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Vom Tabu zum Dauerthema

Hörschäden bei Musikern: Häufigkeit, Ursachen und Lösungen

Spezial/Schwerpunkt von Daniel Nagel
veröffentlicht am 04.10.2019

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Hörschäden bei Musikern: Häufigkeit, Ursachen und Lösungen

Viele Musiker tragen auch auf der Bühne keinen Gehörschutz. © Keagan Henman/Unsplash

Bis vor wenigen Jahren waren Hörschäden bei Musikern geradezu tabuisiert. Inzwischen berichten prominente und weniger prominente Musiker offen von ihren Problemen und auch Wissenschaftler haben sich der Frage angenommen. Der folgende Artikel bietet eine Bestandsaufnahme auf der Basis verschiedener Studien.

Hörschäden sind unter Rockmusikern weit verbreitet. Dafür gibt es jede Menge prominente Beispiele wie Eric Clapton, der heute bereut, nicht frühzeitig Gehörschutz verwendet zu haben. Andere Musiker wie Ozzy Osbourne, Neil Young oder Barbra Streisand leiden an Tinnitus.

Medizinische Studien über Hörschäden bei Rockmusikern sind aber nicht häufig, da es organisatorisch nicht leicht ist, eine ausreichende Zahl von Rockmusikern zur Mitwirkung an einer Studie zu bewegen. Einer Gruppe norwegischer Forscher gelang es aber mit Unterstützung des norwegischen Musikrats (Norsk Musikkråd) dieses Problem zu überwinden.

Hörschäden bei Musikern sind weit verbreitet

Die 2015 veröffentlichte Studie "Hearing loss and tinnitus in rock musicians: A Norwegian survey" untersuchte Hörschwellen (d.h. den Punkt, an dem ein Mensch Töne oder Geräusche wahrnimmt) und Tinnitus bei 111 Rockmusikern aus Oslo und Umgebung.

Die Wissenschaftler stellten bei 37,8% der Musiker Hörverlust und bei 20% chronischen Tinnitus fest. In einer Kontrollgruppe aus Nicht-Musikern litten nur 2,5% der Untersuchten an Hörschäden. Bemerkenswerterweise wiesen Musikerinnen mit 50% einen deutlich größeren Hörverlust auf als Musiker (36,1%). Allerdings nahmen nur 12 Musikerinnen an der Studie teil. 

Instrumentalisten sind stärker betroffen

Der Hörverlust war bei Instrumentalisten (Schlagzeugern, Bassisten und Gitarristen) ausgeprägter, während Sängerinnen und Sänger, die nicht auch als Instrumentalisten tätig waren, einen deutlich geringeren Hörverlust beklagten. Der Hörverlust von Schlagzeugern unterschied sich statistisch nicht von dem anderer Instrumentalisten – ein etwas überraschendes Ergebnis, da andere Studien durchaus stärkeren Hörverlust bei Schlagzeugern feststellten.

Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe aus Nicht-Musikern wiesen die Musiker auf allen Frequenzen eine durchweg höhere Hörschwelle auf (hörten also schlechter). Besonders stark war der Unterschied bei 6 kHz, ein Ergebnis, das nach Angabe der Autoren frühere Studien bestätigt.

Längeres Spielen führt zu größeren Schäden

Zu den entscheidenden Faktoren für Hörverlust zählt nach einer israelischen Studie mit dem Titel "Exposure to music and noise-induced hearing loss (NIHL) among professional pop/rock/jazz musicians" vor allem die Anzahl der Stunden, die Musiker pro Woche spielen – und nicht etwa die Dauer ihrer Tätigkeit als Musiker insgesamt.

Die naheliegende Möglichkeit, weniger zu spielen, um das Gehör zu schonen, dürfte aber für die meisten Musiker nur schwer praktikabel sein.

Auch Tinnitus ist weiter verbreitet – und hält länger an

Nach den Ergebnissen der norwegischen Studie kommt Tinnitus bei Rockmusikern wesentlich häufiger vor als bei den Nicht-Musikern. 19,8% der Musiker leiden unter permanentem Tinnitus, während dieser in der Kontrollgruppe nicht vorkam. 

Auch bei nicht permanentem Tinnitus zeigen sich deutliche Unterschiede: 75% der Nicht-Musiker berichten von Tinnitus, der weniger als zwei Minuten dauert (Musiker ca. 30%), während knapp 40% der Musiker an Tinnitus leiden, der tagelang anhält. Die Zahl derjenigen Musiker, die gar nicht an Tinnitus leiden, liegt unter 5%, während sie bei Nicht-Musikern über 20% liegt.

