Der lange Weg zur Chancengleichheit
Keychange-Studie sieht Handlungsbedarf: Geschlechtergerechtigkeit im Musikbusiness noch nicht erreicht
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Keychange (2024). © Marvin Contessi
Die auf dem Reeperbahn Festival vorgestellen Studie unterscheidet zwischen Männern und FLINTA-Personen, womit Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans- und agender-Personen gemeint sind.
Der Begriff, der sich aus den Anfangsbuchstaben eben dieser Mitglieder zusammensetzt, soll stellvertretend sein für alle, die laut Keychange aufgrund ihrer Geschlechtsidentität benachteiligt werden.
Unterschiedliche Wahrnehmung
Die Auswertung der Studie zeigt, dass Männer und FLINTA-Personen zum Teil zu sehr unterschiedlichen Bewertungen der Musikbranche gelangen. So kritisieren 60 Prozent der FLINTA-Personen eine dort fehlende Chancengleichheit. Umgekehrt sind lediglich 8 Prozent der Meinung, dass diese bereits erreicht ist.
Der Vergleich mit den Zahlen aus der letzten Befragung 2021 zeigt, dass FLINTA-Personen die Chancengleichheit insgesamt negativer bewerten als noch vor drei Jahren. Damals äußerten mit 15 Prozent doppelt so viele Befragte positiv über die Chancengleichheit.
Im Gegensatz zur negativen Wahrnehmung der Chancengleichheit von FLINTA-Personen sind 50 Prozent der Männer davon überzeugt, dass Männer und FLINTA-Personen in der Musikbranche die gleichen Chancen haben. Nur jeder vierte Mann verneint die Frage. Mit "neutral" beantworten die Frage etwa 30 Prozent der FLINTA-Personen und 26 Prozent der Männer. (Die etwas unglückliche Kategorie "neutral" sollte man vermutlich eher als "teils/teils" interpretieren).
Verbessert sich die Lage?
Auch bei der Frage, ob sich die Chancengleichheit in den letzten 3 Jahren verbessert hat, zeigen sich deutliche Unterschiede bei den Gruppen. Eine Verbesserung haben 29 Prozent der FLINTA Personen wahrgenommen, während 21 Prozent keine Verbesserung bemerken können. Nicht weniger als die Hälfte der Befragten stehen der Frage neutral gegenüber.
Auffällig ist, dass 2021 noch die Hälfte der FLINTA Personen angab, Verbesserungen bemerkt zu haben. Auch von den männlichen Befragten nahm bei der letzten Befragung ein größerer Anteil Verbesserungen wahr, nämlich 65 Prozent im Vergleich zu 50 Prozent in der aktuellen Studie. Dass sich die Chancengleichheit überhaupt nicht verbessert hat, finden nur 12 Prozent.
Diskriminierung weitverbreitetes Phänomen
Eine weitere Erkenntnis der Keychange-Studie ist, dass Diskriminierungserfahrungen ein geschlechterübergreifendes Problem darzustellen scheinen. Nahezu unverändert berichten fast alle FLINTA-Personen davon, bereits Diskriminierungserfahrungen gemacht zu haben. Von den Männern geben dies 75 Prozent an – ein Zuwachs von 10 Prozent im Vergleich zur letzten Befragung.
Die Studie versteht unter Diskriminierungsmaßnahmen beispielsweise die Zuschreibung, aber auch das Nicht-Zutrauen von Fähigkeiten aufgrund des Geschlechts, die Bewertung nach Aussehen, aber auch unangemessene Witze oder sexuelle Belästigung.
Diskriminierung aufgrund von Merkmalen
Auch in Bezug auf intersektionale Diskriminierung zeigt die Studie, dass FLINTA-Personen stärker betroffen sind. Während 56 Prozent der FLINTA-Personen angeben, sich im Beruf aufgrund von mindestens zwei Merkmalen benachteiligt gefühlt zu haben, ist es bei den männlichen Befragten nur knapp jeder Fünfte.
Bei der Frage, aufgrund welcher äußeren Merkmale die Benachteiligung stattfand, geben FLINTA-Personen an, vor allem aufgrund des Geschlechts und ihres Alters diskriminiert zu werden: 75 Prozent berichten von geschlechtsbezogener Diskrimierung, 50 Prozent von Diskrimierung aufgrund des Alters.
Dagegen berichten 63 Prozent der Männer, dass sie sich bisher durch keines der aufgeführten Merkmale benachteiligt gefühlt haben. Allerdings zeigen sich auch Gemeinsamkeiten. So fühlen sich jeweils knapp 10 Prozent der Männer und FLINTA-Personen aufgrund des Status diskriminiert.
Ein erfreuliches Ergebnis gibt es auch: Die Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung, Behinderung, Religion oder ethnischer Herkunft scheint eine untergeordnete Rolle zu spielen.
Vielfältige Hürden
Als größte Barriere bei der beruflichen Weiterentwicklung geben 75 Prozent der FLINTA-Personen die Dominanz von Männern in Führungspositionen an. Weitere 66 Prozent nennen Vetternwirtschaft. Von den männlichen Befragten betrachtet nur jeder Fünfte die Dominanz von Männern in leitenden Positionen als Hürde. Vetternwirtschaft stellt für 34 Prozent eine Hürde dar.
