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Von der Uni in den Club

"Man ist der Klebstoff zwischen allen Beteiligten": Interview mit Konzertveranstalter Antoine Laval

Interview von Jan Paersch
veröffentlicht am 14.02.2017

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"Man ist der Klebstoff zwischen allen Beteiligten": Interview mit Konzertveranstalter Antoine Laval

Antoine Laval, © Jan Paersch

Antoine Laval ist ein offener Typ, stets freundlich und gut gelaunt. Eine hilfreiche Eigenschaft, denn der 27-jährige ist direkt nach seinem Zivildienst in die Großstadt gezogen und hat sich in das Haifischbecken Veranstaltungsbranche geworfen.

Nach einer abgeschlossenen Ausbildung als Veranstaltungskaufmann arbeitet Antoine Laval heute als Tourmanager, Stagemanager und Durchführer in Hamburg. Parallel dazu macht er seinen Master in Kulturwissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg. Schwerpunkt: Musik.

Im Interview mit uns berichtet er von den Anforderungen an einen Konzertveranstalter und erzählt von seiner Ausbildung, in der er sogar gelernt hat, Small Talk auf Englisch zu führen.

"Man braucht ein organisatorisches Talent"

Backstage PRO: Du kommst aus der niedersächsischen Kleinstadt Zeven. Da war das Hurricane Festival nicht weit, oder?

Antoine: Das Festival war nur 30 Kilometer entfernt. Das war meine Sozialisation. Seitdem ich 16 Jahre alt war, war ich jedes Jahr da. Man kann schon sagen, dass die Bands, die da spielten, mich geprägt haben, erst Rock, dann Indie und HipHop. In meiner Umgebung haben sich viele bei dem Festival engagiert, und ein paar Bands haben es auch geschafft, da zu spielen. Das ist schon verwurzelt in der Region, selbst bei den Bauern.

Backstage PRO: Wie kamst du dann dazu, selbst in der Branche zu arbeiten?

Antoine: Durch das Organisieren für die eigene Band habe ich gemerkt, dass ich dafür ein Händchen habe. Es fiel mir leichter als anderen, zu kommunizieren, Emails zu schreiben zum Beispiel, das gehört zu den Basics. Man braucht ein organisatorisches Talent, muss den Bedarf im Blick haben.

Und man muss verkaufen können. Warum soll ein Veranstalter deine Band nehmen, und nicht eine andere. Natürlich muss man auch verstehen, was machbar ist. Als kleine Band fragt man nicht beim Rock am Ring an. Erstmal heißt es, über kleine Gigs und Support-Shows Aufmerksamkeit zu generieren.

Ich bin nach dem Zivildienst nach Hamburg gezogen und habe ein unbezahltes Praktikum im Booking gemacht, ein halbes Jahr. Da habe ich gemerkt, dass das mein Ding ist.

Backstage PRO: Und dann hast du deine Ausbildung direkt nach dem Praktikum angefangen?

Antoine: Booking fand ich gut, aber mir fehlte der praktische Aspekt, der Club-Aspekt. Also habe ich noch einmal ein halbes Jahr bei Originalton e.V. angefangen, für die damals auch Bruno Thiel arbeitete (hier im Interview; Anm.d.Red.).

Da ging es um lokale Gigs, ausschließlich in Hamburg  und Lüneburg. Aus dem Verein hat sich die OHA Music Konzertagentur entwickelt. Die hatten nicht nur das Booking, sondern die machten auch die Clubarbeit. Die kümmerten sich um die örtliche Durchführung in den kleinen Läden mit Kapazitäten zwischen 50 und 150 Leuten, Astra Stube, Pony Bar, Haus 73. Da habe ich meine Ausbildung als Veranstaltungskaufmann angefangen.

"Ich muss einen LED-Spot von einem normalen unterscheiden können"

Backstage PRO: Wie lief die Ausbildung ab?

