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Messe im Wandel

"Jeder spürt, dass es ein besonderes Jahr ist": Wolfgang Lücke über die Frankfurter Musikmesse 2016

Interview von Markus Biedermann
veröffentlicht am 07.03.2016

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"Jeder spürt, dass es ein besonderes Jahr ist": Wolfgang Lücke über die Frankfurter Musikmesse 2016

Wolfgang Luecke ist seit 2001 Leiter der Musikmesse. © Quelle: Messe Frankfurt Exhibition GmbH

Die Frankfurter Musikmesse präsentiert sich vom 7. bis 10. April 2016 mit einem deutlich veränderten Konzept. Zu den Neuerungen zählen die Themenwelten, die "Business meets Business"-Halle, das Musikmesse-Festival und vieles mehr. Aussteller und Besucher sind gespannt. Wolfgang Lücke, Leiter der Musikmesse, beschreibt im Interview mit Backstage PRO die Kernidee hinter der Neuausrichtung, die Veränderungen im internationalen Messe-Geschäft, nennt uns seine Festival-Highlights und verrät, womit er Thomas Müller übertrumpft.

Wolfgang Lücke wurde am 14. Mai 1965 in Münster geboren. Nach einem Studium der Betriebswirtschaft zeichnete er ab Anfang der 90er-Jahre bei der Titus Mailorder GmbH für Vertrieb und Marketing verantwortlich. 1996 übernahm er die Marketingleitung der Musik Produktiv GmbH. Hier organisierte er zwei Jahre später die erste Hausmesse mit über 100 Ausstellern. 2001 wechselte er zur Messe Frankfurt Exhibition GmbH und ist seitdem Leiter der Musikmesse.

Backstage PRO: Welche Aufgaben im Rahmen der gesamten Messeorganisation haben Sie als Leiter der Musikmesse?

Wolfgang Lücke: Grundsätzlich bin ich für die gesamte Konzeption, Planung und Durchführung und Nachbereitung der Messe verantwortlich. Das fängt an mit der Frage, wo und wann die Musikmesse genau stattfindet, sprich in welchem Zeitraum und in welchen Hallen. Welche Produktgruppen sollen wo präsentiert werden – wo sollen Konferenzen und Events stattfinden? Zu welchem Preis können wir Standflächen anbieten? Und wie vermarkten wir die Messe national und international? Auf all diese Fragen gilt es, Antworten zu finden – natürlich in Abstimmung mit weiteren Stakeholdern und der Geschäftsleitung.

Als Objektleiter bin ich der der Kopf des Sales-Teams und für die Ausstellergewinnung verantwortlich. Ein Prozess, der über das gesamte Jahr mit hunderten Gesprächen verbunden ist – oft genug direkt vor Ort bei den jeweiligen Unternehmen. Und natürlich ist es meine Aufgabe, gemeinsam mit den Ausstellern optimale Präsentationsmöglichkeiten zu erarbeiten. Da gibt es oft Sonderwünsche zu berücksichtigen – aber grundsätzlich finden wir für alles eine Lösung. Und natürlich bin ich auch in die Gestaltung des Rahmenprogramms sowie in die Kommunikationsarbeit eingebunden. Wenn ich alle meine Aufgaben aufzähle, bin ich sicher eine Weile beschäftigt…

"Pro Messetag bin ich so viel unterwegs wie Thomas Müller während einer gesamten WM"

Backstage PRO: Sie sind ja während der Messe omnipräsent und Ansprechpartner für nahezu jedes Thema. Wie viel Kilometer legen Sie während der Messe zurück? Sie nutzen ja manchmal einen Schrittzähler, um die Distanz zu ermitteln…

Wolfgang Lücke: Das stimmt – wobei ein Blick auf die Schuhsole zum Ende der Messe grundsätzlich auch schon ausreichen würde. Das gesamte Frankfurter Messegelände hat eine Grundfläche von ca. 80 Fußballfeldern. Und pro Messetag bin ich auch gefühlt so viel unterwegs wie Thomas Müller während einer gesamten WM. Das wird sich dieses Jahr kaum ändern: denn durch das neue "Musikmesse Festival" ist auch abends noch in den Clubs, Bars und Spielstätten in der gesamten City viel los.

