"Halbvoll wirkt das nicht"

Kultclub unter Eisenbahngleisen: Interview mit Bruno Thiel, Booker der Astra Stube in Hamburg

Interview veröffentlicht von Jan Paersch am 03.07.2014, 13:28

Tags: Astra Stube Booking Clubsterben Hamburg

Kultclub unter Eisenbahngleisen: Interview mit Bruno Thiel, Booker der Astra Stube in Hamburg

Astra Stube in Hamburg, © Jan Paersch

Lange schien das Ende für den legendären Hamburger Indie-Club unmittelbar bevor zu stehen, weil die anliegende Brücke saniert werden sollte. Nun läuft der Mietvertrag mindestens bis Ende 2015, möglicherweise länger. Ein Gespräch mit Booker Bruno Thiel über frühes Aufstehen, Hamburg als Transfer-Stadt und das Betreiben eines Clubs in klammen Zeiten.

Nachmittags trifft man Bruno Thiel auf einen Kaffee am Schulterblatt. In unserem Gespräch soll es um einen Club zwei Straßen weiter gehen: die Astra Stube. Aber dort ist vor dem Abend selten jemand anzutreffen. Und statt Kaffee trinkt man das namensgebende Bier.

Die Astra Stube ist ein wohnzimmergroßer Club, gelegen unter Bahngleisen an der vermutlich lautesten Kreuzung Hamburgs. Das Wort "Kaschemme" kommt einem in den Sinn. Inventar und Tresen haben schon bessere Zeiten gesehen, und wer zur Tür hereinkommt, befindet sich schon fast auf der Bühne.

Einer der wichtigsten Clubs für Newcomer in Hamburg

Und doch ist der Laden an der Sternbrücke einer der wichtigsten Clubs für Newcomer in Hamburg, für junge Indie-Bands und talentierte Singer/Songwriter. Viele Künstler haben hier gespielt, als sie selbst den meisten Musikjournalisten noch unbekannt waren.

Bruno Thiel ist seit mehreren Jahren Booker der Astra Stube und so etwas wie der Chef, auch wenn er sich selbst niemals so nennen würde. Thiel jedenfalls ist es, der sich um die Miete kümmert.

Der Anfang Dreißigjährige („vor vier Jahren habe ich mal gesagt, ich sei 26, dann bin ich jetzt wohl 30“) trägt Vollbart und Kapuzenpulli. Er sieht etwas abgekämpft aus und sein Handy klingelt alle zehn Minuten, dennoch nimmt er sich mehr als eine Stunde Zeit.

"Wirtschaftlichkeit muss sein"

Backstage PRO: Wie hat sich die Astra Stube entwickelt?

Bruno Thiel: Die Astra Stube ist kein Ort, an dem vier Leute ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Aus der Größe und aus dem programmatischen Profil heraus geht das ohne staatliche Subventionen überhaupt nicht. Alles was in der Astra-Stube passiert, muss ökonomisch aufgefangen werden.

Dafür war lange Jahre die Pferdestall Kultur GmbH verantwortlich [Anmerkung der Redaktion: Kulturveranstalter, der lange das Programm verschiedener Hamburger Clubs und Cafes prägte], denen schwarze Zahlen nicht wichtig waren. Die haben gesagt, wie erlauben uns, dort Dinge zu tun, die sonst keiner macht und sind Ermöglicher von Subkultur. Es sollten Konzerte stattfinden, die sonst nicht stattfinden würden.

Von der Illusion, dass ausschließlich abwegige, subkulturelle Bands dort spielen und jeden Abend 100 Leute kommen, hat man sich relativ schnell verabschiedet. So ein Ort muss auch eine Wirtschaftlichkeit haben. Deshalb wurde dann 2009 ein Bookingteam mit der Konzertgestaltung beauftragt. Da habe ich dann angefangen, ein bisschen was zu machen. 

"Man muss früh aufstehen und spät ins Bett gehen."

Backstage PRO: Welche Schwerpunkte setzt du beim Booking?

Bruno Thiel: Der Laden ist nach wie vor Ausprobier- und Anfangsladen für tourende Bands, die den ersten Auftritt in Deutschland haben, und die die Astra Stube als Marke gut finden. Danach ergeben sich dann Folgekonzerte. Eine Band spielt in Hamburg und Berlin, und dadurch spielen sie dann in Leipzig und Frankfurt. Jede Woche gibt’s dafür mindestens zwei Beispiele.

