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Spannende Firmengeschichte, großes Jubiläum

40 Jahre Innovation: Im Gespräch mit Produktspezialist Jan Möller von BOSS

Interview von Enrico Hiller
veröffentlicht am 21.12.2017

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40 Jahre Innovation: Im Gespräch mit Produktspezialist Jan Möller von BOSS

"BOSS-Pedale sind unverwüstlich" – Jan Möller von BOSS blickt stolz auf das 40-jährige Jubiläum. © (privat)

DS-1 CE-2, RC-30 oder ME-5. Derartige Kurzformen für Gitarreneffekte zählen längst zum Grundwortschatz des modernen Gitarristen. Auf die Pedale der Firma BOSS ist vermutlich jeder Musiker schon einmal getreten und in den seltensten Fällen gestolpert. Anlässlich des 40. Jubiläums von BOSS hatten wir Gelegenheit, mit Jan Möller (Product Specialist Guitar Sales) über alte und neue Geschichten aus dem Hause des japanischen Innovationsriesen zu sprechen.

Backstage PRO: Hallo Jan! 40 Jahre Firmenhistorie – da kommt sicher ganz schön was zusammen?! Die Anfänge von BOSS liegen in den 1970er Jahren, einer Zeit, in der das Angebot an Peripheriegeräten für Gitarristen noch ziemlich dünn gesät war. Woher kam die Idee, in diesen jungen Markt einzusteigen?

Jan Möller: Roland hat in seinen Anfängen elektronische Instrumente wie z.B. Drumcomputer hergestellt. Außerdem war das Unternehmen für Effekte wie den Space Echo RE 201 bekannt. Der Schritt lag deshalb nahe, auch Effekte explizit für Gitarristen zu bauen.

Der Name BOSS stammt von einem Roland Akustik-Preamp, der "The Boss" heißt. Ausgehend von diesem Gerät kamen Effekte und teilweise auch Drumcomputer unter dem Label BOSS auf den Markt.

"Die meisten Gitarristen sind sehr konservativ"

Backstage PRO: Gab es spezielle Herausforderungen, die ihr meistern musstet, um als Effekthersteller auf dem Markt Fuß zu fassen?

Jan Möller: Wenn man sich die Geschichte von Roland und BOSS ansieht, ist die Herausforderung immer dieselbe gewesen: Innovation. Jeder Hersteller begibt sich mit Neuprodukten auf dünnes Eis, weil – und das ist absolut nicht negativ gemeint – die meisten Gitarristen sehr konservativ sind, gerade in der heutigen Zeit.

Backstage PRO: Welche Auswirkung hat das für neue Produkte?

Jan Möller: Es dauert sehr lange, bis ein neues Produkt mit neuen Möglichkeiten am Markt Fuß fasst, weil die Gitarristen Zeit benötigen, um die neuen Features für sich zu entdecken und in den musikalischen Kreativprozess zu integrieren.

So kommt es, dass Produkte, die einst auf Ablehnung gestoßen sind und deshalb in geringen Auflagen produziert worden, auf einmal zu seltenen Klassikern werden. Diese sind dann kaum noch oder nur zu horrenden Preisen auf dem Gebrauchtmarkt erhältlich. Ein Beispiel dafür ist das bereits erwähnte Tape Echo oder der CE-1 (Demovideo).

"Manche unserer Sounds sind unmöglich zu kopieren"

Backstage PRO: Offensichtlich konntet ihr Musikschaffende damals wie heute mit euren Produkten überzeugen. Aus heutiger Sicht wird den Compact-Pedals von Roland/BOSS maßgeblicher Einfluss auf den Sound der 70er, 80er und 90er Jahre zugeschrieben. Nicht nur deshalb gelten sie längst als Klassiker. Kannst du kurz zusammenfassen, um welche Geräte es sich dabei handelt?

Jan Möller: Na klar! Viele davon sind so oder so ähnlich auch noch zu haben. Gerade wieder in einer Sammlerbox aufgelegt wurden zum Beispiel der OD-1, SP-1 und der PH-1, also Overdrive, Spectrum und Phaser. Aus derselben Zeit stammen der CS-1 (Kompressor), der GE-6 (Equalizer) und der TW-1 (Touch Wah). Der wohl bekannteste und bis heute am meisten verkaufte Bodentreter ist das Distortion Pedal DS-1.

