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Indie ist kein Nebenjob

Themis über internationale Supporttouren, sein neues Album und den Alltag als unabhängiger Künstler

Interview von Antonia Freienstein
veröffentlicht am 11.03.2026

liveszene vorband album release

Themis über internationale Supporttouren, sein neues Album und den Alltag als unabhängiger Künstler

Themis. © Anna Frömmrich

Themis gehört zu den aufstrebenden Künstlern der deutschen Indie-Rock-Szene. Zuletzt stand er unter anderem als Support für die US-Band L.A. Witch auf deutschen Bühnen. Auch sein aktuelles Album „Self Mythology“ wurde positiv aufgenommen. Im Interview spricht er über die Realität des Indie-Daseins zwischen Booking, Förderanträgen und Studioarbeit.

BackstagePRO: Hallo Themis, erzähl uns doch gerne erst einmal ein bisschen von deinem aktuellen Musikprojekt.

Themis: Themis ist mein Soloprojekt, das ich seit 2019, bzw. so richtig seit 2020 verfolge. 2021 haben wir dann unser erstes Album veröffentlicht.

Richtiges Touren war dann aber leider durch pandemiebedingte Regulierungen erst einmal kaum möglich. Wir haben also weiter an unseren Songs gearbeitet und 2023 eine EP veröffentlicht. Im letzten Jahr haben wir dann unser zweites Album “Self Mythology” herausgebracht. Zum ersten Mal über ein Indie-Label, das sich auch um Vinyl und CDs gekümmert hat.

Außerdem hatten wir das Glück, mit einer Agentur zusammenzuarbeiten, die uns in der Presse stark vertreten hat. Unser Album wurde dadurch unter anderem im Rolling Stone und in der Visions besprochen und hat dort auch gute Bewertungen bekommen. Ich finde das einfach nur krass!

BackstagePRO: Das Touren scheint inzwischen wieder ganz gut zu klappen. In unserer Jahresrückblick-Umfrage hattest du erwähnt, dass du im letzten Jahr unter anderem L.A. Witch bei ihren Deutschlandshows begleiten durftest. Wie ist es dazu gekommen?

Themis: Ich bin großer Fan der Band und habe mich dafür beworben. Sie hatten mich über Instagram schon ein bisschen auf dem Schirm, da habe ich doof gesagt, ein bisschen genervt, bis es dann irgendwie geklappt hat. (lacht) Ich bin total dankbar dafür und kann es immer noch nicht so richtig glauben.

BackstagePRO: Unterscheidet sich deine Herangehensweise an Setlist, Performance oder auch Publikumsinteraktion bei so einer Supportshow von deinen anderen Shows?

Themis: Ja, ein Stück weit schon. Wenn wir mit Bands spielen, die nicht deutschsprachig sind oder nicht aus Deutschland kommen, denke ich das Themis-Projekt internationaler. Dann spreche ich meine Ansagen auf Englisch, um alle im Publikum zu erreichen. Gerade bei Shows in größeren Städten weiß man ja auch nie, ob jede Person vor Ort Deutsch sprechen kann.

Grundsätzlich empfinde ich Liveshows als großes Geschenk. Die Leute kaufen sich ein Ticket und reisen vielleicht sogar ein bisschen länger an, um einen zu sehen. Als Band muss man einfach viel Arbeit in die Proben stecken. Das ist der Beitrag, den wir als Band leisten müssen und wollen, damit es eine gute Show wird und alle einen schönen Abend haben.

BackstagePRO: Gab es etwas, was du persönlich oder künstlerisch von dieser Supporttour oder auch deinen anderen Supporttouren für dich mitnehmen konntest?

Themis: Ich konnte sehr viel Inspiration mitnehmen von allen Bands, mit denen wir gespielt haben. Aber man lernt auch unglaublich daraus, mit verschiedenen Gruppen zu touren – nicht nur musikalisch, sondern auch wie sie das Leben sehen und wie sie ihren Tour-Alltag gestalten.

Seit wir selbst als Supportband auftreten, ist mir auch bewusst geworden, wie sehr Vorbands unterschätzt werden. Wenn ein Konzert um 20 Uhr beginnt, kommt man vielleicht erst um Viertel nach, man ist da nicht so genau mit der Uhrzeit. Aber ich finde, da verpasst man die Magie der Supportband, die ja den Ton des Abends ein bisschen angibt.

BackstagePRO: In einem Interview mit dem Populärkollektiv hast du dich sehr positiv über BackstagePRO geäußert – was uns sehr gefreut hat. Wie nutzt du die Plattform persönlich?

