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Wenn Konzerten deiner Band die große Leere folgt

Post-Tour-Depression bei Musikern: So überwindest du das Stimmungstief nach einer Tournee

Tipps für Musiker und Bands von Konrad Ower
veröffentlicht am 03.12.2019

tourplanung gesundheit

Post-Tour-Depression bei Musikern: So überwindest du das Stimmungstief nach einer Tournee

Eine Tour kann an dir zehren. © MKB

Eine Konzertreise ist körperlich anstrengend und gleicht gar nicht so selten einem emotionalen Rollercoaster. Volle Halle, leere Halle, wie geht es weiter, was kommt morgen? Wenn Konzerten deiner Band nur große Lustlosigkeit folgt und du nach der Anspannung einer Tour in ein Loch fällst, helfen dir die folgenden Tipps hoffentlich wieder heraus!

Wir schreiben das Jahr 2020. Die Zeiten, in denen der physische Verkauf von Tonträgern den Lebensunterhalt semi- bis gänzlich erfolgreicher Acts sichern konnte, sind leider Gottes vorbei. Abseits Synch- bzw. Lizensierungdeals und anderen potentiellen Geldtöpfen dürfte das Livegeschäft die Haupteinnahmequelle aktiver Musiker darstellen – oder anders gesagt: ausgiebiges Touren ist absolute Pflicht!

Abseits des monetären Vorteils sind Tourneen zudem ein essentielles Werkzeug für Künstler, um ihr Material einem größeren Publikum bekannt zu machen und andere Städte, Länder bzw. Märkte zu erschließen. Das ist für viele natürlich die Erfüllung aller Träume – reisen, Konzerte spielen und einfach eine gute Zeit haben? Sign me up!

Dabei ist das Touren eine ziemliche Knochenarbeit, denn abseits der Songs ist sowohl euer Körper als auch Geist das Kapital, das keinen Schaden nehmen darf! Doch selbst dann, wenn das alles überstanden ist und alles gesagt und getan wurde – was tun, wenn man nach all den Strapazen nach Hause kommt und die große Leere danach eintritt? Dieses scheinbar luxuriöse Problem kann ein echtes Problem darstellen – gerade wenn die nächsten Konzerte demnächst anstehen und man wieder 100% geben muss.

Du bist nicht allein!

Musiker und natürlich auch Crewmitglieder sind manchmal Monate oder ein Jahr auf Tour. Das reißt sie förmlich aus ihrer Familie, ihrem Alltag sowie ihren Freundschaften und platziert sie in neue, ungewohnte Situationen. Wenn nach der Tour diese langsam aufgebaute Routine und die daraus ergebenden menschlichen Kontakte abermals unterbrochen werden, kann es genauso schwierig sein, nach der Rückkehr wieder klarzukommen.

  • Denke nicht, dass du „spinnst“, wenn du nach einer solchen Erfahrung den Post-Tour-Blues erlebst.
  • Unterschätze auch nicht, was du geleistet hast.

In einem „normalen“ Vollzeitjob kann man bei Krankheit zumeist relativ problemlos entsprechend zu Hause bleiben, doch bei einer Tour krank zu werden, kann ziemliche Konsequenzen haben. Konzerte abzusagen kann mit dem Umkippen von Dominosteinen verglichen werden. Es herrscht also auch Druck auf dich und deine Mitstreiter.

  • Du kannst während deiner Zeit unterwegs durchaus schon gegen diesen hohen Fall arbeiten, indem du einfach mehr auf dich achtest:
  • Hinter den Kulissen schonen, gesunde Mahlzeiten einnehmen und genug schlafen.

Mittlerweile dürfte sich herumgesprochen haben, dass selbst die härtesten Künstler mit scheinbarer Punkrock-Attitüde so handeln. Anders kann man eine Tour sonst einfach nicht aushalten und es zeugt auch von einer gewissen Professionalität. Leute zahlen Geld, um euch zu sehen – es ist daher nur fair, dass ihr nicht betrunken von der Bühne torkelt.

