Strukturelle Barrieren
Deutscher Kulturrat und UK-Studie: Inklusive Kultur bleibt ein Dauerprojekt
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© Mikhail Nilov
Anfang Dezember überreichten Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, Prof. Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrates, und Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, die "Teilhabeempfehlungen für eine inklusive Kultur" [PDF] an Kulturstaatsministerin Claudia Roth sowie an Katrin Budde, Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag.
Diese Empfehlungen resultieren aus einem dreijährigen Dialog mit Kulturinstitutionen und Vertreter der inklusiven Kulturszene. Ziel ist es, die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen im Kunst-, Kultur- und Medienbereich nachhaltig zu verbessern.
Zentrale Handlungsfelder der Empfehlungen
Der Deutsche Kulturrat setzt sich in seinen Empfehlungen für umfassende Barrierefreiheit in der Kultur ein. Dazu gehören unter anderem:
1. Barrierefreie Zugänge zu Kulturangeboten:
- Anpassung von Veranstaltungsorten in baulicher und technischer Hinsicht.
- Barrierefreie Gestaltung von Events, beispielsweise durch Dolmetscher*innen, Audiodeskriptionen und Informationen in Leichter Sprache
2. Inklusive Qualifizierung für den Kulturarbeitsmarkt:
- Erweiterung inklusiver Ausbildungs- und Qualifikationsangebote.
- Anpassung von Förderbedingungen, Bereitstellung von Ressourcen für Fortbildungen und Unterstützung bei Kosten, die über Kursgebühren hinausgehen, wie z. B. für Gebärdensprachdolmetscher*innen oder technische Hilfsmittel.
3. Kulturelle Bildung:
- Entwicklung inklusiver künstlerischer Wettbewerbe und Begegnungsveranstaltungen für Kinder und Jugendliche.
- Förderung durch Bund, Länder und Kommunen, insbesondere durch die Übernahme von Zusatzkosten für Menschen mit Behinderungen.
- Qualifizierung von Lehrenden für die Arbeit mit Menschen mit Behinderung in Einrichtungen der Aus- und Weiterbildung.
4. Sensibilisierung von Förderinstitutionen
- Barrierefreie Gestaltung von Förderanträgen.
- Sensibilisierung öffentlicher und privater Kulturförderer für die Belange der Inklusion.
5. Integration auf dem Arbeitsmarkt
- Förderung von Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen.
- Schaffung von Anreizen für Arbeitgeber, inklusiv zu handeln.
- Einrichtung dauerhaft finanzierter Anlaufstellen, die Beratung zu Ausbildung und Arbeit in Kunst, Kultur und Medien bieten.
6. Förderung der Gehörlosenkultur
- Steigerung der Sichtbarkeit spezifischer Kunstgenres wie Gebärdenpoesie und Visual Vernacular.
- Erhöhung der Präsenz von Gehörlosenkultur in Kultureinrichtungen sowie bei öffentlich-rechtlichen und privaten Medien.
7. Politische und rechtliche Maßnahmen
- Anpassung von Förderprogrammen auf Bundes- und Landesebene.
- Stärkung von Netzwerken und Beratungsstellen für inklusive Kultur.
Auch international besteht Handlungsbedarf
Dass ein solcher Bedarf an Fördermaßnahmen nicht nur in Deutschland besteht, sondern auch von internationaler Relevanz ist, verdeutlichen die Ergebnisse des Musician Census 2023 auf. Dabei handelt es sich um ein Projekt, das im Jahr 2023 von Help Musicians und der Musicians' Union ins Leben gerufen worden ist und es sich zur Aufgabe gemacht hat, ein umfassendes Bild der Musikerpopulation in Großbritannien zu machen.
Dabei soll verfolgt werden, wie sich wichtige Themen im Laufe der Zeit entwickeln. Auf diese Art und Weise möchte der Musician Census 2023 für mehr Verständnis für die Bedürfnisse von Musikerinnen und Musikern sorgen.
Der sechste Bericht befasst sich in diesem Zusammenhang mit der Lebens- und Arbeitsrealität von Menschen mit Behinderung in der britischen Musikbranche. Durch die Dokumentation zentraler Herausforderungen und Ungleichheiten soll der Bericht verdeutlichen, wie notwendig Maßnahmen zur Förderung von Barrierefreiheit und Chancengleichheit sind.
Im Verlauf des Berichtes werden die Befragten bei stark auseinander gehenden Ergebnissen immer wieder in die Gruppe der Musikschaffenden mit psychischen Erkrankungen und/oder mit neurodivergenten Profilen (Begriff bezieht sich auf Personen, deren kognitive Prozesse aufgrund von neurologischen oder entwicklungsbedingten Bedingungen von dem abweichen, was als gesellschaftlicher Standard betrachtet wird) sowie die Gruppe der Musikschaffenden mit sensorischen, körperlichen oder anderen Beeinträchtigungen unterteilt.
