"Bei uns kann jeder mitmachen"
Stephan Hengst und Josefine Nowack über den Verein und den Preis für Popkultur und die Verleihung 2025 in Düsseldorf
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Stephan Hengst & Josefine Nowack, die Vorsitzenden des Vereins für Popkultur. © Angela Regenbrecht
Backstage PRO: Den Preis für Popkultur gibt es seit 2016, aber 2024 habt ihr eine Pause eingelegt. Was waren die Gründe?
Stephan Hengst: Es gab in der Tat eine Verschiebung. Die Verleihung des Preises für Popkultur hat immer jährlich im Frühherbst in Berlin stattgefunden. Bei der Umsetzung sind wir aber auf öffentliche Förderung angewiesen. Die Initiative Musik hat uns in der Vergangenheit mehrmals über das Infrastrukturprogramm, gefördert, aber im letzten Jahr nicht. Dementsprechend hatten wir nicht genug Geld, um die Veranstaltung umzusetzen.
Backstage PRO: Wie habt ihr reagiert?
Stephan Hengst: Wir haben das Gespräch mit der Initiative Musik gesucht. Diese hat uns geraten, dass wir uns mit einem veränderten Konzept nochmal für die nächste Förderrunde bewerben sollten, um die Jury neu zu überzeugen. Den Rat haben wir befolgt und uns überlegt, worin diese Erneuerung bestehen könnte. Schließlich haben wir entschieden, den Standort zu wechseln. Diese Idee gab es schon länger, aber wir sind davor zurückgeschreckt, weil ein Großteil der Musikwirtschaft in Berlin ansässig ist und auch die meisten unserer Vereinsmitglieder aus der Musikwirtschaft kommen.
Backstage PRO: Warum habt ihr den Schritt jetzt doch gewagt?
Stephan Hengst: Wir haben erfahren, dass das neue Branchennetzwerk Music Düsseldorf nach Kooperationen und Partnerschaften dieser Art sucht und auch die Stadt und das Stadtmarketing daran interessiert sind, die Stadt im Bereich Kreativ- und Musikwirtschaft aufzuwerten. Wir wurden dort mit offenen Armen empfangen und konnten sehr schnell mit Music Düsseldorf darüber sprechen, wie man die Veranstaltung umsetzt. Wir haben dann auf dieser Basis bzw. mit der Idee, mit den Preis für Popkuktur auf Wanderschaft zu gehen und ca. alle zwei Jahre den Standort zu wechseln, erneut einen Förderantrag bei der Initiative Musik gestellt, der dann auch bewilligt wurde. Insofern können wir die Veranstaltung jetzt mit einem halben Jahr Verzögerung am 23. April in Düsseldorf durchführen.
Backstage PRO: In anderen Worten, die Initiative Musik hat deutlichen Einfluss genommen.
Stephan Hengst: Die Förderung ist die halbe Miete, denn sie macht etwa die Hälfte des Budgets aus. Wenn die Förderung der Initiative Musik ausbleibt, können wir die Veranstaltung leider nicht durchführen.
Backstage PRO: Und der Rest stammt von euren Mitgliedsbeiträgen oder aus anderen Quellen?
Stephan Hengst: Nein, das sind Sponsorings und Partnerschaften. In dem Fall gibt es ein paar Markenpartner. Wir haben YouTube Music und Reservix als Ticketanbieter dabei und noch ein paar weitere. Daraus ergibt sich ein Teil der Finanzierung. In diesem Jahr gibt es noch finanziellen Support in Form von kostenlosen oder kostengünstigen Eigenleistungen unserer Partner in Düsseldorf. Music Düsseldorf und die Mitglieder des Verbandes, vor allem die Veranstaltungsfirma D.LIVE, die auch im Vorstand von Music Düsseldorf vertreten sind, stellen uns kostenlose und kostengünstige Leistungen zur Verfügung, die uns ermöglichen, die Veranstaltung insgesamt zu finanzieren.
Backstage PRO: Die Mitgliedsbeiträge verwendet ihr also für andere Aktivitäten?
