Unklare Herkunft
Über 300.000 Fans in zwei Wochen: Mutmaßliche KI-Band The Velvet Sundown erobert Streaming-Plattformen
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Das Instagram-Profil von The Velvet Sundown sieht wenig menschlich aus. © Screenshot
Am 24. Juni veröffentlicht das PHILM-Magazin auf seinem Instagramprofil einen Post, der in kürzester Zeit tausendfach geteilt wird. "Diese Band hat 300k Follower und existiert gerade einmal für zwei Wochen. Sie ist außerdem KI.", heißt es dort. Die Rede ist von The Velvet Sundown.
Der Verfasser des PHILM-Posts berichtet, durch eine Story des Künstlers ArtDirtag auf eben jene Band aufmerksam geworden zu sein. Dieser hatte die etwas merkwürdig anmutende Gruppe auf Spotify entdeckt. Nicht nur ihm scheint die Band dort in den letzten Tagen aktiv vorgeschlagen worden zu sein. Laut Reddit-Berichten soll es die Band bis in die ersten Songs von Discover-Weekly-Playlists auf der Streamingplattform geschafft haben.
Update: Inzwischen hat ein "Sprecher der Band" bestätigt, dass es sich bei The Velvet Sundown um ein KI-Produkt handelt.
Verdächtiger Internetauftritt
Vertraut man dem Foto und der Beschreibung auf Spotify, dann handelt es sich bei der Gruppe um eine vierköpfige Psychedelic Rock Band, bestehend aus den Mitgliedern Gabe Farrow, Lennie West, Milo Rains und Orion "Rio" Del Mar. In ihrer Biografie verweist die Band zudem auf ein vermeintliches Billboard Zitat. "Sie klingen wie die Erinnerung an etwas, das man nie erlebt hat, und lassen es irgendwie real erscheinen", heißt es da.
Vermeintlich deshalb, weil aktuell eher unsicher erscheint, ob die Band tatsächlich real existiert. Das Gruppenbild und Bio auf Spotify sowie die Bandbilder auf Instagram wirken KI-generiert. Die Posts der Gruppe haben zum Zeitpunkt des Entstehens dieses Artikels gerade einmal zwischen 10 und 20 Likes, auf Spotify hingegen weist die Gruppe inzwischen bereits über 474.000 monatliche Hörer*innen vor.
Verdächtig ist außerdem, dass keines der Bandmitglieder online auffindbar ist. Es exitieren keine Social-Media-Profile, keine Interviews, keine Hinweise auf vergangene Auftritte. Auch die Credits der Songs auf Spotify werfen Fragen auf: Als Hauptkünstler*in, Komponist*in und Texter*in werden lediglich The Velvet Sundown aufgeführt. Ein Produzent bzw. eine Produzentin wird hingegen nicht gelistet.
Auffallend produktiv
Ebenfalls auffällig: Obwohl die Band erst seit weniger als einem Monat zu existieren scheint, hat sie bei Spotify bereits zwei Alben am Start. Während "Dust And Silence" dort am 20. Juni 2025 veröffentlicht worden ist, erschien ihr Debüt "Floating On Echoes" gerade einmal 15 Tage zuvor. Das dritte Album "Paper Sun Rebellion" ist bereits für den 14. Juli 2025 angekündigt.
Doch nicht nur die Repräsentation der Band lässt misstrauisch werden, auch die Musik selbst weist Ähnlichkeiten zu anderen KI-generierten Songs auf. musicradar etwa beschreibt die Werke der Gruppe wie folgt:
"Was die Musik selbst betrifft, so trägt der Country-angehauchte Roots-Rock der Band das unverkennbare Lo-Fi-Finish einer Suno-Kreation, ist aber überzeugend genug, um in einer Playlist zwischen zwei authentischen Songs unentdeckt zu bleiben."
Erfolgreich durch Bots?
Das Musikmagazin Stereogum vermutet hinter der hohen Anzahl an Streams das Wirken von Bots. Spotify behandelt KI-generierte Werke zum aktuellen Zeitpunkt genau wie andere Veröffentlichungen, will nach eigener Aussage aber eigentlich gegen Streamingfraud-Praktiken wie die Verwendung von Bots vorgehen.
Stereogum berichtet auch, dass The Velvet Sundown Songs laut Berichten ihrer Leser*innen bereits in mehreren nutzergenerierten Playlists gefunden werden können und bestätigt die Reddit-Berichte darin, dass die Band in den algorithmisch gesteuerten Empfehlungen der App aufzutauchen scheint.
Nur Deezer kennzeichnet als KI-Musik
Doch nicht nur Spotify ist betroffen, auch auf Apple Music, Amazon Music und Deezer findet sich die Musik der Band. Lediglich das Deezer Profil enthält einen Hinweis auf die mögliche Herstellung mit KI: "Some tracks on this album may have been created using artificial intelligence." heißt es dort.
