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BackstagePRO-Spotlight: Diana Ezerex über ihre Gefängniskonzerte, gesellschaftliches Engagement und ihren Weg als unabhängige Künstlerin
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© Viola Patzig
Bei dem Interview mit Diana Ezerex handelt es sich um einen Beitrag aus unserer BackstagePRO Spotlight-Serie, mit der wir Initiativen, Projekte und Formate aus unserer Community sichtbar machen.
Du bist ebenfalls engagiert und verfolgst interessante musikalische Projekte? Dann teile uns das über Spot On! mit. Wir schenken dir die Aufmerksamkeit, die deine Initiative verdient!
BackstagePRO: Diana, wie bist du zur Musik gekommen?
Diana Ezerex: Ich bin in einem musikalischen Elternhaus aufgewachsen und hatte dadurch die Möglichkeit verschiedene Instrumente zu lernen. Mit der Musik angefangen habe ich durch Blockflötenunterricht, den ich sieben Jahre lang besucht habe. Nebenher habe ich angefangen, mir Gitarre und Klavier beizubringen. Außerdem hatte ich noch drei Jahre Saxophonunterricht und war Mitglied in einem Chor. Es gab immer die Möglichkeit Instrumente zu spielen und zu nutzen und kreativ zu sein. Irgendwann habe ich dann angefangen Songs zu schreiben.
BackstagePRO: Wer sich mit dir befasst, dem wird schnell klar, dass dir gesellschaftliches Engagement sehr am Herzen liegt. In deiner BackstagePRO-Spotlight-Bewerbung hast du zum Beispiel erwähnt, dass du mit deiner Musik seit 2017 regelmäßig in Gefängnissen in der DACH-Region auftrittst. Welche Motivation steckt hinter diesem Vorhaben?
Diana Ezerex: Am Anfang war es vor allem Neugier und die Frage, ob ich vielleicht etwas verändern kann, indem ich den Menschen dort etwas Gutes tue. Inzwischen ist es mir ein großes Anliegen, dass Kunst und Kultur unabhängig von Bildungsgrad, sozialem Hintergrund oder Ressourcen zugänglich sind. Wenn jemand nicht einfach zu einem Konzert kommen kann, aus welchen Gründen auch immer, dann muss das Konzert eben zu dieser Person kommen.
BackstagePRO: Welche Reaktionen erhältst du von den Inhaftierten?
Diana Ezerex: Insgesamt bestätigen mich auch die Rückmeldungen der Inhaftierten sehr. Wenn ich merke, dass es etwas für sie verändert, sie davon bewegt sind und sich gerne an das Erlebnis zurückerinnern. Manchmal bekomme ich Jahre später noch Post.
BackstagePRO: Inwieweit unterscheiden sich deine Vorbereitung für die Gefängnis-Konzerte und auch ihre Durchführung von deinen regulären Konzerten?
Diana Ezerex: Bei den Gefängnis-Touren bin ich auf mich allein gestellt. Ich habe kein Technik-Team oder eine Band am Start. Stattdessen nutze ich meine eigene PA, weil ich mich lieber nicht darauf verlasse, dass es so etwas im Gefängnis gibt, schließlich sind das ja keine Veranstaltungs-Venues. Ich bringe also alles selbst mit.
Logistisch habe ich zum Glück mittlerweile eine Person, die mir ehrenamtlich dabei hilft, diese Konzerte zu organisieren. Sie kümmert sich dann auch um Hotel-Sponsoring, damit die Kosten möglichst gering bleiben. Wenn man draußen eine Tour spielt, ist das natürlich anders, weil sich dann häufig die Veranstalterinnen und Veranstalter um solche Dinge kümmern.
BackstagePRO: Machst du dir auch andere Überlegungen hinsichtlich der Gestaltung? Zum Beispiel hinsichtlich der Auswahl an Songs?
Diana Ezerex: Was die Setlist betrifft, entscheide ich sehr intuitiv. Welche Songs fühlen sich gerade gut an? Ganz oft merke ich dann erst vor Ort, wie stark bestimmte Songs möglicherweise auf die Situation der Inhaftierten passen könnten.
