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Vom Chillen zum Konzentrations-Peak

Perfekte Performance: So rufst du als Musiker deine volle Leistung auf den Punkt ab

Tipps für Musiker und Bands von Jörn Petersen
veröffentlicht am 11.12.2024

gig üben lampenfieber

Perfekte Performance: So rufst du als Musiker deine volle Leistung auf den Punkt ab

© cottonbro studio

Als langjähriger Musiker und Instrumentallehrer kenne ich die frustrierenden Situationen, in denen die Finger nicht gehorchen und die Konzentration plötzlich verpufft – sei es bei Proben, im Studio oder auf der Bühne. Immer wieder habe ich beobachtet, wie sowohl Musikschüler als auch erfahrene Musiker durch Übermotivation und unnötige Anspannung ihre eigene Leistungsfähigkeit sabotieren. In diesem Artikel möchte ich meine persönlichen Erfahrungen teilen und zeigen, wie gezielte Gelassenheit und mentale Strategien dabei helfen können, die volle Konzentration genau dann abzurufen, wenn es darauf ankommt.

Wie Musiker sich zuweilen selbst im Weg stehen

Diese Situationen sind den meisten Musikern wohlvertraut: Eigentlich beherrscht man die Parts, doch im entscheidenden Moment versemmelt man sie plötzlich. Aus irgendeinem Grund ging die Konzentration flöten und damit auch die Spielsicherheit. Was für eine Blamage! Dann wird der verstaubte Sequenzer wohl doch wieder aus der Mottenkiste geholt.

Dann gibt es Szenarien, in denen Schüler etwas Neues erlernen wollen, nach dem Motto: "So schwer kann das doch nicht sein." Aber vor lauter Euphorie funktioniert es einfach nicht. Und ein paar Minuten später hat sich das mühsam Erlernte auch schon wieder aus den Hirnwindungen verabschiedet. 

Es geht nicht nur um das musikalische Gedächtnis

Doch worin besteht das Geheimnis? Ist es wirklich nur das sogenannte musikalische Gedächtnis, das ausgiebig trainiert werden will, bis sämtliche Bewegungsabläufe funktionieren, ohne dass man noch darüber nachdenken muss? 

Geht es lediglich darum, Bewegungen, Griffe und Co. derart oft zu trainieren, bis sie automatisiert abrufbar sind? Sicherlich auch, aber keinesfalls ausschließlich. Ganz im Gegenteil!

Ohne Befehle des Gehirns bewegt sich gar nichts

Die Finger funktionieren nun mal nicht eigenständig; es bleibt immer ein Zusammenspiel zwischen dem "befehlenden" Kopf, dem sendenden Rückenmark und den ausführenden Fingern. Wenn das Gehirn den Muskeln nicht sagt, was sie tun sollen, werden sie nichts tun. Das mag ebenso banal wie verwirrend klingen, ist aber die Basis dessen, wie Musiker die volle Leistungsfähigkeit exakt auf den Punkt abrufen können. 

Damit die Steuerzentrale im richtigen Augenblick auf Hochtouren aktiviert werden kann, muss sie vor allem aufgeräumt und frei von unnützem Ballast sein. Aber in unserer reizüberfluteten Welt gibt es so unendlich viele Dinge, die in jeder Sekunde auf uns einprasseln und die sich nicht einfach beiseite schieben lassen, oder?

Allgegenwärtiges Phänomen: Selektive Aufmerksamkeit

Doch, das ist durchaus möglich. Instinktiv machen wir Menschen das sogar permanent - zumeist, ohne uns dessen bewusst zu sein. Schließlich handelt es sich dabei um den eigentlichen Trick, unnötige Reize und Impulse gar nicht erst zuzulassen. Andernfalls würden wir wohl dauerhaft durchdrehen. 

Exakt diese Fähigkeit wollen und müssen wir trainieren, um im geforderten Moment mit perfekter Leistungsfähigkeit abzuliefern. Das Stichwort lautet "selektive Aufmerksamkeit", also die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Merkmale einer Aufgabe zu fokussieren und irrelevante Reize auszublenden.

Selbstbewusstsein aus der Gelassenheit schöpfen

Das bedeutet nichts Geringeres, als dass wir zunächst lernen müssen, zu entspannen, um dann im erholten Zustand unwichtige Faktoren um uns herum vollkommen auszublenden. 

