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Die Straße als Bühne: Wie eine Agentur Straßenmusikern zu Ruhm verhilft

Interview von Yvi Bee
veröffentlicht am 22.08.2018

straßenmusik booking

Die Straße als Bühne: Wie eine Agentur Straßenmusikern zu Ruhm verhilft

Der Kern des B.A.S.A-Teams von links nach rechts: Simon, David, Mario, Charlotte, Maria, Laura. © Eigenproduktion

Die Berliner Künstleragentur bookastreetartist.com entdeckt ihre Talente im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße: Die beiden Gründer Charlotte Specht und Mario Rueda wollen Straßenkünstlern eine Plattform für bessere Bedingungen bieten. Aber was tut eine Agentur für Straßenkünstler denn eigentlich genau? Drei Gespräche über die Unterschiede zwischen Straße und Bühne.

Angefangen hat alles auf den Straßen von Lissabon: Hier lernten sich Charlotte und Mario während des Studiums kennen. Den beiden gefiel die ansässige Straßenmusikerszene so gut, dass sie eines Tages begannen, mit den Musikern über die beruflichen Herausforderungen eines Straßenperformers zu plaudern – einfach so, mitten auf der Straße.

Charlotte: "Dabei haben wir festgestellt, dass die Musiker mit zwei großen Problematiken konfrontiert sind: Zum Einen ist da die Illegalität, denn Straßenmusiker werden in den Städten und Kommunen bestenfalls geduldet, jedoch nicht offiziell anerkannt. Zum Anderen fehlt vielen Straßenkünstlern die Möglichkeit, gezieltes Marketing zu betreiben: Wie komme ich an mehr Gigs? Über welche Kanäle kann ich mich am besten promoten? Dabei wollten wir den Musikern helfen."

Sie begannen, die Musiker bei ihren Darbietungen auf der Straße zu fotografieren und zu filmen und die Ergebnisse über soziale Netzwerke zu teilen. Und das kam sehr gut an: Die außergewöhnlichen Straßenshows wurden fleißig im Netz verbreitet. Nachdem die ersten großen Firmen fragten, ob man die Straßenperformer auch buchen könne, beschlossen die beiden, eine Agentur speziell für Straßenmusiker zu gründen – mit legalen Locations, echten Bookings und fester Gage.

"Originalität ist gefragt"

Zwei Jahre später war es dann soweit: Im Jahre 2015 ging bookastreetartist.com in Berlin offiziell an den Start. Hier kümmern sich rund fünfzehn feste und freie Mitarbeiter um die Belange der Freiluft-Künstler. Obwohl die Agentur mittlerweile auch Straßenkünstler anderer Disziplinen beherbergt, bilden die Musiker nach wie vor das Herzstück der Künstlerkartei.

Während Mario vor allem das Marketing und die Veranstaltungen im Griff hat, behält Charlotte als administrative Geschäftsführerin den Überblick über das Große Ganze. Die Veranstaltungen, auf denen die Musiker spielen, sind vielfältig: Von der Hochzeit über Firmenevents für große Automobil- oder Sportmarken bis hin zum Festival sind alle Bühnen vertreten. Dabei sind besonders ausgefallene Künstler gefragt, erzählt Charlotte:

Charlotte: "Häufig werden Musiker gebucht, die ein außergewöhnliches Repertoire anbieten. Zum Beispiel ungewöhnliche, selbstgebaute Instrumente oder eine ausgefallene Performance. Aber auch Singer/Songwriter werden oft angefragt." 

Sie betont jedoch den Unterschied zur Arbeit einer klassischen Bookingagentur:

Charlotte: "Wir verstehen uns selbst eher als eine Art Buchungsplattform. Auf unserer Website erhält der Künstler ein kostenfreies Profil, auf dem er Infos über sich und seine Performance bereitstellen und seine Buchungsanfragen verwalten kann. Dabei nehmen wir dem Künstler jedoch einen Teil der Arbeit ab. Wir akquirieren zum Beispiel die Veranstaltungen, filtern die Anfragen für die Künstler vor und haken beim Kunden nach, wenn wichtige Infos fehlen. Für diese Arbeit erhalten wir eine Provision. Außerdem unterstützen wir unerfahrene Künstler in Organisationsfragen und bei Gagenverhandlungen."

Dabei sollen die Künstler auch ein wenig zur Eigenständigkeit erzogen werden:

Charlotte: "Wir wollen die Leute dazu ermutigen, sich teilweise selbst zu managen. Das geht vom professionellen Umgang mit Kunden über das Erstellen von Techridern bis hin zum Schreiben von korrekten Rechnungen. Wenn der Künstler uns irgendwann mal verlassen möchte, kann er alles mitnehmen, was er gelernt hat."

Strenge Aufnahmekriterien gibt es in der Agentur nicht, es zählt allein das Talent. Im Berliner Agenturbüro finden darum regelmäßig kleine Sessions statt, zu denen auch Kunden eingeladen werden. Hier können sich die Künstler mit ihrer Show präsentieren, um einen Einblick ins das eigene Live-Repertoire zu geben.

