Geistiges Eigentum des Herstellers oder Bestandteil der internationalen Gitarrenkultur?
Fender gegen die S-Style-Gitarre? Warum eine Abmahnwelle die Gitarrenbranche erschüttert
© Federico Abis via Pexels
Die Stratocaster gehört zweifellos zu den einflussreichsten Instrumentendesigns der Musikgeschichte. Seit ihrer Einführung im Jahr 1954 wurde die von Leo Fender entwickelte Gitarre millionenfach verkauft, kopiert, weiterentwickelt und neu interpretiert. Kaum eine andere E-Gitarre hat Generationen von Musikern so geprägt und gleichzeitig eine derart große Zahl von Nachahmern hervorgebracht.
Anders als in den USA, wo Fender mit dem Versuch scheiterten, die charakteristische Stratocaster-Form markenrechtlich schützen zu lassen, entschied das Landgericht Düsseldorf, dass der Korpus der Fender Stratocaster urheberrechtlich geschützt ist. Auf der Basis dieser Entscheidung geht Fender nun gegen Hersteller und Händler vor, die Gitarren mit ähnlicher Korpusform in Deutschland vertreiben.
Update, 22. Juni 2026: Inzwischen hat Thomann rechtliche Schritte gegen die Abmahnungen von Fender angekündigt.
Scharf formulierte Forderungen
Nach übereinstimmenden Berichten erhielten zahlreiche Händler und Vertriebe Schreiben der Kanzlei Bird & Bird, in der diese nicht nur einen Verkaufs- oder Vertriebsstopp dieser Stratocaster-ähnlichen Modelle fordern (S-Style-Gitarren), sondern auch den Rückruf bereits verkaufter Gitarren und deren Vernichtung!
Zudem verlangt Fender eine Liste der Käufer, detaillierte Auskünfte über die Zahl der verkauften Gitarren, deren Preis, Werbemaßnahmen sowie Informationen über den mit diesen Gitarren erzielten Umsatz und Gewinn. Das entsprechende Schreiben ist in diesem Video teilweise abgebildet.
Wer genau diese Abmahnungen erhalten hat, ist unklar, aber die Bandbreite ist groß und reicht von großen Herstellern wie PRS über den weltgrößten Musikalienhändler Thomann bis hin zu kleinen Gitarrenbauern und Händlern.
Der Ausgangspunkt: Ein Verfahren gegen einen chinesischen Anbieter
Wie wir berichteten, hatte Fender vor dem Landgericht Düsseldorf erfolgreich einen chinesischen Händler verklagt, der Gitarren nach Deutschland verkaufte, deren Gestaltung nahezu sämtliche prägenden Merkmale der Stratocaster übernahm. Das Gericht untersagte den Vertrieb dieser Instrumente in Deutschland.
Entscheidend war dabei nicht die Verwendung des Fender-Logos oder der Bezeichnung "Stratocaster", sondern die konkrete Gestaltung des Korpus. Das Gericht beschrieb in teilweise blumigen Formulierungen die Form als eigenständige kreative Leistung und sah in ihr den Ausdruck individueller gestalterischer Entscheidungen ihres Schöpfers Leo Fender.
Beispielsweise würdigte das Gericht die asymmetrischen Rundungen, die charakteristischen Konturen und die dreidimensionalen Fräsungen des Korpus als Ausdruck einer persönlichen kreativen Gestaltung. Die Stratocaster erinnere an einen "weiblichen Rumpf bestehend aus Hüfte, Taille und Armen" oder wahlweise "wie eine zur Seite geneigte Tänzerin". Das Gericht weiter:
"Eine solche futuristische, elegante und zeitlose Gestaltung des Korpus einer Gitarre mit dem die asymmetrisch geschwungene Form noch hervorhebenden Griffbrett stellte im Zeitpunkt von Konzeption und Erscheinen der [Stratocaster] etwas grundlegend Neues dar. [...] Vor diesem Hintergrund handelt es sich bei dem von J. geschaffenen Korpus um eine überragende, freie kreative Leistung, die [die] Persönlichkeit seines Urhebers deutlich widerspiegelt und somit ein urheberrechtliches Werk darstellt."
Warum das Urteil so viel Aufmerksamkeit erhält
Fenders Vorgehen gegen offensichtliche Produktpiraterie hätte keinen Proteststurm ausgelöst. Da der Gitarrenbauer nach Berichten aus der Branche aber auch gegen Hersteller vorgeht, deren Instrumente sich am klassischen Stratocaster-Design orientieren, stellt sich die Frage, wie weit das Urteils tatsächlich reicht.
Kann Fender nur gegen nahezu identische Kopien vorgehen? Oder könnte das Urteil künftig auch gegen Hersteller eingesetzt werden, deren Instrumente zwar eindeutig an die Stratocaster erinnern, sich im Detail jedoch unterscheiden?