Ein gutes Beispiel dafür ist die Meditation, bei der die Gedanken sich ausschließlich auf einen Gegenstand oder ein Mantra konzentrieren. Das Ziel besteht darin, alle anderen Gedanken auszuschalten - und zwar mit dem Effekt, dass die Leistungsfähigkeit nach dem Meditieren ungleich höher sein wird. 

Ähnlich ist das auch in der Musik, die letztlich dem Leistungssport ähnelt. Aus diesem inneren Gleichgewicht heraus lässt sich das dringend benötigte Selbstbewusstsein schöpfen, um im entscheidenden Moment fehlerlos und hochkonzentriert abzuliefern.

Die Bedeutung von Anspannung und Entspannung

Klar ist, dass dauerhafte Anspannung weder gesund noch überhaupt möglich ist - das gilt für Muskeln ebenso wie für den Kopf. Niemandem ist damit gedient, über Stunden hinweg pausenlos sämtliche Gedanken zu bündeln und sich darauf zu konzentrieren, irgendwann ein abgefahrenes Solo oder eine komplexe Stelle in der Partitur perfekt abzuliefern. 

Tatsächlich kann daraus sogar das Gegenteil passieren. Nach so viel gebündelter Konzentration sind die Kandidaten einfach nur erschöpft, wenn es darauf ankommt. Folgerichtig spielen Entspannung und Gelassenheit eine entscheidende Rolle: Nicht ständig an dieselbe Hürde denken, einfach mal die Seele baumeln lassen und unbedingt echte Pausen einlegen.

Binsenweisheit: Aus der Ruhe wächst die Kraft

Motivation ist gut, noch besser ist es, musikalische Aufgaben ambitioniert anzugehen. Ohne den nötigen Biss kommt kein Musiker voran. Übermotivation in jeder Sekunde hingegen ist aber eher kontraproduktiv und verleitet zu Fehlern, zumal sie oft zu Oberflächlichkeit führt.

Viele Menschen haben ja heutzutage ein schlechtes Gewissen, wenn sie einfach mal nichts machen und nur die Ruhe um sich herum genießen, statt im Multitasking-Modus zehn Dinge gleichzeitig zu erledigen. Dabei liegt die Lösung vieler Probleme doch in der Ruhe. 

Wer es zulässt, nicht ununterbrochen unter Strom zu stehen, um im richtigen Moment den Schalter umzulegen, ist bereits einen großen, vielleicht sogar den entscheidenden Schritt gegangen.

Wecker stellen und vorsätzlich Trigger setzen

Und ja, es ist sogar möglich, sich einen Alarm zu stellen, bis der eingeschlagene Weg sich gewissermaßen automatisiert hat und in eine Routine übergegangen ist. 17:00 Uhr Probe? Okay, um 16:59 Uhr klingelt der Alarm! 

Der Alarm signalisiert: Exakt jetzt ist deine Leistungsfähigkeit auf dem Siedepunkt. Das hast du dir nicht nur vorgenommen, sondern trainiert. Der Song ist gelaufen und du kannst wieder runterfahren? Dann lass die Uhr wieder bimmeln. 

Das Klingeln des Alarms ist dein Trigger. Sicherlich funktioniert das nicht beim ersten Versuch. Sich bewusst Trigger zu setzen ist und bleibt eben ein Lernprozess. Sehr schnell allerdings wirst du erleben, wie sich Leistung komprimieren lässt und wie gesund Gelassenheit ist. Ein paar Beispiele aus der Praxis sollen das verdeutlichen.

Szenario Nr. 1 - Vorführeffekt beim Instrumentalunterricht

Gitarrenunterricht in der privaten Musikschule. Der ambitionierte Schüler hat in der zurückliegenden Woche seine Lektionen geradezu vorbildlich geübt. Wir hatten uns der Pentatonik gewidmet und dabei die beiden gebräuchlichsten Fingersätze geübt. Dabei handelt es sich um einen mittelschweren Entwicklungsschritt, bei dem sich der Schüler sich mit Greif- und Anschlaghand das ganze Griffbrett erarbeitet. 

Dann geschieht der vielzitierte Vorführeffekt. Plötzlich steht der Schüler im Rampenlicht der Aufmerksamkeit. Voller Enthusiasmus will er loslegen und zeigen, wie weit er gekommen ist. Bereits die ersten Töne werden zuverlässig versemmelt - von Treffsicherheit keine Spur. Ich schaue genauer hin und sehe, dass seine Finger leicht zittern. 

