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Kommst du nicht mehr klar?

Grenzenloser Equipment-Kaufzwang: So wirkst du dem “Gear Acquisition Syndrome” (GAS) entgegen

Tipps für Musiker und Bands von Konrad Ower
veröffentlicht am 24.01.2018

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Grenzenloser Equipment-Kaufzwang: So wirkst du dem “Gear Acquisition Syndrome” (GAS) entgegen

Die nächste geile Klampfe oder der neuste Top-Amp ist immer eine Versuchung wert? Dann leidest du eventuell an GAS. © MKB 2017

In Zeiten von großen Events wie NAMM oder der Musikmesse Frankfurt juckt es besonders, denn dann werden reihenweise neue Instrumente und anderes Gear vorgestellt. Wie kann man dem Kaufreiz bloß widerstehen?

„Das Gras ist grüner auf der anderen Seite des Zauns“ – so oder ähnlich ergeht es nicht selten vielen Musikern. Es gibt immer den einen Amp oder die eine Gitarre, mit dem oder der man defintiv viel besser spielen könnte, oder ein Effektgerät, das dem eigenen Sound wirklich den allerletzten Schliff verpassen würde. Oder wie wäre es mit diesem neuen Synthesizer, der allerlei Schnickschnack an Bord hat, oder dieses eine Audio-Interface, mit dem alle Aufnahmen zweifellos besser klingen würden – die Beispiele sind vielfältig.

Es gibt natürlich einerseits die Sammler, die statt Briefmarken (macht das irgendwer heutzutage noch?) nunmehr Spielekonsolen oder gar Autos sammeln. Andererseits gibt es diejenigen, die mehr und mehr Kram aus dem Grund anhäufen, dass sie dadurch produktiver und schlichtweg besser in ihren jeweiligen musikalischen Unterfangen werden. Leider ist genau das oftmals ein Trugschluss und man stellt nach und nach fest, dass der neue Kauf nicht die erhoffte Erleuchtung bringt.

Doch wie kann man diesem Gefühl entgegenwirken, dem “Gear Acquisition Syndrome”, wie es liebevoll genannt wird? Denn die Konsequenzen können gar nicht so niedlich sein:

Von allgemeiner Unzufriedenheit bis zu einer potentiellen Verschuldung, weil man immer das Neueste und Beste haben muss, reichen die möglichen Folgen. Die allererste ist so banal wie naheliegend: Es bremst deine Produktivität aus und du erfüllst dein mögliches Potential nicht.

Doch wie wirkt man dem entgegen? Die folgenden Tipps können zumindest einen Anfang darstellen.

1. Limitiere deine Ausgaben

Hochwertigere und daher leider teurere Geräte sind in der Regel schlichtweg zuverlässiger, und du kannst dich auf die Musik konzentrieren, anstatt dich mit Wackelkontakten und Rauschen zu beschäftigen. Deswegen ist es sogar empfehlenswert, deinen Fuhrpark an Geräten nach und nach zu erweitern – solange du es dir leisten kannst.

Es ist daher ratsam, dir ein bestimmtes Budget zu setzen, welches von deinem Einkommen abhängt. Ob monatlich oder jährlich, sei dir überlassen. Es ist natürlich keine genaue Wissenschaft, innerhalb dieser Grenzen zu bleiben, aber es ist zumindest ein Richtwert im Hinterkopf. Die Belohnung dafür ist, dass du dein Equipment mit einem absolut reinen Gewissen erweitern kannst!

Siehe eine Budgetplanung auch als Chance, statt als Einschränkung. So musst du dir als aufstrebender Vollzeitmusiker beispielsweise nicht immer Gedanken um die nächste Miete machen oder wie du dir deinen nächsten Einkauf leisten sollst.

2. Hast du das volle Potential deines jetzigen Equipments ausgeschöpft?

Als kreativer Mensch ist man absolut gegen Stillstand – sei es künstlerischer oder anderer Art. Deswegen fällt es kreativen Menschen grundsätzlich schwer, im Hier und Jetzt zu leben. Es zählt immer, wie man weiterkommt, und dazu gehört auch, bessere Hardware zur Verfügung zu haben.

Ein kurzes Innehalten ist daher manchmal nicht verkehrt – nennen wir es mal „Reality Check“. Dabei kann man sich mal darüber Gedanken machen, was man eigentlich momentan besitzt, ob man wirklich das ganze Potential dessen ausgeschöpft und nicht nur ein paar Mal eben kurz die Presets ausprobiert hat.

