Im Zeichen großer Veränderungen
Das Reeperbahn Festival 2026 fragt nach der Zukunft der Musikwirtschaft
Reeperbahn Festival Conference (2025). © Christian Hedel
Den offiziellen Start bildet am 16. September die Reeperbahn Festival Opening Show. Dabei gibt es in diesem Jahr eine direkte Veränderung: Der Festivalauftakt zieht vom Operettenhaus ins Schmidts Tivoli. Durch die rund 70-minütige Show führt die Moderatorin Yasmine Blair.
Neben Grußworten von Björn Böhning, Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen, und Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, wird auch Festivaldirektor Detlef Schwerte auf die kommenden Festivaltage einstimmen.
Wie zukunftsfähig ist die Branche?
Im Mittelpunkt des Festivals steht die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Bedeutung Musik und Kultur in einer Zeit haben, die von technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen geprägt ist. Besonders die jüngeren Generationen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie konsumieren Musik nicht nur, sondern bringen ihre eigenen Werte und Erwartungen ein und gestalten neue Technologien mit.
Das Reeperbahn Festival möchte deshalb bestehende Strukturen hinterfragen und Diskussionen über soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Fairness, aber auch über Innovation anstoßen. Gerade das gemeinsame Erleben von Musik kann aus Sicht der Organisatoren eine besondere Bedeutung besitzen, denn Konzerte und Live-Veranstaltungen schaffen Räume für Begegnung und sozialen Zusammenhalt.
Sync und die Zukunft des Live-Markts
Konkreter werden diese Fragen im umfangreichen Conference-Programm. Einen Schwerpunkt bildet 2026 das Thema Sync. Internationale Music Supervisors und Sync-Experten wie Anna Romanoff, Amanda Krieg Thomas, Ian Broucek, Thomas Golubić, Lena Obara, Raquel Bettencourt und Everton Lewis Jr. beschäftigen sich in Sessions wie "Music Supervision in the Streaming Age – The OFF CAMPUS Story", "The Game of Sync" und "From Studio to Screen" mit Music Supervision, Lizenzierung und der wachsenden Bedeutung von Sync für die Musikwirtschaft.
Auch die Veränderungen des europäischen Live-Markts stehen zur Diskussion. In der Session "European Concert Companies, Where Are You?" beschäftigen sich Ornélia Adjovi und Erica Romero Pender mit der zunehmenden Marktkonzentration, internationalen Übernahmen und der Frage, welche Folgen diese Entwicklung für Veranstalter, Festivals und unabhängige Unternehmen in Europa hat.
Zusätzliche internationale Perspektiven bringen unter anderem die International Association of Entertainment Lawyers (IAEL), der European Music Exporters Exchange (EMEE) und das Worldwide Independent Network (WIN) ein. Im Mittelpunkt stehen internationale Märkte, rechtliche Entwicklungen, Exportstrategien und die Zukunft der unabhängigen Musikwirtschaft.
Technologische Veränderungen und Karriereaufbau
Ein weiterer Schwerpunkt des Konferenzprogramms liegt auf der Frage, wie sich Künstlerkarrieren unter veränderten Bedingungen langfristig entwickeln lassen. In der vom Forum Musikwirtschaft präsentierten Session "Reaching for the Next Stars" sprechen Natascha Augustin und Molly Mönch darüber, wie Labels, Managements, Agenturen, Veranstalter und Venues gemeinsam nachhaltige Karrieren aufbauen können und welche Rolle dabei Reichweite, Live-Erlebnisse und Fanbindung spielen.
Die von MusikWoche präsentierte Runde "Talking A&R" greift das Thema aus einer anderen Perspektive auf: Maximilian Papproth, Henrike Blome, Laura Minutolo und Sarah Schneider diskutieren, ob klassische Label-Strukturen beim Artist Development an Bedeutung verlieren und inwieweit etwa Musikverlage stärker zu Karriereentwicklern werden. Auch die Auswirkungen neuer Technologien bleiben ein zentrales Thema.
