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Zwischen Leidenschaft und Wirtschaftlichkeit

Die Musik ist wichtiger als Likes: Die Gründer der Booking-Agentur Soundsgood im Gespräch

Interview von Reinhard Goebels
veröffentlicht am 12.03.2019

soundsgood booking berufswelt management

Die Musik ist wichtiger als Likes: Die Gründer der Booking-Agentur Soundsgood im Gespräch

Ruben Bauer (rechts) und Friedemann Bauknecht (Mitte) mit Dominik Baer, einem Künstler ihres Rosters. © Micha Roth, http://www.micharoth.com

Ruben Bauer und Friedemann Bauknecht sind Gründer der Musikagentur Soundsgood. Wir sprachen mit ihnen darüber, was eine kleinere Booking-Agentur für Bands leisten kann, ob sich die Kontaktaufnahme auch für Newcomer lohnt und wie diese aussehen sollte.

Die Musikagentur Soundsgood wurde 2018 in Karlsruhe gegründet und bietet zusätzlich zu ihrer Tätigkeit als Booking-Agentur umfangreiche Beratung sowie B2B-Services im Kultursektor. Kennengelernt haben sich die Geschäftsführer Ruben Bauer und Friedemann Bauknecht während ihres Kulturmanagement-Studiums.

Backstage PRO: Wie kamt ihr dazu, eure eigene Agentur zu gründen?

Ruben Bauer: Das hat sich bereits während des Studiums entwickelt. Ich hatte zwei verschiedene Jobangebote im Musikbereich und war in diesem bereits nebenberuflich für ein Label tätig, hatte jedoch den Wunsch, selbst eine Agentur zu gründen. Friedemann war bei mir im Studiengang, ein guter Freund und in jeder Hinsicht perfekt dafür geeignet, da er zuvor bereits im Booking Erfahrung gesammelt und schon eine Agentur hatte. Zudem sind wir häufig einer Meinung, können aber auch sehr gut diskutieren.

Backstage PRO: Ist das Thema Booking für euch eine Leidenschaftssache oder hat sich das einfach so ergeben?

Ruben Bauer: Sowohl als auch. Es war bei uns beiden ähnlich: Wir haben viel Musik gemacht und jeweils selbst für unsere eigenen Projekte Booking betrieben. Dann gab es befreundete Musiker, die nach einem Booking gefragt haben, und so kam eins zum anderen. Mir persönlich hat im Studium auch immer ein solcher praktischer Teil gefehlt.

Friedemann Bauknecht: Es gibt viele Bands, die Booking als sehr mühsam empfinden. Das ist es auch, keine Frage, aber es kann auch Spaß machen. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man eine fertige Tour hat und man weiß, man hat Events ermöglicht, auf die sich sowohl Musiker als auch das Publikum freuen können.

“Wenn eine Band der Hammer ist, spielen die Likes zunächst keine Rolle”

Backstage PRO: Ihr bewegt euch vorrangig in den Genres Pop und Jazz. Nach welchen Kriterien wählt ihr neue Bands aus, die Teil eures Rosters werden?

Friedemann Bauknecht: Eine Band muss zu uns als Agentur passen, auch hinsichtlich des Genres. Daneben sind uns die zwischenmenschliche Komponente und die Kommunikation sehr wichtig. Wir sind noch eine kleine Agentur und halten es gerne familiär mit einem engen Kontakt zu unseren Bands. Auch relevant ist, ob wir Potential in den Bands sehen, wie groß die Bands bereits sind und wie die Qualität ihrer Musik ist.

Backstage PRO: Wie wichtig sind sogenannte Social Signals für die Bewertung einer Band, also Facebook-Likes, Followers und dergleichen?

Ruben Bauer: Die fließen immer in unsere Bewertung ein. Wenn wir auf eine sehr junge Band stoßen, die erst vor zwei Monaten gegründet wurde und erst 200 Facebook Likes aufweisen kann, aber musikalisch der Hammer ist und wir eine Chance für sie sehen, dann spielen die Likes zunächst keine große Rolle für uns. Damit die Agentur funktioniert, müssen wir jedoch darauf achten, dass wir ein Gleichgewicht zwischen Newcomern und Bands haben, die bereits eine Stufe weiter sind. Dadurch ergeben sich auch viel bessere Synergieeffekte.

“Bei Newcomer-Bands muss man viel Zeit investieren”

Backstage PRO: Ist es aus wirtschaftlicher Perspektive sinnvoll, Newcomer-Acts aufzunehmen?

Ruben Bauer: Das hängt davon ab, wie kurzfristig oder langfristig man denkt und plant. Ein Newcomer, für den es erst mal schwierig ist, Gigs an Land zu ziehen, ist wirtschaftlich erst einmal unattraktiv, da man sehr viel Zeit investieren muss und finanziell zunächst nichts oder nur wenig zurück bekommt. Das ist erst mal eher eine Leidenschaftssache. Wir versuchen jedoch gemeinsam mit dem Künstler an einer positiven Entwicklung auch aus wirtschaftlicher Perspektive zu arbeiten.

