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Doktor Nics Studioguide, Teil 1

Wie ihr euch am besten auf Studioaufnahmen vorbereitet, um Stress und Druck zu vermeiden

Tipps für Musiker und Bands von Doktor Nic
veröffentlicht am 24.11.2017

recording tonstudio

Wie ihr euch am besten auf Studioaufnahmen vorbereitet, um Stress und Druck zu vermeiden

Wie ihr euch am besten auf Studioaufnahmen vorbereitet. © pressmaster / 123RF

Studioproduktionen sind immer eine Sache für sich. Einigen Musikern gehen sie total gut von der Hand. Andere, dazu gehöre ich selbst, brauchen mehrere Anläufe, um ein passabler Studiomusiker zu werden. Gerade zu Anfang meiner noch jungen Karriere, graute es mir regelrecht vor dem Stress, dem Zeitdruck und davor, eventuell nicht mit dem Endresultat zufrieden zu sein. In diesem Guide stelle ich meine persönlichen Empfehlungen vor, wie man präventiv gegen miese Laune im Tonstudio vorgeht.

Macht eine Vorproduktion

Der beste Weg um zu checken, ob eure Songs wirklich stimmig sind, ist sie mindestens ein Mal bereits aufgenommen zu haben – und zwar in besserer Qualität als nur ein Tonbandgerät in den Proberaum zu stellen.

Über ein PC-Interface könnt ihr jedes Instrument einzeln über Klick einspielen, die Mikrofone könnt ihr euch leihen. Die Qualität muss nicht überragend sein, man muss nur jedes Instrument hören können. So merkt ihr viel besser, was am Songwriting noch getan werden könnte, wo sich zwei Töne beißen könnten und wie schnell der Song nun eigentlich sein soll.

Nennt Soundbeispiele

Wenn ihr euch einen bestimmten Sound vorstellt, nennt dem Studio Beispiele anderer Bands, damit sich die Mitarbeiter auf einen Mix, die Auswahl der Amps und Mikros bis hin zur Produktion einstellen können. Es läuft viel besser, wenn alle Beteiligten eine grobe Richtung kennen, in die es gehen soll.

Hört mit eurem Tontechniker ein paar verschiedene Bands eures Genres an. Ihr werdet überrascht sein, welche Unterschiede ihr in den Mix-Entscheidungen dieser Bands hören werdet.

Arbeitet eure Songs weiter aus

Jedes Instrument bedient bestimmte Frequenzen. Damit sich keine zwei Instrumente diese Frequenzen am Ende stehlen ist es wichtig, das schon im Songwriting zu berücksichtigen:

Wo könnte die Gitarre dem Bass mehr Platz lassen und weniger Töne spielen? Wo kann sie Höhen herausdrehen, damit die Becken besser zu hören sind?

Auch sollte jeder genau wissen, was der andere tut. Vor allem zwei Gitarristen oder ähnliche Saiteninstrumente sollten unbedingt alle Stimmen aufeinander abstimmen. Der eine muss des anderen Begleitung quasi mitsingen können. Leadgitarristen müssen sich genau den Begleitakkorden anpassen. Saiteninstrumente wie Banjos und Mandolinen dürfen sich nicht zu sehr im Weg stehen, Bläser dürfen mit hohen Tönen die Stimmfarbe des Sängers nicht überdecken.

Genauso müssen Bassist und Drummer eine Einheit bilden. Auf hochwertigen Aufnahmen können asynchrone Kickdrum-Schläge und Basstöne sofort den Groove eines Songs zerstören. Soll die Aufnahme besonders fett werden und regelrechte Gitarrenwände entstehen, so müssen mehr Stimmen geschrieben werden. Überlegt euch, was kaum hörbar, nur zum “Andicken” des Sounds nach links und nach rechts gepackt werden kann: oktavierte Akkorde, Terzen, Quinten, kleinere Riffs können den Sound massiv beeinflussen, obwohl sie im Mix nur ganz leise sind.