Zum Beispiel habe ich kürzlich einen alten Song ausgegraben, dem ich auf meinem neuen Album ein Revival gebe: “What If". Der Song spielt mit diesem "Was wäre wenn"-Gedanken, der natürlich auch im Gefängnis ein großes Thema ist. Was wäre gewesen, wenn die Dinge anders verlaufen wären und ich nicht das getan hätte, für das ich jetzt hier sitze?
Oder "I Fear the Quiet" - also Ich habe Angst vor der Stille - ein relativ neuer Song von mir. Diese Angst ist glaube ich auch etwas, was in einer Zelle Thema sein kann, in der man vielleicht nicht so die Möglichkeit hat, der Stille aus dem Weg zu gehen, indem man sich mit irgendetwas ablenkt.
Häufig wird mir erst vor Ort bewusst, dass manche meiner Songs Dinge behandeln, die die Inhaftierten vielleicht auch gerade beschäftigen. Wenn sie dann zum Beispiel nickend dasitzen oder etwas kommentieren. Es gibt fast nichts aus unseren Leben, das sich überschneidet, aber durch die Musik ergibt sich dennoch die Möglichkeit eine Verbindung herzustellen und sich mit dem Leben einer anderen Person zu identifizieren. Das finde ich eine sehr spannende Erfahrung. Es ist toll mitzubekommen, was die Musik bei den Zuhörenden auslöst.
BackstagePRO: Dein Album "My Past’s Gravity" wurde stark von den Erfahrungen inspiriert, die du im Rahmen deiner Gefängnis-Konzerte gemacht hast. Welche Erkenntnisse und Erlebnisse, würdest du sagen, waren besonders prägend für dich?
Diana Ezerex: Ich glaube, besonders prägend war mein erstes Konzert in einem Männergefängnis. Davor hatte ich ein bisschen Respekt, auch aufgrund der Bilder, die man medial vermittelt bekommt. Ich wusste einfach nicht, was mich erwartet.
Als ich dann vor Ort war, habe ich die Menschen dort sehr lieb, freundlich und offen erlebt. Sie haben zugehört und mitgesungen und als ich wieder gehen musste, hat mir ein Mann nachgerufen und mich gefragt, wann ich denn wiederkäme.
Es hat mir sehr eindrücklich gezeigt, wie stark Medieninhalte die eigenen Einstellungen gegenüber anderen Menschen prägen können. Ich kann natürlich nur von meinen Erfahrungen sprechen, aber ich habe bisher sehr höfliche Menschen erlebt, die mich beim Tragen unterstützen und meine Kabel falsch aufwickeln, weil sie mir helfen wollen (lacht).
BackstagePRO: Gibt es noch andere Dinge, von denen du dir wünschst, dass dein Publikum sie mitnimmt von diesen Konzerten?
Diana Ezerex: Oft merke ich, dass die Menschen einfach dankbar sind für die Abwechslung. Auf der letzten Tour hat mir eine Person gesagt: "Danke, für einen Lichtblick an einem Ort, an dem man sonst nur existiert." Wenn ich für eine Stunde dafür sorgen kann, dass es egal ist, wo man ist und man sich einfach nur über die Musik verbunden fühlen kann, dann finde ich das ein krasses Privileg.
Ich glaube eigentlich wünscht sich jeder einfach nur gesehen zu werden. Das ist etwas, was ich versuche, mit diesen Konzerten zu erreichen. Sie sind meine Art zu sagen Ich verstehe vielleicht nicht, warum du gemacht hast, was du gemacht hast und wie es dazu kommen konnte. Aber ich sehe dich trotzdem da, wo du gerade bist und ich kann dahin kommen und dir begegnen.
Natürlich wünsche ich mir ganz generell auch, dass die Message meiner Songs rüberkommt und dass Leute meine Lieder vielleicht hören und sich denken: Krass, ich fühle mich auch manchmal so. Cool, dass ich nicht alleine damit bin.
