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"bands müssen sich professionalisieren"

PopCamp: Anke Lange über Medientraining für Bands

Interview von Backstage PRO
veröffentlicht am 18.11.2008

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PopCamp: Anke Lange über Medientraining für Bands

Beim PopCamp ist hartes Arbeiten angesagt. © Jonathan Gröger

Vom 15. bis 22.11 findet in Berlin das "PopCamp" statt, mit dem der Deutsche Musikrat jedes Jahr junge Pop- und Rockbands unterstützt. Fünf Nachwuchsbands arbeiten mit Experten an Sound, Präsentation und Songmaterial, und sie erhalten Hintergrundwissen über die Branche. Unsere Gesprächspartnerin Anke Lange berät die Bands beim Berliner "PopCamp" im Bereich Kommunikation und Medientraining.

Anke Lange über Kommunikation & Medientraining für Bands. Mehr Infos zur Person auch unter www.m3team.de.

Anke Lange über Kommunikation & Medientraining für Bands. Mehr Infos zur Person auch unter www.m3team.de., © Musikrat

Am 21. November ab 20.30 Uhr treten die fünf Bands der aktuellen Staffel ( Alin Coen und Band, Auletta, Formelwesen, Hesslers und Maren & Montauk) im Kesselhaus der Kulturbrauerei Berlin beim großen "PopCamp"-Konzert auf. Dort müssen sie dann auf der Bühne beweisen, was sie im Laufe der intensiven Coachingphasen gelernt haben. Und dass sie etwas gelernt haben, dazu wird sicher auch unsere Interview-Partnerin beitragen: Anke Lange berät die jungen Musiker im Bereich Kommunikation & Medientraining. Frau Lange ist Sozialwissenschaftlerin und Publizistin sowie ausgebildete Sprecherzieherin mit den Schwerpunkten Medien und Rhetorik. Sie ist für ein Göttinger Personal- und Organisationsentwicklungsunternehmen in den Geschäftsfeldern Medientraining und Kommunikation tätig. Sie berät Bands individuell insbesondere zu den Themen Interviews, Konfliktmoderation oder Umgang mit Lampenfieber. Das Gespräch führte Felix Kubach, freier Journalist, u.a. tätig für diverse Printpublikationen wie "Berliner Zeitung" sowie die Bürgerjournalismusplattform "Readers Edition".

Warum ist gute Kommunikation für Bands so wichtig?

Anke Lange: Der wirtschaftliche Erfolg in der freien Wirtschaft hängt in hohem Maß davon ab, wie das Team funktioniert. Warum also nicht von der freien Wirtschaft auch auf Bands schließen? Denn sie alle wollen irgendwann einmal ihren Keller verlassen und das Publikum erreichen. Genauso heißt es hier: Wie ist denn die Kommunikation intern, wie sind die gemeinsamen Ziele gesetzt, wie ist also das Team von innen und wie stellt es sich nach außen dar?

Warum brauchen Bands da Anleitung, können sie das nicht selbst?

PopCamp

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Doch, sprechen können die schon alle alleine. Doch bevor wir dahin gehen, wie man ein gutes Interview führt und sich gut präsentiert, geht es im ersten Schritt um eine Bestandsaufnahme, wo die Band eigentlich steht. Schauen alle in die gleiche Richtung? Haben alle die gleichen Bedürfnisse? Der eine hat den Traum vor 100.000 Menschen zu spielen, der andere aber möchte nur einmal im Leben in Berlin im Kesselhaus der Kulturbrauerei spielen.

Müssen Sie auch bei internen Bandkrisen manchmal aushelfen?

Ja, ich begleite auch Bands in Konfliktsituationen und versuche dann, einen Rahmen zu schaffen. Ich moderiere sozusagen die Situation, so dass jeder das sagen kann, was er möchte. Das sind sehr intime Dinge, die nicht nach außen getragen werden. Dann wird versucht ein gemeinsames Ziel zu finden und definiert, was als nächstes gemacht werden muss, um diese Ziele zu erreichen. Zum Beispiel eben, wenn eine Band kurz davor wäre sich aufzulösen. Oder auch Thema Familienplanung. Plötzlich kommen kurz vor Vertragsabschluss Kinder.

Da ist es dann wahrscheinlich auch schwierig zu raten, macht weiter oder hört auf…

Manchmal ist eine Trennung auch eine Lösung. Das muss ich akzeptieren, auch wenn ich es noch so schade finde. Die Verantwortung, den Konflikt zu klären, liegt aber nicht bei mir, sondern bei der Band. Ich übernehme den neutralen Part. Letztendlich muss man eben Ziele finden, mit denen möglichst alle zufrieden sind. Das kann auch weh tun und da kann es manchmal auch Tränen geben, doch die meisten sind vor Freude. Das passiert sogar sehr oft.