Ich sage ihm: "Okay, leg mal kurz die Gitarre zur Seite." Jetzt kommen wir erstmal zur Ruhe und ich versuche, ihm Mut zu machen: "Du kannst das, ich weiß es." Wir unterhalten uns ein wenig über vollkommen andere Dinge, lassen die Gedanken schweifen. Ich gebe ihm Gelegenheit, von seinem Alltag zu erzählen. Und nach kurzem Verschnaufen, schieben wir den Alltag wieder ganz bewusst wieder beiseite. Was bleibt, ist die durch vorherige Entspannung geschärfte Konzentration. Wir spielen die Fingersätze in mehreren Lagen ruhevoll und langsam durch. Perfekt!

Szenario Nr. 2 - vermeintlicher Druck im Studio

Im Studio - so glaubt der geneigte Musiker - muss alles perfekt laufen. Der Druck ist immens, die eigenen Parts möglichst im ersten Take frei von irgendwelchen Macken abzuliefern. Tage- oder gar wochenlang hat die Band dem Termin entgegengefiebert, mit dem der nächste Karriereschub gezündet werden soll. Gedanklich dreht sich schlichtweg alles nur noch um die bevorstehende Studioaufnahme. 

Nun steht der Gitarrist hoch angespannt in der geheiligten Kabine und die rote Lampe leuchtet. Tatsächlich aber ist er inzwischen mental vollkommen erschöpft, weil er weder über die Gelassenheit noch über das finanzielle Budget derer verfügt, die es sich leisten können, Parts und Songs erst im Studio zu erarbeiten. Das Resultat ist, dass die Spur immer und immer wieder eingespielt werden muss, wodurch die Takes sicher nicht besser werden. 

Letztlich gehört dieser Umstand zu den Gründen, weshalb bei großen Produktionen oftmals routinierte Studiomusiker eingesetzt werden. Die zielführende Lösung kann lauten, vor dem Betreten des Studios die Gedanken in andere Richtungen zu lenken, keinen Stress aufkommen und sich nicht durch die professionellen Rahmenbedingungen aufwühlen zu lassen. 

Zu frühe Konzentration verpufft häufig. Besser ist es, die Konzentration erst kurz vor dem Startschuss aufzubauen und dann, wenn es darauf ankommt, komprimiert mit berechtigtem Selbstbewusstsein ablenkungsfrei abzurufen. Den Rest macht ohnehin die DAW.

Szenario Nr. 3 - Live-Auftritt vor der Crowd

Dass das Adrenalin insbesondere bei Newcomer-Bands bereits lange vor dem Live-Gig hochkocht, ist keine Neuigkeit. Besonders ausgeprägt ist der Effekt dann, wenn die Band bis dahin nicht gekannte Größenordnungen erreicht hat. Im Laufe der Jahrzehnte habe ich das selbst immer wieder am eigenen Leibe erlebt. Schließlich war jeder irgendwann mal grün hinter den Ohren. 

Gestern hat man vielleicht vor zehn bis zwanzig Zuhörern gespielt und plötzlich steht man vor 500 oder 800 Leuten, möglicherweise noch der Mucker-Polizei, die jeden Ton mit abschätzigem Blick kommentiert. Das vermutlich Verkehrteste ist es, sich im Vorfeld gedanklich hochzuschaukeln. Vorfreude ja, aber bloß keinen verfrüht überzogenen Respekt. Wovor? 

Ob da zehn oder 800 Leute stehen, macht für die musikalische Leistung keinen Unterschied. Zweifellos aber muss die Leistung sekundengenau auf den Punkt gebracht werden. Ganz ehrlich, bis der Gig startet, habt ihr ausreichend Aufgaben zu erledigen und solltet euch nicht von Lampenfieber und Co. einfangen lassen. 

Erst wenn die Backline steht, die Instrumente gestimmt sind und der Soundcheck gelaufen ist, zieht sich jeder zurück und nutzt für vielleicht zehn Minuten die eigenen Mechanismen wie etwa Meditation und schaltet damit alles drumherum aus. Hochkonzentriert und fokussiert geht’s dann raus auf die Bühne und der Auftritt wird ganz sicher unvergesslich.

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