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"wir sehen die bahnstadt als große chance"

Interview mit Felix Grädler von der Halle02 in Heidelberg

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 21.05.2012

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Interview mit Felix Grädler von der Halle02 in Heidelberg

Felix Grädler, Geschäftsführer der Halle02. © Halle02

Große Veränderungen vollziehen sich derzeit in der unmittelbaren Nachbarschaft der Heidelberger Halle02. Auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs entsteht ein neuer Stadtteil, die sogenannte Bahnstadt. Die Halle02 steht vor der Herausforderung, sich diesem neuen Umfeld anzupassen.

In unserem Locationguide können über 1000 Live-Clubs anhand von Musikerbewertungen und exklusiven Informationen (bevorzugtes Genre, Größe, Backstagesituation, Technik etc.) recherchiert werden. Auch die Clubbetreiber und Veranstalter selbst sollen bei Backstage PRO zu Wort kommen und sich zu Branchenthemen äußern. Diesmal sprachen wir mit Geschäftsführer Felix Grädler über die Zukunft der Halle02 in Heidelberg, den Nutzen von Clubvereinigungen und warum er zum Ende des Jahres alle Verträge gekündigt hat.

 

Felix Grädler in der leeren Halle02.

Felix Grädler in der leeren Halle02.

Backstage PRO: Die Zukunft der Halle02 ist im Augenblick in der Schwebe, weil der Mietvertrag ausläuft. Wie ist die aktuelle Situation?

Felix Grädler: Im Grunde unverändert. Wir führen gerade Gespräche über eine Verlängerung des Mietvertrages mit der Stadt Heidelberg, dem Eigentümer des Gebäudes. Damit die Halle02 im Umfeld der neuen Bahnstadt weiterbestehen kann, muss sie komplett saniert werden. Die alte Lagerhalle genügte dem bisherigen Umfeld, aber nicht dem neuen Stadtteil, der im Augenblick um uns herum entsteht.

Sie sehen es also so, dass die Halle02 für das jetzt dort entstehende Umfeld eine Aufhübschung benötigt?

Felix Grädler: Nein, das sehe ich nicht so. Im Gegenteil, ich glaube, dass die Halle02 aufgrund ihres Aussehens ein identitätsstiftendes Merkmal dieses neuen Stadtteils werden kann, weil sie sozusagen als letztes Fragment an die frühere Nutzung als Bahnanlage erinnert. Aber die Halle benötigt eine Sanierung von innen: Vor allem wollen wir die Halle auf den aktuellen Stand der Energie- und Lärmtechnik bringen, damit sie mit den hier entstehenden Wohn- und Büroräumen gemeinsam existieren kann. Von außen werden sich die Veränderungen in Grenzen halten.

Wie beurteilen sie die Situation – als Chance oder als Bedrohung?

Felix Grädler: Wir sehen es als große Chance, eine gewachsene Struktur in einen neuen Stadtteil zu integrieren und dadurch zu einem identitätsstiftenden Element bzw. zu einem kulturellen Mittelpunkt werden zu lassen. In einem neuen Stadtteil sind solche Punkte ja selten. Selbstverständlich erhalten wir auch ein neues Publikum. Daher haben wir immer darauf hingearbeitet, die Chance auch zu nutzen.

Wie beurteilt die Stadt Heidelberg ihr Konzept?

Felix Grädler: Denjenigen, denen wir es vorgestellt haben, finden es gut. Wir erhalten positives Feedback.

Erhält die Halle02 im Augenblick städtische Förderung?

Felix Grädler: Wir bekommen 35.000 Euro im Jahr.

Das heißt, sie müssen den überwiegenden Teil ihres Budgets erwirtschaften?

Felix Grädler: Ja, ungefähr 98%. Ein soziokulturelles Zentrum wie der Karlstorbahnhof, der im Übrigen ausgezeichnete Arbeit leistet, erhält im Jahr einen hohen sechsstelligen Betrag von Stadt und Land.

Wie viele Menschen arbeiten für die Halle02?

Felix Grädler: Wir haben fast zwanzig feste Mitarbeiter.

In der Halle02 finden ja auch viele Diskotheken-Veranstaltungen statt. Wie beurteilen sie unter diesem Gesichtspunkt die neuen GEMA-Tarife für Discotheken?

Felix Grädler: Wenn diese neuen Tarife in Kraft treten, dann müssen wir zumachen! Sofort!

In welchem Umfang würden ihre GEMA-Gebühren erhöht werden?

Felix Grädler: Ich habe die Zahlen nicht parat, aber die Erhöhung ist so immens, ich glaube nicht, dass ein einziger Diskotheken-Betreiber die mittragen kann. Wenn man diese Erhöhung auf den Endkunden umlegen würde, dann würde niemand mehr Clubs besuchen und sich stattdessen aufgrund der massiv höheren Eintrittspreise eine andere Freizeitbeschäftigung suchen.

Das Problem ist zudem: Wenn man die Eintrittspreise erhöht, steigen auch die GEMA-Gebühren.

