werden, gehören mit dazu, sonst wird sich kein Erfolg einstellen.

Die fehlende Auseinandersetzung mit diesem Teil des Geschäftes ist meines Erachtens der Grund, warum es bei vielen Bands hakt und nicht vorwärts geht. Es fehlt meist, einmal musikalisches Talent vorausgesetzt, oft eines oder gleich mehrere von diesen Dingen: Innovation, die Fähigkeit zur realistischen Selbstreflexion und zur Entwicklung einer Vision, die Bereitschaft oder der Wille, sich mit Verkauf, Marketing und Management zu beschäftigen, ein marktfähiges Produkt zu entwickeln und für all das neben dem Musik machen nicht unerhebliche Zeit aufzuwenden.

Wer also heute den Beruf "Musiker" ergreifen und mit eigener Musik oder zumindest einem eigenen Produkt erfolgreich sein möchte, dem sollte vorher klar sein, dass mehr als die Hälfte der Arbeit nichts mit Musik zu tun haben wird.
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24.10.2014, 13:44
Fred Stone
Fred Stone: Fred Stone Danke Stefan für dieses Interview ist Stefan heute nicht an Fa finden Anne Platten Firma Bieten einiges Songs ich bin Komponist ich habe Kanne Müller kosten vinaciel Anne schritt machen mit Manne komponiert Musik kennen mich geben Anne Rat (...) Mehr anzeigenfür Mannen Fall Stefan danke
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24.10.2014, 14:44
guramy
guramy (Sänger, Gitarrist, Songwriter, Texter bei guramy):
Antwort zum Kommentar von Peter Reimer (24.10.14, 13:44): "Danke an Stefan Schulte-Holthaus für dieses Interview, in welchem sehr wesentliche Elemente des Erfolges, (...) Mehr anzeigenwie umfangreich/durchschlagend er auch immer sein mag, sehr schön beschrieben sind.

Egal auf welcher Ebene eine Band oder ein Künstler arbeiten - die genannten Fähigkeiten / Tätigkeiten, die neben dem Musik machen beschrieben werden, gehören mit dazu, sonst wird sich kein Erfolg einstellen.

Die fehlende Auseinandersetzung mit diesem Teil des Geschäftes ist meines Erachtens der Grund, warum es bei vielen Bands hakt und nicht vorwärts geht. Es fehlt meist, einmal musikalisches Talent vorausgesetzt, oft eines oder gleich mehrere von diesen Dingen: Innovation, die Fähigkeit zur realistischen Selbstreflexion und zur Entwicklung einer Vision, die Bereitschaft oder der Wille, sich mit Verkauf, Marketing und Management zu beschäftigen, ein marktfähiges Produkt zu entwickeln und für all das neben dem Musik machen nicht unerhebliche Zeit aufzuwenden.

