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Komplexe Zusammenhänge

Die Komplexität der Melodien von Top-5-Hits hat zwischen 1950 und 2023 stark abgenommen

Spezial/Schwerpunkt von BackstagePRO
veröffentlicht am 23.07.2024

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Die Komplexität der Melodien von Top-5-Hits hat zwischen 1950 und 2023 stark abgenommen

© cottonbro studio via Pexels

Die musikalische Komplexität der Melodien von Top-5-Hits wurde im Zeitraum 1950 bis 2023 stetig geringer. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie englischer Wissenschaftler. Die Studie identifiziert auch zwei Zeitpunkte (1975 und 2000), in deren Folge die Komplexität besonders stark abnahm.

Madeline Hamilton und Marcus Pearce von der Queen Mary University of London analysierten für ihre in Nature veröffentlichte Studie die Hauptmelodien bzw. Gesangsmelodien von über 350 Liedern, die zwischen 1950 und 2022 zu den Top-5-Songs des jeweiligen Jahres in den Billboard-Jahres-Singles-Charts gehörten.

Mühsame Arbeit

Um die Geschichte der zeitgenössischen populären Melodie zu untersuchen, benutzten die Autoren das sog. Billboard Melodic Music Dataset (BiMMuDa).

Das BiMMuDa ist ein Datensatz mit über 1000 MIDI-Dateien, die die wichtigsten (Gesangs-)Melodien der Top-5-Songs jedes Jahres von 1950 bis 2022 enthalten. Madeline Hamilton transkribierte die Melodien dann in die Musiknotationssoftware MuseScore. In dieser Zeit hörte sie bis zu 10 Stunden Melodien pro Tag, wie die New York Times berichtet.

Melodische Revolutionen

Die beiden Wissenschaftler benutzten jeweils vier Eigenschaften der Melodien, um ihre Komplexität in Hinblick auf Tonhöhe und Rhythmik zu messen. 

Im Ergebnis fanden die Wissenschaftler deutliche Hinweise darauf, dass sowohl in 1975 als auch um 2000 signifikante Veränderungen in der populären Musik stattfanden, die sie als "melodic revolutions" bezeichnen. Zudem identifizierten sie eine geringere melodische Revolution im Jahr 1996.

Gründe für den Wandel

Als Ursache für den Rückgang der Komplexität ab 1975 machen sie das Auftreten neuer Musikgenres wie Disco, Stadionrock und New Wave verantwortlich. Gleichzeitig hatte die Ära des rhythmisch und melodisch komplexen Prog-Rocks, der auch auf die Pop-Musik ausstrahlte, im Jahr 1975 ihren Zenit überschritten.

Weiterhin zeigte die Analyse, dass Hip-Hop-Melodien ungefähr zwischen 1990 und 2000 einen starken Aufschwung erfuhren. Die steigende Popularität des Hip-Hops in den 90er Jahren könnte die Melodien anderer Genres beeinflusst haben, was wiederum zur "melodischen Revolution" im Jahr 2000 führte.

Eine weitere Ursache könnte nach Hamilton und Pearce auch die Einführung digitaler Audio-Workstations (DAWs) als Hauptinstrument in den großen Musikstudios der frühen 90er Jahren gewesen sein. Da DAWs loopbasiert sind (Loops sind sich wiederholende Sequenzen), könnte das Benutzer veranlasst haben, ähnliche melodische Abfolgen zu verwenden.

Zyklische Musiktrends

In Bezug auf die allgemeine Entwicklung von Musik weisen die Autor*innen sowohl auf populäre als auch akademische Theorien über Mode, Film und Musik hin, die zyklische Trends hervorheben, in denen Genres und Stile in regelmäßigen Abständen aufkommen, verschwinden und in modifizierter Form wieder auftauchen. 

