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"Der Markt hat sich komplett geändert"

Felix Grädler (halle02) über die finanziellen Risiken für Live-Musik-Clubs und neue Booking-Konzepte

Interview von Markus Biedermann
veröffentlicht am 29.03.2016

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Felix Grädler (halle02) über die finanziellen Risiken für Live-Musik-Clubs und neue Booking-Konzepte

Felix (halle02, Heidelberg). © (privat)

Ermöglicher oder Ausbeuter? Wie ist dein Blick auf Veranstalter und Clubbetreiber und aufgrund welcher Annahmen gründet dein Urteil? Wir sprachen mit einem der Köpfe der halle02 in Heidelberg, um uns über die Herausforderungen auf dieser Seite der Livebranche ein genaues Bild zu machen.

Backstage PRO: Hallo Felix! Danke, dass du dir erneut die Zeit nimmst, uns einige Fragen zu beantworten! Wir interessieren uns unter anderem für eure Programmgestaltung. Ihr habt ja kürzlich für das Hall 2 Fame-Festival ausgeschrieben, ein neues Live-Event, bei dem die Fans durch ihren Ticketkauf auf fanbooking.de darüber entscheiden, welche Bands spielen werden. Welchen Anteil am Programm haben denn komplett eigene Konzepte und wie viel kommt durch Kooperationen mit Agenturen oder anderen festen Partnern zustande?

Felix Grädler: Unser Programm ist sehr vielseitig und besteht zum einen aus kommerziellen Partys wie 90er, Tanzhalle, Party Hits und anderen, aber auch aus Vermietungen mit fremden Partykonzepten sowie eigenen Veranstaltungen und Konzerten. Von 30 bis 40 Veranstaltungen im Monat sind es ca. 70% eigene Veranstaltungen.

"Es werden immer höhere Gagen fällig"

Backstage PRO: Mal ganz grundlegend gefragt: Ab wann rentiert sich für einen Veranstalter wie euch eine Veranstaltung mit Live-Bands?

Felix Grädler: Da sich der Markt komplett geändert hat und die Künstler nun nicht mehr über Tonträger, sondern über Live-Veranstaltungen ihr Geld verdienen, werden auch immer höhere Gagen fällig. Dazu kommt, dass meistens Garantiesummen gezahlt werden, die das Risiko auf die Seite der Veranstalter verlagern.

In der Regel haben wir wesentlich weniger als die Hälfte der Einrittseinnahmen um Kosten für Werbung, Personal, Technik, Unterkunft, Catering, KSK, GEMA, die Nebenkosten und so weiter zu decken. Grundsätzlich müssen ja erstmal die "Overheadkosten" von dem bezahlt werden, was übrig bleibt. Das sind bei uns pro Woche 15.000 Euro, die an Kosten entstehen, um das Haus zu führen – und zwar ohne, dass überhaupt ein Tag geöffnet ist! Das sind Kosten für Miete, Versicherungen, Personal für Organisation und Verwaltung, Tilgung der Investitionskosten für Technik und so weiter.

Vergleicht man also eine Partyveranstaltung mit einem Konzert, dann gibt es beim Konzert wesentlich höhere Kosten – auch bei im Verhältnis teueren Eintrittspreisen – und dazu noch wesentlich geringere Getränkeumsätze pro Kopf.

"Der Betrieb kann nur durch Selbstausbeutung gewährleistet werden"

Vergleich Gesamtkosten und Gesamterträge bei Musikclubs

Vergleich Gesamtkosten und Gesamterträge bei Musikclubs

Backstage PRO: Die LiveKomm schlägt immer wieder Alarm und kann das auch anhand der Musikwirtschaftsstudie belegen, aber wie siehst du persönlich derzeit die Lage der Live-Clubs?

Felix Grädler: Ich kann das absolut bestätigen. Zwar ist es bundesweit unterschiedlich, jedoch hat diese repräsentative Studie gezeigt, dass nur aufgrund von im Schnitt 7% Subventionen überhaupt ein positives Ergebnis erlangt werden kann. Doch längst nicht jeder erhält eine Förderung und kann solche guten Zahlen erreichen.

Von durchschnittlich 28,3% Türerlösen werden über 30% an Gagen und Verwertungsgesellschaften (GEMA etc.) abgedrückt. Wenn man bedenkt, dass viele Musikclubs gar keine oder nur 1-2% Subventionen erhalten, machen die Ergebnisse der Studie deutlich, warum viele Clubs am Rande der Existenzfähigkeit stehen.