Im Schnitt haben wir 20-25 Tage im Monat geöffnet, ob sich da nun Jungs an einer kleinen Techno-Party ausprobieren wollen oder ob das eine lang gewachsene Reihe wie Rap Galore ist. Die Programmgestaltung soll wirtschaftlich funktionieren, und ich möchte es attraktiv gestalten. Den Schritt schneller sein als andere. Dafür muss man früh aufstehen und spät ins Bett gehen, das ist ein Liebhaberjob. Das ist eine One- oder Two-Man-Show.

Backstage PRO: Worauf achtet ihr bei den Bands?

Bruno Thiel: Es wird viel auf die Details geachtet, auf das Vorprogramm, den Flyer und das Monatsplakat. Und es wird großen Wert auf persönliche Betreuung der Bands gelegt. Es gibt eine Wohnung, in der die Künstler übernachten, es gibt ein warmes Abendessen – die Bands sollen sich wohlfühlen. Es können maximal 100 Leute kommen und da kann man sich an zwei Fingern abzählen, dass man keine 10.000 Euro Gage mitnehmen kann. Das ist immer noch ein DIY-Bereich, keiner kann davon leben. Ein Hamburger Konzert soll ein Sprungbrett sein.

Es gibt Bands, die fünf Jahre in Folge in der Astra Stube spielen und das als öffentliche Probe betrachten. Viele Bands kommen aus Schweden oder Dänemark, deren erstes Konzert soll klein und voll sein. Halbvoll wirkt das nicht. Ein Beispiel sind die Striving Vines, die im Januar im Knust [einer Location für bis zu 600 Zuschauer, d. Red.] gespielt haben. Die laufen im Radio hoch und runter und wären vermutlich nicht da, wo sie jetzt sind, wenn sie nicht durch drei volle Konzerte in der Astra Stube ihr Publikum aufgebaut hätten.

"Privatwirtschaft ist auf Unterstützung angewiesen"

Backstage PRO: Ist man als kleiner Club auf finanzielle Unterstützung von Unternehmen angewiesen?

Bruno Thiel: Als er noch ein Imbiss war, hieß der Laden „Bei Hella und Klaus“. Dann gab es Zahlungsschwierigkeiten und es wurde eine Hamburger Brauerei gefragt. Aber wenn ich es umbenennen würde, wäre es ein anderer Laden. Die Leute assoziieren das nicht mit Astra, sondern mit der Brücke.

In Berlin gibt’s auch eine Astra Stube, die auch Konzerte machen, aber das ist anders belegt, dort gibt es größere Werbeplakate. Die würde ich bei uns nicht sehen. Um andere Getränkehersteller zu involvieren müssten schon größere Summen fließen, damit da etwas passiert, denn dadurch kann sich ein Ruf auch verändern. Wenn Konzertreihen nach Schnapssorten heißen wird das irgendwann gefährlich. Aber Privatwirtschaft ist immer auf Unterstützung angewiesen, dem darf man sich nicht völlig verschließen.

Backstage PRO: Im Jahr 2014 feiert die Astra Stube ihr fünfzehnjähriges Bestehen. Der Club ist international bekannt: Einige Szenen in Fatih Akins Film "Soul Kitchen" wurden hier gedreht. Jan Delay hat der Sternbrücke und dem Club darunter mit dem Cover seines Albums "Wir Kinder vom Bahnhof Soul" ein Denkmal 2009 gesetzt. Seit Jahren ist eine großangelegte Sanierung der Eisenbahnbrücke im Gespräch, die die Existenz der anliegenden Clubs Fundbureau, Waagenbau und Astra Stube gefährden würde. Eine Verlegung oder gar Schließung aller drei Clubs wäre ein drastischer Einschnitt ins alternative Hamburger Nachtleben. Wie lange läuft euer Mietvertrag noch?

Bruno Thiel: Solange sich die Deutsche Bahn, die die Immobilie verwaltet, nicht entschließt die Brücke zu sanieren, wird der Vertrag weiterlaufen – auf unbestimmte Zeit. Wenn der gekündigt wird, ist es sehr schnell zu Ende, es gibt aber schon Vorstellungen, wie es dann weitergeht. Das hängt dann weniger an der Astra Stube als an der Politik. Subkultur passiert da, wo Freiraum und Kreativität sind. Aber Subkultur und Politik sind zwei Dinge, die sich sehr wenig vertragen.Da muss man schmerzbefreit sein und akzeptieren, dass man ein kleines Rad in einem großen System ist.