Backstage PRO: Gib uns doch mal ein paar Beispiele, wer eure Geräte verwendet hat und auf welchen berühmten Produktionen ihr Sound zu hören ist?

Jan Möller: Ein gutes Beispiel ist Andy Summers von The Police, der unter anderem den PH-1 und den OD-1 verwendet hat. Zu meinen persönlichen Favoriten zählen auch Nirvana, die mit einem DS-1 Karriere gemacht haben. Eine der wohl bekanntesten Aufnahmen weltweit, "Nothing Else Matters" von Metallica, wurde mit einem JC-120 Verstärker aufgenommen. Es ist bis heute fast unmöglich, die Transparenz und die Klangfarbe dieses Chorus nachzubilden.

"BOSS-Pedale sind unverwüstlich"

Backstage PRO: Was zeichnete eure Pedale gegenüber anderen Produkten auf dem damaligen Markt, z.B. MXR, besonders aus?

Jan Möller: Die damals produzierten Pedale sind bis heute unverwüstlich. Es gibt nahezu keine Rückläufer wegen Qualitätsmängeln und die Zuverlässigkeit sucht vor allem auf der Bühne ihresgleichen. Die Schalter agieren absolut geräuschlos. Über Sound lässt sich immer streiten, dennoch denke ich, dass Boss-Pedale klanglich eine sehr hohe Qualität bieten und das in einem mehr als akzeptablen Preisrahmen.

Ich sage immer wieder gerne: Der VW unter den Pedals: erschwinglich, robust und bringt einen zuverlässig von A nach B.

"Spektakulärer Sound – ob analog oder digital"

Backstage PRO: Das Innenleben einiger eurer Treter ist mittlerweile digital geworden. Andere hingegen funktionieren nach wie vor rein analog und nach dem originalen Schaltplan. Digitalen Effekten wird nicht selten eine gewisse "Kälte" und ein "steriler Klang" attestiert. Was ist dran an diesem Mythos?

Jan Möller: Die Weiterentwicklung der digitalen Technik ist eine der Innovationen, von denen ich oben gesprochen habe. Es wird zwar nach wie vor behauptet, dass die Digitaltechnik nicht dieselbe Färbung mit sich bringt, wie vergleichbare analoge Pedale. Das mag zwar in den Anfängen so gewesen sein, ist aber längst nicht mehr der Fall.

Backstage PRO: Das heißt, es gibt keinerlei hörbare Klangunterschiede zwischen den alten analogen BOSS-Modellen und ihren digitalen Neuauflagen?

Jan Möller: Erst kürzlich habe ich mit Youri de Groote einen interessanten Versuch gewagt:

Das MS-3 funktioniert ähnlich wie ein Multieffektgerät, bei dem man die Effektkette beliebig verändern kann. Zudem hat es drei externe Effektschleifen. An diese haben wir drei analoge BOSS Pedale aus den 80ern, original in Japan gebaut, angeschlossen und einen externen Fußschalter so programmiert, dass er zeitgleich den internen Digitaleffekt ausschalten und die Effektschleife, also das externe Analogpedal, aktivieren konnte. Sowohl die virtuellen als auch die analogen Regler standen auf 12 Uhr.

Backstage PRO: Was war das Ergebnis?

Jan Möller: Das Ende vom Lied war, dass wir die Regler der analogen Pedals verstellen mussten, um zu beweisen, dass der Footswitch überhaupt eine Funktion hatte, da niemand in der Runde den Unterschied hören konnte. Natürlich gibt es auch abgesehen vom Sound viele gute Gründe, sich weiterhin ein analoges Pedal zu kaufen. Z.B. eine komplett analoge Effektkette oder Regler, die ich im direkten Zugriff habe und in die Hand nehmen kann. Das Experiment mit dem Soundvergleich jedenfalls war spektakulär.

"Never Change a Winning Team"

Backstage PRO: Warum bleibt ihr beim CE-2 oder dem OD-1 der analogen Bauweise noch immer treu?

