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Gezielte Förderung mit Fairplay

Markus Graf von Rockbuster: "Ein Wettbewerb ohne Nachhaltigkeit ist nichts wert"

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 11.02.2013

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Markus Graf von Rockbuster: "Ein Wettbewerb ohne Nachhaltigkeit ist nichts wert"

Rockbuster. © Annegret Arnold

Rockbuster ist der Förderungswettbewerb des Landes Rheinland-Pfalz für Nachwuchsbands. Wir sprachen mit Geschäftsführer Markus Graf über die Grundprinzipien von Rockbuster, nachhaltige Förderung und desinteressierte Musiker.

Backstage PRO: Was ist Rockbuster eigentlich?

Markus Graf: Rockbuster ist ein nicht-kommerzielles Förderprogramm für junge Bands aus Rheinland-Pfalz. Bei Rockbuster können sich alle Bands bewerben, deren Mitglieder mehrheitlich in Rheinland-Pfalz wohnen, die nicht älter als 30 Jahre alt sind, die eigene Songs schreiben und nicht bei einem Major Label unter Vertrag sind.

Backstage PRO: Wer finanziert Rockbuster?

Markus Graf: Rockbuster wird zu zwei Dritteln durch das Land Rheinland-Pfalz und zu einem Drittel durch Sponsoren finanziert.

Wie funktioniert Rockbuster?

Backstage PRO: Was ist Ihre Aufgabe als Geschäftsführer?

Markus Graf: Ich halte das Ganze zusammen. Rockbuster ist ein ganzjähriges Programm: Wir haben eine Ausschreibungsphase von Januar bis März. Dann gibt es fünf regionale Vorrunden, in denen fünf Bands spielen, die von einer unabhängigen Fachjury ausgewählt werden. In diesen Vorrunden qualifiziert sich eine Band direkt für das große Landesfinale. Die Zweitplatzierten spielen in einer Art Zwischenrunde nochmals zwei Slots für das Finale aus. Im Finale im Oktober spielen dann in der Regel sieben Bands um die Förderpreise des Landes Rheinland-Pfalz. Von den sieben Bands kommen dann drei in den Genuss einer gleichwertigen Förderung.

Backstage PRO: Wo finden diese Vorrunden statt?

Markus Graf: Wir haben sie relativ gleichmäßig über das Land verteilt. Sie finden statt in Ludwigshafen im Kulturzentrum dasHaus, in Trier in der Tuchfabrik, in Mainz im Rahmen des OpenOhr-Festivals, in Koblenz in diesem Jahr im Circus Maximus und im Westerwald – da ist der Spielort noch nicht ganz klar.

Backstage PRO: Ist die Teilnahme an Rockbuster kostenlos?

Markus Graf: Nicht nur das, wir zahlen jeder Band, die es in die Vorrunde schafft, eine Aufwandsentschädigung, so dass sie zumindest das Auto volltanken können. Es ist uns ganz wichtig, dass wir kein Startgeld erheben.

Backstage PRO: Wie setzt sich die Fachjury zusammen, die die Bands auswählt?

Markus Graf: In der Regel ist ein Vertreter des Veranstaltungsortes dabei, außerdem ein Vertreter von Rockbuster, genauer gesagt des Trägervereins, der Landesarbeitsgemeinschaft Rock & Pop. Außerdem haben wir Vertreter der Presse und Musiker dabei. Meistens handelt es sich dabei um Mitglieder von Bands, mit denen wir in der Vergangenheit gearbeitet haben, weshalb wir darauf vertrauen können, dass es nachvollziehbare Entscheidungen gibt.

Spitzenförderung

Backstage PRO: Geht es darum, dass die Bands ein gewisses Mindestniveau erfüllen?

Markus Graf: Von der Landesregierung, in deren Auftrag wir arbeiten, ist es so gewünscht, dass Rockbuster sich mit Spitzenförderung beschäftigt. Der musikalische Anspruch einer Band ist daher zentral für uns. Wir machen keine Jugend- oder Sozialarbeit, wir befassen uns mit dem künstlerischen Produkt.

Backstage PRO: Was heißt Spitzenförderung in der Rock- und Popmusik?