Einen Masterplan gibt es da wahrscheinlich nicht, aber wie kann man Kommunikation trainieren?

Übungen schaffen Sicherheit, denn ganz oft machen wir uns über unangenehme Dinge nicht wirklich Gedanken. Es gilt, sich vorher zu wappnen, sich darauf vorzubereiten und einmal darüber zu sprechen, "Was können wir denn sagen, wenn...?". Wenn sich alle einig sind, geht es oftmals nur noch darum, wie die Ziele der Band nach außen transportiert werden. Das heißt dann Arbeit mit der Kamera und Videoanalyse, oder zum Beispiel Interviews nachzustellen.

Werden in einer Videoanalyse für die Bands überraschende Ergebnisse zu Tage gefördert?

Wenn wir uns eine Videoanalyse ansehen, dann kann ich den Bands natürlich etwas über die Norm erzählen. Zum Beispiel: Hey, wenn du dich an der Nase kratzt, dann könnte das nicht so toll wirken. Wenn aber ein Rockmusiker das als sein Markenzeichen und als total cool empfindet, dann ist das seine Sache. Aber meine Erfahrung ist oft, dass die Selbst- und die Fremdwahrnehmung eine andere ist. Das heißt, sie sehen sich beispielsweise und denken: So schräg, wie ich da sitze, das wirkt ja so zusammengefallen und total unbeteiligt, dabei bin ich es eigentlich gar nicht. Ich würde ihnen genau das gleiche sagen. Wenn sie es selbst nicht merken, dann frage ich: Wie wirkt diese Körperhaltung auf dich? Ob sie meine Ratschläge dann annehmen, das obliegt aber ihnen.

Muss man nicht, wenn man berühmt werden will, vor allem besonders geheimnisvoll wirken? Denn alles was geheimnisvoll ist, ist ja irgendwie anziehend...

So etwas würde ich nicht raten, Ich würde es spannend finden, wenn man zu jemandem sagt: Hey komm, sei geheimnisvoll. Aber welche Eigenschaften hat eigentlich "geheimnisvoll"? Du bist zurückhaltend, machst deine Augen zu Schlitzen. Hier könnte die Wirkung dann aber auch sein: Der ist ja so arrogant! Wenn man sich gerade bekannte Musiker wie Amy Winehouse anschaut, die auch mal ihre Interviewer verprügelt, dann bedient und bestärkt sie damit natürlich auch bestimmte Klischees und Vorurteile.

Dieses Verhalten sichert ihr zumindest immer wieder die Aufmerksamkeit der Medien…

Ja, aber sie ist schon erfolgreich. Was passiert, wenn ich als Band mit einem älteren Herrn ein Interview führe, der sonst nicht auf Pop- und Rockkonzerte geht und für eine Lokalzeitung schreibt, ihn mit Essensresten bewerfe, weil er vielleicht die Musik nicht so toll findet? Wie wirkt das? Damit erfülle ich noch kein Klischee. Das heißt, bevor ich wild und gefährlich wirke und all diese Charaktereigenschaften zeige, heißt es, entweder wachse ich da so rein und werde damit erfolgreich. Aber diese künstlich herzustellen, das merken die Menschen. Das funktioniert nicht. Ich glaube, immer wenn ich probiere wild und gefährlich zu sein, dann ziehe ich mir Lackschühchen an, die sehr hoch sind. Wenn ich aber auf diesen nicht laufen kann, dann sehe ich aus wie ein Clown.

Inwieweit haben sich denn die Anforderungen an die Bands verändert, gerade was Stress und Selbstmanagement angeht?

Ich glaube, dass die Entwicklung der Musikindustrie es einfach noch deutlicher gemacht hat, dass auch eine Band sich selbst verstärkt darum bemühen muss, wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Und das ist nicht mehr so einfach, wenn wir uns die Zahlen anschauen, die die Musikindustrie schreibt. Das heißt, auch für eine Band ist es wichtig, sich zu professionalisieren. Das ist dann entscheidend und kann natürlich auch Stress geben.

Sie empfehlen ein Stress-Seminar für Musiker?

Ja, denn die Frage für die Band ist: Wie können wir das so auffangen, dass wir trotzdem noch produktiv Musik machen? Deshalb ist es genauso wichtig, ein Stress-Seminar für Musiker zu machen. Bei vielen Wirtschaftsunternehmen ist das normal. Wer Geld verdienen möchte, der braucht ein paar Qualifikationen und muss sich gut präsentieren können. Und da sind Bands keine Ausnahme.

Frau Lange, vielen Dank für das Interview.

 

Lest auch: Kai Thomsen über Marketing für Bands.

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