Stephan Hengst: Die Mitgliedsbeiträge versuchen wir nur wenn unbedingt notwendig mit in die Veranstaltung einzukalkulieren, da wir auch unterjährige Kosten haben. Zum einen administrative Kosten, aber wir machen auch unterjährig noch verschiedene kleinere Veranstaltungen, die nicht sehr teuer sind, aber eben auch etwas Geld kosten. Deswegen versuchen wir, die Mitgliedsbeiträge hauptsächlich dafür zu investieren und nur wenn es unbedingt notwendig ist, für die Verleihung einzusetzen.
Backstage PRO: Jetzt hast du gerade schon die Preisverleihung angesprochen, die ja am 23. April stattfindet und als offizielle Eröffnung der c/o pop in Köln dient. Wie funktioniert die Kooperation mit der c/o pop?
Josefine Nowack: Wir standen vorher schon mit der c/o pop im Austausch. Die Verantwortlichen haben auch bei der letzten Verleihung anwesend den "Preis für gelebte Popkultur" gewonnen. Wir haben dann gemeinsam überlegt, wie wir es schaffen, ein spannendes Angebot für Leute aus dem restlichen Teil der Republik zu generieren. Das Ziel besteht darin, dass die Interessierten zu uns kommen, aber auch zur c/o pop gehen und genauso, dass auch Leute, die zur c/o pop fahren, zu uns kommen. Gemeinsam haben wir beschlossen, dass die Verleihung des Preises für Popkultur eine schöne Eröffnungsveranstaltung für die c/o pop wäre und man so die Freundschaft zwischen Düsseldorf und Köln noch ein wenig stärken könnte.
Backstage PRO: Wer kann zur Preisverleihung kommen?
Josefine Nowack: Unsere Mitglieder erhalten automatisch ein Ticket für die Verleihung. Ansonsten kann jede*r, die oder der in der Musikindustrie tätig ist oder schon mal tätig war und dort einen Beitrag geleistet hat, gerne Mitglied im Verein für Popkultur werden, wodurch man automatisch ein Ticket erhält. Reine Kaufkarten sind bisher nicht geplant.
Backstage PRO: Du hast den Verein für Popkultur angesprochen, der den Preis vergibt. Wie viele Mitglieder habt ihr und wie wird man Mitglied?
Josefine Nowack: Wir haben zurzeit knapp 500 Mitglieder. Es gibt bei uns auf der Seite ein Antragsformular, über das man sich ganz einfach anmelden kann. Dann schauen wir, ob der Bewerber oder die Bewerberin Teil der Musikindustrie ist oder in diesem Bereich schon mal einen Beitrag geleistet hat. Wir freuen uns immer über neue Leute, die sich anmelden, aber auch Lust haben, sich einzubringen. Man kann auch einfach stilles Mitglied sein, seinen Beitrag zahlen, zur Verleihung kommen, Spaß haben und sich dort zum Netzwerken treffen.
Backstage PRO: Bevor wir auf den eigentlichen Preis kommen, nochmal die Frage, wie funktioniert die Zusammenarbeit im Verein und was macht ihr sonst noch so?
Josefine Nowack: Besonders wichtig ist uns, wieder Netzwerkveranstaltungen zu organisieren, die im Rahmen von Corona zeitweilig nicht möglich waren. Wir veranstalten beispielsweise eine sogenannte Popkulturkneipe. Damit waren wir beim Reeperbahn Festival und bei Most Wanted: Music in Berlin. Wir wollen aber nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Städten Räume schaffen, um uns auszutauschen und neue Zusammenarbeiten zu ermöglichen.
Backstage PRO: Bei diesen Events gibt es auch Live-Musik?
Josefine Nowack: Für diese Veranstaltungen haben wir in den meisten Fällen Newcomer-Acts gebucht. Wir haben auch eine sogenannte "Artists to Watch"-Liste, bei der unsere Mitglieder junge Künstler*innen nominieren können, um sie zu unterstützen. Diese Artists buchen wir dann für kleinere Veranstaltungen, um ihnen eine Bühne zu bieten. Eine unserer größeren Veranstaltungen besteht darin, zur Fête de la Musique in Berlin eine eigene Bühne zu haben und dafür sechs Künstler*innen zu buchen.