Finanzielle Herausforderungen
Die Ergebnisse des Musician Census 2023 zeichnen ein ernüchterndes Bild der Situation von Musikerinnen und Musikern mit Behinderung in Großbritannien. Unter anderem geht aus der Studie eine finanzielle Benachteiligung bei Menschen mit Behinderung hervor. Neben zusätzlichen Kosten (etwa in den Bereichen Transport und Equipment) ist dafür auch ein Lohngefälle bei Menschen mit Behinderung von etwa 4000 Pfund verantwortlich.
Während nicht-behinderte Musikerinnen und Musiker, die 100 Prozent ihres Einkommens aus ihrer Musik beziehen, nach Ergebnissen der Musicians' Census 2023 Umfrage über ein Durchschnittseinkommen von 33.600 britischen Pfund verfügen, sind es bei Musikschaffenden mit Behinderung durchschnittlich nur 29.200 Pfund. Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen und/oder neurodivergenten Profilen konnte ein Gehaltsunterschied von etwa 1700 Pfund ausgemacht werden.
73 Prozent aller Befragten mit Behinderung gaben zudem an, keine staatlichen Leistungen, Steuergutschriften oder Unterstützungen zu beziehen.
Insgesamt erwirtschaften 34 Prozent aller Musikschaffenden mit Behinderung ihr gesamtes Einkommen aus der Musik, verglichen mit 46 Prozent der nicht-behinderten Musikschaffenden. Bei Musikerschaffenden mit psychischen Gesundheitsproblemen und/oder neurodivergenten Profilen sinkt der Anteil drastisch auf 3 Prozent.
Die größten Hürden
Tatsächlich stellt die Unfähigkeit, ein nachhaltiges Einkommen zu erzielen mit 51 Prozent das am häufigsten genannte Karrierehindernis unter den befragten Musikschaffenden mit Behinderung dar.
Weitere häufig genannte Herausforderungen stellen unter anderem der Mangel an klaren Karrierewegen (41 Prozent), hohe Tansportkosten (37 Prozent), fehlende Kontakte in der Musikindustrie (28 Prozent), Weite Entfernung zu Arbeitsmöglichkeiten (26 Prozent), ungünstige Arbeitszeiten (25 Prozent), das Vereinbaren von Beruf und familiären Verpflichtungen (23 Prozent), Schwierigkeiten beim Zugang zu professioneller Unterstützung und Beratung dar.
Diskriminierung und Offenheit
Diskriminierung wurde von 19 Prozent der Musikschaffenden mit Behinderung als Hindernis für ihre Karriereentwicklung wahrgenommen. Insgesamt 12 Prozent berichten davon Diskriminierung aufgrund ihrer Behinderung erfahren zu haben. Zusätzliche Diskriminierungserfahrungen erfolgten außerdem etwa aufgrund von Geschlecht, Alter, Sexualität, ethnischer oder auch sozioökonomischer Herkunft.
Der intersektionale Aspekt wird etwa dadurch deutlich, dass ganze 38 Prozent der Trans-Musikerinnen und Musiker von Diskriminierung berichten – einem Wert deutlich über dem Durchschnitt.
31 Prozent der Befragten gaben an allen gegenüber offen über ihre Behinderung zu sprechen, 47 Prozent nur gegenüber einigen Kollegen und Kolleginnen. Dabei zeigen sich Unterschiede in den Diskriminierungserfahrungen: Während 16 Prozent der Musikschaffenden, die offen mit ihrer Behinderung umgehen von Diskriminierung berichten, sind es bei denjenigen, die ihre Behinderung verbergen nur 6 Prozent. 94 Prozent der von Diskriminierung Betroffenen gaben an, dass diese Erfahrung ihre Arbeitsfähigkeit oder Karriereentwicklung beeinträchtigt.
Die geringe Offenheit deutet auf eine Kultur der Nichtoffenlegung in der Musikbranche hin, oft aus Angst vor negativen Konsequenzen wie langsamerem Karrierefortschritt oder Benachteiligung.
Auch in der Offenheit lassen sich Unterschiede in verschiedenen Sektionen beobachten. Neurodivergente Musikerinnen und Musiker und solche mit psychischen Erkrankungen äußern sich weniger häufig offen über ihre Beeinträchtigungen (nur 23 Prozent gegenüber allen Kollegen und Kolleginnen) als Musikerinnen und Musiker mit körperlichen oder sensorischen Behinderungen (36 Prozent). Bedingt könnte dieses zum einen dadurch werden, dass erstere Beeinträchtigungen für außenstehende Personen weniger wahrnehmbar sind, als auch, dass psychischen Erkrankungen nach wie vor ein starkes Stigma anhaftet.