Antoine: Bei der Ausbildung gab es fünf Klassen gleichzeitig, und den Beruf gibt es erst seit ein paar Jahren! Da gehen natürlich nicht nur an der Musikbranche Interessierte hin, da gibt es auch die Bereiche Events, Messe und Catering. Da lernt man kaufmännische Basics und es gab auch Englischunterricht. Selbstverständlich stets berufsorientiert: Wie man Small Talk macht. Marketing-Grundkenntnisse sind wichtig, Kalkulation, Buchungen, Rechnungswesen und Projektgestaltung. Wie plane ich eigenständig eine Veranstaltung, von der Vor- bis zur Nachbereitung. Aber auch technische Grundbildung. Ich muss einen LED-Spot von einem normalen unterscheiden können. Das ist eine sehr praxisnahe, duale Ausbildung, da ist man an zwei Tagen in der Woche, und dann an drei Tagen im Betrieb.

Backstage PRO: Warst du bei OHA Music richtig involviert?

Antoine: Ja, ich war in der Email-Kommunikation, und wurde sogar in die Abendproduktion mit eingebunden. Wir mussten die Promotion klären, Plakatierung, Technik, Hospitality Rider, Unterkünfte für Künstler, Budgetplanung, Backline. Ich musste auch mal selber Betten beziehen. Ich war der einzige Azubi in der Firma, das war eine Sonderstellung. Da muss man sich auch freiboxen, eine gewisse Selbständigkeit fordert das schon. Aber in einem kleinen Betrieb geht man nicht so unter, wie z.B. bei der Messe. Ich habe die Ausbildung von drei auf zweieinhalb Jahre verkürzt, das ist durchaus üblich.

Backstage PRO: Und dann kam das Studium?

Antoine: Die Praxis kann einen schnell ein bisschen ermüden. Ich hatte den Eindruck, noch nicht fertig zu sein. Deshalb wollte ich einfach noch ein bisschen Wissen in meinen Kopf packen, und Kulturwissenschaften in Lüneburg war genau das Richtige.

Der Bachelor ist noch sehr praxisorientiert. Letztes Semester hatte ich das Modul Studiopraxis, und da sitzen wir dann auch effektiv mit einem Toningenieur im Studio.

In Lüneburg wählt man einen Schwerpunkt, einen Major, da belege ich natürlich Musik, und dann habe ich einen Minor: Digitale Medien und Kulturinformatik. Man kann aber auch BWL, VWL oder Recht belegen. Das ist kein sehr verbreitetes Studium. Hildesheim und die Humboldt-Uni in Berlin sind bekannt für Kulturwissenschaften, dann gibt es noch Koblenz und eben Lüneburg. Oft ist der Studiengang in Kulturanthropologie versteckt, z.B. in Hamburg.

"Dein Tag ist nie vorbei"

Backstage PRO: War das ein großer Kontrast zwischen Ausbildung und Studium?

Antoine: Ja, natürlich. In der Ausbildung stehst du vor dem Kunden, und im Studium sitzt du vor einem Text. Das ist ein großer Unterschied. Man gewinnt einen Einblick in die Arbeit eines Kunstschaffenden, ob das nun Musik oder Bildende Kunst ist. Man kann die Zeitdauer und die Wertigkeit einschätzen, und entledigt sich solcher Sätze wie "mach doch mal eben ein Musikvideo". So einfach ist das eben nicht. Man bekommt den Eindruck, dass es viele Entwicklungen und Musikströmungen schon gegeben hat. Ich sehe dann bestimmte Hypes mit etwas mehr Ruhe und Distanz. Mit mehr Hintergrundwissen lassen sich Dinge besser analysieren und einschätzen.

Backstage PRO: Welche Fähigkeiten muss man als Veranstalter mitbringen?

Antoine: Man braucht vor allem Soft Skills. Und was es noch mit sich bringt: sich vernetzen, Leute begeistern. Wer das machen will, braucht vor allem Soft skills: die Bereitschaft, abends und am Wochenende zu arbeiten, immer erreichbar zu sein. Dein Tag ist nie vorbei, wenn du aus dem Büro raus bist. Man ist der Klebstoff zwischen allen Beteiligten, zwischen Band, Tourmanager, Technikern, Security, Presse. Die Band braucht vielleicht mehr Ansagen, und mit der Security muss man anders sprechen. Jeder hat seine eigenen Aufgaben und seine eigene Sprache. Die Kunst ist, das auszubalancieren.