Die Stratocaster ist längst nicht mehr nur ein Produkt eines einzelnen Herstellers. Über Jahrzehnte hinweg hat sich ihre Form zu einer Art Industriestandard entwickelt. Ob preiswertes Einsteigerinstrument oder hochpreisige Boutique-Gitarre, zahlreiche Hersteller nutzen das inzwischen klassische Aussehen der Strat.
Das Urteil ist kein Grundsatzurteil
Das Verfahren gegen den chinesischen Händler wurde als Versäumnisurteil entschieden, da dieser sich nicht gegen die Klage verteidigte. Das Landgericht Düsseldorf setzte sich deshalb nicht mit Gegenargumenten auseinander, hörte keine Sachverständige an und führte keine streitige Beweisaufnahme durch. Zudem ist das Urteil völlig eindeutig: Es bezieht sich nur auf die Strat-Kopien des beklagten chinesischen Herstellers, nicht auf S-Style-Gitarren an sich.
Die entscheidenden Fragen wurden somit bislang nicht in einem umfassenden Verfahren überprüft. Die Entscheidung muss deshalb nicht falsch sein, aber die juristische Diskussion ist keineswegs abgeschlossen und andere Gerichte könnten zu ganz anderen Rechtsauffassungen gelangen.
Kunstwerk oder funktionales Produkt?
Das Landgericht Düsseldorf sieht in der Stratocaster einen Gegenstand, dessen Gestaltung die Persönlichkeit ihres Schöpfers widerspiegelt. Kritiker halten dagegen, dass viele der charakteristischen Merkmale vor allem funktionalen und ergonomischen Zwecken dienen.
Leo Fender galt zeitlebens als pragmatischer Entwickler und Tüftler. Seine Instrumente sollten robust, einfach zu produzieren und leicht zu reparieren sein. Der angeschraubte Hals, die ergonomischen Fräsungen oder die charakteristischen Cutaways werden im Allgemeinen als technische Lösungen und nicht als künstlerische Ausdrucksformen verstanden.
Wie der Bundesgerichtshof aber im sog. Birkenstock-Urteil festgestellt hat, genügt das "rein handwerkliche Schaffen unter Verwendung formaler Gestaltungselemente" nicht für urheberrechtlichen Schutz. Um Urheberrechtsschutz zu genießen, muss das Werk "einen Grad an Gestaltungshöhe erreichen, der Individualität erkennen lässt".
Die zentrale Frage lautet daher: Reicht die Gestaltung der Stratocaster tatsächlich aus, um einen urheberrechtlichen Schutz zu begründen, der noch mehr als 70 Jahre nach ihrer Einführung durchgesetzt werden kann?
Was bedeutet das für Hersteller und Händler?
Zwischen einer nahezu identischen Kopie und einer eigenständigen Interpretation liegen zahlreiche Abstufungen. Viele moderne Instrumente unterscheiden sich in Korpusproportionen, Fräsungen, Pickguard-Formen, Hardware-Anordnung oder Kopfplattendesign deutlich vom historischen Fender-Vorbild.
Aus Sicht vieler Hersteller und Händler wirkt die aktuelle Abmahnkampagne wie ein Angriff auf das gesamte S-Style-Segment. Die Sorge besteht weniger darin, dass gegen offensichtliche Kopien vorgegangen wird, sondern dass die Grenzen zwischen erlaubter Interpretation und unzulässiger Nachahmung bislang nicht klar definiert sind.
Besonders häufig wird die Frage gestellt, warum Fender erst jetzt konsequent gegen Nachbauten vorgeht, obwohl S-Style-Gitarren seit Jahrzehnten fester Bestandteil des Marktes sind. Manche Kommentatoren sprechen sogar von dem Versuch, nachträglich Kontrolle über eine Form zu erlangen, die längst Teil des allgemeinen Gitarrenkosmos geworden sei.
Die Folge ist eine ungewöhnlich aufgeheizte Stimmung. So gut wie jeder Betreiber eines Gitarrenkanals auf Youtube hat sich zu dem Thema geäußert. Besonders heftig fiel die Reaktion in den USA aus, da viele US-Hersteller auch S-Style-Gitarren herstellen und in Deutschland anbieten.
Der normalerweise zurückhaltende US-amerikanische Gitarrist und Youtuber Tim Price warf Fender "Markenselbstmord" (Brand Suicide) vor und erklärte, wenn Fender bessere Gitarren herstellen würde, müssten sie keine Abmahnungen verschicken. Der einzige Effekt bestehe darin, dass die Menschen weltweit eine Abneigung gegen Fender entwickeln würden. Das Video hat inzwischen mehr als 880.000 Aufrufe.
US-Gitarrist Rhett Shull, der in der Vergangenheit vielfach mit Fender zusammengearbeitet hat, nannte das Vorgehen des Unternehmens in einem Video mit mehr als 600.000 Aufrufen ein PR-Disaster. Rick Beato, der einen der bekanntesten Musiker-Youtube-Channels betreibt, rief Fender zur Rücknahme der Abmahnungen auf.
