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"Der Mucke ist egal, von wem sie gespielt wird"

Heike "Bass Sistah" Müller über den Auftritt als Opener der Scorpions und Musik als Leidenschaft

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 04.02.2026

scorpions berufswelt

Heike "Bass Sistah" Müller über den Auftritt als Opener der Scorpions und Musik als Leidenschaft

Heike Müller (links außen) mit Rosy Vista beim Jubiläumskonzert der Scorpions in Hannover im Juli 2025. © Martin Huch

Heike "Bass Sistah" Müller begann mit dem Bass-Spielen, als Bassistinnen in Deutschland eine Seltenheit waren. Im Interview spricht sie darüber, wie sie ihren Spitznamen "Bass Sistah" erhielt, warum sie BackstagePRO nutzt und wie sie es mit ihrer Band Rosy Vista auf die Bühne beim Jubiläumskonzert der Scorpions in Hannover schaffte.

BackstagePRO: Du hast mit deiner Band Rosy Vista beim großen Jubiläumskonzert der Scorpions gespielt. Wie kam das zustande?

Heike Müller: Wir hatten mit Rosy Vista einen Song bei einem Event der UNESCO City of Music Hannover gespielt. Im Publikum saß auch Klaus Meine mit seiner Frau und seinem Management. Nachdem wir den Song performt hatten, gab es Standing Ovations, was sich unglaublich anfühlte. Während ich aus Düsseldorf komme, stammen die anderen Bandmitglieder Anca Graterol, Andrea Schwarz und Marina Hlubek alle aus Hannover, daher kennen sie auch die Scorpions seit Jahrzehnten. Jedenfalls haben Klaus Meine und sein Management es möglich gemacht, dass wir noch in das Line-up des Jubiläumskonzerts reingerutscht sind. Dadurch standen wir mit Judas Priest, Alice Cooper, Bülent Ceylan und natürlich mit den Scorpions auf der Bühne. 

BackstagePRO: Was für ein Erlebnis war das?

Heike Müller: Es war ein Traum. Ich habe schon auf großen Bühnen gestanden und vor 50.000 Zuschauern gespielt, aber das ist alles nichts im Vergleich zu einem Supportauftritt für solche Ikonen. 

BackstagePRO: Habt ihr auch mit den anderen Bands sprechen können oder sogar etwas Zeit gemeinsam verbracht?

Heike Müller: Ein wenig. Ehrlich gesagt kamen wir mit den anderen Bands kaum in Berührung. Im Catering-Bereich saßen Mikkey Dee, der Schlagzeuger der Scorpions, Nita Strauss, die Gitarristin von Alice Cooper und Richie Faulkner, der Gitarrist von Judas Priest. Wir haben uns super mit ihnen unterhalten, aber nur kurz. Als wir sie später gesehen haben, haben wir sie nur kurz gegrüßt, wir wollten sie auch nicht nerven. 

BackstagePRO: Wie kam es dazu, dass du bei Rosy Vista eingestiegen bist? Wie du schon gesagt hast, stammt die Band aus Hannover, während du aus Düsseldorf kommst.

Heike Müller: Rosy Vista haben schlichtweg keine gute Bassistin gefunden. Seit 1984 spielt die Band in der gleichen Besetzung, wenngleich sie zwischendrin größere Pausen eingelegt hat. Es hakte immer an einer fehlenden Bassistin. In Deutschland gab es damals kaum Bassistinnen, die kompetent Hardrock oder 80er-Metal authentisch spielen konnten. Zwei befreundete Bassisten haben mir unabhängig voneinander geschrieben, dass ich perfekt zu Rosy Vista passen würde. Anfangs wollte ich es nicht machen, weil es mir zu weit war, aber nachdem ich mit der Gitarristin telefoniert hatte, habe ich meine Meinung geändert. Wir haben uns zweieinhalb Stunden unterhalten, so als würden wir uns schon seit Ewigkeiten kennen. Es war unfassbar - und daher bin ich seit 2020 bei Rosy Vista dabei.