Jan Möller: Die vorhin erwähnte Stabilität resultiert unter anderem aus der Form der Stomp Boxes. Die Verwendung der Bodentreter hat sich auch nicht geändert. "Never Change a Winning Team" kann ich da nur sagen.

Backstage PRO: Lass uns doch mal auf eine Auswahl eurer aktuellen Produkte blicken. Was gibt es Neues aus dem Hause BOSS?

Jan Möller: BOSS ist ständig dabei, neue Innovationen auf den Markt zu bringen.

Zu den aktuellen Neuerscheinungen seit 2016 zählen unter anderem: die extrem erfolgreiche Katana-Serie (Amp), die Ergänzung der 500er Serie durch den MD 500 (Multi-Modulation) und den RV 500 (Multi-Reverb) oder der MS-3 (Loop-Switcher). Auch der Akustik-Gitarrist, wie ich einer bin, kommt nicht zu kurz. Das AD-2 (Akustik Preamp mit Studio Hall) sollte man unbedingt ausprobieren, genauso wie den ACS (Amp) oder den brandneuen AD-10 (Akustik Preamp).

"Die Katana-Reihe – ein Erfolgsrezept"

Backstage PRO: Mit der Katana-Reihe stellt ihr nun erstmalig komplette Gitarrenverstärker unter dem Label BOSS vor, die mit zahlreichen Features glänzen und dabei noch erschwinglich bleiben. Was kann der Katana und was macht ihn zu einem weiteren Innovationsprodukt der Firma BOSS?

Jan Möller: Das Erfolgsrezept hat zwei wesentliche Zutaten: Der Amp ist für jeden sehr leicht zu bedienen und klingt einfach organisch. Zusatzfeatures wie ein kostenloser Editor, durch den die 15 internen Effekte per Software mit anderen ausgetauscht und als Preset gespeichert werden können, machen den Amp noch attraktiver.

Backstage PRO: Neben dem Katana Amp und dem BOSS ACS kennt man Produkte aus dem Bereich digitale Gitarrenverstärker eher durch den Namen Roland (z.B. die Cube Serie oder der legendäre Jazz Chorus). Kannst du kurz Aufschluss über den etwas verwirrenden Zusammenhang zwischen den Namen Roland und BOSS geben?

Jan Möller: Das ist keine leichte Frage. Ich denke das kommt aus der Historie. Nachdem man angefangen hat Gitarrenprodukte unter dem Namen BOSS rauszubringen, gehörten andere Produkte, unter anderem auch die Verstärker, weiter zu Roland.

In den letzten Jahren gab es immer mehr Gitarrenverstärker, die auch mit Features ausschließlich für Gitarristen bestückt waren. Daher kommt wohl die Verwirrung. Inzwischen trennen wir wieder zwischen Gitarrenamps und Roland-Amps, die eher für Schlagzeuger oder Keyboarder gebaut werden. Zu den letzten Gitarrenverstärkern unter dem Namen Roland zählen die Blues Cubes und traditionell die JC-Verstärker.

"Mitbewerber sehen wir positiv"

Backstage PRO: Seit dem Jahr 2005 gibt es auf dem Markt eine regelrechte Flut an Boutique- und Edelpedalen. Man bekommt den Eindruck eines starken Trends in Richtung Individualität. Wie geht ihr als Hersteller von Serienmodellen mit dieser Entwicklung um?  

Jan Möller: Was für ein Sinn würden denn Pedale oder einzelne Stomp Boxes machen, wenn man sie nicht mit anderen kombiniert? Unser Geschäft wäre nur halb so interessant und halb so erfolgreich, wenn es weniger Mitbewerber geben würde. Wir sehen das durchweg positiv.

"Stets im Kontakt mit Endkunden"

Backstage PRO: Im Vorfeld zu diesem Interview habe ich mir in sozialen Medien ein paar Meinungen zu den BOSS-Effekten eingeholt und war wirklich überrascht, wie schnell und zahlreich positives Feedback die Kommentarzeilen flutete. Wie wichtig ist euch der Kontakt zur Zielgruppe und wie stellt ihr ihn her?

