Aus alten Ideen neue Songs machen
Songrecycling: So kannst du liegengebliebene Ideen wiederbeleben und Projekte fertigstellen
© cottonbro studio
Will Sheff, Sänger der US-amerikanischen Indie-Rock-Band Okkervil River hat einmal gesagt: "Der beste Weg, einen Song zu beginnen und zu beenden, ist, ihn in einem einzigen anhaltenden Energieschub sehr kurz nach der ursprünglichen Idee fertigzustellen." Auf diesem Weg nämlich entstehe sofort ein stimmiges Gesamtwerk.
Wer aber selbst Songs schreibt, weiß, dass dieser von Will Sheff beschriebene Prozess ein Optimum darstellen mag, in der Umsetzung jedoch des Öfteren scheitert.
Unfertige Ideen als Produkt des Songwritings
Ein häufiges Ergebnis sind unbeendete Songschnipsel – Bruchstücke wie Akkordreihenfolgen, einzelne Songzeilen oder ersten Audionotizen, die sich noch nicht ganz rund anfühlen, nicht so wirklich zueinander finden wollen oder noch auf Vervollständigung durch ergänzende Elemente warten.
Manchmal sind diese Bruchstücke größer – dann fehlen vielleicht nur noch ein paar letzte Verse, ein anderes Mal stellt sich die Aufgabe der Fertigstellung weitaus komplizierter dar. So oder so: Es kann sich lohnen, diese unvollendeten Song-Ideen aufzubewahren. Die Gründe dafür, ein Ideen-Archiv zu führen, sind vielfältig. In diesem Artikel haben wir uns näher mit ihnen beschäftigt.
Wie aber kann man die gesammelten Ideen-Schnipsel schlussendlich verwerten und liegengebliebene Songideen wieder aufnehmen?
Versuche dich wieder in die Ausgangssituation zu versetzen
Die größte Schwierigkeit bei der Wiederaufnahme von alten Songideen ist wohl der inzwischen geschehene Bewusstseinswandel. Das damals zu Papier gebrachte Gefühl ist womöglich inzwischen verblasst, die damalige Schreibsituation fühlt sich weit entfernt an. An dieser Stelle kann es eine große Hilfe darstellen, sich so gut wie möglich wieder in die Ausgangssituation zurückzuversetzen.
Dabei kann auch auf das ein oder andere Hilfsmittel zurückgegriffen werden: Welche Songs erinnern dich an die entsprechende Zeit? Hast du alte Tagebucheinträge, Bilder, Nachrichten oder Gegenstände, die dir dabei behilflich sein können, dich wieder in die Situation zurückzuversetzen?
Hier kannst du auch bereits vorsorglich agieren, indem du darauf achtest, gerade solche “Zeitmaschinen” zu archivieren.
Nicht immer ist es von Nachteil, einen Song ein wenig ruhen zu lassen. Manchmal kann dieser von inzwischen hinzu gewonnenen Erkenntnissen und einer neuen Sicht auf die Dinge auch profitieren.
Brainstorme!
Manchmal hilft es auch den Anspruch an seine Songs zu Beginn etwas herunterzuschrauben. Nicht alle Ideen müssen direkt in Form gebracht werden – womöglich kann eine Mindmap dabei helfen, aus dem Stocken zu kommen.
Nimm dir etwas Zeit und schreib ungefiltert auf, was dir in den Kopf kommt. Welche Gefühle möchtest du in deinem Song einfangen, welche Geschichten erzählen? Auch Lyricschnipsel und mögliche Akkordreihenfolgen können auf diese Weise notiert werden.
Alternativ oder ergänzend zu einer Mindmap kannst du auch ein Visionboard erstellen oder eine Playlist mit Songs, die eine ähnliche Stimmung oder ein ähnliches Thema aufweisen, wie der Song, an dem du gerade arbeitest.
Nimm den Song nicht zu ernst
Versuche, während dieses Vorgangs noch nicht zu bewerten, ob eine Idee gut oder schlecht ist. Das gestaltet den Entstehungsprozess weniger einschüchternd. Außerdem ist später noch genug Zeit, um darüber zu entscheiden, was in einen Song aufgenommen wird und auszusortieren, was sich als eher unpassend herausstellt.