Der französische Streaminganbieter hat ein eigenes KI-Erkennungstool entwickelt. Erst im Juni 2025 hatte Deezer bekannt gegeben mithilfe dieses Tools zukünftig für mehr Transparenz auf der eigenen Plattform sorgen zu wollen. Auch Bei Instagram werden einige Posts durch KI-Info ergänzt.
Befremden und Sorge
Die Reaktionen auf die Musik von The Velvet Sundown fallen gemischt aus. Auf Instagram vertritt ein Nutzer die Meinung, The Velvet Sundown seien eine tatsächliche Band und der KI-artige Auftritt eine Marketingstrategie. Andere Hörer*innen befinden das Album trotz womöglichem KI-Zutun als gelungen.
Die meisten Äußerungen drücken jedoch Befremden und Sorge aus. Der Gedanke, dass Musik mit unklarer Herkunft so erfolgreich sein kann, wirft Fragen auf: Nach Authentizität, Kontrolle – und künstlerischem Urheberrecht.
Nicht der erste Fall
In der Vergangenheit gab es bereits den ein oder anderen Fall, in dem ein KI-generiertes Lied eine große Reichweite erlangen konnte. So etwa im Fall des 2023 aufgetauchten vermeintlichen Drake und The Weeknd Song "Heart On My Sleeve" oder dem von Butterbro veröffentlichen Song "Verknallt in einen Talahon", der es im Sommer 2024 bis in die deutschen Charts geschafft hat.
Ein aktueller Artikel von Tim Ingham für Music Business Worldwide trägt weitere Fälle zusammen, die zeigen, dass in KI-generierte Musik von Fake-Artists auf Streamingplattformen tatsächlich immer beliebter zu werden scheint.
Der Artist Aventhis etwa zieht monatlich über eine Millionen Hörer*innen an und verfügt über seine eigene, durch Spotify generierte "This Is Aventhis"-Playlist. In einem Kommentar auf YouTube soll der Besitzer des Aventhis-Kanals erklärt haben, dass sowohl Stimme als auch die Bild (image) von Aventhis mithilfe von KI erstellt worden seien, die Lyrics hingegen von ihm stammen. In den Credits wird eine Person mit dem Namen David Vieira als Autor und Produzent genannt.
Spotify schlägt KI-Musik vor
Nachdem Ingham angefangen habe, die Musik von Aventhis zu hören – die ihm durch den Spotify Algorithmus nahegetragen worden war – wurde ihm schon bald weitere KI-Musik vorgeschlagen, darunter von der "Band" "The Devil Inside", die sogar über eigenes Merch verfügt.
Er erinnert außerdem an den KI-Artist Nick Hustles, der ihm schon vor Aventhis von der Plattform "gepitcht" worden war. Mit 70er-Jahre-Sound und teilweise anstößigen Lyrics konnte dieser auf Spotify mehr als 200.000 monatliche Hörer*innen generieren und sogar die Aufmerksamkeit von 50 Cent auf sich ziehen. Dieser teilte erst vor kurzem ein Video mit seinen 35 Millionen Instagramfollowern, indem er zu einem Song von Nick Hustles singt.
Anders als bei den anderen Beispielen ist in diesem Fall kein Geheimnis, wer hinter dem "Projekt" steckt: Nick Arter, der sich selbst als "Songwriter I Lyricist I AI Storyteller I Music Futurist" beschreibt.
Ingham sieht die Flut an KI-Musik auf Spotify und anderen Plattformen als echtes Problem, das dadurch noch verschärft wird, dass die KI-Profile teilweise aufeinander verweisen, etwa über die "Was anderen Fans gefällt"-Sektion.
KI-Plattformen erfahren Gegenwind
Tatsächlich gibt es inzwischen Musikgenerierungs-Plattformen, die Werke erstellen, die sich häufig nicht mehr durchs Hören alleine als KI-generiert herausstellen. Manchmal liefern erst der Blick auf das Profilbild der Artists oder in deren Vergangenheit (gibt es einen digitalen Fußabdruck?) den notwendigen Hinweis. Eine Entwicklung, die nicht nur bei Musikfans und Künstler*innen zu Unmut führt.
Musikgenerierungs-Plattformen wie Suno und Udio sehen sich seit Monaten mit juristischem Gegenwind konfrontiert. Sowohl die GEMA als auch die Major Labels haben die Plattformen verklagt und ihnen vorgeworfen, urheberrechtlich geschützte Werke ohne Berechtigung für das Training ihres KI-Modells verwendet zu haben. Teilweise seien auf diesem Wege durch die KI-Plattformen Songs entstanden, die große Ähnlichkeiten zu eben diesen lizenzierten Werken aufweisen.
Gemeinsam haben die Klagen und auch die besorgten Reaktionen auf KI-Artists wie The Velvet Sundown insbesondere eines: Die Sorge, dass die wirtschaftliche Verwertung von Original-Werken drch die Rechteinhaber*innen durch KI-Produktionen beeinträchtigt wird.

Screenshot der Spotify-Präsenz von The Velvet Sundown, © The Velvet Sundown
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