Markus Graf:Wir suchen die besten Bands, nicht die lautesten oder diejenigen, die den meisten Spaß haben. Wir suchen Bands, für die Musik mehr als ein Hobby ist. Ich will das Wort „professionell“ nicht überstrapazieren, weil es in Deutschland ja kaum noch professionelle Bands gibt.

Backstage PRO: Wie meinen Sie das: es gibt in Deutschland kaum noch professionelle Bands?

Markus Graf: Wenige. Welcher Musiker kann allein von seiner Tätigkeit als Musiker in einer Band leben?

Backstage PRO: Ok, da bleiben nur die großen Bands übrig.

Markus Graf: Das ist z.B. auch ein Thema unserer Workshops. Wir rechnen tatsächlich aus, wie viel Gage jeden Monat hereinkommen muss, damit fünf Musiker davon leben können. Dann sieht man schnell wie erschreckend viele Auftritte mit relativ hoher Gage man benötigt, um damit seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Förderung als Information

Backstage PRO: Das heißt Förderung besteht auch aus Information?

Markus Graf: Natürlich. Wir sind ja nicht losgelöst vom wirklichen Leben, sondern legen Wert auf eine realistische Einschätzung der Lage. Daher beraten wir die Bands in allen Belangen, die sie interessieren. Das kann GEMA/GVL ebenso betreffen wie Vertragsrecht – je nach den Bedürfnissen der Band.

Backstage PRO: Die Förderung wird also individuell auf die Band abgestimmt?

Markus Graf: Genau. Uns ist es wichtig, dass wir kein starres Gerüst haben. Wir schauen uns an, was die Bands wirklich brauchen und bieten dann entsprechende Module an. Ich halte nichts davon, wenn eine Band den fünften oder sechsten Vortrag über GEMA/GVL anhören muss, nur weil sie in ein Förderprogramm aufgenommen wurde. Das ist verschwendete Zeit und es gibt nichts Schlimmeres als desinteressierte Musiker!

Backstage PRO: Es gibt nichts Schlimmeres?

Markus Graf: Das ist jedenfalls schwer vorstellbar! Jedenfalls ist diese individuelle und bedarfsgerechte Beratung ein wichtiger Baustein der Förderung. Außerdem produzieren wir mit den drei geförderten Bands eine EP. Wir schreiben nicht vor, wie und wo das zu geschehen hat, sondern suchen gemeinsam mit der Band unter unseren Kooperationspartnern ein passendes Studio und passende Produzenten.

Kein Publikumsentscheid

Markus Graf (Pressefoto, 2013)

Markus Graf (Pressefoto, 2013), © Markus Graf

Backstage PRO: Zurück zum eigentlichen Wettbewerb: Wer entscheidet, wer in den Vorrunden weiterkommt?

Markus Graf: Es ist uns wichtig, dass es bei Rockbuster keinen Publikumsentscheid gibt. Alle Entscheidungen werden von einer unabhängigen Fachjury getroffen. In den Vorrunden gleicht die Jury der Auswahljury, jeweils ein Vertreter der Location, von Rockbuster, der Presse und von unserem Kooperationspartner DASDING/SWR. Im Finale weiten wir das auf bundesweit aktive Produzenten, Promoter und einem Vertreter der Popakademie aus, mit der wir einen guten Austausch und Kooperationen haben.

Backstage PRO: Wie erreicht man in einer Fachjury eine möglichst sachgerechte Entscheidung?

Markus Graf: Wenn man sieben oder neun Juroren hat, die den Wettbewerb und seine Ausrichtung kennen, ist das in der Regel kein sonderliches Problem. Die Jury wird vorher informiert, was verlangt wird. Es geht ja nicht darum, den persönlichen Musikstil der einzelnen Juroren zu treffen, sondern die Band zu wählen, die das größte Potential besitzt.

Backstage PRO: Das größte kommerzielle oder das größte künstlerische Potential?

