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Von der Midlife Creativity zur UK-Tour

Soulscraper: Wie eine deutsche Punkband es schafft, mit ihren Idolen auf UK-Tour zu gehen

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 27.05.2026

soulscraper

Soulscraper: Wie eine deutsche Punkband es schafft, mit ihren Idolen auf UK-Tour zu gehen

soulscraper. © Chris Chaan

2020 gründeten Wolfgang "Wolle" Rhein und Steffen Blatt gemeinsam mit zwei Freunden die Punk-Band soulscraper. Heute spielt die bei BackstagePRO sehr aktive Band regelmäßig Konzerte in Großbritannien – gemeinsam mit ihren musikalischen Jugendidolen. Im Interview sprechen sie über melodischen Emo-Punk, familiäre Pub-Gigs, Brexit-Bürokratie und die Realität einer DIY-Band.

BackstagePRO: Hallo Wolle, hallo Steffen, ihr habt 2020 die Punk-Band soulscraper mit zwei Kollegen gegründet. Wie kam es dazu?

Wolfgang Rhein: Steffen und ich haben bereits in den 1990ern fünf Jahre lang gemeinsam Musik gemacht. Dann habe ich mich auf meine Firma konzentriert – und hatte schlichtweg keine Zeit mehr. 2020 war es dann soweit, dass ich wieder Musik machen wollte. Ich habe nachts in meiner Küche Songs komponiert und Steffen sowie einen weiteren befreundeten Musiker angeschrieben. Du kannst es Midlife Crisis nennen oder…

BackstagePRO: …wie wäre es mit Midlife Creativity?

Wolfgang Rhein: Supergeil, vielen Dank! (lacht)

BackstagePRO: Ihr habt diese Kreativität genutzt, um eine neue Band zusammenzustellen.

Wolfgang Rhein: Genau. Dazu kam mein Studienfreund Andi Bühler, der ursprünglich aus dem Gothic-Metal kam. Seitdem ist er beim melodischen, emotionalen Punk gelandet und fühlt sich offenkundig sehr wohl. Unser ursprünglicher Bassist hat die Band nach dem ersten Album verlassen, dafür kam Laurin Melchior dazu.

Steffen Blatt: Mit Laurin habe ich jahrelang in der Folk-Rock-Band Idiots in the Crowd gespielt. Er hat eines der ersten Exemplare unseres Debütalbums "The Ghost Behind" gekauft. Ich wusste gar nicht, dass er auch eine Affinität zu Punk hat. Als wir einen Bassisten gesucht haben, habe ich ihn gefragt und er hat sofort zugesagt. Das war ein Volltreffer – er passt wunderbar in die Band.

"BackstagePRO würden wir vermissen"

BackstagePRO: Ihr seid auf BackstagePRO sehr aktiv. Wie nutzt ihr die Plattform?

Wolfgang Rhein: Vor allem zum Netzwerken. Dort suchen Bands Vorgruppen oder Musiker, und wir geben das genauso zurück. Wir posten Ausschreibungen, laden Songs, Videos und Konzerttermine hoch. Ich mag die Plattform, weil sie sehr direkt und unkompliziert ist. Ich würde sie tatsächlich vermissen, wenn es sie nicht mehr gäbe.

Steffen Blatt: Für eine Band wie uns – ohne Label, Booking-Agentur oder Verlag – ist BackstagePRO wirklich eine große Hilfe. Viele Gigs hätten wir ohne die Plattform nie bekommen. Außerdem lese ich die Artikel dort sehr gerne, weil Themen behandelt werden, die auf normalen Nachrichtenseiten oft gar nicht stattfinden.

"Diese Musik hat mich komplett abgeholt"

BackstagePRO: Wie bist du zum Punk gekommen, Wolle?

Wolfgang Rhein: Als kleiner Junge fand ich die Beatles und die Bee Gees mit ihrem mehrstimmigen Gesang großartig. Später hatte ich eine Metal-Phase mit Bands wie Megadeth und Metallica. Mit zwölf oder dreizehn war ich bei Zeltlagern der katholischen Jugend, und die Älteren hatten aktuellen Punk aus Großbritannien dabei. Diese Musik hat mich komplett abgeholt: harte Gitarren, hartes Schlagzeug, verzerrter Bass – aber dazu zwei-, drei- oder vierstimmiger Gesang. Ich habe dann noch viel mehr interessante Bands aus dem erweiterten Genre entdeckt. Für mich war das die perfekte Mischung aus melodischer und harter Musik.

BackstagePRO: Welche Bands waren das?

Wolfgang Rhein: Bands wie Leatherface, HDQ oder Mega City Four, später auch US-Bands wie Samiam – also Punkrock mit einer extrem emotionalen und melodischen Kante. Das ging bis zu den Elektro-Einflüssen von Carter USM. Für mich war es eine Offenbarung, dass man die Pet Shop Boys so weit aufdrehen kann, bis alles explodiert. Das hat mich bis heute nicht losgelassen. Soulscraper sind stark von diesen Bands beeinflusst.