Wer also heute den Beruf "Musiker" ergreifen und mit eigener Musik oder zumindest einem eigenen Produkt erfolgreich sein möchte, dem sollte vorher klar sein, dass mehr als die Hälfte der Arbeit nichts mit Musik zu tun haben wird."
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das ist m.E. ein vorübergehendes Phänomen, das sich früher oder später von selbst ad absurdum führt . Kunst und Kultur mit den Maßstäben der freien Marktwirtschaft zu betrachten und mit deren Terminologie wie Marketing , Management, Produktoptimierung (...) Mehr anzeigenusw zu belegen wird sich auf Dauer nicht durchsetzen. Viel zu angepasst, brav und systemkonform. Es gibt Leute, die verkaufen Kunst und andere , die sie machen.
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24.10.2014, 15:33
Jürgen Meissner:
Antwort zum Kommentar von guramy (24.10.14, 15:33): "das ist m.E. ein vorübergehendes Phänomen, das sich früher oder später von selbst ad absurdum führt (...) Mehr anzeigen. Kunst und Kultur mit den Maßstäben der freien Marktwirtschaft zu betrachten und mit deren Terminologie wie Marketing , Management, Produktoptimierung usw zu belegen wird sich auf Dauer nicht durchsetzen. Viel zu angepasst, brav und systemkonform. Es gibt Leute, die verkaufen Kunst und andere , die sie machen."
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Guramy: diese romantische Einstellung ist doch schon arg lange überholt. Musik per se als Kunst zu bezeichnen und sie dadurch marktwirtschaftlichen Gegebenheiten zu entziehen ist schlicht falsch. Nicht jeder, der Musik macht ist gleichzeitig ein Künstler (...) Mehr anzeigenund nicht jedes Musikstück ist sofort ein Kunstwerk. Ich denke der Begriff "Kultur-Gut" trifft es recht passend. Musik ist ein Gut bzw. ein Produkt aus und für einen bestimmten Kulturkreis / eine Szene. Zumindest in den allermeisten fällen und insb. innerhalb der mainstreamigen Genres der U-Musik. Da wird nunmal mit harten Bandagen gekämpft, da das Angebot enorm ist. Wer das Spiel nicht mitspielen will, kann sich da natürlich rausziehen und hoffen, dass er irgendwann als "Künstler" entdeckt wird. Wer glaubt, sich das leisten zu können, der muss arg von sich und seiner "Kunst" überzeugt sein. Darüber hinaus muss sich aber auch dieser Musiker immer so positionieren, dass er überhaupt entdeckt werden kann. Also unterliegt auch er gewissen Zwängen der Selbstvermarktung bzw. des Marketing. Wie du siehst: Musizieren alleine kann auch nicht die Lösung sein, wenn man von seiner Musik leben will.
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24.10.2014, 16:01
guramy
guramy (Sänger, Gitarrist, Songwriter, Texter bei guramy): Jürgen:
Ich bin sicher kein Romantiker, dafür verlief und verläuft mein Leben dann doch viel zu realitätsbezogen
Was nun Kunst ist oder nicht , darüber streiten sich schon lange die Geister. Joseph Beuys vertrat die Meinung „jeder Mensch ein (...) Mehr anzeigenKünstler“.
Ganz schwierige Frage also, auf die wahrscheinlich jeder seine eigene Antwort hat. Worauf ich hinaus will ist, dass , wenn das was hier anklingt zutrifft, dann haben wir bald nur noch eine Szene bestehend aus Leuten, die sich leisten können neben der Schöpfung ihrer- nennen wir es erst einmal statt Kunst eben Musik, Malerei, Poesie usw – diese Zeit- und persönlichkeitszemürbenden Marktmechanismen zu bedienen. Das geht auf Kosten von Pluralität und Vielfalt.
Es bilden sich mittlerweile in vielen Bereichen neue Ideen und Bewusstsein von Gesellschaft, die natürlich auch Auswirkungen auf den Musik und Kultursektor haben werden. Stichwort: Sharing Economy, Allmende, bedingungsloses Grundeinkommen usw.
Ich sehe also eher, dass die von Dir beschriebenen Einstellungen überholt sind.
Wenn Kunst, Musik oder wie Du es bezeichnest Kulturgüter sich nur nach kapitalistischen Marktlogiken orientiert, dann geht uns vieles an Authentizität und Originalität verloren.
Dass sich jeder Musiker „ so positionieren muss, dass er überhaupt entdeckt werden kann“ war im Übrigen schon immer der Fall.
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24.10.2014, 16:49
Peter Reimer
Peter Reimer (Entschleunigungskonzerte mit Peter Reimer): Wie schon gesagt: die ganze Freizeit- und Amateurbewegung hat ihren Platz, ihren Spaß und ihre Berechtigung und kann sich allen Marktgegebenheiten entziehen und dann auch über Kunst philosophieren. Das tue ich bei einem Glas Wein auch mal gerne.

(...) Mehr anzeigenAber als jemand, der von Musik seit vielen Jahren lebt und den Musikmarkt seit 30 verfolgt und die Veränderungen miterlebt und miterlebt hat, muss ich an die Sache anders herangehen, wenn ich meine Familie davon ernähren möchte. Und so ist Kunst immer ein Stück Gradwanderung und auch Einstellungssache. Bei guramy klingt das fast so, das Kunst, wenn sie mehreren oder gar vielen Leuten gefällt, vom Mainstream gleich korrumpiert ist. Der Umkehrschluss wäre dann: erst wenn Kunst Menschen nicht gefällt, wenn sie sozusagen ausfällt - provoziert, schräg daherkommt oder sonstwas - dann darf sie sich Kunst nennen? Ich wollte schon mit 6 Jahren Musiker werden, es ist einfach meine Berufung, ich mache Musik, weil es mir Freude macht und weil ich damit anderen Menschen eine Freude mache. Ich bin dankbar, dass ich zwei so phantastische Ausbildungen durchlaufen durfte u.a. auch bei einem Weltklassemusiker und -lehrer, dass ich meinen Lebensunterhalt damit verdienen kann und das zum großen Teil mit meiner eigenen Musik - das ist für mich das Größte und das schönste Geschenk. Jetzt kommt das "Aber": wenn ich nicht auch gelernt und immer wieder weiterentwickelt hätte, wie ich mich vermarkten kann, würde das Alles nicht funktionieren. Gutes Handwerk allein reicht nicht - es gehört heutzutage einfach mehr dazu, um davon leben zu können, als gutes Handwerk. Das ist eine gute Basis, aber es gehört einfach mehr dazu.