Ein weiterer Unterschied in der Offenheit zeigte sich zwischen den Geschlechtern. Während 38 Prozent der befragten Männer ihre Beeinträchtigung gegenüber dem gesamten Kollegium offen kommunizierten, waren es bei den Frauen lediglich 24 Prozent.
Wohlergehen in der Branche
Insgesamt 57 Prozent der Musikerinnen und Musiker mit Behinderung gaben an, ihre Behinderung beeinflusse ihre Karriere. Sowohl finanzielle Unsicherheit als auch Diskriminierungserfahrungen können dabei unter anderem auch negative Auswirkungen auf das psychische Wohlergehen nehmen.
In der Online-Umfrage wurden die teilnehmenden Musikerinnen und Musiker gefragt, ob sie es für wahrscheinlich oder unwahrscheinlich halten, dass sie in einem bzw. fünf Jahren noch in der Musikbranche tätig sein werden. Während 87 Prozent der Befragten mit Behinderung angaben, es sei wahrscheinlich, dass sie in einem Jahr noch in der Musikbranche arbeiten werden, sank dieser Wert auf 79 Prozent für die nächsten fünf Jahre.
Von den 21 Prozent, die angaben, noch nicht zu wissen oder es für unwahrscheinlich zu halten, dass sie in fünf Jahren noch in der Branche tätig sein werden, gaben wiederum 68 Prozent an, im Laufe ihrer Karriere Diskriminierung erlebt oder beobachtet zu haben.
Auch hier zeigen sich Unterschiede zwischen Musikerinnen und Musiker mit psychischen Erkrankungen und/oder neurodivergenten Profilen und denen mit sensorischen, körperlichen oder anderen Beeinträchtigungen. Während 83 Prozent von ersteren mit einer langfristigen Tätigkeit rechnet, sind es bei letzteren 76 Prozent. Hier könnte es womöglich eine Rolle spielen, dass der Pay-Gap zwischen nicht-behinderten Musikerinnen und Musiker und denen mit psychischen Erkrankungen und/oder neurodivergenten Profilen geringer ausfällt als zwischen nicht-behinderten Musikerinnen und Musikern und denen mit sensorischen, körperlichen oder anderen Beeinträchtigungen.
Insgesamt berichteten 39 Prozent der befragten Musikerinnen und Musiker mit Behinderung von einer negativen körperlichen Gesundheit, während 43 Prozent ihre psychische Gesundheit als negativ bewerteten. Besonders betroffen waren jene, die Diskriminierung erlebt oder beobachtet hatten – hier stieg der Wert des als negativ bewerteten mentalen Wohlbefindens auf 46 Prozent an.
Vorgehen des Musician Census 2023
Um die britische Musikbranche charakterisieren zu können, wurden von Januar bis März 2023 in einer 15-minütigen, freiwilligen Online-Umfrage Daten von insgesamt 5867 Teilnehmenden gesammelt, die nun nach und nach ausgewertet und in mehreren Musician Census 2023 Berichten veröffentlicht werden.
An der Umfrage teilnehmen konnten alle Musikerinnen und Musiker ab 16 Jahren, "die mit Musik Geld verdienen oder zu verdienen beabsichtigen". Um so viele wie möglich zu erreichen, haben Help Musicians und die Musicians' Union mit verschiedenen Partnern aus der Musikindustrie zusammengearbeitet.
Für den sechsten Bericht, haben sich Help Musicians und die Musicians' Union mit der Organisation Attitude is Everything zusammengeschlossen, die sich dafür einsetzt Menschen mit Behinderung einen besseren Zugang zur und bessere Bedingungen in der Musikindustrie zu bieten.
Ausgewertet wurden die Daten von Musikerinnen und Musikern, die keine Angaben zu einer Behinderung verweigerten oder explizit auf Einschränkungen hinweisen.
Appell an die Musikindustrie
Nachdem der sechste Musician Census Report 2023 noch einmal auf die beteiligten Organisationen und ihre Unterstützungsangebote aufmerksam gemacht hat, schließt er mit einem Appell an die Musikindustrie:
"Um die Gesundheit, das Wohlergehen und die Vielfalt der Musikindustrie zu gewährleisten, ist es wichtig, dass Diskriminierung und Unzugänglichkeit zur Branche aufgrund einer Behinderung gemeinsam und dringend angegangen werden."
Auch Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates betont, sich weiterhin für mehr Barrierefreiheit einsetzen zu wollen:
"Diese Teilhabeempfehlungen sind kein Ende des Projekts; sie müssen vielmehr der Startschuss sein, um das, was wir erarbeitet haben, in die Welt zu tragen, insbesondere auch in die Politik. Ich hoffe sehr, dass viele der Empfehlungen Eingang in den Koalitionsvertrag der nächsten Bundesregierung finden. Der Deutsche Kulturrat wird auf jeden Fall dranbleiben und sich kontinuierlich für eine Umsetzung der Forderungen engagieren."
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