BackstagePRO: Sind eure starken Melodien der Grund dafür, dass ihr in Großbritannien so viele Fans habt?

Wolfgang Rhein: Auf jeden Fall. Das beste Kompliment, das man als deutsche Band in Großbritannien bekommen kann, lautet: "You sound old school British and just fabulous." Britische Bands bekommen das als Muttersprachler natürlich noch besser hin, aber bei uns funktioniert offenbar die Mischung aus klassischen Einflüssen und modernem Sound.

Wie aus einem Online-Konzert eine UK-Tour wurde

BackstagePRO: Gerade in Großbritannien dürfte es schwierig sein, mit Musik erfolgreich zu sein, die sehr britisch klingt.

Steffen Blatt: Absolut. Dass wir dort überhaupt Fuß fassen konnten, war eine Mischung aus Zufall und Glück. Nach unserem ersten Album haben wir unsere Musik auf Facebook promotet und sind dabei auf eine Gruppe von Mega-City-Four-Fans gestoßen. Während der Corona-Pandemie haben die Leute dort Coverversionen aufgenommen und gepostet.

Wolfgang Rhein: Irgendwann kam mir zusammen mit einem anderen dort aktiven Mitglied die Idee, ein Online-Konzert zu spielen, wenn wir uns schon nicht treffen können. Daraus hat sich schließlich alles entwickelt.

Steffen Blatt: Mega City Four haben sich 1996 aufgelöst. Sänger Wiz hatte danach noch andere Bands und starb 2006 an einem Gehirnschlag. Teile der Community haben später eine Stiftung gegründet, die junge Musiker unterstützt und regelmäßig Benefizkonzerte in Farnborough organisiert, dem Heimatort von Mega City Four. Nachdem sie unsere Musik gehört hatten, wurden wir gefragt, ob wir dort im Januar 2025 auftreten wollen.

Wolfgang Rhein: Sie haben erst mich gefragt – und ich habe einfach zugesagt. (lacht)

BackstagePRO:  Du wärst vermutlich auch alleine hingefahren.

Wolfgang Rhein: Ich hätte notfalls auch eine neue Band gegründet, um dort zu spielen.

Steffen Blatt: Wir haben gesagt: "Wir machen das, selbst wenn es nur dieses eine Konzert wird." Aber daraus wurde deutlich mehr. Über die Diaz Brothers aus Sunderland – in denen teilweise ehemalige Mitglieder von Leatherface und HDQ spielen – kamen weitere Kontakte zustande. Für die Band hatten wir 2024 bereits eine kleine Deutschlandtour organisiert. Am Ende standen plötzlich fünf UK-Konzerte auf dem Plan.

"Es ist surreal, mit einem seiner Idole die Bühne zu teilen"

BackstagePRO: Wie waren die Reaktionen vor Ort?

Steffen Blatt: So positiv, dass wir direkt nach der Tour wieder eingeladen wurden. Für 2026 stehen bereits die nächsten fünf Konzerte fest, und weitere Anfragen gibt es auch schon. Es ist verrückt, dass wir in Großbritannien leichter an Gigs kommen als in Deutschland.

BackstagePRO: In welchen Locations spielt ihr dort?

Wolfgang Rhein: Meistens in kleinen, familiären Punkrock-Läden oder Pubs mit vielleicht 60 bis 120 Leuten. Genau wissen wir das oft selbst nicht. Aber die Gigs sind voll mit Menschen, die wirklich Bock auf Punkrock haben.

Soulscraper (2026)

Soulscraper (2026), © Pete Cole

Steffen Blatt: Der erste Gig in Sunderland findet im Museum Vaults statt – das war die Stammkneipe von Dickie Hammond, dem legendären Leatherface-Gitarristen. Wir kennen den Laden schon vom letzten Mal, weil wir damals in der Bandwohnung übernachtet haben.

Wolfgang Rhein: Wir saßen dort bis drei Uhr morgens und haben direkt neben dem Stuhl erzählt, auf dem mein Gitarrenidol Dickie Hammond früher gesessen hat. Das war für mich extrem emotional.

Steffen Blatt: Bei den Diaz Brothers singt David "Golly" Golledge, Dickie Hammonds bester Freund und Trauzeuge. Es ist schon surreal, mit Menschen auf der Bühne zu stehen, deren Musik du seit deiner Jugend hörst. Diesmal spielen wir außerdem mit den Oldfield Brothers, die legendäre Bands wie The Abs und Doctor Bison gegründet haben – und auf ihren Wunsch hin sogar als Headliner. Das ist eigentlich unglaublich.

Wolfgang Rhein: Aber genau diese Haltung gibt es wohl nur im Punkrock: Leute, die weltweit respektiert werden, sich aber trotzdem überhaupt nicht wichtig nehmen. Für mich war es eine Offenbarung, dass Menschen, deren Musik ich seit meinem 13. Lebensjahr höre, mit mir bis tief in die Nacht zusammensitzen und meine Fragen beantworten.