Ähnliche Probleme bei Orchestermusikern

Orchestermusiker leiden unter den gleichen Problemen wie Rockmusiker. Eine deutsche Studie mit dem Titel "Health problems of orchestral musicians from a life-span perspective: Results of a large-scale study" kommt zu dem Ergebnis, das 34% der untersuchten Musiker Hörschäden aufweisen. Die Häufigkeit der Hörschäden nimmt dabei mit dem Alter zu: Nur 21% der unter-30-jährigen Musiker, aber 49% der über 60-jährigen weisen sie auf. 

Sieglinde Fritzsche von der Deutschen Orchestervereinigung bezeichnete in einem Interview (Link zum PDF) daher "lärmbedingte Schwerhörigkeit" als "Berufskrankheit Nummer eins" unter Orchestermusikern. Daher ergreifen Orchester Maßnahmen, Musikerinnen und Musiker durch bauliche Maßnahmen oder veränderte Sitzpositionen vor übermäßiger Schallbelastung zu schützen. Andere Orchester verwenden Lärmschutzwände, die aber nicht bei allen Mitgliedern auf Zustimmung stoßen.

Kein Gehörschutz im Orchester

Individuell angepasster Gehörschutz ist nach Meinung von Sieglinde Fritzsche hingegen keine tragfähige Lösung: "Durch den Ohrstöpsel hört man den Klang, trotz der linearen Dämmung, verzerrt." Die Erwartung gegenüber Orchestermusikern laute daher, keinen Gehörschutz zu verwenden.

Dieser Umstand ist deshalb bedeutsam, da zu den Ergebnissen der norwegischen Studie zählt, dass Gehörschutz Hörverlust vor allem dann verhindern kann, wenn er individuell auf den Träger angepasst ist. Musiker, die Gehörschutz verwenden, haben in allen Frequenzen eine niedrigere Hörschwelle (hören also besser), als Musiker, die nie Gehörschutz verwenden.

Wenn allerdings Orchestermusiker beruflich mehr oder minder offen angehalten werden, diesen Gehörschutz gar nicht zu verwenden, dann ist ein umfassender Schutz des Gehörs nicht möglich.

Geeigneter und ungeeigneter Gehörschutz

Das gleiche Bild zeigt sich auch bei den Rockmusikern in der norwegischen Studie: die meisten Musiker besitzen einen individuell angepassten Gehörschutz, benutzen ihn allerdings nicht ständig oder bei allen Gelegenheiten. Immerhin 21,6% verwenden sogar nie Gehörschutz und lediglich 47,7% benutzen ihn bei eigenen Auftritten. Bei Proben oder Konzerten anderer Musiker tragen aber fast 2/3 Gehörschutz. Die Autoren der israelischen Studie kommen zu einem ganz ähnlichen Ergebnis.

Eine Ursache für die geringere Verwendung von Gehörschutz bei eigenen im Vergleich zu fremden Konzerten besteht sicherlich darin, dass der Sound der Monitore je nach Location sehr stark variiert sowohl in Hinblick auf Lautstärke wie auf Soundqualität, so dass viele Musiker ihre Entscheidung über den Einsatz des Gehörschutzes von der konkreten Situation abhängig machen.

In der Praxis verwenden Musiker häufig vor allem dann keinen Hörschutz, wenn es darum geht, neue Parts oder Songs einzuüben. Die Beeinträchtigung des Sounds durch den Gehörschutz wird dann als besonders störend und problematisch empfunden.

Hoffnung auf technischen Fortschritt

Individuell angepasster Gehörschutz zeigte sich bei der Verhinderung von Hörschäden deutlich effektiver als etwa die Verwendung von Baumwolle, was allerdings nur eine kleine Minderheit der Musiker praktizierte (6 von 111). Da sich diese Ergebnisse zum Hörschutz aber mit vorherigen Studien decken, raten die Autoren von der Verwendung von Baumwolle als Gehörschutz ab.

Das Hauptproblem besteht nicht in der Verwendung ungeeigneten Gehörschutzes, sondern im Verzicht auf seine ständige Anwendung – aus welchen Gründen auch immer. Technischer Fortschritt und stärkeres Bewusstsein für Hörschäden könnten hier zu einer Änderung der Verhaltensweisen führen.

Weitere Informationen zu Gehör und Hörschäden findet ihr in diesem Artikel.

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