Auch nennen 36 Prozent der FLINTA-Personen fehlende Vorbilder und wiederum 27 Prozent schlechtere Einstellungs- und Beförderungschancen aufgrund des Geschlechts als erschwerende Bedingungen in der beruflichen Weiterentwicklung. Bei den Männern hingegen gaben nur 12 Prozent an, Vorbilder zu vermissen. Von schlechten Einstellungs- oder Beförderungschancen aufgrund des Geschlechts sprachen lediglich 3 Prozent.
Mit 47 Prozent stellen bei den Männern intransparente Entscheidungen das größte Hindernis dar, gefolgt von der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben (44 Prozent).
Mehr Frauen in Führungspositionen
Auf der anderen Seite hebt die Studie auch positive Entwicklungen hervor. So hätten Bewegungen wie #MeToo Missstände sichtbar gemacht und verstärkte öffentliche Debatten zu einem geschärften Bewusstsein für Gleichberechtigung geführt.
Zudem zeigt sich, dass der Anteil von Frauen in Führungspositionen zugenommen hat. Waren 2021 nur 7 Prozent der leitenden Positionen in Musikunternehmen größtenteils mit Frauen besetzt, sind es inzwischen 16 Prozent. Zugleich ist der Anteil der Firmen, in denen mehrheitlich Männer in Führungspositionen arbeiten, von 60 Prozent auf 50 Prozent gesunken.
Mehr Frauen auf Festivalbühnen
Auch auf Festivalbühnen ist ein stetig wachsender Frauenanteil erkennbar. Wie eine Analyse von 15 Festivals zeigt, liegt er aktuell bei 20 Prozent, was einer Zunahme von 4 Prozent seit der letzten Erhebung entspricht. Dennoch sind auf 9 der 15 Festivalbühnen über 70 Prozent der Acts männlich.
Auffällig ist auch, dass kleinere Festivals in Sachen Gleichstellung deutlich weiter sind. Im Durchschnitt liegt der Frauenanteil hier bei 30 Prozent, bei großen Festivals bei gerade einmal 15 Prozent. Auch diverse Geschlechter sind mit einem Anteil von 3 Prozent auf kleineren Festivals präsenter als auf großen, wo ihr Anteil bei nur einem Prozent liegt.
Seit 2010 hat sich der Frauenanteil auf kleineren Festivals von 8 Prozent auf 28 Prozent erhöht, während er bei großen Festivals deutlich langsamer anstieg, nämlich von 6 Prozent auf 14 Prozent. Allerdings erschwert die geringe Zahl der untersuchten Festivals eine Einordung.
Angesichts einer breiten Festivalkultur und der leichten Ermittelbarkeit von Festival-Line-ups wäre hier mehr möglich gewesen.
Einstimmigkeit bei Wunsch nach Veränderungen
Um die Geschlechtervielfalt zu fördern, schlagen etwa 70 Prozent der FLINTA-Personen Mentoring-Programme sowie kostenlose Beratungsangebote vor. Von den männlichen Befragten ist es etwa jeder Zweite.
Drastische Unterschiede zeigen sich bei der Einführung von Quotenregelungen sowie der Schaffung von weiblichen Netzwerken. So halten 60 Prozent der FLINTA-Personen weibliche Netzwerke für eine sinnvolle Maßnahme, aber nur 30 Prozent der Männer. Für Quotenregelungen in Unternehmen sowie auf Festivals sprechen sich jeweils über 40 Prozent der FLINTA-Personen aus, aber nur 16 Prozent der männlichen Befragten.
Geschlechterübergreifende Einigkeit herrscht bei der Notwendigkeit, Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu schaffen. Auch die Förderung junger Menschen, etwa mithilfe von Workshops, halten alle Befragten für eine sinnvolle Maßnahme.
Viele Baustellen
"Keychange legt den Finger erneut in die Wunde. Die Studie zeigt, die Zahlen sind noch immer alarmierend und bisherige Maßnahmen haben zu keinen zufriedenstellenden Ergebnissen geführt, im Gegenteil. Aber, wir haben einiges erreicht, wir sind auf dem richtigen Weg und es braucht Zeit. Mit der Studie leistet Keychange seit Bestehen der Initiative einen substanziellen Beitrag zur Debatte."
Lea Karwoth, Senior Project Manager für Keychange, betont die Notwendigkeit von Veränderungen, um Geschlechtergerechtigkeit voranzubringen:
"Es herrscht Einigkeit darüber, dass gezielte Fördermaßnahmen entscheidend sind, um echte Chancengleichheit zu schaffen und zu verhindern, dass wir weiterhin wertvolle Talente verlieren, die die Musikbranche aufgrund zahlreicher Barrieren verlassen."
Über die Studie
Durchgeführt wurde die Untersuchung von Keychange, einer Initiative, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter in der Musikbranche einsetzt und unterrepräsentierte Talente mit Auftrittsmöglichkeiten und Schulungen unterstützt. Entstanden ist die Bewegung beim Reeperbahn Festival 2017.
Gefördert wurde die Studie unter anderem von der GEMA und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Als Grundlage dienen neben Befragungen unter den Mitarbeitenden von Musikverbänden (244 Interviews) auch 16 Tiefeninterviews mit Expert*innen aus unterschiedlichen Bereichen der Musikindustrie – wie etwa Musiker*innen, Produzent*innen und Konzertausrichter*innen) sowie Daten der GEMA.
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