Der KI- und Musikforscher François Pachet blickt in "Music, AI & What Comes Next" auf drei Jahrzehnte technologischer Veränderungen in der Musik zurück und diskutiert, welche Entwicklungen als Nächstes bevorstehen könnten. Einen interessanten Gegenpunkt setzt die Case Study "Real Music – Better Campaign: How immowelt Bet on Nostalgia Over AI". Am Beispiel einer Werbekampagne zeigen Theo Mseka, Lukas Rieger und Steffi Kim, warum immowelt bewusst auf einen bestehenden Song und die emotionale Wirkung von Nostalgie statt auf KI-generierte Musik setzte.
Über technologische Veränderungen hinaus nimmt das Reeperbahn Festival auch die Verschiebungen auf dem globalen Musikmarkt in den Blick. Christina Semba und Thomas Fischermann beschäftigen sich in "Music, Markets & the Global South" mit dem wachsenden wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss des Globalen Südens und den Folgen für westliche Labels, Plattformen und Artists.
Mehr als 300 Acts auf den Bühnen
Auch das Konzertprogramm ist inzwischen enorm gewachsen. Mehr als 300 Bands und Künstler sind für das Reeperbahn Festival 2026 angekündigt. Besonders auffällig ist dabei die internationale Präsenz von FLINTA-Acts. Mehr als 170 Künstler aus über 30 Ländern sind Teil des Programms. Der Timetable ist inzwischen veröffentlicht.
Kunst, Podcasts und gesellschaftliche Themen
Neben den Konzerten wächst auch das Arts & Words Programm weiter. Zu den neuen Programmpunkten gehört beispielsweise eine Live-Ausgabe des Podcasts "Fuck you very, very much!" mit Jennifer Weist und Gast-Host Matilda Jelitto. Dabei geht es um legendäre Konflikte aus der Musikgeschichte.
Die Initiative Keychange präsentiert gemeinsam mit der Hamburger Street-Art-Künstlerin Bosna Berlin außerdem die Installation "Shifting Perspectives", die sich mit Diversität, Sichtbarkeit und Geschlechtergerechtigkeit im Kulturbetrieb auseinandersetzt.
Diese Themen greift Keychange auch im Conference-Programm auf. In "No Straight Lines: LIE NING in Conversation with Planningtorock" sprechen die beiden Künstler über künstlerische Identität und Technologie, Repräsentation und Sicherheit sowie darüber, welche Strukturen notwendig sind, damit queere und FLINTA*-Künstler in der Musikindustrie bessere Bedingungen vorfinden.
Auch Nachhaltigkeit wird thematisiert. Beim Projekt "Yunomi – Living Water. Living Culture" von Future Female Africa und Viva con Agua trifft Kunst auf nachhaltige Infrastruktur. Eine mobile Wasseraufbereitungsanlage wird dabei zum Ausgangspunkt für ein interdisziplinäres Kulturprojekt.
Umfangreiches Rahmenprogramm
Darüber hinaus stehen unter anderem eine audiovisuelle Poesie-Performance der belgischen Künstlerin Janeinafewwords, die Ausstellung "Humans in Transit" in Kooperation mit Ärzte ohne Grenzen sowie die Jubiläumsausgabe von Flatstock Europe auf dem Programm. Die Ausstellung für zeitgenössische Poster-Kunst feiert in diesem Jahr ihre 20-jährige Kooperation mit dem Reeperbahn Festival.
Das Reeperbahn Festival 2026 wird damit erneut weit mehr sein als ein reines Musikfestival. Neben neuen Künstlern, gesellschaftlichen Debatten, Kunst und technologischen Fragen geht es vor allem darum, welche Rolle Musik und Kultur in Zukunft spielen werden und wie legitim die bestehenden Strukturen noch sind.
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