BackstagePRO: Du bist auch abseits deiner Bewerbung für das BackstagePRO-Spotlight sehr aktiv auf der Plattform. Welche Rolle würdest du sagen, spielt BackstagePRO in deinem musikalischen Alltag?
Diana Ezerex: BackstagePRO ist für mich vor allem eine gute Möglichkeit, mich mit Veranstalter*innen zu connecten. Ich bin gerade unabhängig unterwegs und dann ist es cool, sich über so eine Plattform vernetzen zu können, Ausschreibungen zu finden und zu sehen, wer was veranstaltet. Ich scrolle immer mal wieder durch und schaue, was es so gibt. Da hat sich schon die ein oder andere coole Sache ergeben.
Außerdem finde ich spannend, was dort zusammenkommt. Die Plattform wird von ganz unterschiedlichen Personen genutzt und stellt damit quasi einen Querschnitt der Szene dar.
BackstagePRO: Neben der BackstagePRO-Community bist du ja auch noch Teil von Music Women Germany, engagierst dich im Leitungsteam von Verso und bist auch Mitglied im GEMA-Wertungsausschuss. Im April wurdest du für deinen Einsatz für Antidiskriminierung und Bildungsarbeit innerhalb der Musikbranche mit dem PRO MUSIK Award ausgezeichnet. Welche Veränderungen innerhalb der Branche siehst du als besonders notwendig, wenn es um die Herausforderungen für unterrepräsentierte Gruppen geht?
Diana Ezerex: Ich finde besonders wichtig, dass es normal wird, divers zu booken. Sowohl für Lineups als auch für andere Räume wie für Panels, für Compilation-CDs usw. Ich glaube, dieses "normal" bekommt man erst, wenn Leute sichtbar gemacht werden, die noch nicht sichtbar sind und dafür braucht es einen gewissen Aktivismus.
Ich kenne viele, die sagen, dass sie auf Diversität achten und am Ende dann drei weiße Männer und eine weiße Frau booken. Der Ansatz ist dann vielleicht da, aber es gibt eben noch viel mehr, auf das in dieser Hinsicht geachtet werden sollte. Ganz abgesehen von Hautfarbe, von Menschen mit oder ohne Behinderung, mit sonstigen Einschränkungen, auch Klassismus - da gibt es ganz viel, was oft nicht mitgedacht und übersehen wird.
Das passiert auch, weil die Leute, die in der Position sind zu entscheiden, häufig nicht aus diesen Hintergründen kommen oder vielleicht auch aus ihnen herausgewachsen sind und nicht mehr zurückschauen wollen. Das ist schon auch nachvollziehbar, weil es einfach ein hartes Business ist. Aber an der Stelle gibt es auf jeden Fall noch viel zu tun.
BackstagePRO: Du hast gerade gesagt, das Musikbusiness ist hart. Die Musikerin Mia Morgan hat erst vor kurzem darüber berichtet, dass ihr neuestes Album trotz guter Streamingzahlen innerhalb von 13 Monaten nur etwa 4.000 Euro generiert hat. Zum Leben ist das allein zu wenig. Siehst du einen Ausweg aus dieser Situation?
Diana Ezerex: Ich habe letztens ein Panel moderiert und da meinte ein Panelist, Johann Scheerer, dass er glaubt, dass sich zumindest solche Plattformen wie Spotify selbst obsolet machen, weil sie sich mit so viel Müll überschwemmen, dass die Leute irgendwann keine Lust mehr darauf haben und das Angebot dann so austauschbar und redundant wird, dass die Leute bessere Alternativen suchen. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Fand ich aber einen spannenden Gedanken.
Insgesamt habe ich aber schon das Gefühl, dass dadurch, dass Spotify inzwischen so oft negativ in die Schlagzeilen gerät, ohne, dass man sich als Musikschaffende stark dafür einsetzen muss, mehr Bewusstsein seitens der Konsument*innen da ist.