Niko und Anna auf der Bühne

Niko und Anna auf der Bühne

"Die Straßenmusik hat mich über Wasser gehalten"

Über eine dieser Sessions kam auch Cellist Niko Herdieckerhoff zur Agentur. Seine Musikerkollegin Anna Morley hat ihn vor einem Jahr für einen Promo-Auftritt mit ins Boot geholt. Seitdem musizieren die zwei gemeinsam unter dem Namen RE!SE. Während ihrer Shows kombinieren die beiden klassische Klänge mit Elektronik-Elementen. Vorher war Niko als Solo-Straßenkünstler in Berlin unterwegs.

Niko: "Für mich war die Straßenmusik am Anfang so etwas wie meine persönliche Sozialhilfe: Ich wollte nicht vom Staat abhängig sein und mir das, was ich zum Leben brauchte, selbst verdienen. Und die Straßenmusik hat genügend abgeworfen. In der letzten Zeit wird es aber zunehmend schwieriger, auf der Straße zu spielen, weil sich viele der Anwohner durch die Musik belästigt fühlen. Die rufen dann sofort die Ordnungshüter."

Seit der Zeit bei bookastreetartist ist Niko ohnehin nur noch selten beim Musizieren auf der Straße anzutreffen: Gemeinsam mit Anna gibt er häufig Konzerte auf Branchenevents in angesagten Berliner Locations.

Niko: "Ich habe gemerkt, dass die Leute von bookastreetartist wirklich versuchen, die Musiker voranzubringen. Man spielt auf interessanten Veranstaltungen und bekommt bei den Gigs auch ein bisschen mit, wie die jungen Business-Menschen von heute eigentlich feiern. Das finde ich persönlich sehr spannend."

Als Berufsmusiker komponiert Niko neben seinen Auftritten mit RE!SE auch die Musik für ein Kindertheater. Gelegentlich steht er außerdem als Schauspieler auf der Bühne. Wenn es die Straße zulässt, will er auch weiterhin auf der Straße spielen.

Erdem auf dem Berliner Alexanderplatz

Erdem auf dem Berliner Alexanderplatz

"Das Straßenpublikum ist anders"

Allerdings muss man kein reiner Straßenkünstler sein, um Mitglied bei bookastreetartist zu werden. Der amtierende Berliner Beatbox-Meister Erdem Kaya aka EBM performt ebenso gerne auf der Bühne wie auf den Straßen von Berlin. Zur Straßenmusik kam er über den Rat eines Bekannten:

Erdem: "Zuerst konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, als Straßenkünstler Geld zu verdienen. Ich habe mich dann einfach probeweise mit meinem Equipment auf den Alexanderplatz gestellt. Im Vergleich zur Bühnenshow war das erst einmal eine große Umstellung: Auf der Bühne hast du die gesamte Aufmerksamkeit des Publikums. Dadurch bist du automatisch viel selbstsicherer. Auf der Straße musst du das Interesse der Leute auf dich lenken – das musste ich erst lernen.

Am Anfang hat sich daher auch kaum jemand für meine Straßenperformance interessiert. Nach etwa einem Monat hatte ich dann den Bogen raus und seitdem macht es richtig Spaß. Die Leute fangen oft an zu tanzen und senden mir so jede Menge Energie zurück."

Für Erdem bietet die Straßenmusik auch eine gute Möglichkeit der Selbstvermarktung: Bei seinen Shows wird er häufig von Passanten gefilmt.

Erdem: "Ich stelle grundsätzlich ein Schild mit einer Liste meiner Social Media Profile auf. Die Leute liken und markieren mich dann auch oft."

Über solch ein Social Media Video wurde auch eine Mitarbeiterin von bookastreetartist auf Erdem aufmerksam und hat ihn sofort kontaktiert. Seit mittlerweile einem Jahr unterstützt die Agentur ihn bei der Suche nach Gigs. Die finden dann allerdings meistens auf der Bühne statt. Über die Zusammenarbeit ist Erdem froh:

Erdem: "Ich kann mich als Musiker professioneller präsentieren, bekomme gute Kontakte und sichere Gagen." Vom Beatboxen allein kann er aber noch nicht leben. "Ich glaube, dass das ein Prozess ist, der Zeit braucht. Darum konzentriere ich mich neben meinen Shows auch darauf, Netzwerke mit anderen Straßenkünstlern aufzubauen."

"Eintauchen in die Straßenkünstler-Szene"

Auch Charlotte und Mario haben mittlerweile ein großes Netzwerk für die Künstlersuche aufgebaut. Aber sie sind noch immer oft selbst auf der Straße unterwegs, um nach neuen Talenten Ausschau zu halten:

Charlotte: "Wir können eigentlich keine Stadt mehr besuchen und auch nicht mehr in den Urlaub fahren, ohne in die Straßenkünstler-Szene einzutauchen. Für alle Fälle haben wir immer kleine Kärtchen dabei, die wir den Künstlern in den Hut werfen."

Begnadete Straßenmusiker müssen aber nicht erst warten, bis sie auf der Straße von den beiden entdeckt werden: Wer eine extraordinäre Show im Gepäck hat und sich als Street Musician bewerben möchte, kann sich online informieren.

Wer sofort auf der Straßen starten will, dem seien unsere weiteren Artikel zum Thema Straßenmusik ans Herz gelegt, zum Beispiel eine Übersicht zu den Regeln, Genehmigungen, Auflagen und Besonderheiten oder unsere Tipps dazu, wie du auf der Straße erfolgreich bist und Geld verdienst.

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