Markus Graf: Beides. Ich denke wir können uns nicht davor verschließen, dass eine gewisse kommerzielle Ausrichtung notwendig ist. Wir können nicht vollkommen am Markt vorbei fördern. Wir haben aber auch immer wieder Bands in der Förderung, die bei anderen Wettbewerben nicht zum Zuge gekommen wären. Eben weil dort via Publikumsentscheidung abgestimmt wird.

Nachhaltigkeit der Förderung

Backstage PRO: Wie nachhaltig ist die Förderung?

Markus Graf: Wir machen das anders als viele andere Förderprogramme und das macht sich bezahlt: Wir haben zu vielen Bands, die vor Jahren bei Rockbuster mitgemacht haben immer noch sehr guten Kontakt und dienen für diese Bands als Ansprechpartner und Unterstützer.

Backstage PRO: Die Förderung erstreckt sich also möglicherweise über Jahre?

Markus Graf: Ja, Jupiter Jones sind beispielsweise noch 2011 mit unserem subventionierten Bandbus auf Tour gegangen, obwohl sie bereits 2003 zu den Preisträgern zählten. Ich finde das ganz wichtig einen permanenten Ansprechpartner zu haben, auf den man sich verlassen kann. Das ist leider im Musikbusiness selten geworden.

Gegenbeispiel: kommerzielle Wettbewerbe

Backstage PRO: Es gibt zahlreiche Bandwettbewerbe, darunter nicht-kommerzielle wir Rockbuster, aber auch kommerzielle wie Emergenza. Wie stehst du zu kommerziellen Wettbewerben?

Markus Graf: Ich sage es ganz offen: Ein Wettbewerb, der nicht auf Nachhaltigkeit abzielt ist nichts wert, abgesehen davon, dass Bands eine Auftrittsplattform erhalten. Das kann zwar auch für eine Band wichtig sein, aber wenn ein Wettbewerb nur darauf ausgerichtet ist, einen Sieger zu küren und dem tausend Euro in die Hand zu drücken, dann stehe ich diesem Konzept skeptisch gegenüber.

Backstage PRO: Zumal man für den Auftritt auch noch eine Startgebühr bezahlen muss.

Markus Graf: Wenn Bands bereit sind, eine Startgebühr zu bezahlen, sollen sie es tun. Ich würde ihnen allerdings davon abraten. Wenn man schon keine Gage erhält, sollte man als Band nicht auch noch Geld für die eigene künstlerische Leistung zahlen müssen. Daher haben wir uns vor einigen Jahren bei Rockbuster entschieden, den entgegengesetzten Weg zu gehen und eine Aufwandsentschädigung einzuführen.

Backstage PRO: Ich habe zum Abschluss noch ein Zitat für sie von Andreas Petricca von Emergenza, den ich im Herbst interviewt habe. Er sagt: „Der Fördergedanke kann in die Irre führen. Später wirst du mit einer Plattenfirma reden, die wissen will, wie viele Fans deine Band hat und welche kommerzielle Basis überhaupt vorhanden ist. Bei Booking-Agenturen ist es genau dasselbe. Jede noch so hochgeförderte Band muss sich irgendwann dieser Realität stellen.“ Was sagen Sie dazu?

Markus Graf: Im Grunde hat er natürlich Recht. Uns ist es daher wichtig, dass sich eine Förderung immer auch ein Stück weit an den Gesetzmäßigkeiten des Marktes und der Realität orientiert, aber nicht zum Sklaven des Marktes wird.

Bei Rockbuster geht es uns wie bereits erwähnt um Nachhaltigkeit. Wohin es führt, wenn es ausschließlich um Quantität geht, sehen wir ja sehr schön bei den Fernseh-Casting-Shows. Waren die jemals der Startimpuls für eine nachhaltige Karriere? Die Kunst ist es, frühzeitig zu erkennen welche Band Potential hat und diese konsequent und bedarfsgerecht zu fördern. Und zwar zunächst einmal unabhängig von der aktuellen Publikumszahl. Eine Band wie Jupiter Jones hat – wie fast alle anderen auch – in ihren Anfängen vor wenig Publikum gespielt. Trotzdem haben wir sie unterstützt und ich finde es hat sich gelohnt.

Backstage PRO: Vielen Dank für das Gespräch!

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