Manchmal erweisen sich zunächst als gut empfundene Ideen als weniger geeignet, während es sich lohnen kann, mit vermeintlich “schlechten” Ideen zu experimentieren. Auf diese Weise entsteht ein deutliches Bild davon, was man nicht möchte oder was dem Song noch fehlt.
Es ist wichtig, Songs während ihres Entstehungsprozesses möglichst flexibel zu betrachten. Lässt sich ein Element nicht stimmig im Song unterbringen, muss es möglicherweise wieder entfernt werden - auch wenn es vielleicht schon ans Herz gewachsen ist.
Der "Rauswurf" muss dabei nicht das komplette Aus für diese Idee bedeuten. Stattdessen kann sie im Ideenarchiv weiter aufbewahrt werden, bis sie in einem zukünftigen Projekt ihr volles Potential entfalten kann.
So kann auch an dieser Stelle ein umfassender Blick durch das aktuelle Ideenarchiv bestehende Blockaden auflockern. Lassen sich dort vielleicht Songsnippets aus anderen Projekten finden, die sich miteinander verbinden und in das aktuelle Projekt integrieren lassen?
Probier dich aus!
Auch wenn sich der Geniegedanke hartnäckig hält, sind Songwriting und Komposition in erster Linie ein Handwerk. Eine kreative Ader zu haben, reicht also nicht immer aus, um etwas zu schaffen, das man selbst für gut befindet.
Jeff Tweedy, Sänger von Wilco, etwa betont in seinem Buch "How to Write One Song: Loving the Things We Create and How They Love Us Back" die Wichtigkeit, Kreativität gezielt in den Alltag zu integrieren und sich selbst somit regelmäßig Raum zum Üben und Auszuprobieren einzuräumen.
Ein praktisches Beispiel aus Tweedys Werkzeugkasten sind die sogenannten "Cut-Up Techniques". Bei diesen wird ein aktuelles Projekt in seinem aktuellen Stand auf Papier geschrieben oder ausgedruckt, um anschließend in Zeilen, Phrasen oder Wörter zerschnitten und neu angeordnet zu werden.
Die neue Anordnung kann dabei ganz dem Zufall überlassen werden – beispielsweise indem die Textschnipsel verdeckt gezogen werden. In der neuen Zusammensetzung kann dann nach "unerwarteten Überraschungen" Ausschau gehalten werden. Nicht immer ist es notwendig, den Zufall entscheiden zu lassen. Schon alleine dadurch, dass der aktuelle Text in kleinere Einzelteile zerschnitten wird, kann es deutlich leichter fallen, diesen umzuorganisieren und auf neue Ideen zu kommen.
Tweedy selbst spricht davon, dass er es jedes Mal faszinierend finde, wie viel lebendiger die Zeilen, die er geschrieben habe, durch die Möglichkeit der physischen Umordnung der Reihenfolge und Syntax der Zeilen und Phrasen werden würden.
Ein paar weitere Beispielübungen zum Nachmachen lassen sich hier finden. Tweedys Tipps haben eines gemeinsam: Den Versuch, das Verfahren durch einen spielerischen Ansatz weniger einschüchternd zu gestalten, die eigene Kreativität regelmäßig (ohne große Ansprüche) herauszufordern und ihr möglichst viele verschiedene Impulse zu geben.
Neue Impulse suchen
Ein weiterer Weg an neue Impulse zu gelangen besteht laut Tweedy darin, mit anderen Menschen über songrelevante Themen zu sprechen und innerhalb der Unterhaltung auf mögliche Lyrics zu achten oder Teile der Songs anderer – etwa Themes, Lyric-Fragmente, Akkordfolgen oder Melodien – in den Schaffensprozess des eigenen Werkes zu übernehmen und sich zu eigen zu machen.
Eine andere Möglichkeit, einen fremden Song als Inspirationsquelle zu nutzen, kann auch darin bestehen, eben diesen Song in eine andere Perspektive umzuschreiben.
