×

"Mit etwas Engagement kann man eigene Formate auf die Beine stellen"

"Nicht-kommerziell heißt nicht kostenlos": 15 Jahre Mannheimer Brückenaward

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 12.08.2026

mannheimer brückenaward liveszene festivalorganisation diy

"Nicht-kommerziell heißt nicht kostenlos": 15 Jahre Mannheimer Brückenaward

Die Organisatoren des Brückenawards in Mannheim: von links nach rechts Tobias Weber, Christian Bethge, Martin Feige und Ache (ganz rechts) mit Frank Mayer von Mayer's Brauwerk. © Brückenaward

Der Mannheimer Brückenaward feiert 2026 sein 15-jähriges Bestehen. Im Interview sprachen wir mit den Organisatoren Christian Bethge, Martin Feige, Tobias Weber und Ache über die Langlebigkeit des Festivals, gestiegene Kosten und die Notwendigkeit, in Eigeninitiative etwas auf die Beine zu stellen.

BackstagePRO: Das Brückenaward-Team arbeitet seit vielen Jahren in einer sehr ähnlichen Zusammensetzung zusammen. Wie gelingt es euch, dass das funktioniert?

Martin Feige: Wir haben die Aufgaben aufgeteilt. Tobias kümmert sich um die Homepage und die Helfer, Chris um Social Media, Technik sowie die Kontakte zu Labels und Bands. Ache ist während der Veranstaltung unser Mann für Bühne, Strom und alles, was spontan gelöst werden muss. Ich übernehme Genehmigungen und Finanzen und versuche, den Überblick über das Gesamtprojekt zu behalten.

BackstagePRO: Wer macht das Booking?

Martin Feige: Das machen wir von Anfang an gemeinsam. Jeder bringt Vorschläge ein, daraus entsteht eine lange Liste. Wenn wir uns treffen, diskutieren wir darüber. Muss es schneller gehen, werfen wir einen Namen in die Runde und entscheiden gemeinsam.

Christian Bethge: Das Booking war schon immer demokratisch organisiert. Durch meine Arbeit im Studio habe ich allerdings viele direkte Kontakte zu spannenden Bands, was natürlich hilft.

BackstagePRO: Ihr arbeitet ja seit vielen Jahren zusammen, da ergeben sich ja sicherlich auch mal Unstimmigkeiten. Wie löst ihr Konflikte?

Christian Bethge: Wirkliche Konflikte hatten wir eigentlich nie. Wir wissen alle, was wir mit dem Festival erreichen wollen. Und wir kennen uns lange genug, um offen zu sagen, wenn etwas nicht passt. Im schlimmsten Fall ist jemand mal zwanzig Minuten eingeschnappt – und dann ist es auch wieder gut. 

Tobias Weber: Uns verbindet das gemeinsame Ziel, den Brückenaward erfolgreich zu machen. Das Festival findet nur einmal im Jahr statt – beziehungsweise zweimal mit dem Winteraward – und gehört für uns zu den Höhepunkten des Jahres. Für Zickereien bleibt da kein Platz.

BackstagePRO: In unserem ersten Interview 2010 habt ihr gesagt, dass das Festival rund 400 Euro Fixkosten verursacht. Wie sieht das Budget heute aus?

Martin Feige: Zunächst einmal bekommt niemand von uns Geld. Wir arbeiten alle ehrenamtlich. Finanziert wird der Brückenaward durch eine Projektförderung des Kulturamts sowie über Getränkeverkauf und Spenden.

Christian Bethge: Wir sind nach wie vor ein gemeinnütziger Verein. Unser Ziel ist jedes Jahr, das Festival so abzuschließen, dass niemand aus dem Organisationsteam privat Geld zuschießen muss.

BackstagePRO: In welcher Größenordnung bewegen sich die Kosten heute?

Martin Feige: Wir liegen inzwischen bei 20.000 Euro oder sogar darüber. Vor allem die Bandgagen sind deutlich gestiegen. Dazu kommen die Technik und viele weitere Kosten, die früher in dieser Form gar nicht anfielen.

Christian Bethge: Im Grunde bezahlen wir heute alle Gewerke, die auch auf einem professionellen Festival vertreten sind. Viele kommen uns zwar entgegen, aber die Dienstleister leben schließlich von ihrer Arbeit.