Friedemann Bauknecht: So ein Investment ist auch notwendig. Sowohl kleinere als auch größere Agenturen müssen sicherstellen, dass sie auch in Zukunft attraktive Acts vermitteln können. Daher muss man Newcomer fördern und am Zeitgeschehen bleiben, auch wenn es sich finanziell nicht unmittelbar auszahlt.

“Der erste Eindruck spielt eine sehr große Rolle”

Backstage PRO: Wenn also nun gänzlich unbekannte Bands an euch herantreten, beschäftigt ihr euch auch mit ihnen?

Ruben Bauer: Wir beschäftigen uns grundsätzlich mit jeder Anfrage. Daher eine Aufforderung an alle Bands da draußen: Schickt uns gerne etwas! Der erste Eindruck spielt jedoch bereits eine sehr große Rolle. Eine E-Mail, die lediglich einen Satz und einen Link zur Homepage enthält, weckt natürlich kein Interesse.

Friedemann Bauknecht: Bei manchen Bands habe ich den Eindruck, dass sie sich nicht genug Gedanken darüber machen, was denn das Gegenüber, in diesem Fall die Bookingagentur, an Informationen benötigt um bewerten zu können, ob es passt. Es ist sehr schade, wenn Potential da wäre, eine Zusammenarbeit jedoch bereits im Vorfeld daran scheitert.

Backstage PRO: Was sollte eine Anfrage denn alles beinhalten?

Ruben Bauer: Freuen würden wir uns über den Bandnamen, den Musikstil, Links zu Videos  – wenn möglich auch live – und Links zu den Social Media-Profilen. Optimal wäre auch, wenn man uns sagen würde, wann und wo der nächste Gig stattfindet, da wir uns die Bands gerne live ansehen möchten. Manchmal teilen uns Bands mit, dass sie noch keine Termine haben und sie sich gerade deswegen an uns wenden. Wenn jedoch eine Band gar nicht durch Eigeninitiative an Auftritte kommt, wirft das natürlich kein positives Licht auf sie.

Friedemann Bauknecht: Grundsätzlich sollten in der Anfrage auch diejenigen Dinge Erwähnung finden, die eine Band attraktiv machen, wie etwa bisherige mediale Präsenz in Zeitschriften, TV oder Radio. Derartige Referenzen sind sowohl für uns als auch für Veranstalter interessant.

“Wir wollen Bands das notwendige Wissen über die Musikbranche vermitteln”

Backstage PRO: Wie viele der Anfragen führen denn letztlich zu einer Zusammenarbeit?

Ruben Bauer: Die meisten Anfragen müssen wir ablehnen, weil wir nur begrenzt Bands aufnehmen können. Aber wir bieten auch Workshops und Seminare zum Thema Selbst-Booking, Marketing und Social Media an, da eine Band prinzipiell alles selbst übernehmen kann. Wir möchten Künstlern dabei in kompakten Einheiten vermitteln, wie das funktionieren kann und worauf es zu achten gilt.

Friedemann Bauknecht: Wir denken, dass viele Bands zwar Potential aber noch nicht das notwendige Wissen über die Mechanismen in der Musikbranche haben. In den ersten Stadien einer Band ist es in der Regel do it yourself, und es ist wichtig, dass sich eine Band in den verschiedenen Gebieten auskennt. Auch wenn man eine Booking-Agentur oder ein Label hat, sollte man zumindest eine Vorstellung davon haben, wie deren Arbeit aussieht.

“Wir bieten unseren Künstlern ein Gesamtpaket”

Backstage PRO: Was können Bands von der Zusammenarbeit mit euch erwarten und welche konkreten Vorteile haben sie davon?

Friedemann Bauknecht: Hinsichtlich des Bookings haben wir den Vorteil, gerade im Sektor Konzerte vernetzter zu sein als die meisten Bands und dadurch einfacher an Auftrittsmöglichkeiten heranzukommen. Zudem nehmen wir den Bands viel zeitaufwendige Arbeit ab und klammern uns dabei auch nicht fest daran, wenn etwas nicht im Vertrag steht.

Ruben Bauer: Wir versuchen gemeinsam mit dem Künstler eine geeignete Strategie festzulegen, was für eine Art von Tour und welche Venues überhaupt geeignet wären, und lassen dabei auch Karriereplanung miteinfließen. Wir bieten jedoch auch an, andere Bereiche wie etwa Marketing, Social Media oder Tourpromotion zu übernehmen sowie Dinge, die eher im Managementbereich angesiedelt sind. Wir wollen unseren Künstlern eine Art Gesamtpaket bieten.

Außerdem können Künstler einen offenen und persönlichen Umgang von uns erwarten. Wir legen großen Wert auf Feedback, daher ist es wichtig für uns, sich oft auszutauschen.

“Gute Promo-Strategien unterscheiden sich von Genre zu Genre”

Backstage PRO: Auf welche Kommunikationskanäle konzentriert ihr euch, wenn es um Promo / Marketing geht?

