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Nach der Schock-Nachricht über die bevorstehende Schließung

"Viele Clubs sind nur temporär hier": Interview mit Niklas und Eddie vom Underground in Köln-Ehrenfeld

Interview von David Timsit
veröffentlicht am 04.08.2017

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"Viele Clubs sind nur temporär hier": Interview mit Niklas und Eddie vom Underground in Köln-Ehrenfeld

Niklas Heyden vor dem Underground in Köln. © David Timsit

Nur gut drei Monate mehr und die Kölner Kult-Location schlechthin hätte ihr 30-jähriges Jubiläum feiern können. Doch es kam anders für das "Underground" in Ehrenfeld. Der Eigentümer beansprucht das Gelände bereits Mitte September und somit frühzeitiger als gedacht. Das bedeutet vor allem viel Stress für die Betreiber, aber auch ein spannendes Restsommer-Programm.

"Wir haben jetzt schon von verschiedenen größeren Bands, die hier mal angefangen haben, Anfragen bekommen. Da wird es in den nächsten Wochen noch einige spontane Konzerte geben", verrät uns unser Gesprächspartner Niklas Heyden, Booker & Eventmanager der altehrwürdigen Location, die vor wenigen Tagen in einer Pressekonferenz über die bevorstehende Schließung informiert hatte.

Es ist früher Nachmittag in Köln. Der sonst so lebhafte Biergarten strahlt eine ungewohnte Ruhe aus. Vom Trubel hinter den Kulissen ist hier nichts zu bemerken.

Backstage PRO: Die wichtigste Frage vorab – wie geht’s jetzt weiter?

Niklas: Wir sind noch im Genehmigungsverfahren für die temporäre Nutzung der DEQ-Halle nebenan. Da gibt die Stadt Köln auch gerade Gas, so dass wir da zumindest einen Großteil der geplanten Konzerte unterbringen können. Ob dort die Partys auch funktionieren, müssen wir mal gucken, da ein entsprechender Schallschutz installiert werden muss. Es fliegen derzeit aber auch ein paar andere Angebote bezüglich leerstehender Locations rein, die man sich im Hinblick auf die Zukunft näher ansehen kann.

Backstage PRO: Bleibt die Aufteilung der beiden Clubs und dem Biergarten in der neuen Location bestehen?

Niklas: Der Biergarten ja, aber die Unterteilung in zwei Hallen ist eher schwierig. Wir gucken mal, ob wir einige der Partykonzepte in der Live Music Hall unterbringen können.

Backstage PRO: Ist es denn euer grundsätzlicher Plan in Ehrenfeld zu bleiben?

Niklas: Das ist der Wunsch, aber der Stadtteil Ehrenfeld verändert sich natürlich auch, insofern muss man schauen, ob es klappt.

Backstage PRO: Wie valide ist eigentlich das Argument der Baugesellschaft Bauwens, dass der Boden ohnehin dringend sanierungsbedürftig gewesen wäre?

Niklas: Da wir kaum unterkellert sind, hat uns das Thema wenig betroffen. Es geht dabei tatsächlich eher um den Bau der Schule. Wenn wir jetzt hier erst mal platt sind, dann werden sowieso zunächst Proben entnommen und geguckt wie es um den Boden tatsächlich steht.

Zwischenzeitlich gesellt sich Eddie Cassidy zu uns, welcher sich bescheiden als Hausmeister vorstellt. Tatsächlich ist Eddie das Urgestein des Clubs schlechthin. Der technische Gebäudemanager ist seit der Gründung dabei, hat in der Vergangenheit zahlreiche Bands gebookt, sowie persönlich betreut und live abgemischt.

Eddie: Wir haben immer die Auflage gehabt, dass wir den Boden nicht aufbrechen dürfen. Es gab hier um die Ecke mal eine Aral-Tankstelle, dadurch ist die Erde verseucht bis auf die Straße raus. Die haben Gruben ausgehoben, Fässer voller Scheiße reingeschmissen und wieder zugegraben. Da die Gegend unter dem zweiten Weltkrieg schwer gelitten hat, denke ich persönlich, dass man hier auch die ein oder andere Fliegerbombe auf dem Gelände finden wird.

"Ehrenfeld wir sich in den nächsten Jahren stark verändern"

Backstage PRO: Ist die Situation, die ihr gerade erlebt, symptomatisch für das Clubsterben allgemein?

Niklas: Ich glaube, dass sich zumindest Köln-Ehrenfeld in den nächsten Jahren stark verändern wird. Viele der Clubs sind nur temporär hier. Unser neues Gelände sowie das Helios 37 stehen nur bis Anfang 2019 da. Dort soll dann auch ein Neubau entstehen. Auch der Jungle Club (ehemals bekannt als "Die Werkstatt"; Anm.d.Red.) ist nur zeitlich begrenzt gepachtet.