BackstagePRO: Du hast ja wahnsinnig viele Bands und Projekte. Was hat es mit denen auf sich?

Heike Müller: Genau. Neben Rosy Vista habe ich seit mehr als 15 Jahren meine Metal-Coverband Rockscars. Beide Gitarristen habe ich übrigens vor vielen Jahren auf Backstage PRO gefunden. Außerdem spiele ich noch in der Frickel-Metal-Band Garstic, die es auch schon mehr als 20 Jahre gibt. Wir haben allerdings keinen Sänger mehr,  seitdem dieser aus beruflichen Gründen nach München abgewandert ist. Wir treffen uns aber immer noch und frickeln ziemlich extremes Zeug, aber es macht Spaß. 

BackstagePRO: Wie ist es mit Rockin' 1000? Das ist ja ein ganz anderes, gigantisches Projekt.

Heike Müller: Bei Rockin' 1000 stehe ich mit 1000 Musikern auf der Bühne. "Stick together and play Rock'n'Roll" ist das Motto und ich liebe es einfach, dort mitzumachen. Auf der Bühne stehen ungefähr 180 Bassisten und wenn es losgeht, habe ich das ganze Konzert lang Gänsehaut. Ich habe mit Rockin' 1000 im Stade de France in Paris gespielt und es war unfassbar. 

Heike Müller vor einem Konzert von Rockin' 1000 im Stade de France in Saint-Denis

Heike Müller vor einem Konzert von Rockin' 1000 im Stade de France in Saint-Denis, © privat

BackstagePRO: Du bist sehr aktiv auf BackstagePRO, wie du ja schon erwähnt hast. Was ist der Grund?

Heike Müller: Auf BackstagePRO findest du alles, was das Muckerherz begehrt: Musiker, Locations, Gigangebote, Berichte über musikalische Themen und vieles mehr. BackstagePRO ist tatsächlich die einzige Plattform, der ich seit fast 15 Jahren treu bin. Ich finde, die Seite hat eine riesige Reichweite.

BackstagePRO: Man könnte ja meinen, du wärst hauptberufliche Musikerin, aber das ist gar nicht der Fall. Du hast einen ganz anderen Beruf. Wie kam das zustande?

Heike Müller: Ich bin gelernte Justizfachangestellte und habe jahrelang in der Mordabteilung bei der Staatsanwaltschaft gearbeitet. Als Ausgleich habe ich Musik gemacht. Die Liebe zur Musik war schon früh da. Damals war ich ein großer Fan von Slade, Led Zeppelin, Deep Purple und Sparks. Ich liebe handgemachte Musik, was heute leider nicht mehr so ganz in Mode ist, wie man an der KI-Problematik erkennt. Wir machen doch Musik aus Leidenschaft, wir wollen Emotionen wecken! 

BackstagePRO: Wie bleibt die Leidenschaft zur Musik so viele Jahrzehnte lang frisch?

Heike Müller: Musik hält jung, sie wirkt wie ein Jungbrunnen. Wenn Du auf der Bühne stehst und in strahlende Augen blickst, ist das wunderbar. Leider gibt es kaum noch Locations, in denen man spielen kann. Die kleinen Clubs verschwinden.

BackstagePRO: Ist die Clubkultur, die es früher gab, als Leute einfach in einen Club gingen, egal wer dort spielte, um einfach Musik live zu erleben, am Aussterben?

Heike Müller: Genau. Es hat sich völlig verändert. Ich war in den 1990ern in London, damals gab es den legendären Marquee Club noch. Die haben damals schon Pay-to-Play gemacht, aber ich habe gesagt: "Das mache ich nicht". Inzwischen ist diese Kultur rübergeschwappt und es wird immer schlimmer. Ich verstehe aber auch die Veranstalter. Die wissen seit Corona nicht mehr, wie sie den Laden am Laufen halten sollen, wenn sie vorher keine Tickets verkaufen. Die ganze Musiklandschaft hat sich komplett verändert. Es geht nur noch um Kohle und nicht mehr um das Gefühl, das du hast, wenn du eine gute Band live erlebst. 