Martin Feige: Deshalb ist es uns auch wichtig, sie fair zu bezahlen. Bei SZ Showlights – Sascha Zimmermann leihen wir inzwischen die komplette PA. Sie bringen die Anlage, helfen beim Aufbau und kommen nachts wieder zum Abbau – das ist unglaublich. Gleiches gilt für Frank Mayer und Mayer's Brauwerk. Nur weil wir ein nicht-kommerzielles Festival sind, können wir ihnen ja nicht weniger zahlen.

Pala auf dem Brückenaward 2023

Pala auf dem Brückenaward 2023, © Johannes Rehorst

BackstagePRO: Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Stadt Mannheim?

Christian Bethge: Neben der Projektförderung des Kulturamts stellt uns Next Mannheim die Trailerbühne zur Verfügung. Allein das spart uns enorme Kosten.

Martin Feige: Auch bei Genehmigungen und Platzmiete läuft inzwischen vieles unkompliziert. Wir melden uns, sagen, dass wir die Veranstaltung wie im Vorjahr durchführen möchten, und bekommen im Grunde denselben Vertrag zugeschickt. Das funktioniert wirklich reibungslos.

BackstagePRO: Das ganze Festival wäre ja unmöglich ohne die freiwilligen Helfer. Wie viele Leute sind grob dabei, die euch während des Festivals unterstützen?

Tobias Weber: Am Festivalwochenende sind etwa 30 Helfer im Einsatz. Insgesamt umfasst unser Helferpool 60 bis 70 Personen. Es gibt einen festen Kern, aber jedes Jahr kommen auch neue Leute dazu. Ohne diese Unterstützung gäbe es den Brückenaward nicht.

BackstagePRO: Der Brückenaward wird oft als Underground-Festival bezeichnet. Ist das überhaupt die richtige Bezeichnung?

Tobias Weber: Eigentlich ist "nicht-kommerziell" die passendere Beschreibung.

Martin Feige: Genau, das trifft es besser.

Christian Bethge: "Underground" war früher eher ein Code für die Art von Festival, die wir gemacht haben.

BackstagePRO: Wie hat sich der Brückenaward musikalisch verändert?

Christian Bethge: Wir interessieren uns alle für sehr unterschiedliche Musik. Gleichzeitig ist es heute deutlich einfacher geworden, internationale Bands zu erreichen als noch vor fünfzehn Jahren. Das Interesse an internationaler Musik ist gewachsen und durch unsere Kontakte können wir inzwischen deutlich breiter buchen. Außerdem kommen viele Bands gerne wieder, weil ihnen das Festival gefällt. Dadurch ist im Laufe der Jahre ein richtiges Netzwerk entstanden.

BackstagePRO: In Mannheim und Umgebung ist der Brückenaward eine Institution, wie sieht es darüber hinaus aus?

Christian Bethge: Wir haben über die Jahre starke Verbindungen zur niederländischen Szene aufgebaut, außerdem nach Leipzig. Dadurch ist Mannheim in diesen Netzwerken inzwischen fest auf der Landkarte. Viele Bands empfehlen uns weiter und kommen später mit neuen Projekten zurück. Dadurch wächst unser Netzwerk ständig.

Tobias Weber: Chris hält den Kontakt zu den Bands. Fast jede Woche schickt er uns Nachrichten, wer gerade ein neues Projekt gestartet hat.

Christian Bethge: Das gehört inzwischen zu meinem Beruf. Viele Bands melden sich direkt bei mir, wenn sie ein neues Album veröffentlicht haben und fragen, ob sie beim Brückenaward oder Winteraward spielen können. Außerdem arbeiten wir eng mit Gregor Samsa vom Label Sounds of Subterrania zusammen, der uns regelmäßig spannende Bands vermittelt.

Blick auf das Festivalgelände 2019

Blick auf das Festivalgelände 2019, © Johannes Rehorst

BackstagePRO: In alten Interviews habt ihr klar gesagt, dass man als Band oder Musiker einfach auch die Initiative ergreifen muss. An dieser Haltung hat sich vermutlich nichts geändert?