Backstage PRO: Es ist ein besonderes Jahr für die Musikmesse. Alle Augen richten sich auf das neue Konzept und die Branchenbeobachter fragen sich, wie es wohl angenommen wird. Spürt das verantwortliche Messeteam selbst auch eine besondere Aufregung? Überwiegt dabei Nervosität oder Vorfreude?

Wolfgang Lücke: Nach so vielen Jahren im Geschäft gibt es kaum noch Platz für Nervosität. Aber natürlich spürt jeder im Team, dass 2016 ein besonderes Jahr ist. Klar ist viel Aufmerksamkeit da, die uns auch freut. Wir haben unsere Manpower noch verstärkt, viel Überzeugungsarbeit geleistet und härter denn je gearbeitet. Das wird exakt bis zum 10. April um 19 Uhr, wenn sich die Messehallen schließen, so weitergehen.

Jetzt, rund einen Monat vor der Messe, kommt aber auch langsam die Vorfreude auf. Wir haben ein großartiges Programm mit vielen Highlights auf dem Gelände und erstmals auch in der gesamten Stadt. Jetzt freuen wir uns darauf, zu erleben, wie das alles beim Besucher ankommt.

"Wir haben den Markt genau analysiert und möchten für alle Besuchergruppen mehr bieten"

Backstage PRO: Wodurch entstand die Notwendigkeit, die bisherige Messekonzeption zu hinterfragen und welche konkreten Ziele standen bei der Neuausrichtung im Vordergrund?

Wolfgang Lücke: Ein ganz klares Ziel: Wir möchten die Wünsche und Ansprüche der Aussteller und Besucher optimal berücksichtigen. Diese entwickeln sich weiter – und nur daran können und dürfen wir uns orientieren. Im Vorfeld der Neukonzeptionierung haben wir den Markt genau analysiert, mit vielen Unternehmen und Verbänden gesprochen und Umfragedaten im Detail ausgewertet.

Natürlich gibt es bei jährlich über 1.000 Ausstellern ganz unterschiedliche Ansprüche. Die häufigsten Wünsche aus den vergangenen Jahren sind jedoch folgende: Mehr Gelegenheit zu ungestörten Geschäftsgesprächen und eine umfangreiche Aktivierung des Handels – gleichzeitig soll aber auch der B2C-Kontakt verstärkt werden und neue Kontaktflächen entstehen. Außerdem wünscht sich die Branche, dass noch mehr internationale Besucher auf die Messe kommen. All das möchten wir mit dem neuen Konzept umsetzen.

"Die Musikmesse bleibt eine Handelsplattform"

Backstage PRO: Was sind aus Ihrem Blickwinkel heraus die wichtigsten Elemente des neuen Konzepts?

Wolfgang Lücke: Ganz grundsätzlich: Wir möchten für alle Besuchergruppen mehr bieten. Zum einen natürlich dem Fachbesucher, dem Händler, dem Vertriebler, dem Vertreter von Industrie und Handwerk. Für sie gibt es eine ganze Menge neue Angebote wie ein neues Seminarprogramm, ein VIP-Programm für Einkaufsentscheider und natürlich die "Business meets Business"-Halle, die Raum für Geschäftsgespräche fernab des Messetrubels gewährt.

Klar ist: Die Musikmesse ist und bleibt eine Handelsplattform, wie es sie in Europa für diese Branche keine zweite gibt. Auf der anderen Seite möchten wir aber nicht nur Profis die Gelegenheit zum Besuch geben – sondern jedem, der sich für Musik und Instrumente interessiert. Deshalb steht die Musikmesse in diesem Jahr erstmals an allen vier Tagen für alle Besuchergruppen offen. Ebenso ändert sich die Tagesfolge: Die Messe findet nicht mehr Mittwoch bis Samstag, sondern Donnerstag bis Sonntag statt – und damit am gesamten Wochenende.