Backstage PRO: Mit dem Preis für Popkultur seid ihr angetreten, um einen Preis zu schaffen, der anders als der Echo nicht die Verkaufszahlen in den Mittelpunkt stellt, sondern künstlerische Qualität. Wie fällt eure Bilanz nach fast zehn Jahren aus?
Stephan Hengst: Wir finden, dass wir insgesamt eine recht hohe Qualität bei den Gewinner*innen und bei den Preisträger*innen haben. Wichtig sind uns Vielfalt, Qualität und musikalische Originalität. Dafür haben wir auch ein paar Maßnahmen ergriffen, beispielsweise indem wir eine Fachjury einberufen haben. Unser Eindruck ist, dass die Newcomer*innen, die wir entweder über unsere Artists to Watch-Liste identifizieren, aber auch die Künstler*innen, die in der Newcomer-Kategorie bei uns nominiert sind oder einen Preis gewinnen, relativ haufig Künstler*innen sind, die in der Folge eine sehr gute Karriere hinlegen.
Backstage PRO: Kannst du ein Beispiel nennen?
Stephan Hengst: Ein ganz aktuelles Beispiel ist der Künstler Berq, der auf unserer Artists to Watch-Liste 2023 war. Er hat im vorletzten Jahr bei unserer Veranstaltung zur Fête de la Musique im Planetarium noch bei freiem Eintritt gespielt. Zu der Zeit kannte ihn kaum jemand, inzwischen ist er voll durch die Decke gegangen. Berq ist hoch gechartet, hat den deutschen Musikautorenpreis der GEMA gewonnen und ist auch für den Preis für Popkultur in drei Kategorien nominiert. Das ist eine beispielhafte Künstlerkarriere, die wir begleitet haben. Auch Nina Chuba war mal Artist to Watch bei uns. Dilla ist ebenfalls bei der Show im Planetarium aufgetreten. Wir freuen uns und sind stolz, dass wir solche Künstler*innen ein Stück ihres Weges begleiten konnten.
Backstage PRO: Wie wird man eigentlich für den Preis für Popkultur nominiert?
Stephan Hengst: Das ist ein dreistufiger Prozess. Grundsätzlich können alle Mitglieder Vorschläge machen. Mitglieder im Verein dürfen wie gesagt alle Menschen werden, die in irgendeiner Form in der Musikwirtschaft tätig sind und dazu einen Beitrag geleistet haben, auch ihr beispielsweise als Medium und Journalist*innen. Alle Mitglieder dürfen in den verschiedenen Kategorien Vorschläge machen. Aus den Kategorien bildet dann eine möglichst vielfältig besetzte Fachjury, eine sogenannte Shortlist. Die Jury wird jedes Jahr durchgewechselt. Zuerst achten wir darauf, ob die vorgeschlagenen Personen den Kriterien der jeweiligen Kategorien entsprechen. Eine wichtige Rolle spielt auch die künstlerische Qualität. Das ist immer eher eine subjektive Wahrnehmung, aber die Fachexpert*innen machen ihren Job gut. Ein weiterer Fokus liegt auf Vielfalt und Diversität.
Backstage PRO: Warum habt ihr die Fachjury eingeführt?
Stephan Hengst: Bevor wir die Fachjury eingeführt haben, haben wir immer wieder die Kritik erhalten, dass immer wieder ähnliche oder sogar dieselben Künstler*innen nominiert wurden und Preise gewonnen haben. Damit wir eine möglichst große Vielfalt einbringen können, haben wir die Jury ins Leben gerufen. Das war Stufe zwei. Stufe drei ist das öffentliche Voting unserer Mitglieder, das jetzt auch gerade läuft. Alle Vereinsmitglieder dürfen abstimmen und aus diesen fünf Personen pro Kategorie für ihren Favoriten voten. Diejenigen, der die meisten Stimmen erhalten, bekommen dann die Preise.
Backstage PRO: Wie macht ihr das mit dem Voting? Habt ihr eine eigene Software?