Die Realität ist: Nur durch ungenügende Bezahlung der Mitarbeiter und Selbstausbeutung kann der Betrieb meist gewährleistet werden.

Backstage PRO: Du hast steigende Gagen als Problemfaktor benannt. Wonach bemessen sich diese und wie kommt es dazu, dass insbesondere lokale Acts doch noch oft für lau auftreten müssen, um überhaupt spielen zu können?

Felix Grädler: Nunja, wenn man das wirklich wirtschaftlich sehen will, weil man das oft muss, orientiert sich eine Gage ja an den Eintrittseinnahmen. Für lau spielt bei uns übrigens keine Band – aber natürlich können wir Nachwuchsbands nicht immer richtige Gagen bezahlen. Dafür bieten wir ja eine hochprofessionelle Bühne und ein neugieriges Publikum.

Backstage PRO: Viele Bands sind der Meinung, der Veranstalter oder Clubbetreiber trage kaum Risiko und müsse die Band in jedem Fall angemessen – was auch immer das heißen mag – entlohnen. Wie stehst du dazu?

Felix Grädler: Die Frage ist eben was "angemessen" ist. Der Wert einer Band mag wohl leider nicht immer das wiederspiegeln, was sie in den Anfangsjahren an Gage tatsächlich aufrufen kann... Ist eigentlich ja rechnerisch logisch. Ich kann ja niemanden eine Gage zahlen, wenn ich keine Einnahmen habe, oder?

"Fast das komplette Risiko ist auf unserer Seite"

Backstage PRO: Kannst du uns eure Ausgaben als Clubbetreiber an einem Konzertabend mit z.B. drei Bands beispielhaft aufschlüsseln?

Felix Grädler: Angenommen wir haben 9 Euro Eintritt und 300 Besucher. Die Bands kommen aus der Region:

280 Euro Techniker, 100 Euro Zusatztechnik, 400 Euro Personal (Security, Hands, weiterer Techniker), 140 Euro GEMA und Abgaben,  in der Regel Unterkunft, Catering 200 Euro, Werbung 500 Euro, sonstiges 100 Euro. Dann sind wir bei 1700 Euro Kosten. Bei 2.500 Euro Einnahmen könnte ich also jeder Band 250 Euro zahlen.

Rechne ich jetzt meine Getränkeeinnahmen abzüglich Wareneinsatz und Personal dazu und ziehe das von meinen aufgeteilten Fixkosten in Höhe von ca. 4000 Euro pro Wochenendtag ab, dann habe ich also an einem solchen Abend ca. 3000 Euro draufgelegt...

Backstage PRO: …wobei das Event nichtmal gefloppt ist!

Felix Grädler: Fast das komplette Risiko ist auf unserer Seite. Und das selbst ohne die veranstaltungsbezogenen Kosten, da ich ja die Location miete, die Anlage kaufe und Personal eingestellt habe. Das sind bei uns über 900.000 Euro im Jahr. Allerdings geben wir auch über eine halbe Million Euro im Jahr für Künstler aus. Und da sind die Vermietungen und Fremdproduktionen noch nicht eingerechnet.

Backstage PRO: Macht ihr als Club durch das Gastro-Angebot nicht genug Geld, um eure Aufwendungen zu decken?

Felix Grädler: Der Getränkeumsatz bei Konzerten ist tatsächlich überschaubar. Damit lässt sich in der Regel leider nicht viel mitfinanzieren. Zu diesen ganzen Punkten kann ich auch die sehr spannende "Liste des Grauens" unseres LiveKomm-Bundesvorsitzenden Karsten Schölermann empfehlen!

"Förderung ermöglicht Konzerte mit unbekannten Künstlern"

Backstage PRO: Seid ihr öffentlich gefördert und wenn ja, wie werden diese Ressourcen verwendet?

Felix Grädler: Wir bekommen jährlich 75.000 Euro von der Stadt Heidelberg für eine "Intensivierung der jungen Zielgruppe" und "Förderung der Gegenwartskultur". Die Förderung entspricht ca. 3% unseres Budgets. Durch diese Förderung können wir es ermöglichen, Konzerte mit regionalen Bands zu machen, unbekannte Künstler spielen zu lassen, Eintrittsermäßigungen anzubieten und auch unbekannte Formate auszuprobieren. Zusätzlich schießen wir mindestens den gleichen Betrag aus eigenen Mitteln jährlich selbst hinzu, um solche Projekte zu realisieren.

