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streit um urheberrechtsverletzungen im internet

Eure Meinung: Hat Sven Regener recht?

Spezial/Schwerpunkt von Daniel Nagel
veröffentlicht am 28.03.2012

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Eure Meinung: Hat Sven Regener recht?

Element of Crime (live in Mannheim, 2011). © Simone Cihlar

Ein Wutausbrauch des Element Of Crime-Sängers und Schriftstellers Sven Regener sorgt für heftige Diskussionen im Internet. Zu Debatte steht die Frage, wie Musiker in den Zeiten des Internets für ihre Kunst angemessen entlohnt werden können. Wir wollen dazu eure Meinung erfahren.

"Dem Feind einen Tritt in die Rippen..." (aus "Ein Hotdog unten am Hafen" von EoC)

Sven Regener, der Sänger/Songwriter der unendlich verehrungswürdigen Band Element Of Crime hat mit einem veritablen Wutausbrauch im Zündfunk des Bayrischen Rundfunks für Aufsehen gesorgt. Er beschuldigte zum einen die illegalen Downloader durch ihr Tun, den Musikschaffenden "ins Gesicht zu pinkeln", indem sie sich Musik kostenlos beschafften. Zum anderen attackierte er diejenigen, die sich im Streit zwischen Youtube/Google und der GEMA auf die Seite Youtubes schlagen, da sie sich "zu Lobbyisten eines milliardenschweren Konzerns" machten. Regeners Wutrede gipfelte in der Aussage: "Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert."

"...und ein paar Kippen für hinterher..."

Wie alle in einem Zustand emotionaler Erregung getroffenen Aussagen, sollte man auch hier nicht jedes Wort auf die Goldwage legen, aber letztlich regt sich Regener über zwei unterschiedliche Themen auf, die sich freilich unter dem Aspekt der fairen Entlohnung von Musikschaffenden zusammenfassen lassen.

Zum einen handelt es sich um die Frage, wie das bestehende Urheberrecht in den Zeiten des allzeit verfügbaren illegalen Downloads durchgesetzt werden kann bzw. wie es an die neuen Gegenbenheiten angepasst werden muss. Zum anderen thematisiert Regener die Problematik der im Augenblick ausgesetzten Verhandlungen zwischen Youtube/Google und der GEMA über die Vergütung der Urheber für die bei Youtube eingestellten Musikvideos. Die GEMA pocht im Sinne der Urheber auf hohen Vergütungssätzen, während Youtube/Google wenig überraschend nur einen geringen Teil der Einnahmen an die Rechteinhaber weitergeben will.

"...eine halbautomatische Waffe ist immer dabei..."

So komplex die beiden Themen sind, so leidenschaftlich und emotional wird darüber im Netz diskutiert. Dadurch gerät die eigentlich notwendige Debatte schnell in die Gefahr, mit der Ernsthaftigkeit auch jede Substanz zu verlieren und zu einem puren Schlagabtausch zu verkommen. Dabei geht Regeners eigentliches Anliegen weitgehend verloren. Das besteht im moralischen Appell an die Downloader, die Konsequenzen ihres Handelns zu bedenken, das vor allem in der Verengung der Musikszene bestehen könnte. Übrig bleiben die großen Stars bei einigen großen Major-Labels sowie Nischenprodukte wie Schlager oder Volksmusik, aber vor allem Indie-Labels haben heftig mit den veränderten Bedingungen zu kämpfen.

Der zweite Aspekt ist, dass es laut Regener beim Streit zwischen Youtube und GEMA nicht um das kleine, sympathische, kostenlose Youtube gegen die böse GEMA geht, sondern um den Streit zwischen einem milliardenschweren Konzern (Google) und der deutschen Verwertungsgesellschaft, die im Sinn der Urheber, also der Künstler handelt oder das zumindest beabsichtigt. 

"...ohne dich will ich nicht, mit dir kann ich nicht sein..."

Wenn man bedenkt, dass Sven Regener 1961 geboren ist, also bereits im fünften Lebensjahrzehnt angekommen ist, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass seine Empörung auch das Ergebnis eines Generationenkonflikts ist. Verständlicher Ärger eines kunstschaffenden prallt hier auf die selbstgerechte Leck-mich-Attitüde eines Teils der Netzwelt, die in Regener völlig zu Unrecht einen reaktionären Alten sieht, der ihre grenzenlose Netzfreiheit einschränken will.

Im Streit zwischen Youtube/Google und der GEMA ist auffällig, dass die Schwierigkeiten, in Deutschland ein Vergütungsmodell auszuhandeln, offensichtlich größer sind als anderswo. Diese Kritik muss sich die GEMA gefallen lassen. Für die GEMA gilt dasselbe wie für das Urheberrecht: auch hier treffen alte Strukturen aus der Zeit vor dem Internet auf die internetbasierte Situation der Gegenwart. Ausgetragen wird der Konflikt inzwischen vor Gericht. Das Landgericht Hamburg hat für April ein Urteil angekündigt. Selbst von Seiten der Musikindustrie gerät die GEMA jedoch zunehmend unter Druck: Die Konzerne werfen der GEMA vor, "noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen zu sein." Ein erstaunlicher Konflikt, wenn man bedenkt, dass die Musikindustrie noch bis vor ganz kurzer Zeit vom Internet nur unter ihren Bedingungen etwas wissen wollte.

"...zum Abschied ein bisschen gefummel hinter der tür..."

Im Allgemeinen kann kein Zweifel darüber bestehen, dass das Urheberrecht auch im Internet gelten muss. Die Frage ist nur: Welches Urheberrecht? Es ist offenkundig, dass das auf die Existenz physischer Medien ausgelegte aktuelle Urheberrecht der augenblicklichen Situation nicht gerecht wird. Moralische Appelle an die Downloader ihr Tun zu überprüfen, wie Sven Regener sie unternimmt, werden daran nur wenig ändern.

Wie aber soll das Urheberrecht der Zukunft beschaffen sein?

Wie sollen Künstler die Möglichkeit erhalten, in Zukunft von ihrer Kunst leben zu können?

Kurz gesagt: Was haltet ihr von den Aussagen von Sven Regener?

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