Erfolg, und das hat Stefan Schulte-Holthaus auch schön erzählt, stellt sich dann ein, wenn all die nötigen Faktoren zusammen kommen: das musikalische Talent, musikalisches Handwerk und die Innovation einerseits und Verkauf, Management, Marketing auf der anderen Seite. Das hat mit anbiedern nichts zu tun, sondern so funktioniert es in der Praxis. Wenn ich eines Tages ein bedingungsloses Grundeinkommen bekomme und mir das zum Leben reicht, mache ich vielleicht was Anderes - vielleicht mache ich aber auch genauso weiter wie bisher, denn wenn es anfängt zu laufen, macht nicht nur die Musik sondern auch das Geschäft Spaß.
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25.10.2014, 02:48
guramy
guramy (Sänger, Gitarrist, Songwriter, Texter bei guramy): Ich weiß nicht wie Peter aus dem von mir Beigetragen diese Schlüsse ziehen kann. Denn wie gesagt, wie Kunst zu definieren ist bleibt wohl stets jedem Einzelnen selbst überlassen. Ob jemand seine Familie so oder so ernährt, ob er sich davon zu einem (...) Mehr anzeigenerheblichen Anteil der Ideen anderer bedient, ob er eine zwei oder gar drei Ausbildungen dafür benötigt , auch da sehe ich das so, dass jeder Lebensentwurf seine Berechtigung hat. Bei Peter klingt das so als habe er den Stein der Weisen gefunden. Es gibt viel mehr Herangehensweisen als die tradierten, die es möglich machen eine Familie zu ernähren ohne sich von marktwirtschaftlichen "Zwängen" fressen und verdauen zu lassen. Der von Peter beschriebe Umkehrschluss ist ebenso falsch wie seine Interpretation meines Beitrages. Wie sagt man: Nicht jeder erfolgreiche Künstler muss schlecht sein. So wie nicht jeder Hund ein Dalmatiner , aber jeder Dalmatiner ein Hund ist, ist das was vielen Leuten gefällt immer eine gewisse Art von Kunst aber nicht jede Kunst gefällt vielen Leuten. Mein Statement zum Thema habe ich schon oben abgegeben und unterstreiche hier noch einmal. Wo landet die Kunst, wenn sie sich komplett vom Kapitalismus einverleiben lässt? Sie geht den Bach hinunter und darum glaube ich, dass dies ein vorübergehendes Phänomen ist. Ob ich damit Recht behalte wir sehen.
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25.10.2014, 11:58
Fred Stone
Fred Stone: Hallo guramy du bist Sänger ich frage innen bis Tu berät für Anne Projekt Musik zusammen machen ich bin Komponist ich kann komponieren Art Musik Rock Pop ich kann schreiben Andreas Art Musik schreiben
25.10.2014, 14:31
Peter Reimer
Peter Reimer (Entschleunigungskonzerte mit Peter Reimer): Ich kann deiner Argumentation durchaus folgen und bin auch mit dir einer Meinung, das Kunst nicht den Zwängen des Kapitalismus unterworfen werden soll, da sie dann unfrei(er) wird. Die komplette Bandbreite haben wir ohnehin. Einmal im Freizeit- und (...) Mehr anzeigenAmateurbereich, dann im gesponsorten Bereich mit Subventionen, Fördergeldern, Preisen, Stipendien, Mäzentum jeder Art - leider meist nur in der bildenden Kunst und eher im klassischen Musikbereich. Und dann im kommerziellen Bereich. In allen Bereichen gibt es Kunst. Auch im kommerziellen Bereich kann man Kunst ohne Kompromisse machen. Es muss nicht zwingend kalkulierter Schwachsinn sein, wie ihn uns große Plattenfirmen oft verkaufen wollen. Ich höre seit einer Woche wieder öfter das Album "Regatta de Blanc" von Police, davor hatte ich eine Reihe von Mike Oldfield-Platten im Player (Ommadawn, QE2) und habe viele Jahre ChiliPeppers gehört - das sind alles Acts, deren Musik entstand aus dem Moment heraus, aus der Lebenssituation und aus dem Willen, sich mit Musik auszudrücken. Liest man Stings Biografie oder die von Antony Kiedis und liest die Klappentexte der Remixe von Mike Oldfield wird schnell klar, dass alle einfach nach Ausdrucksformen gesucht und auch gefunden haben. Sie sind dabei sie selbst geblieben und hatten sicherlich auch gerade deswegen Erfolg, weil es neu war, weil sie Energie hatten und alles so schön unverbraucht klang. Ich selbst finde es besonders schön, wenn sich der Umstand, kompromisslos das zu machen, was man selbst gerne mag und die Vermarktung miteinander gehen können.

Ich selbst stelle mich ja nicht einfach hin uns sagt:"Seht her, ich bin Künstler." Ich habe viele Tausend Stunden in mein Instrument und die Musik investiert und möchte deswegen, wenn möglich, wie jeder andere der BWL, Sozialpädagogik studiert oder eine Ausbildung als Bürokaufmann macht, dass ich mit dem, was ich gelernt habe auch meine Brötchen verdienen. Ich hoffe, dass mir das keiner vorwerfen möchte.