Felix Grädler: Richtig.

Das heißt, man müsste die Eintrittspreise senken.

Außenansicht der Halle02, einer ehemaligen Lagerhalle.

Außenansicht der Halle02, einer ehemaligen Lagerhalle.

Felix Grädler: Nein, das funktioniert nicht, das haben wir ausgerechnet. Wir haben vorsorglich zum Ende des Jahres alle Verträge gekündigt.

Sie haben also schon praktische Konsequenzen gezogen?

Felix Grädler: Ja, weil wir gesehen haben, dass wir diese Erhöhung definitiv nicht bezahlen können. Wir müssten unseren Betrieb aufgeben.

Die GEMA hat aber von Anfang an gesagt, dass sie gerne die neuen Tarife über einen längeren Zeitraum in Kraft setzen möchte.

Felix Grädler: Ja, klar, aber selbst die Einstiegstarife sind unbezahlbar.

Wie wählen sie eigentlich die Musiker aus, die bei Ihnen auftreten?

Felix Grädler: Man kann sich direkt über unsere Homepage bewerben. Wir hatten auch schon Aktionen bei Backstage PRO, wo man sich für einen Support-Slot bewerben konnte. Und wir haben verschiedene Scouts für unterschiedliche Genre, die für uns als Booker aktiv sind.

Wie stehen sie zu Pay-to-Play, das in großen Metropolen wie Hamburg, Berlin und Köln verbreitet ist?

Felix Grädler: Ich kenne das aus unserer Region nicht, machen wir auch als Halle02 nicht, weil wir es nicht gut finden. Im Gegensatz zu Hamburg oder Berlin fordern Künstler hier teilweise eine feste Gage, auch wenn sie nicht bekannt sind. Das ist in Hamburg oder Berlin nicht so.

Im Gegenteil, dort müssen sie in vielen Clubs bezahlen, um auftreten zu dürfen.

Felix Grädler: Und bei uns fordern sie Fixbeträge, ohne dass ein einziger Gast da war. Das machen wir eigentlich auch nicht mehr, nur noch bei großen Künstlern, wo das Risiko kalkulierbar ist.

Wie werden die Einnahmen geteilt?

Felix Grädler: Es gibt einen Türsplit.

40:60?

Felix Grädler: Das kommt auf das Verhandlungsgeschick und auf die Band an.

Im Augenblick gibt es schon weit fortgeschrittene Bemühungen, in der Rhein-Neckar-Region eine Clubvereinigung zu gründen. Die Halle02 ist daran ja auch aktiv beteiligt.

Felix Grädler: Wir sind einer der führenden Protagonisten dieses Zusammenschlusses. Wir glauben, dass das unbedingt nötig ist, um Behörden gegenüber mit einer Stimme zu sprechen.

Kürzlich musste das Mohawk in Mannheim aufgrund einer Behördenentscheidung schließen.

Begeisterung bei einem Konzert in der Halle02.

Begeisterung bei einem Konzert in der Halle02.

Felix Grädler: Wir freuen uns über jeden kleinen Club, denn die leisten die Grundlagenarbeit, die wir nicht immer machen können. Aber es ist natürlich eine harte Arbeit und viele stellen sich das anders vor. Wir haben auch mal ganz klein angefangen. Eine Clubvereinigung wäre sehr gut geeignet, Existenzgründer zu unterstützen, denn die Vorstellungen, wie man einen kleinen Club betreibt, sind sehr viel romantischer als die Realität.

Welche romantischen Vorstellungen haben sie denn gehabt, als sie anfingen?

Felix Grädler: Wir dachten, man könnte das so nebenbei als Liebhaber-Projekt erledigen. Irgendwann merkt man, dass der Arbeitseinsatz immens ist und berufliche Züge annimmt. Da die Vergütung aber in keinem Verhältnis zum Aufwand steht, überlegt man sich, ob man weitermachen will oder nicht.

Überlegen sie sich das gerade im Moment oder haben sich das zu einem früheren Zeitpunkt überlegt?

Felix Grädler: Dieses Stück Ausbeutung ist ein Teil der Veranstaltungsbranche, in der wir uns bewegen. Man überlegt ständig, ob es noch reicht oder nicht.

Karsten Schölermann hat gesagt: "Jeder Clubbetreiber beutet vor allem sich selbst aus." Das würden sie also voll unterschreiben.

Felix Grädler: Genau. Es gibt natürlich auch solche, die beuten ihr Personal aus, das ist dann der falsche Weg.

Was haben sie anfangs als Clubbetreiber unterschätzt?

Felix Grädler: Die Verwaltung, die Genehmigungsverfahren. Wir haben ein gutes Verhältnis zu den Behörden, aber das schafft natürlich eine Menge Arbeit für einen Club, der sich eigentlich darauf konzentrieren will, kreativ zu arbeiten.

Vielen Dank für das Gespräch!

→ Alle Infos zu einzelnen Clubs und anderen Veranstaltungsorten findet ihr im Locationguide!

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Zollhofgarten 2, 69115 Heidelberg

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