Was aber fast noch wichtiger ist: Die Musikmesse wird mehr denn je zu einem weltweit einmaligen Musik-Event, das einfach Lust auf Instrumente macht. Dafür stehen die neuen, musikalischen Themenwelten und der Festival Blvd. auf dem Westgelände der Messe Frankfurt. Dafür steht aber auch das randvolle Programm an Workshops, Autogrammstunden, Konzerten etc. Und wie erwähnt: Auch nach Hallenschluss gibt es beim "Musikmesse Festival" jede Menge Highlights.

"Die Branche besteht aus Menschen"

Backstage PRO: Wie hat sich das Messe-Geschäft in den letzten 10 Jahren entwickelt: Was kann eine Messe heute leisten, was keine andere Plattform bieten kann?

Wolfgang Lücke: Erfolgreiche Messen sind heute oft keine reinen Orderplattformen mehr – es geht um viel mehr als das. Es geht um Networking, Kommunikation, Information. Besucher möchten erfahren, was die Branche bewegt, sie möchten den Markt beobachten und Strategien für die Herausforderungen der Branche entwickeln. Aussteller möchten nicht nur Bestandskunden treffen, sondern auch die Abnehmer von morgen und übermorgen. Vor diesem Hintergrund trägt das neue Konzept dazu bei, die Musikmesse zukunftsfähig zu machen.

Trotz der fortschreitenden Digitalisierung: Die Branche besteht aus Menschen, daran hat sich auch in den letzten zehn Jahren nichts geändert. Und diesen vielen Akteuren – Herstellern, Händlern, Distributoren, Musikern, Bildungsträgern, Medien – einen gemeinsamen Treffpunkt zu geben, das ist ein großer Teil unseres Auftrags. Nirgendwo sonst in Europa ist es möglich, eine so große Anzahl an Instrumenten selbst auszuprobieren, das Look & Feel kennenzulernen, den Klang, die Anmutung. Das kann in dieser Form kein anderes Marketing-Tool leisten.

"Wie möchten bei jenen Unternehmen, die nicht dabei sind, die entscheidenden Impulse setzen, um 2017 wieder teilzunehmen"

Backstage PRO: Haben Sie in diesem Zusammenhang denn Verständnis dafür, wenn ehemals treue Aussteller wie Fender der Messe wiederholt fern bleiben? Und wie bewerten Sie deren jüngst öffentlich geäußerte Forderung, dass sich eine Messe wie Ihre "eindeutig dem Endverbraucher" zu widmen habe?

Wolfgang Lücke: Einige Firmen scheinen ihre Messepräsenz weltweit zu überdenken – das ist keine neue Entwicklung, sondern eine Prozess, der auch vor der Musikmesse nicht Halt macht. Es sind Unternehmensentscheidungen, die vielschichtige Gründe haben und die nur von den Verantwortlichen selbst getroffen werden können.

Natürlich bedauern wir das – aber genau diese Entwicklung ist es, die uns dazu geführt hat, die Weichen für die Zukunft der Musikmesse neu zu stellen. Dass wir damit auf einem guten Weg sind, zeigt sich auch an einer hohen Anzahl von Firmen, die in diesem Jahr erstmals auf der Messe vertreten sind oder nach einer längeren Pause zurückkehren.

Daher ist das Ziel klar definiert: Mit einer erfolgreichen Messe 2016 möchten wir die Branche von den Änderungen überzeugen – und bei jenen Unternehmen, die in diesem Jahr nicht dabei sind, die entscheidenden Impulse setzen, um 2017 wieder teilzunehmen. Denn die Besucher wünschen sich diese Hersteller auf der Musikmesse in Frankfurt.

"Die Leute in Anaheim machen einen guten Job"

Backstage PRO: Wie lässt sich die Beziehung zu anderen Messen, insbesondere der NAMM Show beschreiben? Handelt es sich eher um Mitbewerber, und wer sind potentielle Partner?