Backstage PRO: Du warst auch mit Bands auf Tour…

Antoine: Richtig. Da ist man dafür zuständig, dass alles läuft, ab dem Moment, wo die Band in den Bus einsteigt. Zeitpläne einhalten, Interviews koordinieren, Versorgung, Check-In, Check-Out, Ansprechpartner für Agentur und Manager sein. Damit der Künstler sich auf die Show konzentrieren kann, keine Abrechnungen machen muss, keine GEMA-Formulare ausfüllen, nicht am Merchandise stehen muss. Ein Künstler muss nach acht Stunden Busfahrt auch mal verschnaufen können. Und bei internationalen Acts gibt es auch eine Sprachbarriere. Zumal, wenn man beim Haldern Festival auf einem Gutshof bei einem älteren Ehepaar unterkommt.

"Je mehr Veranwortung und desto höher die Vergütung

Backstage PRO: Gibt es sie noch, die typischen, chaotischen Künstler?

Antoine: Der klassische verplante Musikertyp wird seltener. Viele Künstler müssen ihre eigenen Manager, Booker oder Promoter sein. Aber der Klassiker, die Band, die man dreimal ermahnen muss, auf die Bühne zu gehen, die gibt’s immer noch.

Backstage PRO: Wie sieht ein typischer Ablauf aus, wenn du abends ein Konzert produzierst?

Antoine: Beim Überjazz Festival z.B. war ich Stage Manager bei der zweitgrößten Bühne. Da bin ich zwei Wochen vorher in der Kommunikation mit einem Ansprechpartner von jeder Band. Ich kläre die Backline und die Instrumente, damit wir kein Chaos am Tag der Veranstaltung haben. Ich versuche stets, so viel wie möglich im Vorfeld zu klären, weil es immer unvorhersehbare Dinge gibt. Wichtig ist, einen Zeitplan für den Tag zu erstellen und das durchzusetzen, was von der Produktionsleitung festgelegt ist. Am Tag selber bin ich Erster im Laden mit den Technikern. Man checkt intern alles ab, betont, was einem wichtig ist. Dann nimmt man die Bands in Empfang und geht mit denen alles durch. Man arbeitet immer strikt am Zeitplan entlang, und lässt auch noch Zeit für Extrawünsche.

Backstage PRO: Reden wir über Geld. Wieviel verdient man so als freischaffender Stage Manager/Veranstaltungsmanager?

Antoine: Das geht nach Tagessätzen, 150 Euro sind das absolute Minimum. Wenn man eine längere Tour macht, kommt da schon was zusammen, aber sonst pendelt sich das meist zwischen 200 und 300 Euro ein. Grundsätzlich gilt: je größer die Produktion, desto mehr Veranwortung und desto höher die Vergütung.

Backstage PRO: Was hast du beruflich noch vor?

Antoine: Ich werde wohl noch nach dem Studium so weiterarbeiten und kann mir gut vorstellen, dabei zu bleiben. Aber das Studium ermöglicht mir auch, weiterzugehen. Ich denke da an eine nicht unbedingt politische, vielleicht eher verwaltende Tätigkeit. Ich kenne ja die Basis. Bis 65 will ich nicht in der Astra Stube sitzen. Ich bewundere die Leute, die das durchziehen.

Backstage PRO: Abschlussfrage: Wer sind für dich die besten Live-Künstler?

Antoine: Ich mag große, wuchtige Bands. Rage Against the Machine, Sigur Ros, Massive Attack, Justice – das waren schon tolle Momente.

Backstage PRO: Danke für deine Zeit, Antoine!

Unternehmen

Originalton Lüneburg

Veranstalter in 21335 Lüneburg

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