Eddie: Seit kurzem steht außerdem fest, dass der Verein "Jack In The Box e.V." endgültig aus dem Güterbahnhof-Gelände Ehrenfeld ausziehen muss. Die haben gehofft im Zuge der Neubebauung eine Veranstaltungshalle zu bekommen, was vom Investor – trotz mündlicher Zusage – letztendlich abgelehnt wurde.

Backstage PRO: Die Live Music Hall, welche ebenfalls von euch betrieben wird, hat beim BACKSTAGE Clubaward dieses Jahr eine der Hauptkategorien gewonnen. Wie steht es eigentlich um die Zukunft eurer größten Halle?

Niklas: Die ist von den aktuellen Entwicklungen erst mal nicht betroffen. Das Gelände der Live Music Hall ist auch in privater Hand und unterliegt keinem städtischen Einfluss.

"Eine Schule ist auf jeden Fall besser als ein Einkaufszentrum"

Backstage PRO: Hätte sich das Underground denn finanziell halten können?

Niklas: Ja klar, auf jeden Fall. Aber unsere Existenz stand ja schon seit Jahren wegen der Baumaßnahmen in der Schwebe. Erst sollte ein Einkaufszentrum hin, nun eben die Schule.

Backstage PRO: Wertet ihr es zumindest als Teilerfolg, dass es kein Einkaufszentrum wurde?

Niklas: Ja, eine Schule ist auf jeden Fall besser als ein Einkaufszentrum! Das hätte hier alles kaputtgemacht. Wir haben das Helios-Fest damals in Verbindung mit Bürgerinitiativen ins Leben gerufen, um das mit der Einkaufsmall zu vereiteln. Jetzt wurde der Kompromiss gefunden die Schule mit einer Kulturmeile zu bauen, wobei "Kultur" sicherlich ein weiter Begriff ist. Da müssen wir mal abwarten wie die Baupläne final aussehen.

Backstage PRO: Könnt ihr Genaueres zu den eingangs erwähnten Änderungen und Ergänzungen im Abschiedsprogramm preisgeben?

Niklas: Es gibt wie gesagt Interesse von Bands, die sonst größere Hallen und Arenen füllen, hier nochmal aufzutreten. Am Sonntag (06.08.2017; Anm.d.Red.) kommen The Real McKenzies vorbei. Die waren vor kurzem erst hier, aber nutzen einen freien Tag, um nochmal bei uns zu spielen. Wir sind gerade mit einigen anderen Agenturen und Künstlern im Gespräch. Am 15. September wird es die offizielle Abschiedsparty geben und ansonsten haben wir die Idee, einen Countdown für die letzten 30 Tage einzurichten. In diesem Rahmen werden wir wahrscheinlich auch eine Flohmarkt-Party machen, wo sich jeder für einen Appel und ein Ei ein Andenken wie zum Beispiel einen Barhocker mitnehmen kann.

Eddie: Alles muss weg! Ein Riesenstress ist das. 29 Jahre Geschichte müssen in zwei Monaten aufgelöst werden. Ich bin im Moment Tag und Nacht am Arbeiten.

Backstage PRO: Wie viele Leute arbeiten hier eigentlich?

Niklas: 25 Leute ungefähr.

Eddie: Und dann kommen noch freie Mitarbeiter wie Tontechniker hinzu.

Niklas: Wir versuchen so viele wie möglich mitzunehmen oder woanders unterzubringen. Manche haben aber auch schon gesagt, dass sie sich eine Mitarbeit nur hier oder gar nicht vorstellen können.

Eigentlich ein gutes Schlusswort, doch just in dem Moment, als wir uns für die offenen Worte bedanken und den beiden alles Gute wünschen möchten, leuchten Eddies Augen oberhalb des weißen Rauschebarts auf.

Eddie: Vielleicht wiederbelebe ich eine der uralten Partys aus den 90er!

Auf die Nachfrage hin, welche das wären, verschwindet der alte Engländer im Keller und kehrt mit einem dicken Stapel vergilbter Dokumente zurück. Alle aus dem Jahr 1992. Wir erhaschen Namen wie Green Day und Boris zwischen alten Faxen, Flyern und Booking-Sheets, schalten das Aufnahmegerät aus und genießen eine Viertelstunde private Kultur-Historie mit einem echten Szene-Original.

Locations

Underground

Underground

Vogelsanger Straße 200, 50825 Köln

Live Music Hall

Live Music Hall

Lichtstraße 30, 50825 Köln

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