Zudem kritisierte er Edward "Bud" Cole, den CEO von Fender, und sprach sich für seinen Rücktritt aus. Das entsprechende Video wurde bislang 1,2 Millionen Mal angesehen. Interessanterweise verfügt Cole über keine Erfahrungen in der Musikindustrie, sondern hat seine Berufserfahrung in Luxus-Konzernen wie Ralph Lauren und LVMH gesammelt.
Auch in Deutschland sind die Reaktionen heftig. Gitarrist und Youtuber Bernd Kiltz löschte als Reaktion auf die Fender-Abmahnungen alle Inhalte über Fender-Gitarren auf seinem Kanal und kündigte an, nie wieder ein Video über Fender-Produkte zu veröffentlichen.
Fender-CEO versucht zu beruhigen
Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte in den vergangenen Tagen ein geleaktes Video einer internen Händlerveranstaltung, in dem Fender-CEO Edward "Bud" Cole erstmals ausführlicher auf die Kontroverse einging.
Cole widersprach dabei dem Eindruck, Fender führe einen Feldzug gegen sämtliche S-Style-Gitarren. Man gehe nicht gegen alle Double-Cutaway-Gitarren vor, sondern lediglich gegen eine "Handvoll Unternehmen", deren Instrumente dem Stratocaster-Design aus Sicht des Unternehmens zu nahe kämen. Fender suche dabei nach "praktischen und vernünftigen Lösungen", etwa durch Designanpassungen und großzügige Übergangsfristen.
Besonders bemerkenswert war Coles Aussage zur Vernichtung von Lagerbeständen – einem Punkt, der nach Bekanntwerden der Abmahnungen für erhebliche Empörung gesorgt hatte. Die entsprechenden Forderungen bezeichnete der Fender-Chef als "unglücklich" und stellte klar, dass Fender keine Vernichtung von Lagerbeständen anstrebe. Stattdessen wolle man gemeinsam mit den betroffenen Unternehmen Lösungen finden.
Hauptfokus auf Europa, aber auch die US-Hersteller sind betroffen
Gleichzeitig wirft die Stellungnahme neue Fragen auf. Cole erklärte, die aktuellen Gespräche konzentrierten sich auf Produkte, die in der EU hergestellt, vermarktet oder verkauft werden. Damit dürfte er vor allem versucht haben, Bedenken innerhalb des amerikanischen Händlernetzes zu zerstreuen und die Auseinandersetzung als primär europäisches Thema darzustellen.
Tatsächlich betrifft die Kampagne jedoch auch zahlreiche US-Hersteller, die ihre Instrumente auf dem europäischen Markt anbieten. Unternehmen wie PRS oder LsL Instruments haben öffentlich bestätigt, entsprechende Schreiben erhalten zu haben.
Die Äußerungen des Fender-CEOs sind ein offenkundiger Versuch, die zunehmend aufgeheizte Debatte zu entschärfen. Während die ursprünglichen Schreiben in der Branche als aggressiv wahrgenommen wurden, bemüht sich Fender inzwischen sichtbar um eine moderatere Darstellung seiner Ziele. Ob dies ausreicht, das beschädigte Vertrauen vieler Hersteller, Händler und Musiker wiederherzustellen, bleibt allerdings offen.
Coles Aussagen deuten darauf hin, dass das Unternehmen mittlerweile stärker auf Verhandlungen als auf Konfrontation setzt. Gleichzeitig bleibt die zentrale Rechtsfrage weiterhin ungeklärt: Wo endet die zulässige Inspiration durch ein historisches Design und wo beginnt eine urheberrechtswidrige Kopie? Solange diese Frage nicht durch weitere Gerichte geklärt wird, dürfte die Debatte um die Stratocaster die Gitarrenbranche noch lange beschäftigen.
Warum Fender dieses Risiko eingeht
Warum Fender den Konflikt trotz der teilweise heftigen Reaktionen in Kauf nimmt, lässt sich letztlich nur vermuten. Aus Sicht des Unternehmens dürfte es vor allem darum gehen, die Kontrolle über eines der bekanntesten Instrumentendesigns der Musikgeschichte zurückzugewinnen und die Grenzen zwischen eigenständiger Interpretation und direkter Kopie neu zu definieren.
Viele Beobachtende sehen aber die Gefahr, dass die aktuelle Strategie erhebliche negative Folgen für den Status von Fender haben könnte. Ob sich die Strategie langfristig auszahlt oder sich als kostspieliges PR-Problem erweist, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.
Unabhängig vom Ausgang des Konflikts hat Fender bereits erreicht, dass die gesamte Branche über eine Grundsatzfrage diskutiert: Ist der seit 70 Jahren existierende und einst von Leo Fender entworfene Strat-Style geistiges Eigentum des Herstellers oder längst ein Bestandteil der internationalen Gitarrenkultur?
Wie seht ihr das? Sollte der Strat-Style Eigentum von Fender oder ein von vielen Hersteller nutzbares Kulturgut sein? Wir freuen uns auf die Diskussion.
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