Warum hast du dir das eine oder andere Gerät gekauft und welche Funktionen waren dir damals wichtig? Stellst du fest, dass du dich schlichtweg aus Zeitgründen nie so richtig damit beschäftigt hast, dann nimm dir zunächst einmal diese Zeit. Ziehe danach eine Bilanz und frage dich, ob der nächste Kauf wirklich alle deine vermeintlichen Probleme mit dem momentanen Pendant löst.

3. Brauchst du bestimmtes Equipment auf Dauer oder eher kurzfristig?

Planst du beispielsweise eine neue Recording-Session mit deiner Band in Eigenregie, dann ist es absolut nicht notwendig, sich High-End-Mikrofone, Vorverstärker oder Audio-Interfaces mit unendlich vielen In- und Outputs wirklich selbst zu kaufen – selbst große Studios leihen sich Equipment bei entsprechenden Verleihern aus! Das trifft auch auf sündhaft teure Vintage-Gitarren zu.

Wenn man bestimmtes Equipment nur für einen bestimmten Zweck braucht, dann muss man es definitiv nicht besitzen. Informiere dich bei lokalen Verleihern nach ihrem Fuhrpark und frage auch gleichzeitig unbedingt nach, ob es eine dazugehörige Versicherung gibt. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kann schließlich immer was passieren.

Sogar die „Großen“ machen das, denn welche Band setzt bei Touren ihre komplett eigene Backline ein? In den meisten Fällen wird natürlich alles angemietet und am Ende wieder zurückgegeben. Der Vorteil liegt auf der Hand: Man hat zumeist immer die neuesten Modelle, muss sich nicht um Reparaturkosten sorgen und hat ansonsten auch viel weniger Stress und schlaflose Stunden.

4. Finde eine günstigere Alternative, die zum Einsatz passt

Du hast alle oben genannten Punkte durchgelesen und bist zu dem Fazit gekommen, dass es dir dennoch an etwas fehlt? Dann mag ein Kauf durchaus sinnvoll sein. Bevor du aber das vielbeworbene Edel-Modell kaufst, frage dich, ob es vielleicht eine etwas kostengünstigere Variante gibt, die dir alle Hauptvorteile des „Originals“ gibt, aber dafür im Idealfall viel unnötigen Schnickschnack weglässt.

Was benötigst du also genau? Willst du einen bestimmten Klang, der durch ikonische Studiogeräte erzeugt wird? Brauchst du den originalen Sound eines SSL-Pultes oder kannst du den Klang vielleicht durch Hardware-Klone oder Plugin-Emulationen erreichen? Vielleicht nicht hundertprozentig, aber es besteht durchaus die Chance, dass du nahe rankommst. Bedenke dabei, dass ein guter Klang zwar essentiell ist, aber dass die eigentliche Musik letztendlich der Fokus sein muss.

Den konkreten Einsatzzweck zu bedenken dürfte des Weiteren auch nicht verkehrt sein. Ein Edelsynthesizer mit WLAN und beleuchteten Tasten ist vielleicht nicht die ideale Wahl, wenn du ein gut klingendes, aber robustes Gerät für Liveeinsätze brauchst.

5. Teures Equipment ungleich kreative Goldader!

Wenn man bedenkt, unter welchen vergleichsweise haarsträubenden technischen Limitierungen viele Klassiker der Musikgeschichte aufgenommen wurden, kann man sich zu Recht fragen, ob gutes Equipment automatisch für gute Musik sorgt? Keineswegs!

Anstatt also vor unendlichen Möglichkeiten zu stehen, die man heutzutage theoretisch hat, ist es nicht verkehrt, auch mal einen Schritt zurückzutreten. Fasse zusammen, was du besitzt und mache dir einen Plan, wie du gewisse Dinge kompensieren kannst. Siehe Gear-Limitierungen nicht als Einschränkung, sondern betrachte sie als Chance, aus denen du einiges lernen kannst.

Neue Dinge zu kaufen und auszuprobieren ist natürlich wunderbar und schön. Dabei vergisst man aber das Wichtigste: was letztendlich dabei herauskommt. Es ist viel wichtiger, Songs zu Ende zu bringen und konkrete Ergebnisse in der Hand zu haben, anstatt immer nur von deiner nächsten großen Soundrevolution zu träumen.

Wer beurteilt deine Musik letztendlich danach, welche teuren Preamps oder Vintage-Gitarren du verwendet hast? Nur die wenigsten. Es wird vielmehr darum gehen, ob die Musik bei ihnen Emotionen und eine persönliche Verbindung auslöst. Darauf kommt es an.

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