Wolfgang Lücke: Wir sehen uns als Teil der Branche. Daher sind Veranstaltungen, die die Branche aktiv mitgestalten, nie bloß als Konkurrenten zu sehen – sondern immer auch als Mitspieler. Das trifft natürlich auch auf die NAMM zu: Ich bin jedes Jahr gern in Anaheim, die Leute dort machen einen guten Job, die Atmosphäre ist gut. Darüber hinaus kooperieren wir auf internationaler Ebene intensiv mit der NAMM, mit der wir gemeinsam die NAMM Musikmesse Russia in Moskau sowie die NAMM University auf der Music China in Schanghai veranstalten. Das ist aber nicht die einzige Zusammenarbeit mit internationalen Veranstaltern. Auch die MI Expo in London unterstützen wir als Partner. Denn gerade in Anbetracht des Umbruchs, der sich seit Jahren in der Industrie vollzieht, ist es wichtig, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

Backstage PRO: Stimmt man sich bei den internationalen Messen ebenso eng mit lokalen Verbänden wie hierzulande z.B. mit der SOMM ab?

Wolfgang Lücke: Selbstverständlich arbeiten wir auch für die internationalen Messen eng mit den lokalen Verbänden zusammen. Insgesamt war das Jahr 2015 ein erfolgreiches für den globalen Musikmesse-Brand. Wie sich die Entwicklungen in den kommenden Jahren gestalten wird, hängt jedoch von vielen Faktoren ab: nicht zuletzt auch von den politischen und wirtschaftlichen Situation in den jeweiligen Märkten. Da ist es schwierig, eine Prognose abzugeben.

Backstage PRO: Wie werden sich diese entwickeln und wie wägt man ab, inwiefern sich derartige Messen kannibalisieren könnten? Und gibt es andere Länder in denen Sie sich eine weitere Messe vorstellen könnten?

Wolfgang Lücke: Die Gefahr einer Kannibalisierung der einzelnen Veranstaltungen stellt sich für uns nicht – wir haben eher die Erfahrung gemacht, dass eine "Muttermesse" in Frankfurt davon profitiert, wenn die entsprechende Messemarke international vertreten ist. Ob es zukünftig weitere Musikmesse-Veranstaltungen im Ausland geben wird, hängt davon ab, in welchem Teil der Welt die Nachfrage nach einer Präsentationsfläche für Musikinstrumente ein Niveau erreicht, das den hohen Aufwand der Etablierung einer Fachmesse rechtfertigt.

"Ich freue mich, wenn die Aussteller und Besucher zufrieden sind"

Backstage PRO: Wie entwickelt sich die Kooperation zwischen dem LEA und der Messe? Lassen sich Aussteller der Messe inhaltlich in den LEA integrieren?

Wolfgang Lücke: Nach mittlerweile fünf Jahren hat sich der LEA definitiv hier in Frankfurt etabliert. Als glamouröse Auftaktveranstaltung trägt der Award auch zur medialen Aufmerksamkeit auf die Musikmesse und die Prolight + Sound bei. Zudem ist der LEA eine attraktive Veranstaltung für viele Profis aus dem Musik- und Entertainment-Bereich, die oft auch nach der Preisverleihung in Frankfurt geblieben sind, um die Messen zu besuchen. Da wir den LEA nicht selbst veranstalten, können wir allerdings nichts über eine mögliche Integration von Messeausstellern in das Programm sagen.

Backstage PRO: Auf welche Messe-Highlights freuen Sie sich dieses Jahr am meisten?

Wolfgang Lücke: Zunächst einmal freue ich mich, wenn die Aussteller und Besucher zufrieden sind und gute Geschäfte machen. Aber natürlich hat das Event-Programm viele Leckerbissen zu bieten: Allen voran der ganz besondere Auftritt von Jazz-Legende Al Jarreau gemeinsam mit der hr-Bigband am Messesonntag.

Außerdem bin ich gespannt auf die Rock-Supergroup The Dead Daisies, bestehend aus Musikern von Bands wie Whitesnake, Foreigner, Mötley Crüe und Thin Lizzy. Sie sind an allen vier Tagen auf der Messe und spielen auf der Center Stage. Ein weiteres Highlight im Rahmen des Musikmesse Festivals ist sicherlich der BigCityBeats Birthday in der Frankfurter Festhalle – inklusive Auftritt der Top-DJs Axwell Λ Ingrosso.

Backstage PRO: Vielen Dank für Ihre Zeit und viel Erfolg mit der diesjährigen Messe!

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