Seid euch darüber bewusst, wie ihr klingen wollt, wie ihr tatsächlich klingt und was ihr könnt

Ausschmücken geht immer, aber nehmt euch nicht vor, Songs aufzunehmen, die dem Sänger zwei Oktaven zu hoch sind und nehmt auch keine Solos auf, die keiner von euch auch nur ansatzweise live spielen kann!

Jeder trickst beim Aufnehmen, jeder. Aber es ergibt wenig Sinn, Klick-Aufnahmen anzupeilen, wenn euer Drummer dann kein Tempo halten kann. Einigt euch, was ihr wollt:

Ein Studioalbum mit radiotauglichem Sound? Oder vielleicht eine roughe Liveaufnahme mit Ecken und Kanten?

Beide Sachen sind sehr cool, da liegt es an euch, welcher Typ Band ihr sein möchtet.

Habt einen genauen Ablaufplan und lasst euch dann Zeit für spontane Ideen!

Zeitmanagement ist Gold wert. Plant ein wenig Spielraum mit ein, wie lange welches Instrument braucht. In der Regel sind es Drums, die quasi perfekt sein müssen und am längsten mikrofoniert werden, und der Gesang, die im Studio die meiste Zeit in Anspruch nehmen. Doch auch das angesprochene “Andicken” der Gitarren kann ewig dauern, da hier jeder Song mehrmals eingespielt werden muss. Nehmt euch genug Zeit und plant alles durch, damit es kein Chaos gibt.

Aber: plant gegen Ende auf jeden Fall noch Zeit ein! Häufig seid ihr es selbst, häufig auch der Tontechniker des Studios, der im Zuge der Produktion auf allerlei Ideen kommt, was man noch einbauen könnte. Chöre, Synthesizer, eine Akustikgitarre hier, ein Piano dort, eine zusätzliche Oberstimme oder ein Gastmusiker im Studio. Diese kreativen Spontaneinfälle haben aus unheimlichen vielen Alben Meilensteine der Musikgeschichte gemacht.

Lasst euch den kreativen Flow nicht entgehen, der im Studio aufkommen kann!

Einigt euch wegen der Bezahlung

Stichwort Zeitmanagement: nichts ist schlimmer, als sich mit dem Studio in den Haaren zu liegen, weil es plötzlich heißt: “Ihr habt drei Tage länger gebraucht, ich bekomme dann nochmal 3000 Euro obendrauf”. Klärt solche Fälle von Anfang an ab, macht euch auf krankheitsbedingten Ausfall und alle Eventualitäten gefasst.

Macht einen Preis aus und habt aber insgeheim noch Spielraum nach oben. Denn vor allem wenn ihr jetzt keine dicken Freunde des Tontechnikers seid, wird dieser euch jede Extrastunde berechnen wollen. Und vielleicht gefällt euch ja am Ende der Mix gar nicht oder die Aufnahmen an sich ziehen sich unheimlich in die Länge. Studios sind zurecht sehr teuer und eine gute Platte in der Regel das finanzielle Risiko wert. Aber lasst euch nicht verarschen.

Versucht nicht, zu perfekt zu sein

Ihr seid nur Menschen, daher ist es unwahrscheinlich, dass ihr in eurer jungen Bandkarriere auf Anhieb das perfekteste Album der Welt einspielt. Selbst bei ganz großen Bands hört man mikroskopisch kleine Fehlerchen, die je nach Genre aber auch sehr interessant sein können. Auch wird das Singen auf den Ton genau oft ein wenig überschätzt. Macht eure Sache und macht sie gut; bereitet euch gut vor, damit ihr im Studio locker und entspannt seid, weil ihr eure Songs einfach könnt. Dann passiert die Magie schon von allein.

Im zweiten Teil meines Studioguides werde ich euch ein paar Tipps dazu geben, wie ihr euch entspannt verhaltet und das Beste aus euch heraus holt, sobald das Studio betreten ist... Bis dahin verratet ihr doch mal, wie ihr euch auf so eine richtige Aufnahme vorbereitet!

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