Branchentreff mit Festival-Charakter
Die About Pop in Stuttgart beeindruckt 2026 mit großer Themen- und Genrevielfalt
about pop musikbusiness showcase festival
© Ilkay Karakurt
Neben zahlreichen Liveshows punktet die About Pop mit einem zusätzlichen Convention-Programm, dass sich verschiedenen Themen der Veranstaltungs- und Musikbranche widmet.
Große Auswahl
Auch in diesem Jahr erfährt das hybride Veranstaltungsformat wieder viel Zuspruch. Insgesamt haben nach Veranstalterangaben rund 7.000 Personen, die achte Ausgabe besucht , die mehr als 200 Veranstaltungen, rund 150 Speaker*innen und Auftritte von mehr als 64 Bands und Artists umfasste.
Während sich freitags noch alles auf dem Wizemann Areal abspielt (Im Wizemann und im angrenzenden Impact Hub), finden die Programmpunkte samstags in 26 weiteren Veranstaltungsorten in Stuttgart statt, darunter unter anderem in Jugendhäusern, der Stadtbibliothek, einem zum Kulturort umgebauten Bunker und einem Kiosk.
Von Anfängen und Rückblicken
Der Auftakt der Convention am Freitag bietet u.a. die "Inspirational Talks". Im Rahmen dieses Panel-Formats sprechen die Newcomer Merlin Storm, Mausi G und Zweifel über ihre musikalischen Anfänge, ihren bisherigen Werdegang und ihre nächsten angestrebten Schritte.
Ebenfalls auf Anfänge blickt die Lesung "50 Jahre Punk in Deutschland" zurück. Hier wird anlässlich der Geburt des deutschsprachigen Punks vor 50 Jahren aus dem Buch "Angriff aufs Schlaraffenland" gelesen, in dem verschiedene Autor*innen kurze Beiträge über für sie prägende Songs verfasst haben.
Dass auf einer Veranstaltung, die sich About Pop nennt, Namen wie Schleimkeim, S.Y.P.H., Kapitulation B.o.N.n. oder Neurotic Arseholes fallen, mag zunächst überraschen, reiht sich jedoch gut ein, in das Programm, das die populäre Musik in allen Facetten behandelt.
So widmet sich ein anderes Panel ("The Sound of the Crowd – New Wave in Germany") der New Wave Bewegung in Deutschland. Erwähnung finden hier etwa bekannte Vertreter*innen wie Anja Huwe von XmalDeutschland oder aber auch das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig.
Ein Blick auf die aktuelle Situation vieler Musikschaffender
In dem Gespräch "Insolvenz & Pop", das sich mit der prekären finanziellen Realität vieler Kreativschaffender beschäftigt, sitzen neben Thomas Venker, der unter anderem das namensgebende Magazin "Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop" gegründet hat, und Katja Lucker, der Geschäftsführerin der Initiative Musik auch Levin Stadler alias Levin Goes Lightly (Post Punk, Cold Wave und Dancefloor) und Gudrun Gut, die unter anderem durch Bands wie Mania D., Malaria!, Einstürzende Neubauten und Matador Bekanntheit erlangt hat und bereits seit den 70er Jahren fest verankert in der Musikszene ist. Panels wie dieses unterstreichen das Anliegen des About Pop Festivals, verschiedene Perspektiven auf die Musikbranche zu präsentieren.
Das Gespräch dreht sich unter anderem um die Frage, wie Musiker*innen in einer Zeit, in der immer mehr Clubs, Labels und Artists insolvent gehen finanziell langfristig vorsorgen können und ob Pop inzwischen ein Liebhaberprojekt für die Ober- und Mittelklasse geworden ist.
Dabei wird noch einmal eindrücklich deutlich, wie viele Menschen diese Frage herumtreibt, denn der Andrang für das Panel ist größer, als der Raum erlaubt. Nachdem alternative Sitzmöglichkeiten gefunden sind, geht es dann unter anderem um meist notwendige unterstützende Zweitberufe und Rentenbescheide, die leider nur sehr ungenau vorhersagen können, wie groß die Altersabsicherung einmal ausfallen wird. Wenig überraschend wird klar: Das Musikerdasein bleibt eine finanzielle Herausforderung.
Auch das Thema Förderungen, wird sowohl aus Artistsicht, als auch aus Perspektive der Fördernden besprochen. Thematisiert wird etwa, dass mit diesen häufig noch ein sehr herausfordernder bürokratischer Weg verbunden ist, aber eine bewilligte Förderung oft große und entscheidende Chancen für Musikschaffende bieten kann.

Das Panel "Muss Big Tech weg?" der About Pop 2026, © Madlen Medvedovskyy
Im Panel "Muss Big Tech weg?", stehen die wachsende Macht großer Digital-Plattformen und die Folgen für Kultur und Gesellschaft im Mittelpunkt sowie die Frage, wie eine souveräne Öffentlichkeit aussehen und Abhängigkeiten verringert werden können.
Sich möglichst breit aufzustellen und sich nicht zu sehr auf einzelne Plattformen wie Instagram und TikTok zu verlassen, empfiehlt auch Malte Lackmann, der sich auf den Bereich Digitalstrategie für unabhängige Künstler*innen spezialisiert hat, in seinem Vortrag "Wie wertvoll ist ein viraler Hit?". Außerdem betont er die Wichtigkeit unabhängiger Internetauftritte wie Webseiten und direkte Kommunikationskanäle wie etwa Newsletter.
Diversität als gelebter Programmpunkt
Auch gesellschaftliche Themen wie Diversität und intersektionaler Feminismus finden im Programm ihren Platz. So beschäftigt sich das Gespräch "Männerbilder neu erzählen" mit der Konstruktion von Männlichkeitsbildern, welche Rolle Feminismus für Männer spielt und warum es höchste Zeit ist, warum sie sich stärker in die Debatte um Gleichberechtigung einbringen sollten.
In Zusammenarbeit mit dem Juha West, dreht sich wiederum der gesamte Samstag Abend um das Thema "Diversität, Queeres Leben und Gender-Denken in der extremen Musik". Einem gemeinsamen Gespräch, an dem unter anderem die beiden Blackmetal/Blackgaze Bands Nessel und Agriculture beteiligt sind, schließen sich Konzerte der beiden Acts an. Hier zeigt sich auch, wie groß die Anfrage für das Booking weiterer Genres der Veranstaltung ist. Bei beiden Konzerten ist der Jugendhaus-Saal komplett gefüllt.