Themis: Ich benutze BackstagePRO ziemlich aktiv, um Konzerte an Land zu ziehen und zu schauen, wo man spielen kann. Es gibt viele Festivals, die die Booking-Funktion nutzen, um noch nicht so bekannten Bands die Möglichkeit geben, zu spielen. Gerade in der Hinsicht ist das für uns ein wichtiges Netzwerk.

Ich verwende die Plattform aber auch für eigene Ausschreibungen. Zum Beispiel, wenn ich selbst Konzerte anstehen habe. Im letzten Herbst habe ich außerdem über BackstagePRO nach einem neuen Gitarristen oder einer neuen Gitarristin gesucht. Auch wenn wir den dann letztendlich über Empfehlungen aus dem Bekanntenkreis gefunden haben, ist es immer ganz cool, auf welche Leute man durch BackstagePRO trifft.

BackstagePRO: Du hast vorhin erwähnt, dass ihr im letzten Jahr neben Supporttour und Mitgliederwechsel auch ein neues Album veröffentlicht habt. “Self Mythology” beschäftigt sich mit Themen wie Selbstakzeptanz und Empowerment. Überlegst du dir bei deinen Alben von Anfang an ein Konzept?

Themis: Es ist ganz spannend, dass du das fragst, weil ich das eigentlich nicht tue. Normalerweise lasse ich tatsächlich alles ein bisschen auf mich zukommen. Aber bei diesem Album ist es dann unterbewusst doch so gekommen.

Die Frage, worum es eigentlich in den Songs geht und ob sich das irgendwie herunterbrechen lässt, kam eigentlich erst in Bezug auf die Titelsuche auf. Da war das Album schon aufgenommen. Vielleicht sollte ich meine Herangehensweise ändern und ein bisschen konzeptioneller vorgehen, aber dieses Mal hat es geklappt. (lacht)

BackstagePRO: Wie bist du denn letztendlich auf den Titel “Self Mythology” gekommen?

Themis: Ich bin ein Fan von Symbolen, Metaphern und Bildern und mag es ein bisschen mystisch, gleichzeitig aber auch auf den Punkt. In den Songs geht es viel um Identität, aber auch Empowerment und darum, mehr nach innen als nach außen zu schauen. Im Englischen gibt es den Begriff “Personal Mythology”, der dafür steht, dass jeder Mensch unterbewusst seine eigene Geschichte schreibt und seine eigenen Werte und Ansichten hat.

Auf den eigentlichen Titel bin ich dann durch einen Song von Florence + The Machine gekommen, den ich sehr gerne mag: “King”. Darin singt sie über “Self Mythology” und das fand ich sehr passend.

BackstagePRO: Wie hast du darüber entschieden, welche deiner Songs es auf das Album schaffen? Gibt es da deiner Meinung nach einen idealen Opener oder Closer?

Themis: Ich gehe stark nach persönlichem Geschmack. Der Opener ist bei mir der Song, der mir am meisten gefällt. Der zweite Song ist dann der Song, der mir am zweitbesten gefällt und so weiter. Ich habe in Bezug auf die Anordnung daran gedacht, dass das Album auch auf Vinyl und CD erscheint. Gerade auf Vinyl kann man Songs nicht so einfach skippen, weshalb ich die Songs, die mir “am wichtigsten” sind, an den Anfang packen wollte.

BackstagePRO: Warum war dir Vinyl so wichtig?

Themis: Ich höre selbst gerne Vinyl und wollte schon immer eine Platte herausbringen. Am liebsten hätte ich schon mein erstes Album auf Vinyl veröffentlicht. Aber das ist leider extrem teuer und finanziell fast unmöglich so eine Produktion alleine zu stemmen. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als unser Label bei “Self Mythology” angekündigt hat, dass auf jeden Fall Vinyl produziert werden soll.

Wir hatten außerdem das Glück zwei Förderungen bekommen zu haben, die wir in Vinyl und CDs investieren konnten. Man kann das Album aber auch gerne streamen, damit habe ich kein Problem.

BackstagePRO: Verändert Streaming deiner Meinung nach die Art und Weise, wie Alben entstehen oder wie du deine Musik machst?

Themis: Vielleicht insofern, dass ich das Gefühl habe, schneller veröffentlichen zu müssen. Während des Schreibprozesses selbst spielt Streaming für mich kaum eine Rolle. Wenn der Song dann aber fertig ist, denke ich doch oft kurz darüber nach, wann der Refrain einsetzt und ob die ersten 30 Sekunden überzeugend genug sind, dass man den Song noch hört. Aber ich versuche, mich davon nicht zu sehr beeinflussen zu lassen. Ich finde, sonst nimmt das die Magie von einer Kreation.