Mit Rosy Vista und Rockscars erleben wir das noch. Unsere Zuschauer sind in den 80ern und 90er aufgewachsen und wir spielen mit Rockscars die alten Maiden-Sachen, Judas Priest, Saxon und leben das auch. Das macht so viel Spaß, auch weil unser Publikum noch ausgeht und Musik nicht nur auf dem Handy konsumiert.

Heike Müller mit ihrer Metal-Coverband Rockscars

Heike Müller mit ihrer Metal-Coverband Rockscars, © Rockscars

BackstagePRO: Deine Karriere hat in einer Zeit begonnen, als du eine Frau am Bass ungewöhnlich war, wie du vorhin selbst gesagt hast. Wie hat sich die Rolle von Frauen in der Musik verändert? Es gibt heute ja viel mehr Instrumentalistinnen. 

Heike Müller: Ich habe mich immer als Musiker gesehen, nie als Frau, die Bass spielt. Eigentlich ist eine Musikerin ja nichts besonderes, aber früher musstest du dich als Frau behaupten. Da hörte man schon mal: "Wer ist das denn? 'Ne Olle? Wolln' wir nicht!" Denen habe ich aber ein Schnippchen geschlagen: Ich habe gelernt, geübt und wurde immer sicherer, bis ich mir Respekt erspielt habe. Ganz am Anfang wurde ich immer noch als Exot betrachtet, die einzige Frau in der Band eben. Aber ich finde: Der Mucke ist es egal, von wem sie gespielt wird. Das ist mein Motto.

BackstagePRO: Aber ist es nicht doch ein Fortschritt, dass mehr Frauen sich trauen, Instrumente zu spielen und sich nicht so durchkämpfen müssen wie du damals?

Heike Müller: Das stimmt. Mit Rosy Vista haben wir auch tatsächlich eine Schneise geschlagen, denn wir waren die erste deutsche Hardrockband, die nur aus Frauen bestand und damit Erfolg hatte. Die Band war mit Mötley Crew, mit Bon Jovi und vielen anderen auf Tour und hat auf der Loreley und vielen weitere coolen Locations gespielt. Durch Krankheit und Besetzungswechsel ist der Plattenvertrag durch die Lappen gegangen. Aber heute macht es wieder so viel Spaß, wenn wir auf der Bühne stehen.

BackstagePRO: Welche Bassisten haben dich denn besonders beeinflusst?

Heike Müller: T. M. Stevens. Er spielte vor allem Funk-Metal und hatte eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Von ihm habe ich auch meinen Spitznamen. Bei einem Konzert in der Kulturkirche in Köln hat er mich auf die Bühne geholt und irgendetwas erzählt, aber nicht gespielt, während sein Schlagzeuger weitergemacht hat. Also habe ich ihn von hinten umarmt und habe seinen Bass gespielt. Er hat direkt die Hände hochgenommen und mich spielen lassen – es war so lustig. Hinterher hat er gesagt: "You are my bass sistah!" Leider ist er 2024 verstorben.

BackstagePRO: Was macht einen guten Bassisten oder eine gute Bassistin aus?

Heike Müller: Zuhören! Zuhören, was der Schlagzeuger macht. Das wird oft vergessen, aber du bist gemeinsam mit deinem Schlagzeuger das Fundament. Du bewegst den Leuten die Beine, wenn du auf dem Gig bist. Ich habe mir das Spielen selbst beigebracht, aber egal, wie du lernst, musst du dranbleiben! Ich kann auch Kindern nur raten: Probiert es aus, schnappt euch ein Instrument, das ist wie Medizin!

Backstage PRO: Herzlichen Dank für das Interview!

Personen

Bass Sistah

Bassistin bei ROSY VISTA, ROCKSCARS (Metal Cover), ROCKIN'1000, GARSTIC, TRANSHUMAN, ALICE IN WONDERBRA aus Düsseldorf Bassistin bei ROCKSCARS

Artists

ROCKSCARS

Metal Recycler der 70er, 80, 90er und noch mehr aus Düsseldorf

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