Depressionen? Ich doch nicht!

Zu Anfang soll generell erwähnt werden, dass Depressionen eine sehr ernste Erkrankung darstellen, die Menschen in unterschiedlichem Maße und individuell betrifft. Den meisten sieht man es nicht einmal an. Darüber hinaus war das Thema in der Vergangenheit ein Tabu, weswegen viele Menschen leise leiden mussten. Selbst heute und bei aller Aufklärung, die es mittlerweile gibt, wird es oft nicht richtig ernstgenommen.

Der Lifestyle, der mit dem Tourleben einhergeht, kann bspw. durchaus dazu beitragen, dass man von vorhandenen Problemen temporär abgelenkt wird und am Ende der Reise ziemlich hart fällt. Kein Wunder, denn das Touren ist trotz aller Widrigkeiten einfach aufregend! Man ist Teil eines Mikrokosmos, in dem man Mitstreiter von ganz anderen Seiten und einen ganzen Haufen neuer Menschen kennenlernt. Viele Freundschaften und andere Beziehungen entwickeln sich „on the road“ zudem noch schneller und intensiver als im scheinbar „gewöhnlichen Leben“. Viele Leute wird man nie wiedersehen und andere wiederum werden vielleicht wertvolle Freunde oder wichtige Kontakte werden.

Daher ist es ziemlich hart, wenn man nach Hause kommt und diese neue, aufregende Welt einfach so wegfällt.

  • Ignoriere dieses Gefühl nicht.
  • Scheue dich auch nicht davor, dich anderen anzuvertrauen oder gar externe Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist kein Zeichen der Schwäche, sondern vielmehr eines der Stärke.

Auf der Tour ganz normal – im Alltag eher hinderlich

Das Tourleben ist schon eine Parallelrealität. Man ist die meiste Zeit unter zumeist nicht ganz komfortablen Bedingungen unterwegs, schläft schlecht, und isst auch in aller Regel alles andere als gesunde Sachen, trinkt viel zu viel Kaffee und und und. Das alles, „nur“ um ein paar Songs in ständig wechselnden Venues zu spielen. Das ist doch ziemlich irre oder? Gerade deswegen gewöhnt man sich recht schnell an diese Realität und fügt sich den Umständen, die alle Beteiligten sehr eng zusammenschweißt.

Sogenannte „Tourgewohnheiten“ schleichen sich so dermaßen schnell ein, dass sie auch nach Rückkehr schwer abzuschütteln sind – vielleicht merkt man auch gar nicht, wie inkompatibel sie im Alltag sein können.

Häufiger Alkoholkonsum beispielsweise ist bei Touren völlig normal. Ein paar Drinks nach dem Soundcheck, ein paar auf der Bühne und bei der Party danach oder zum Runterkommen – da kann schnell so einiges zusammenkommen. Damit soll nicht gesagt werden, dass man völlig abstinent leben soll, denn soziales Trinken gehört zumeist einfach dazu und oft nimmt man ab und zu ein Bier an, das man vielleicht nicht mehr unbedingt getrunken hätte. Nach der Rückkehr merken dann einige, wie das Trinken völlig normal geworden ist und die Grenzen zwischen Tour- und Alltagsleben langsam verwischen. Kein Wunder, denn wenn man unter der Woche jeden Tag so einige Dinger runterkippt, wird man irgendwie auch aus Gewohnheit zu Hause  ebenfalls zum Kühlschrank greifen.

Gerade wenn man „down“ ist, weil die Tour vorbei ist, ist es verlockend, dieses Gefühl betäuben zu wollen. Das kann im ungünstigen Fall zu einem bequemen Hilfsmittel werden, ohne das man keinen Tag überstehen mag.

  • Versuche, über diese schlechten Gewohnheiten zu reflektieren.
  • Höre auch auf die Einwände anderer, die einen negativen Wandel bei dir wahrgenommen haben und dich darauf aufmerksam machen möchten.