Friedemann Bauknecht: Das kann man nicht pauschal sagen. Es gibt ein paar Social Media-Kanäle, die man immer nutzt, doch im Endeffekt kommt es auf das Genre an und was zu einer Band passt. Bei einer Band im Klassikbereich ist mehr Pressearbeit notwendig als bei einer Indie-/Electronic-Band. Diese Strategiefragen sind enorm wichtig. Welche Aktionen machen Sinn? Mit welchen können wir die gewünschte Zielgruppe erreichen?

Ruben Bauer: Wenn eine Band jung ist und eine junge Zielgruppe hat, dann ist Instagram vorne dabei. Wenn es um eine Cool Jazz-Band geht, dann ist Facebook noch dabei, aber eher am Rande.

Backstage PRO: Würdet ihr sagen, dass Facebook für euch an Relevanz verliert?

Ruben Bauer: Es ist abnehmend. Dadurch, dass wir auch viele Jazzbands haben, die international unterwegs sind, und nicht nur junge Indie-Newcomer, bedienen wir es trotzdem immer. Es ist auch für uns als Agentur ein Haupt-Kommunikationskanal neben etwa Newslettern. Wir nutzen natürlich auch Backstage PRO. Aber auf Instagram sind wir als Agentur selbst nicht aktiv, da die Zielgruppe, die wir über unsere eigene Kommunikation ansprechen, da noch nicht so erreichbar ist.

“Backstage PRO ist für uns eine gute Möglichkeit, auf neue Bands zu stoßen”

Backstage PRO: Welche Vorteile hat die Nutzung von Backstage PRO für euch?

Friedemann Bauknecht: Der Vorteil ist, dass dort viele Branchenleute und Bands aktiv sind. Wir suchen und buchen für Veranstaltungen auch Bands, die nicht Teil unseres Rosters sind. Da ist Backstage PRO eine gute Möglichkeit, auf Bands zu stoßen, die wir noch nicht auf dem Schirm hatten.

Ruben Bauer: Wir schauen auch immer bei den vorhandenen Ausschreibungen, wo wir unsere Künstler bewerben können. Außerdem nutzen wir Backstage PRO mittlerweile auch, wenn wir zum Beispiel nach Praktikanten oder Freelancern suchen, die im Bookingbereich oder im Marketing-/ Promo-Bereich mit uns arbeiten wollen. [aktuelle Anzeigen findet ihr hier und hier; Anm.d.Red.]

Backstage PRO: Zusätzlich zum Booking bietet ihr auch Beratung im Kultursektor von Konzept-Ideen bis hin zur Marktanalyse sowie im B2B-Bereich zum Beispiel Veranstaltungs- und Tourplanungen, Social Media-Management, Produktionsleitung bei Festivals und Programmgestaltungen. Kann man das hochwertig aus einer Hand leisten?

Ruben Bauer: Diese Bereiche sind neben dem Booking wichtige Standbeine für uns. Wir haben in ihnen bereits vor der Gründung der Agentur gearbeitet; da haben wir die Chance gesehen, das als Agentur zu bündeln und anzubieten. Es gibt in allen Feldern Interessenten, die darauf zurückgreifen, und bisher waren alle glücklich mit unserer Arbeit, häufig kam es auch zu Folgeaufträgen. Wir arbeiten auch hier viel mit Feedback, da uns Qualität sehr wichtig ist.

Friedemann Bauknecht: Natürlich hat auch unser Kulturmanagement-Studium daran Anteil, wodurch wir eine breite Varietät kennengelernt und die entsprechende Expertise erlangt haben.

“Newcomer-Bands im Pop-Bereich müssen sich bezüglich der Gage mehr durchbeißen als Jazz-Bands”

Backstage PRO: Wie schwierig ist es heutzutage, sich als junge Agentur auf dem Markt zu etablieren und was sind die Voraussetzungen?

Friedemann Bauknecht: Die Konkurrenz im Bookingbereich ist groß, zudem gibt es sehr viele Bands aber natürlich nur eine begrenzte Zahl an Venues. Daher ist es kein leichter Markt. Wie in vielen Bereichen der Musik sind dabei genügend Leidenschaft und Biss sowie Kontakte sehr wichtig. Man muss sich auch strategisch richtig platzieren und schauen, wie man die Nische bedient.

Ruben Bauer: Dabei ist innovatives Denken und Handeln gefragt. Wir geben auch immer unseren Künstlern mit, dass eine Band auf positive Weise anders sein muss, um sich von der Masse abzuheben.

Backstage PRO: DEAG-Booker David Garcia teilte uns kürzlich mit, die Margen im Live-Musikgeschäft würden keinen Spaß machen. Wie stellt sich das für euch da?

Ruben Bauer: Gerade am Anfang ist es für eine junge, kleine Agentur schwierig, allein vom Booking zu leben. Die Margen fallen dabei für uns unterschiedlich aus. Eine Newcomer-Band im Pop-Bereich muss sich hinsichtlich der Gage viel mehr durchbeißen, als eine Jazzband, die schon früh eine Festgage bekommen. Das spiegelt sich natürlich auch in den Margen wieder.

Backstage PRO: Vielen Dank für das Gespräch!

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Soundsgood

Booking-Agentur, Consulting und Coaching in 76135 Karlsruhe, Deutschland

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