BackstagePRO: Betreibst du die Musik eigentlich aktuell hauptberuflich?

Themis: Ich habe einen Hauptjob, eine 100 Prozent Stelle und mache die Musik nebenher. Obwohl “nebenher” vielleicht nicht das richtige Wort ist, gefühlt sind das nochmal 300 Prozent obendrauf. Man wacht auf und denkt über Shows nach, muss Booking betreiben, Outfits planen und networken. Der Tag hört dann gefühlt nie auf und dazu kommt noch, dass regelmäßig geprobt wird.

BackstagePRO: Welche Rolle spielen Liveshows, Merch, Streaming oder Förderprogramme für dich und deine Band?

Themis: Ich finde es erst einmal sehr positiv, dass es in Deutschland eine so gute Infrastruktur für Fördermittel gibt. Natürlich ist das aber auch ein bisschen abhängig von der jeweiligen Stadt und auch davon, welche Kontakte man hat. Man merkt schon, dass Bands mit bestehenden Booking-Verträgen oder größeren Labels oft leichter Zugang zu Fördermitteln haben als kleinere Acts. Trotzdem finde ich es super gut, dass es diese Möglichkeiten gibt. Fördermittel sind definitiv eine der wichtigsten Sachen, die man braucht, um als Band weiterzumachen.

BackstagePRO: Woran liegt das? Vielleicht kannst du das nochmal etwas näher erläutern.

Themis: Durch Livekonzerte verdient man in der Regel nicht viel Geld. Oft refinanziert man darüber eher Dinge wie den Bandvan oder das produzierte Merch. Trotzdem stehen Konzerte für mich an erster Stelle. Man muss spielen, um sichtbar zu bleiben und sozusagen eine kontinuierliche Daseinsberechtigung zu haben und weiter Merch und Alben machen zu können.

Merch funktioniert so ein bisschen nach dem Prinzip: Du gibst Geld aus, damit du Merch produzieren kannst, von dem du Geld einnimmst, das du wieder in neuen Merch steckst. Und Streaming sehe ich eher als Werkzeug, durch das Leute innerhalb weniger Sekunden in ein paar unserer Songs reinhören und uns folgen können. Das hilft schon auch, ist aber natürlich keine finanzielle Grundlage.

BackstagePRO: Du ordnest deine Musik dem Indie-Noise-Rock zu. Am 6. März habt ihr eine Acoustic Session deines Songs “Life Song” und Chelsea Wolfes “Place in The Sun” veröffentlicht. Was ist deiner Meinung nach schwieriger zu spielen: laute oder leise Songs?

Themis: Gute Frage, für mich sind das glaube ich die leisen Songs. Da steht man viel nackter da, ohne den ganzen Noise um einen herum, die Lautstärke und die Instrumente. Diese Songs verlangen einem noch ein bisschen mehr ab, was Emotionalität und Intimität angeht.

BackstagePRO: Ist es herausfordernd, in einer solchen Situation den eigenen Sound beizubehalten?

Themis: Schon, weil ja auf jeden Fall schonmal ein oder zwei Instrumente - das heißt auch ein oder zwei Bandmitglieder – wegfallen, wenn man akustisch spielt. Aber ich finde, das öffnet gleichzeitig auch noch einmal eine ganz neue, spannende Ebene.

BackstagePRO: Was möchtest du sonst als nächstes erreichen oder ausprobieren?

Themis: Wir arbeiten gerade an neuen Songs und planen noch dieses Jahr ins Studio zu gehen, um ein neues Album aufzunehmen. Das ist sehr aufregend. Bis zur Veröffentlichung dauert es dann aber noch ein Jahr oder etwas länger.

Außerdem sind wir dran an weiteren Konzerten und versuchen uns aktuell eine Bookingagentur an Land zu ziehen – was, wie wahrscheinlich jede Band bestätigen kann, keine ganz so leichte Angelegenheit ist.

BackstagePRO: Das klingt gut. Gibt es auch etwas, dass du dir in Hinsicht auf die aktuelle Lage der Live-Branche wünschst?

Themis: Leider bekomme ich aktuell viel mit, dass Bands Konzerte absagen müssen, weil der Vorverkauf nicht lief. Deshalb an der Stelle vielleicht ein kleiner Appell: Geht auf Konzerte und kauft euch frühzeitig Tickets. Es ist doof, dass wir so kapitalistisch denken müssen, aber das unterstützt sehr.

BackstagePRO: Das ist auf jeden Fall ein gutes Abschlusswort. Danke für das schöne Interview.

Themis: Danke, hat mich auch gefreut.

Artists

THEMIS

Indie-Rock, Noise-Rock aus Stuttgart

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