Stephan Hengst: Ja, genau das ist in unsere Website eingebunden. Die Votingphasen waren von Anfang an die DNA des Vereins. Es gab früher eine erste und eine zweite Votingphase, die von Anfang an mit in die Website einprogrammiert wurden. Das ist das gleiche Tool, das wir jetzt auch noch nutzen.
Backstage PRO: Was erhalten die Gewinner?
Stephan Hengst: Eine Trophäe, Ruhm und Ehre und vor allem Sichtbarkeit. Das ist gerade für die Newcomer*innen unter den Künstler*innen ganz wichtig. Aber auch für die inhaltlichen Kategorien, wie "Gelebte Popkultur", "Bewegendste Geschichte" und ab diesem Jahr neu "Herausragendes soziales Engagement in der Musikwirtschaft". Das sind Projekte, Initiativen und Menschen, die normalerweise vielleicht nicht so sichtbar sind und eher nicht im Rampenlicht stehen. Wir bieten ihnen eine Bühne und zeichnen sie für ihre Aktivitäten aus. Das ist uns ganz wichtig. Das verleiht ihnen entsprechende Sichtbarkeit in der Branche und natürlich auch in der Öffentlichkeit über unsere Medienpartner und die Presseberichterstattung.
Backstage PRO: Es gibt ja den Polyton-Preis, der auch vom BKM gefördert wird und ein Preis von Musikschaffenden für Musikschaffende sein will. Das ist bei euch ähnlich. Wie grenzt ihr euch ab?
Stephan Hengst: Einer der Unterschiede ist, dass es beim Polyton eine Akademie gibt, die aus ca. 50 Menschen aus der Musikwirtschaft besteht. Größtenteils handelt es sich um Künstler*innen und Autor*innen, aber auch Leute von Labels und Verlagen. Das bedeutet, dass es beim Polyton einen geschlossenen Kreis an Menschen gibt, der bestimmt, wer Preise erhält. Dort kann man außerdem nicht einfach so beitreten, sondern muss eingeladen werden und die meisten Menschen aus der Musikwirtschaft sind nicht eingeladen. So zumindest unser Kenntnisstand.
Backstage PRO: Das ist bei euch anders.
Stephan Hengst: Definitiv. Bei uns kann jeder für einen kleinen Beitrag mitmachen. Wir sind schon 500 und werden mehr. Wir denken, dass wir auf jeden Fall offener sind und dadurch noch besser aktuelle Entwicklungen in der Musikwirtschaft in der Breite repräsentieren können. Ich will dem Polyton die künstlerische Qualität aber gar nicht absprechen. Ein weiterer großer Unterschied ist, dass Polyton deutlich mehr Budget hat, nämlich etwa das Zehnfache von unserem Budget und dementsprechend mehr machen kann. Wir als Vorstandsmitglieder arbeiten alle ehrenamtlich an der Organisation der Veranstaltung. Das ist beim Polyton nicht der Fall. Da werden die Leute dafür bezahlt und machen das hauptberuflich.
Backstage PRO: Als abschließende Frage. Wie steht es eurer Meinung um die Popkultur in Deutschland?
Josefine Nowack: Ich sehe die Lage nicht kritisch. Unter unseren Nominierten finde ich bemerkenswert, dass wieder viele deutschsprachige Acts vertreten sind, aber genauso auch viele englischsprachige. Genau das macht ja eine gute Mischung aus. Außerdem ist es jedes Jahr aufs Neue spannend, welche Künstler*innen erfolgreich werden. Ich finde es total spannend, wie sich das immer wieder verändert und es immer Höhepunkte unterschiedlicher Genres gibt. Wir dachten eine Zeitlang zum Beispiel, dass Gitarrenmusik tot sei und dann kamen Provinz und die ganzen anderen Gitarrenbands. Gleiches gilt für die Giant Rooks, die englischsprachige Musik machen und damit nicht nur in Deutschland erfolgreich sind. Ein zentrales Ziel besteht darin, auf Newcomer*innen aufmerksam zu machen und sie zu unterstützen, damit dieser Wandel weiterhin bestehen kann und nicht nur die großen Player unterwegs sind. Damit wollen wir die Popkultur weiterhin leben und fördern.
Backstage PRO: Vielen Dank für das Gespräch!
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