Schotte dich nicht ab!

Das Gefühl der Isolation ist eine leider recht häufige Reaktion auf einen schlagartigen Wechsel des Alltags. Man hat sozusagen keinen Ankerpunkt mehr, ist losgelöst und orientierungslos – egal, ob man wieder in gewohnter Umgebung und von vielen bekannten Menschen umgeben ist. Das kann auch eintreffen, wenn ihr zurückkehrt und feststellt, wie gleich und doch anders alles ist. Erlebnisse verändern dich – das ist absolut normal.

Viele Leute begrüßen das, denn im Idealfall zieht man aus Tourerfahrungen Inspiration und Selbstvertrauen. Danach verarbeitet man diese Erfahrungen und zieht daraus Erkenntnisse für das Alltagsleben bzw. für die Kreativität – doch Menschen gehen ganz unterschiedlich mit Situationen um.

Für einige Leute ist ein ständiger Wechsel ein Muss, um immer Neues zu erleben – fast schon wie eine Sucht. Für sie ist der Alltag langweilig und vorhersehbar und nur das Leben „on the road“ verspricht Abenteuer und Abwechslung. Daher kann das Gefühl der Isolation ziemlich erdrückend sein.

Es ist sehr verlockend und auch einfach, sich zu Hause vor dem Computer oder Fernseher zu verkriechen, um diese Leere mit Rauschen zu betäuben – und sich dabei das eine oder andere Bier zu viel zu gönnen. Klar ist aber, dass diese „Lösungen“ nur vorübergehend sind und keinen langfristigen Ersatz für persönliche Kommunikation oder gar Interaktion mit Menschen darstellen.

  • Zeit für sich zu nehmen, ist völlig ok. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass man sich einfach total hängenlässt und sich seelisch und körperlich vernachlässigt.
  • Schotte dich also nicht ab. Suche deine Freunde auf, mach ein konkretes Treffen aus oder geh einfach vor die Tür, um mal was anderes zu sehen.

Egal, wie gern man allein ist, ist der Mensch letztendlich ein soziales Wesen. Isolation hindert nicht nur deine Kreativität, sondern kann auf den Rest deines Lebens ziemliche Konsequenzen haben.

Das ist natürlich leichter gesagt als getan und Menschen, die bspw. an Depressionen leiden ist auch nicht damit geholfen, wenn man ihnen einfach sagt „Geh doch mal vor die Tür“. Das ist natürlich ein anderes Kaliber. Was hier gemeint ist, ist die Bequemlichkeit zu bekämpfen, die jeder von uns innehat – der ewige Schweinehund.

Nimm eine kurze Auszeit von der Musik

Kreativität hat keinen An- oder Ausschalter. Wenn sie da ist, ist sie da und wenn nicht, dann nicht – klar, dazu gehört auch natürlich Disziplin und Ausdauer, aber das setzen wir mal voraus.

Wenn das Kreativsein dich temporär auslaugt und mehr nimmt als du geben kannst, dann könnte es an der Zeit sein, einen Schritt zurückzutreten und alles mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Die Erfüllung deiner Kreativität ist nur auf Dauer aufrechtzuhalten, wenn du dabei seelisch nicht den Kürzeren ziehst.

Völlige Aufopferung wird nicht selten im Business glorifiziert. Das ist aber letztendlich Quatsch, denn was bringt dir Erfolg, wenn du nur noch ein Schatten deiner Selbst bist? Wir machen Musik, um uns auszudrücken und andere Menschen daran teilhaben zu lassen – nicht um als Zombie zu enden. Darüber hinaus wird deine Musik auch nie ihr volles Potential entfalten, wenn du hauptsächlich eigentlich mit dir selbst beschäftigt bist, um den Alltag zu überstehen.

Nimm also einen Schritt zurück und widme dich anderen Dingen, die dich auf andere Gedanken bist – ein Reboot deines Systems sozusagen. Das wirkt oftmals Wunder.

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