Strukturelle Ausnutzung des eigenen Status
Machtmissbrauch in der Musikszene: Ist das neue Buch von Bela B. eine Reaktion auf den Rammstein-Eklat?
geschlechtergleichheit musikbusiness
© Dennis Dirksen
In "Fun" dreht sich alles um die fiktive Rockband nbl/nbl. Das Buch begleitet die fünf Musiker der Gruppe über den Zeitraum einer Woche. Es geht auf Tour – insgesamt drei Konzerte stehen an. Im Vordergrund der Geschichte steht dieses Mal jedoch, was sonst eigentlich im Hintergrund passiert.
Keine leichte Kost
Das Buch lädt die Leser*innen dazu ein, einen Blick in den Backstage-Bereich zu werfen. Dass dieser gar nicht so "fun" ist, wie der Titel vielleicht erwarten lässt, wird schnell klar. Das Buch ist keine leichte Kost und enthält explizite Beschreibungen sexueller Übergriffe.
Auf 386 Buchseiten präsentiert Bela B. die Schattenseiten der Musikindustrie und beschreibt detailliert das Missbrauchssystem von nbl/nbl. Während die Band zwar nur auf dem Papier existieren, beruht ihre Geschichte wie Bela B. in einem Interview mit Spiegel-Autor Phillip Oehmke betont, auf wahren Gegebenheiten:
"Geschichten mit Backstage-Pässen im Publikum und so, die sind mir seit Jahrzehnten immer wieder begegnet."
Kein Einzelfall
Eine Anspielung auf die Ereignisse rund um Rammstein sei der Roman laut dessen Autor trotz auffallenden Parallelen übrigens nicht. Sein Buch habe mit diesem Fall allenfalls zufällige Überschneidungen. Es solle sich vornehmlich mit patriarchalen Strukturen beschäftigen und schädliche Verhaltensmuster offenlegen. Auch Bela B. betont es sei wichtig, dass Diskussionen über Fälle wie Rammstein stattfinden, das Problem sei jedoch sehr viel komplexer.
"Ich benutze dieses Setting vor allem, weil ich mich nach vier Jahrzehnten im Rockbusiness da wirklich gut auskenne. [...] Patriarchale Strukturen, die zur Ausbeutung der Frau im sexuellen Sinne führen, die Frau als Trophäe, als Bedienstete männlicher Bedürfnisse – das gibt es überall. Das haben wir Rockmusiker nicht wirklich exklusive."
Dennoch zeigen viel zu viele Beispiele aus der Vergangenheit, dass das Thema Macht-Missbrauch in der Musikszene ein strukturelles Problem ist. Beziehungen von Musikern zu minderjährigen Fans und zwielichte Backstage-Partys wie etwa im Falle Rammstein oder P. Diddy sind keine Einzelfälle.
Zuletzt sorgte etwa der Fotograf der Indie-Band Jeremias für Aufsehen: Er habe seinen Status ausgenutzt und sich manipulativ gegenüber jungen Fans verhalten.
Selbstreflexion seitens der Ärzte
Sexismus kann jedoch auch "kleiner" ausfallen. Die Ärzte etwa haben heute einige ihrer frühere Songs wie etwa "Elke" aus ihrem Song-Repertoire gestrichen. Laut eigenen Worten Bela B.s vereine der Text neben Misogynie auch noch Fat Shaming und Ableismus. Das sei letztes Jahrtausend.
"Wir wollten schocken und geschmacklos sein. Ist uns gelungen", so der Musiker über ein paar seiner früheren Lieder. Neben einer Überarbeitung der Livesetlists haben die Ärzte inzwischen bei Konzerten auch ein Awareness-Team vor Ort.
Mit seinem neuen Buch möchte Bela B. Position beziehen und aufklären (wie ihm das gelingt, dazu gibt es verschiedene Meinungen) denn: "Feminismus funtioniert besser, wenn ihn auch Männer verinnerlichen."
Farin und Flake
Dazu, dass sein Bandkollege Farin Urlaub auf dem Weihnachtsalbum des Rammstein-Keyboarders Flake Lorenz mitgewirkt hat, nachdem dieser ebenfalls von Vorwürfen von Machtmissbrauch betroffen war, möchte sich Bela B. jedoch nicht äußern.
Farin Urlaub selbst hat in seinem Gästebuch inzwischen ein Statement veröffentlicht. Er verachte jede Form von Gewalt gegen Frauen zutiefst, wäre er nicht überzeugt davon, dass Flake dies genauso sehe, könnte er nicht mit ihm befreundet sein. Daran, dass er mit seiner Kooperation ein Signal sende, das man anders auffassen kann, habe er nicht gedacht.
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