NESSEL, Agriculture, Christina Wenig und Björn Springorum im Gespräch über Diversität, Queeres Leben und Genderdenken-Denken in der Extremen Musik, © Madlen Medvedovskyy
Neben dem kostenpflichtigen Programm, gibt es samstags dann vereinzelnd auch frei zugängliche Veranstaltungen, so etwa im Plattenladen "Ratzer – Records & Beer". Dort begeistert unter anderem Anthony Hüseyin mit Musik, die sich nicht nur zwischen mehreren Sprachen, sondern auch Genres bewegt und sich dabei Themen wie Identität, Herzschmerz und gesellschaftlichen Fragen widmet. Das Konzert zeichnet sich vor allem durch die Nahbarkeit von Hüseyin aus. Das Set entsteht spontan, das Publikum darf mitbestimmen welche Songs gespielt werden und wird zum Mittanzen und Mitsingen motiviert.
Auch der Auftritt des lokalen Künstlers Jonas Bolle begeistert. Hier ist der Anlauf so groß, dass auch vor der Tür des Geschäfts noch gelauscht wird.

Plattenladen Ratzer Records & Beer, © Ilkay Karakurt
Insgesamt hat das musikalische Line-Up der About Pop für verschiedendste Geschmäcker etwas zu bieten. So sorgt etwa die Newcomerin, Multiinstrumentalistin und Produzentin Uche Yara im Wizemann Studio für große Begeisterung.
Ein weiteres Highlight stellt der Auftritt von Light Asylum dar, dem Projekt der in New York anässigen Shannon Funchess. Light Asylum bewegt sich musikalisch zwischen Techno-Punk, Synthpop und Darkwave. Funchess' Spiel mit Einflüssen der 80-er Jahre, hat ihr bereits Vergleiche mit Nine Inch Nails und Depeche Mode eingebracht, dennoch gelingt es ihr etwas ganz Eigenes zu schaffen, dass das Publikum in der Wizemann Halle bis in die letzte Reihe fest im Griff hat.
Auch das 2023 gegründete deutsche Musikduo 6euroneunzig erlebt einen großen Andrang und ist sogar so gefragt, dass die Besucher*innen vor dem Eingang des Clubraums im Wizemann Schlange stehen. Kein Wunder, die beiden Musikerinnen zeigen vollen Einsatz, obwohl eine Musikerin im 6. Monat schwanger ist.
Und nicht zuletzt ist da auch noch Peaches. Die kanadische Künstlerin ist bekannt für ihre spektakulären und provokanten Bühnenshows, in denen sich die Künstlerin, die als "Feminist and Queer Icon" gilt, mit Körperlichkeiten und Sexualität auseinandersetzt. Darüber hinaus fliegen in Stuttgart auch schonmal falsche Köpfe in Menge, außerdem läuft die Künstlerin kurzerhand weiterhin singend über die Hände ihres Publikums.
Festival mit Netzwerk und Weiterbildungsfunktion
Neben Live-Konzerten, jeder Menge Panels und Talks bietet die About Pop aber auch verschiedene Vernetzungs-Möglichkeiten und Workshops für Musikschaffende. So haben Künstler*innen im Rahmen der Artist Feedback Session die Möglichkeit, einen ausgewählten Song renommierten Branchenprofis zu präsentieren und deren Feedback zu erhalten. Auch die About Next Workshops und Masterclasses, die in diesem Jahr Premiere feiern, sollen Popkultur, Kreativwirtschaft, Start-ups und Technologie miteinander zusammenbringen.
Letztendlich ist es wohl gerade diese Verbindung von Live-Musik-Erlebnissen und Festival-Charakter mit einem Raum für Vernetzung, Debatten und Diskurs sowie praxisnahen Workshops, die die About Pop zu einem Ort macht, an dem Popkultur im erweiterten Sinne nicht nur gefeiert, sondern auch mitgestaltet und weitergedacht werden kann.
In diesem Jahr wurde durch eine Zusammenarbeit mit der Straßburg Music Week zudem die internationale Ausrichtung dieses Ortes ausgebaut, sodass die About Pop in Zukunft neue Möglichkeiten für kulturellen Austausch und die Vernetzung der europäischen Musik- und Kreativszene eröffnen können soll.

Die Straßburg Delegation auf der About Pop 2026, © Isabelle Sire
Inzwischen steht bereits der Termin für die nächste Ausgabe, die am 11. und 12. Juni 2027 in Stuttgart stattfinden wird.
Ähnliche Themen
Die Musikindustrie vor großen Veränderungen
"Forever legit?" Reeperbahn Festival Conference thematisiert Wandel der Musik-Branche
veröffentlicht am 10.06.2026
Festival und Branchenkongress
Panels, Workshops und Konzerte: Das About Pop Festival 2026 in Stuttgart gibt Programm bekannt
veröffentlicht am 18.03.2026