Christian Bethge: Überhaupt nicht. Gerade weil es vielen kleinen Clubs und Veranstaltern momentan schwerfällt, lohnt es sich, selbst aktiv zu werden. Mit etwas Engagement kann man auch heute noch eigene Formate auf die Beine stellen. Irgendein geeigneter Ort findet sich fast immer. Wenn jemand Fragen dazu hat, helfen wir auch gerne weiter.

Martin Feige: Es kommt allerdings auch vor, dass Bands glauben, allein wegen ihrer Herkunft aus Mannheim einen Anspruch auf einen Auftritt beim Brückenaward zu haben. So funktioniert das nicht. Uns ist wichtiger, dass die Einstellung zur Veranstaltung passt.

BackstagePRO: Ihr schreibt ja schon seit mehr als einem Jahrzehnt einen Slot bei BackstagePRO aus.

Christian Bethge: Dadurch entdecken wir immer wieder Bands, die wir sonst wahrscheinlich gar nicht kennengelernt hätten.

Martin Feige: Ohne diese Ausschreibung würden vermutlich hauptsächlich Bands spielen, die wir ohnehin schon kennen.

BackstagePRO: Was sind die erinnerungswürdigsten Momente aus 15 Jahren Brückenaward?

Martin Feige: Das Konzert von Dagobert 2014 war für mich ein echter Wendepunkt. Wir haben damals einen Teil des Publikums ziemlich überfordert, aber gleichzeitig war klar, dass sich das Festival in eine neue Richtung entwickeln würde.

BackstagePRO: Das Konzert war sehr erinnerungswürdig, es gab große Ablehnung, aber auch viel Begeisterung.

Martin Feige: Es war so anders, als nur regionale Musiker einzuladen. Klar, es gab Buhrufe, aber es kamen auch Leute zu mir, die mich geküsst haben.

Christian Bethge: Mir fallen noch El Khat ein, wo wir zweimal das Auto wechseln mussten, weil die Band meinte, das Auto sei zu klein, obwohl es ein großer Kombi war und sie am Ende nur mit 3 Koffern unterwegs waren.

BackstagePRO: War die Band etwa schwierig?

Ache: Es war alles geil, aber die Orga war sehr anstrengend.

Martin Feige: Hätte man eine Extra-Person für 5.000 Euro im Moment bezahlt, um die zu managen, wäre es in Ordnung gewesen, haben wir aber nicht.

Christian Bethge: Wenigstens war es ein sehr gutes Konzert.

Ache: So hat sich der Aufwand gelohnt.

Martin Feige: Bibi Ahmed war eine ganz krasse Erfahrung. Erst wird ihm die Gitarre gestimmt, dann verstimmt er sie sofort wieder – und spielt trotzdem unfassbar gut.

Bibi Ahmed & Group Inerane auf dem Brückenaward 2019

Bibi Ahmed & Group Inerane auf dem Brückenaward 2019, © Johannes Rehorst

Christian Bethge: Oder Black Waves um 17 Uhr.

Martin Feige: Das war unglaublich. Die müssen unbedingt noch einmal beim Brückenaward spielen. Der Brückenpfeiler ballert weg. (lacht)

BackstagePRO: Was erwartet die Besucher denn dieses Jahr?

Christian Bethge: Mildes, angenehmes und ausgewogenes Klima und kühle Getränke sind unser Plan. Und natürlich ein großartiges Festival.

BackstagePRO: Das klingt gut. Viel Erfolg beim Brückenaward 2026!

Unternehmen

Mannheimer Brückenaward e.V.

Veranstalter in 68167 Mannheim

Ähnliche Themen

15. Mannheimer Brückenaward bestätigt erste Acts für Jubiläumsausgabe 2026

Ein Grund zum Feiern

15. Mannheimer Brückenaward bestätigt erste Acts für Jubiläumsausgabe 2026

veröffentlicht am 05.08.2026

Genial: Impressionen vom Mannheimer Brückenaward 2025

Perfekte Harmonie

Genial: Impressionen vom Mannheimer Brückenaward 2025

veröffentlicht am 31.08.2025

Der Mannheimer Brückenaward 2025 bietet an beiden Tagen grandiose Musik

Das Beste des Undergrounds

Der Mannheimer Brückenaward 2025 bietet an beiden Tagen grandiose Musik

veröffentlicht am 31.08.2025

Newsletter

Abonniere den Backstage PRO-Newsletter und bleibe zu diesem und anderen Themen auf dem Laufenden!