Jan Möller: Der Kontakt zum Endkunden ist enorm wichtig. Ein großer Teil meines Jobs besteht darin, mich mit den Händlern im Verkauf und auch deren Kunden über die Treter auszutauschen. Ich bin froh über jede positive, aber auch negative Kritik. Ich gebe Wünsche und Anregungen sehr gern weiter und freue mich zu sehen, wie manches davon in Updates oder neuen Produkten Verwendung findet. Das gleiche gilt natürlich auch für Facebook und andere Plattformen, über die man mit uns in Kontakt treten kann.

Backstage PRO: Gebt ihr euren Endkunden neben den Produkten selbst noch weitere Anreize, sich bewusst für BOSS zu entscheiden?

Jan Möller: Ja klar! Der Austausch mit den Usern ist uns wichtig. Deswegen gibt es auch öfter Workshops in denen wir Geräte erklären und zeigen, wie man mit ihnen ans gewünschte Ziel kommt. Es gibt auch online immer wieder tolle Aktionen wie aktuell den "BOSS Collectors Club". Das ist eine Plattform, auf der man seine gekauften Pedale registrieren kann. Für jede Registrierung bekommt man eine kleine Prämie und beim vierten Pedal gibt es sogar eines gratis!

"Endorsements regen spannende Projekte an"

Backstage PRO: Wo wir gerade bei Gratis-Equipment sind – wie steht ihr zu Endorsements und an wen vergebt ihr sie?

Jan Möller: Da Roland und BOSS international agieren, wird über Endorsements nicht von jedem Land einzeln entschieden, sondern in unserer europäischen Zentrale in England oder gar in Japan. Dabei handelt es sich dann meist um sehr große Acts.

Natürlich haben wir auch in Deutschland jemanden, der die hiesigen Künstler betreut. Ausgehend von vielen lokalen Anfragen, die bei uns eingehen, starten wir dann die eine oder andere Zusammenarbeit. Dabei sind schon viele sehr interessante Projekte entstanden.

"Auch im Beruf nahe am Geschehen sein"

Backstage PRO: Nicht wenige Musiker sehen im Bereich des Musikequipment-Marktes Chancen für ihre eigene berufliche Zukunft, wenn es mit der Musik allein nicht klappen sollte. Welche Karrieremöglichkeiten bietet ihr als Global Player und welche Arten von Jobs findet man in eurem Unternehmen?    

Jan Möller: Da gibt es einige Möglichkeiten sich zu verwirklichen. Es gibt natürlich so einige Büro- oder Lager-Jobs, was sicherlich nicht das ist, was die meisten Musiker gerne machen würden. Je nach Aufstellung erweitern wir von Zeit zu Zeit unser Sales-Team. In einem solchen Job ist man als Musiker schon näher am Geschehen, fährt die Händler eines Gebietes ab und muss natürlich die Produkte bis zu einem bestimmten Grad kennen.

2017 hatten wir einen sehr hohen Eventanteil. Da waren auch die eben erwähnten Projekte dabei. Wir haben Künstler mit auf Tour genommen und mit ihnen zusammen Workshops gegeben oder Videos gedreht. Jeder Musiker war über diese Aufträge dankbar und wir hatten einen Heidenspaß.

"Produktspezialist – ein Traumjob"

Backstage PRO: Du selbst übst bei BOSS den Beruf mit der kompetenzversprechenden Bezeichnung "Product Specialist" aus. Was steckt dahinter?

Jan Möller: Den besten Job habe natürlich ich. Als Produktspezialist kümmere ich mich um die ganzen Neuheiten, stelle diese vor und kommuniziere zwischen den Ländern. Der Reiseanteil ist sehr hoch, wodurch ich in vielen Städten unzählige interessante Menschen kennenlerne. Meine Kollegen aus den Bereichen Drums, Piano, Synth/DJ und ich versuchen das ganze Fachwissen über die Produkte in der Firma zu bündeln, weshalb man in vielen Dingen zum Ansprechpartner wird. In Deutschland gibt es allerdings nur vier Produktspezialisten.

Backstage PRO: Dann bedanke ich mich für das spannende Interview mit jeder Menge nerdigem Gitarren-Talk. Alles Gute für weitere 40 Jahre Firmenhistorie und die nächsten drei bis 236 Bodentreter!

Unternehmen

ROLAND Germany GmbH

Anbieter für elektronische Musikinstrumente

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