Es würde aber einen internationalen Aufschrei geben, da würden sich viele solidarisieren. Alternativlos den Laden plattzumachen würde nicht gehen. Es gibt aber vielleicht wichtigere Themen als die Sanierung einer Eisenbahnbrücke in Altona, Infrastruktur ist in Deutschland sehr weit unten angesiedelt.

"Es liegt an den Personen, nicht an der Location"

Backstage PRO: Die Kreativität mag vorhanden sein, aber ist das nicht ein bundesweites Problem: mangelnde Freiräume und hohe Mieten?

Bruno Thiel: Mieten werden nun mal teurer. Stadtviertel entwickeln sich. Die Leute werden erwachsener, wollen irgendwann keinen Lärm mehr haben. In Hamburg gibt es ja noch ein paar andere Stadtteile. Die Leute suchen sich den Ort, wo sie hingehen wollen. Das Uebel & Gefährlich ist auch nicht seit Jahr und Tag am selben Ort, der Hafenklang und das Molotow sind umgezogen. Wenn hier nur noch Makler und Manager wohnen und keine Kreativen mehr, dann werden die sich einen anderen Ort suchen. Ich bin nicht so negativ eingestellt gegenüber Veränderungen. Schnell flexible Lösungen zu finden ist genau das Geschäft eines kleinen Ladens.

Es ist nicht in Stein gemeißelt, dass der Standort unter der Sternbrücke sein muss. Die Astra Stube ist natürliche eine einmalige Location und hat ein Alleinstellungsmerkmal dadurch, dass man von der Bühne auf eine Kreuzung schaut. Aber ich würde mir sogar zutrauen, die programmatische Gestaltung des Ladens eins zu eins auf einen anderen Ort zu übertragen. Ich finde, es liegt immer an den handelnden Personen und nicht an der Location. Wenn z.B. die Stage Entertainment GmbH den Laden buchen würde, dann würde hier Alexander Klaws als Tarzan auftreten und nicht wie heute eine kleine schwedische Band.

"In der Astra Stube darf alles passieren, was gut ist."

Backstage PRO: Was ist das Besondere an der Astra Stube?

Bruno Thiel: Wer sich Tourplakate anschaut, der sieht, dass viele Bands ihre Tour in Hamburg beginnen oder beenden. Die Auswanderer sind hier mit dem Schiff losgefahren und ähnlich sehe ich das hier. Hamburg ist wichtig auf vielen Tourfahrplänen, ist Transferstadt von Dänemark nach Holland und von Polen nach Belgien. Ich habe schon erlebt, dass eine Band von Manchester über die Astra Stube nach Prag gefahren ist.

Die Astra Stube ist ein kleiner, intimer Ort mit Wohnzimmeratmosphäre, die trotzdem eine Rock’n’Roll Venue ist, weil Plakate an der Wand hängen, der Putz von der Decke bröckelt und weil es noch nach der Nacht von gestern riecht. Es kommen keine Leute, die Moscow Mule bestellen. Das Publikum ist jeden Abend unterschiedlich, es ist kein reiner Punk-, Rock- oder Singer/Songwriter-Laden, es gibt kein enges Musikprofil. In der Astra Stube darf alles passieren, was gut ist. Im Mittelpunkt stehen das DJ-Pult, die Musik und ein Publikum, das die Band feiert und andersrum. Die Musiker sollen sich mit den Gästen mischen, man hat nach dem Auftritt keine Chance, in irgendeinem Backstage-Bereich zu verschwinden. Das ist die große Stärke, man ist mittendrin. Und es gibt keine Band, die ohne Zugabe rausgeht.

Backstage PRO: Danke für deine Zeit, Bruno, und weiterhin viel Erfolg!

Marc Contrael
Marc Contrael (Schlagzeuger, Soundtechniker bei Arise in Chaos): Der Blick von der Bühne ist gerade dann spektakulär, wenn draussen für Rote Flora, Erhalt der Essohäuser und Lampedusaflüchtlinge demonstriert wird: www.youtube.com...8E8F3uhacGw
04.07.2014, 12:08
Serhat Burak: krass!
04.07.2014, 12:46

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