Brexit, Busfahrten und Punkrock als Minusgeschäft

BackstagePRO: Welche organisatorischen Herausforderungen bringt so eine Tour mit sich?

Wolfgang Rhein: Wir brauchen natürlich einen Bus mit genug Platz für das Equipment. Außerdem fahren zwei Freunde mit: Einer hilft uns beim Merch und war schon 2025 dabei, der andere ist ein ehemaliger Roadie von Mega City Four. Er wohnt zufällig in Mannheim und kennt in England gefühlt die halbe Szene. Insgesamt sind wir zu sechst unterwegs.

BackstagePRO: Welchen Bus nutzt ihr?

Wolfgang Rhein: Das Caritas Pflegezentrum Maria Frieden in Mannheim, in dem meine Mutter über 20 Jahre als Heimleitung gearbeitet hat, stellt uns seinen Bus gegen einen Unkostenbeitrag zur Verfügung. Wir fahren damit nach Hook van Holland und setzen von dort mit der Fähre nach Newcastle über.

BackstagePRO: Wie kompliziert ist Touring in Großbritannien seit dem Brexit?

Wolfgang Rhein: Erstmal musst du durch den britischen Zoll und hoffen, dass alles schnell geht. Beim letzten Mal wurden wir eine Stunde lang kontrolliert.

Steffen Blatt: Dazu kommt ein sogenanntes Certificate of Sponsorship, also ein C.O.S. Damit darf man bis zu drei Monate im Vereinigten Königreich als Künstler arbeiten. Außerdem brauchen wir Reisepässe, ein ETA und natürlich vollständige Equipmentlisten inklusive Kaufnachweisen für alle Instrumente.

BackstagePRO: Klingt unkompliziert. (lacht)

Steffen Blatt: Absoluter Wahnsinn. (lacht) Die Initiative Musik hat dazu ein Erklärvideo veröffentlicht – das geht über eine Stunde.

"Wir verdienen mit der Tour kein Geld"

BackstagePRO: Wie finanziert ihr die Tour?

Wolfgang Rhein: Gar nicht. Die Tour ist ein Minusgeschäft – wie bei den meisten Bands. Sobald du einen Proberaum mietest, gibst du Geld aus. Studio, Tonträger, Merch, Streamingplattformen – das alles kostet viel mehr, als jemals wieder reinkommt. Aber wenn du wahrgenommen werden willst, kommst du an Streaming eben nicht vorbei.

BackstagePRO: Trotzdem macht ihr weiter.

Wolfgang Rhein: Klar. Wir betreiben die Band als ernsthaftes Hobby, an dem wir gemeinsam Spaß haben. Zum Geldverdienen ist das ungeeignet – außer vielleicht für die obersten 0,2 Prozent aller Bands. Wir freuen uns über jede verkaufte Platte oder jedes Shirt, das die Tour ein wenig gegenfinanziert. Aber am Ende machen wir das, weil wir Bock darauf haben. Und ganz ehrlich: Ich habe nichts Besseres zu tun.

Steffen Blatt: Wir haben das Glück, dass wir alle vier normale Jobs haben und uns die Tour leisten können. Für uns ist das Bandurlaub. Dafür fahre ich in den Pfingstferien eben nicht mit meiner Familie weg.

"Unsere Familien tragen das mit"

BackstagePRO: Was sagen eure Familien dazu?

Steffen Blatt: Als ich 2024 gesagt habe: "Ich habe die Chance, auf Deutschlandtour zu gehen – das passiert vielleicht nie wieder", meinte meine Frau sofort: "Klar, mach das." 2025 kam dann Großbritannien dazu, und einige Monate später schon die nächsten Anfragen. Da sagte sie nur noch: "Das habe ich mir gedacht." (lacht) Trotzdem unterstützen uns unsere Familien total. Aber natürlich bedeutet das auch, dass meine Frau in der Zeit vieles allein stemmen muss. Dafür sind wir sehr dankbar.

Neues Album und Festivalpläne

BackstagePRO: Habt ihr auch Pläne für Konzerte in Deutschland?

Wolfgang Rhein: Ja. Am 26. Juli spielen wir beim Biergarten Open Air direkt zwischen Bammental und Wiesenbach bei Heidelberg. Der Eintritt ist frei, es gibt selbstgebrautes Bier und ein sehr gemischtes Booking mit Bands, die man nicht überall sieht. Wir spielen dort am Sonntagabend als Headliner.

BackstagePRO: Und wie sieht es mit einem neuen Album aus?

Wolfgang Rhein: Ich habe aktuell ungefähr 45 fertige Songs geschrieben. Daraus werden wir irgendwann ein Album mit etwa zwölf Songs machen – wenn die Zeit aller Bandmitglieder es zulässt. Vorher wird aber gnadenlos aussortiert. Einen festen Zeitplan gibt es noch nicht.

BackstagePRO: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg auf der Tour!

Artists

soulscraper

Punkrock (90's emo style) in the HUGE footsteps of Mega City Four, Leatherface, Doctor Bison, and ALL aus Ludwigshafen am Rhein

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