Die Elemente des dabei entstandenen Songs, die auf den ursprünglich fremden Song verweisen, müssen dabei gar nicht endgültig im eigenen Song verbleiben, sie bieten jedoch wertvolle Impulse für neue Ideen. Prinzipiell gilt: Manchmal ist es besser, irgendetwas zu schreiben, als nichts zu Papier zu bringen.
Den aktuellen Denkrahmen verlassen
Dass sich auch die etabliertesten Künstler*innen in ihren Schaffensprozessen blockiert fühlen können, verdeutlicht der Umstand, dass der Musiker Brian Eno und der Künstler Peter Schmidt 1975 ein Werkzeug kreierten, dass genau in solchen Situationen zum helfenden Einsatz kommen sollte - die sogenannten "Oblique Strategies".
Diese bestehen aus einem Kartenset, dessen Karten mit einem kurzen (teilweise kryptischen) Satz oder einer Anweisung versehen sind, die dabei helfen sollen, den aktuellen Denkrahmen zu verlassen und die Situation aus einem ungewohnten Blickwinkel zu betrachten. Die Strategies werden angewandt, indem eine Karte gezogen wird und die Beteiligten dann versuchen, der auf ihr erhaltenen Anweisung nachzukommen.
Beispiele für solche Anweisungen sind etwa:
- Formuliere das Problem so genau wie möglich.
- Nur ein Element von seiner Sorte.
- Was würde dein engster Freund tun?
- Was gilt es zu verstärken? Was gilt es zu verringern?
- Gibt es Abschnitte?
- Denke über die Übergänge nach.
- Tu so, als ob!
Weitere Personen einbeziehen
Manchmal reicht es jedoch nicht aus, den eigenen Denkrahmen zu verändern. In diesem Fall kann es durchaus hilfreich sein, eine weitere Person mit einzubeziehen. Feedback von außen hilft dabei, Brüche zu erkennen und zu benennen.
Eine zweite Person hat zudem andere Assoziationen und Meinungen und ist dadurch möglicherweise in der Lage, verbliebene Lücken zu füllen oder unvollkommene Stellen zu überarbeiten.
Lernprozesse durch fremde Musik
Dem Stück einen neuen Sound zu geben, kann ebenfalls für frischen Wind sorgen. Dafür können entweder Instrumente oder Plugins ausgetauscht oder in neue Genres gewechselt und mit deren Merkmalen experimentiert werden.
In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, möglichst viele verschiedene Songs anzuhören und viel Musik zu konsumieren, um gängige Muster erkennen, internalisieren und auf diese Weise sowohl übernehmen als auch gezielt brechen zu können.
Vom Wiederanfangen und Loslassen
Am Ende gilt: Was heute wie ein unfertiges Fragment wirkt, muss es nicht bleiben. Manchmal brauchen Ideen Zeit, Raum und den Mut, sie noch einmal anzugehen. Kreative Prozesse verlaufen selten geradlinig und es ist wichtig, sich auf Umwege einzulassen.
Letztendlich ist jedoch auch noch einmal wichtig zu betonen, dass sich kaum ein Song wirklich "fertig" anfühlt. Wer lange an einem Stück arbeitet, hat verschiedene Varianten, Alternativen und Möglichkeiten im Kopf, die nicht alle ausgeschöpft werden können und den Abschluss erschweren. Perfektionismus kann in diesem Zusammenhang schnell zum Scheitern führen.
Ebenso wichtig, wie der Mut, ein altes Projekt wieder aufzunehmen, ist demnach die Fähigkeit, es auch wieder loslassen zu können. Am Ende zählt vor allem, dass man stolz auf das ist, was man geschaffen hat.
Ein schönes Beispiel liefert die Künstlerin Sophie May mit ihren "Half Song"-Veröffentlichungen. Auf diesen teilt sie kurze, fragmentarische Stücke, die im klassischen Sinn zwar keine vollständigen Songs darstellen – gerade dadurch jedoch auch unmittelbar und ehrlich wirken und denen es auf diese Weise gelingt, für sich selbst zu stehen. Sie zeigen, dass ein kreatives Werk nicht vollkommen sein muss, um als solches geschätzt zu werden.
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