Tatsächlich weist beispielsweise das Tempo (BPM) ein zyklisches Verhalten im Laufe der Zeit auf. Im Gegensatz dazu folgt die Entwicklung von Melodien nicht zyklischen Trends, zumindest nicht in den im Rahmen der Studie analysierten Jahrzehnten: Melodien nehmen im Untersuchungszeitraum entweder an Komplexität zu oder ab.

Komplexität nimmt ab, Zahl der Noten nimmt zu

Die Studie stellt fest, dass in den letzten Jahrzehnten durchaus ein Trend zu simpleren und eingängigen Songs in der Popmusik zu beobachten ist. Während die Komplexität von Rhythmus und Tonhöhenarrangements abnahm, nahm die durchschnittliche Anzahl von gespielten Noten pro Sekunde zu.

Hamilton und Pearce vermuten, dass eine Zunahme der Komplexität anderer musikalischer Elemente wie einer erhöhten Notenzahl möglicherweise durch die Reduzierung der melodischen Komplexität ausgeglichen wird. Somit soll verhindert werden, dass Hörer und Hörerinnen überfordert werden.

Nullsummenspiel der Komplexität?

Eine ähnliche Ansicht vertritt der von der New York Times befragte Musikwissenschaftler Patrick Savage von der University of Auckland in Neuseeland:

"Wir können uns nicht an Dingen erfreuen, die zu komplex sind, um sie zu begreifen, zu erinnern oder zu reproduzieren."

Seiner Meinung nach musste Musik an anderer Stelle kreative Nuancen opfern, als sie dank der Verbreitung digitaler Werkzeuge und kultureller Veränderungen in mancher Hinsicht innovativer wurde.

Reflektiert Musik die Entwicklung der Sprache?

Ein weiterer möglicher Erklärungsansatz der Autor*innen basiert auf der Annahme des Filmregisseur und Komponisten Yuval Shrem, die besagt, dass musikalische Trends die sprachliche Entwicklung der Gesellschaft reflektieren.

Mit der Notwendigkeit zur Komprimierung von Sprache im digitalen Zeitalter werden Botschaften zunehmend vereinfacht, was möglicherweise zu einer verringerten Fähigkeit der Menschen führt, komplexe Songs zu erfassen – ein Phänomen, das sich auch in der Popmusik manifestieren könnte. Diese Hypothese müsste aber erst wissenschaftlich überprüft werden.

Patrick Savage wiederum sieht eine Schwäche in der Studie darin, dass sie die Komplexität der Rap-Musik nicht vollständig erfassen könne:

"Die westliche Notation wurde nicht entwickelt, um die sprachähnlichen Mikrotonalitäten des Rap zu erfassen, die in mancher Hinsicht wohl komplexer sind als typische gesungene Melodien.“

Ist das jetzt schlechte Musik?

Ob die Musik aufgrund dieser Veränderungen "schlechter" wird, ist keine wissenschaftliche, sondern eine persönlich-subjektive Meinung, die außerhalb des Erkenntnisgewinns der Studie liege, so die Autoren.

Beide betonen, dass in der empirischen Ästhetik die Komplexität eines Musikstücks nicht unbedingt mit dem Vergnügen korreliert, das es bereitet. Nach einer Theorie von Daniel Berlyne bevorzugen Hörerinnen und Hörer vor allem Musikstücke mit mittlerer Komplexität. 

Weiterhin könne aus der Abnahme der Komplexität der Melodien nicht auf die Abnahme der Komplexität von Musikstücken insgesamt geschlossen werden. Die Autoren betrachten Klangfarben oder Harmonien als starke Quellen von Komplexität in der Musik – und nach anderen Studienergebnissen habe deren Komplexität in den letzten Jahrzehnten nicht abgenommen. 

Außerdem weisen die Autor*innen darauf hin, dass aufgrund der begrenzten Stichprobe, die nur die fünf beliebtesten Songs eines Jahres umfasst, die Studie nicht als repräsentativ für die gesamte US-amerikanische oder westliche Popmusik angesehen werden kann. 

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