Backstage PRO: Gibt es weitere Faktoren neben den oben skizzierten Rahmenbedingungen, die solche Events mit unbekannteren Acts erschweren?

Felix Grädler: Manchmal leider auch ganz schlicht und einfach das fehlende Publikum! Ich wäre froh wir hätten noch einige Live-Locations mehr in der Region, die mehr Angebot machen und somit den Markt erweitern. Und noch ein bis zwei kreative Hochschulen mehr, die das neugierige Publikum bringen. Für die Bands gilt schließlich: Ohne Fanbase muss man klein anfangen, also in kleinen Clubs auftreten und sich ebendiese erspielen. Macht ja auch den Bands keinen Spaß, wenn sie auf großer Bühne in einem leeren Haus auftreten.

Backstage PRO: Wie gestaltet sich eure Werbung für Events und was empfehlt ihr Bands, welche Dinge sie selbst in die Hand nehmen sollten, um für die eigene Show Leute zu ziehen?

Felix Grädler: Die Werbung ist natürlich je nach Event immer unterschiedlich und geht von Plakaten und Anzeigen über Flyer bis hin zu Onlinemarketing und Sonderwerbeformen. Tatsächlich ist es sehr teuer zu plakatieren und gerade bei unbekannteren Bands nicht immer zielführend. Wer online gute Arbeit macht, kann dort viele Leute erreichen. Es ist aber nicht so einfach wie man sich das manchmal vorstellt. Hier braucht es gute und innovative Ideen, um aufzufallen. Leider unterschätzen auch viele Künstler die Wirksamkeit von persönlicher Ansprache und Promotion. Man darf sich jedenfalls nicht auf die Location allein verlassen, sondern muss sich seine Fanbase erarbeiten und erspielen. Das ist anstrengend und langwierig – dann aber auch erfolgreich.

Backstage PRO: Welche Erfahrungen habt ihr diesbezüglich bislang mit dem Engagement von regionalen Acts gemacht? Hängen die sich selbst richtig rein?

Felix Grädler: Wir haben zum Beispiel sehr gute Erfahrungen mit unserem Newcomerfestival gemacht. Für unsere monatliche Open Stage "Funkloch" gilt das ebenso. Auch darüber hinaus gab es immer wieder sehr engagierte Bands, die uns selbst sehr viel Spaß bereitet haben!

"Durch das Fanbooking-Konzept gibt es eine win-win Situation"

Backstage PRO: Welche Risiken trägt der Veranstalter beim Fanbooking?

Felix Grädler: Es minimiert das Risiko ungemein, wenn ich weiß, dass ich eine Mindestanzahl an Tickets verkaufe – ansonsten ist das Risiko ja ähnlich hoch.

Backstage PRO: Was hältst du von pay2play oder Bandwettbewerben, die eine Teilnahmegebühr verlangen und worin liegt der Unterschied zum neuen Fanbooking-Konzept?

Felix Grädler: Ich verstehe den Ansatz, haben wir aber noch nie gemacht. Durch das Fanbooking-Konzept gibt es eine win-win Situation, die das Risiko für Bands und Veranstalter minimiert. Ich finde das spannender, denn wir haben so die Chance, mehr Nachwuchsbands auf unsere Bühne zu bringen!

Backstage PRO: Danke für das Interview, Felix!

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Live Musik Kommission (LiveKomm)

Verband der Musikspielstätten in Deutschland e.V.

Personen

halle02

Musiker aus Heidelberg Vorstand bei Eventkultur Rhein-Neckar

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Heidelberger Straßenmusikfestival

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30.04.2016, Stream/Online Event

30.04.2016, Heidelberg
halle02

Angebot von: halle02
Datum: Samstag, 30. April 2016, 14:00
Location: halle02 , 69115 , Heidelberg
Gesuchte Acts: Alle
Lokale Acts bevorzugt!
Genre: Pop, Rock, Metal, Alternative/Independent, Punk/Hardcore
Freie Slots: 0
Bestätigt: I am Korny, Drive Darling, No Sugar, No Cream, Tansy Davis Supersoul, DALI, We are Diamonds, HELL HOE KITTI und IMZ
Gage: Spendenkasse
Backline: Muss mitgebracht werden

Gepostet am 2. März 2016   15

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Zollhofgarten 2, 69115 Heidelberg

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