Inzwischen geben Leute ein bisschen beschämter zu Spotify “noch” zu nutzen, früher waren sie oft noch verwundert darüber, dass so wenig Geld bei den Künstler*innen ankommt.
Backstage PRO: Wie gehst du persönlich mit der Situation um?
Diana Ezerex: Ich selbst verlasse mich nicht auf Streaming-Einnahmen. Für mich ist das eher eine Promo-Plattform. Wenn etwas reinkommt cool, aber ich muss auch immer ein bisschen lachen, wenn dann jeden Monat von meinem Streaming-Distributor eine Mail kommt, die verkündet, wie viel lobreiche Euro da jetzt zusammengekommen sind.
Backstage PRO: Wie schaffst du es, aktuell von der Musik leben zu können?
Diana Ezerex: Ich mache Musik, Songwriting-Workshops und alles rund um Entertainment. Ich bin selbstständig als Künstlerin und moderiere ab und zu auch Preisverleihungen oder Panels auf Filmfestivals und Musik-Conventions. Es gefällt mir, auf der Bühne zu stehen, wenn es nicht um mich geht. Das finde ich sehr angenehm und mir macht es Spaß coole Fragen zu stellen und Leute gut dastehen zu lassen.
BackstagePRO: Du hast erwähnt, dass du an Songwriting-Camps teilnimmst. Hast du bezüglich Songwriting vielleicht einen guten Tipp, den du der BackstagePRO-Community mitgeben kannst?
Ich glaube, Geduld mit sich zu haben lohnt sich immer, egal in welchem Bereich. Außerdem sollte man an seinem Songwriting arbeiten. Letztendlich ist das ein Handwerk, ein Skill, an dem man feilen kann. Deswegen dranbleiben und machen und auch in Austausch gehen mit anderen und rumfragen Wie machst du das so? Wie findest du das?
Ich habe mich gestern mit einem Produzenten unterhalten, der die Strategie verfolgt, seinen Song an einen Kumpel oder eine andere Produzentin zu schicken und dann soll die andere Person so richtig, richtig hartes Feedback geben und den Song einmal komplett auseinandernehmen. Ich weiß nicht, ob ich das aushalten könnte, aber auch das ist eine Strategie.
BackstagePRO: Was können wir denn 2026 von dir erwarten?
Diana Ezerex: Ein neues Album. Die Arbeit daran ist gerade in den letzten Zügen. Es ist das erste Mal, dass ich ein Album komplett selbst produziert habe. Eigentlich war es ein Uniprojekt für meinen Abschluss und ich war mir unsicher, ob ich es wirklich veröffentlichen will, aber meine Dozenten haben mich dazu ermutigt und deshalb mache ich das jetzt auch.
Musikalisch geht es mehr Richtung Alternative Pop, also ein bisschen weg vom Pop Rock. Ich bin aufgewachsen mit großen Balladen – Celine Dion, Whitney Houston, Michael Bolton. Auf dem neuen Album finden sich zwar keine Celine Dion-mäßigen Diven-Balladen, aber es wird ein bisschen ruhiger und es tauchen Streicher-Arrangements und Chor darin auf, weil ich das selbst total gerne mag und es mir viel Spaß gemacht hat, das zu arrangieren und einzuspielen.
Neben dem Album werde ich erstmal viel schreiben und auch für andere Künstler*innen produzieren. Live schaue ich noch. Es gibt ein paar Akustik-Gigs, die ich gerne spielen möchte und ich habe einen Deal mit Nord und Bock, mein Nord-Keyboard überall hin mitzunehmen. Ich hätte auch Lust viel mit Band zu spielen, vielleicht klappt das mit einer Support-Tour. Ansonsten lasse ich das noch ein bisschen auf mich zukommen und bin selbst sehr gespannt, was 2026 passiert.
BackstagePRO: Das klingt nach einem aufregenden Jahr. Wir sind gespannt. Vielen Dank für das Gespräch.
Artists
Diana Ezerex
Singer/Songwriter, (Acoustic) Pop aus Essen
Diana Ezerex & Band
Pop, Rock, Alternative/Independent aus Berlin
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