Einen Stein der Weisen habe ich sicherlich nicht gefunden und das wollte ich auch keineswegs transportieren. Ich wollte nicht sagen, dass es nur so geht, wie von mir geschildert. Mir ging es einfach darum, den Fächer weiter aufzuspannen und die Sicht eines Berufsmusikers mit ins Spiel zu bringen.

Wo sich in diesem ganzen Spektrum ein Künstler dann positionieren, einordnen oder wiederfinden will (wie auch sonst das jemand nennen mag) , das darf jeder selbst entscheiden. Nur herrschen im aktuellen Augenblick in verschiedenen Bereichen u.U. bestimmte Gepflogenheiten, die man entweder ignorieren oder mit denen man arbeiten kann. Auch hier ist jeder seines Glückes Schmied.

Es lebe die Freiheit der Kunst - darin sind wir uns sicherlich einig und ich wünsche dir auf jeden Fall Alles Gute auf deinem Weg.
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25.10.2014, 14:33
guramy
guramy (Sänger, Gitarrist, Songwriter, Texter bei guramy):
Antwort zum Kommentar von Peter Reimer (25.10.14, 14:33): "Ich kann deiner Argumentation durchaus folgen und bin auch mit dir einer Meinung, das Kunst nicht den (...) Mehr anzeigenZwängen des Kapitalismus unterworfen werden soll, da sie dann unfrei(er) wird. Die komplette Bandbreite haben wir ohnehin. Einmal im Freizeit- und Amateurbereich, dann im gesponsorten Bereich mit Subventionen, Fördergeldern, Preisen, Stipendien, Mäzentum jeder Art - leider meist nur in der bildenden Kunst und eher im klassischen Musikbereich. Und dann im kommerziellen Bereich. In allen Bereichen gibt es Kunst. Auch im kommerziellen Bereich kann man Kunst ohne Kompromisse machen. Es muss nicht zwingend kalkulierter Schwachsinn sein, wie ihn uns große Plattenfirmen oft verkaufen wollen. Ich höre seit einer Woche wieder öfter das Album "Regatta de Blanc" von Police, davor hatte ich eine Reihe von Mike Oldfield-Platten im Player (Ommadawn, QE2) und habe viele Jahre ChiliPeppers gehört - das sind alles Acts, deren Musik entstand aus dem Moment heraus, aus der Lebenssituation und aus dem Willen, sich mit Musik auszudrücken. Liest man Stings Biografie oder die von Antony Kiedis und liest die Klappentexte der Remixe von Mike Oldfield wird schnell klar, dass alle einfach nach Ausdrucksformen gesucht und auch gefunden haben. Sie sind dabei sie selbst geblieben und hatten sicherlich auch gerade deswegen Erfolg, weil es neu war, weil sie Energie hatten und alles so schön unverbraucht klang. Ich selbst finde es besonders schön, wenn sich der Umstand, kompromisslos das zu machen, was man selbst gerne mag und die Vermarktung miteinander gehen können.

Ich selbst stelle mich ja nicht einfach hin uns sagt:"Seht her, ich bin Künstler." Ich habe viele Tausend Stunden in mein Instrument und die Musik investiert und möchte deswegen, wenn möglich, wie jeder andere der BWL, Sozialpädagogik studiert oder eine Ausbildung als Bürokaufmann macht, dass ich mit dem, was ich gelernt habe auch meine Brötchen verdienen. Ich hoffe, dass mir das keiner vorwerfen möchte.

Einen Stein der Weisen habe ich sicherlich nicht gefunden und das wollte ich auch keineswegs transportieren. Ich wollte nicht sagen, dass es nur so geht, wie von mir geschildert. Mir ging es einfach darum, den Fächer weiter aufzuspannen und die Sicht eines Berufsmusikers mit ins Spiel zu bringen.

Wo sich in diesem ganzen Spektrum ein Künstler dann positionieren, einordnen oder wiederfinden will (wie auch sonst das jemand nennen mag) , das darf jeder selbst entscheiden. Nur herrschen im aktuellen Augenblick in verschiedenen Bereichen u.U. bestimmte Gepflogenheiten, die man entweder ignorieren oder mit denen man arbeiten kann. Auch hier ist jeder seines Glückes Schmied.

Es lebe die Freiheit der Kunst - darin sind wir uns sicherlich einig und ich wünsche dir auf jeden Fall Alles Gute auf deinem Weg."
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:-) ja Peter, da sind wir uns definitiv einig! Und ich wünsche Dir ebenfalls das Allerbeste!
25.10.2014, 15:00

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