×

"Es braucht eine sichere Basisförderung"

Interview mit Dieter Herker, Mitgründer des Bandwettbewerbs Local Heroes

Interview von Markus Biedermann
veröffentlicht am 17.07.2014

dieter herker local heroes bandwettbewerb künstleraufbau pay to play emergenza rockbuster play live

Interview mit Dieter Herker, Mitgründer des Bandwettbewerbs Local Heroes

Dieter Herker ist "Mr. Local Heroes". © (privat)

Mit einem offenen Konzept und geringen Teilnahmehürden hat sich der Local Heroes Contest über die Jahre zu einer echten Institution für Newcomer entwickelt und auch im europäischen Ausland weitere Mitstreiter gefunden. Dieter Herker ist das Gesicht dieses Bandwettbewerbs. Wir sprachen mit dem Mr. Local Heroes über Gut und Böse im Geschäft mit dem Nachwuchs.

Backstage PRO: Local Heroes ist mittlerweile sehr bekannt. Eigentlich hat jeder zumindest eine ungefähre Vorstellung davon, worum es dabei geht. Überrascht dich das?

Dieter Herker: Ich finde es erstaunlich, dass der Name so populär geworden ist. Wobei man natürlich bedenken muss, dass der Begriff auch gerne für alles genommen wird, was mit Nachwuchs zu tun hat. Nicht immer bezieht man sich direkt auf den Wettbewerb.

Backstage PRO: Du bist seit Anfang an, also seit 1989 dabei. Was waren die entscheidenden Knackpunkte in all diesen Jahren, die zum Erfolg beigetragen haben?

Dieter Herker: Es gab da keine Initialzündung. Alles hat sich über die Jahre kontinuierlich aufgebaut und ist gewachsen. Am Anfang stand ja gar nicht die Idee, dass das so ein fettes Projekt wird. Durch die Öffnung der innerdeutschen Grenze – ich habe damals sehr dicht daran gewohnt – war man neugierig aufeinander und konnte endlich mal wirklich was zusammen machen. Zwar gab es zuvor schon Kontakt mit Kulturschaffenden aus dieser DDR-Region über den kleinen Grenzverkehr, aber erst jetzt war es naheliegend, dass ein gemeinsames Projekt in Richtung Musik angegangen wird. Junge Bands hatten auch hier schon immer Nachholbedarf, was Auftrittsmöglichkeiten angeht. Also wollten wir im Nachwuchsbereich was tun und versuchen, Auftritte für junge Bands zu organisieren. Der Hintergedanke dabei blieb immer, dass die Jugendlichen aus Ost und West miteinander in Kontakt kommen.

"Der Grundgedanke muss stimmen"

Backstage PRO: Mittlerweile sind noch Österreich, Italien, Rumänien und Ungarn bei Local Heroes dabei. Kannst du grundsätzlich etwas zur der Struktur sagen? Ich würde sie – in Anführungszeichen – als "recht wild" bezeichnen wollen.

Dieter Herker: Alles startet regional und endet auf europäischer Ebene. Das Wichtige dabei ist immer, dass die jeweiligen Veranstalter eigenständig sind. Sie kennen ihre jeweilige Szene und wissen einfach am besten, was los ist. Demnach können sie ihre Jury besser zusammenstellen oder die richtigen Coachingangebote platzieren. Natürlich müssen einige gemeinsame Spielregeln eingehalten werden, aber das sind einfache Punkte, die jeder erfüllen kann. Die Basis lautet: Durchschnittsalter nicht über 27, keine gewaltverherrlichenden oder rechtslastigen Texte, eigene Songs.

Backstage PRO: Die Selbständigkeit der regionalen Veranstalter führt ja auch dazu, dass es auf dieser Ebene mittlerweile relativ starke eigene Marken gibt. Da denke ich z.B. an Rockbuster oder Play Live der Popregion Stuttgart, deren Sieger dann am Local Heroes Bundesfinale teilnehmen.

Dieter Herker: Als Landkreis nach Landkreis angefragt hat, ob man beim Wettbewerb mitmachen könne, haben wir gemerkt, dass so ein Netzwerk für alle Beteiligten interessant ist und dass man es recht einfach auch vergrößern und ausdehnen kann. So sind wir u.a. auf die angesprochenen Partner gekommen. Das passt einfach gut zusammen. Es muss nicht immer Local Heroes heißen, das ist Quatsch! Aber der Grundgedanke muss einfach stimmen. Das ist das Entscheidende. Und dann heißt es eben "Rockbuster goes Local Heroes", damit Außenstehende auf den Zusammenhang aufmerksam werden.

Backstage PRO: Zählt zur gemeinsamen Basis deiner Meinung nach auch, dass der Fördergedanke relativ groß geschrieben wird? Dazu würde ich zählen, dass es für die Teilnehmer keine Kostenbarriere gibt und ein Fördernetzwerk besteht, das über den einen Gig hinaus geht.

Dieter Herker: Local Heroes ist kein Wettbewerb im klassischen Sinn. Die ursprüngliche Frage lautete: Wie kriegt man ein Publikum zu Konzerten ganz unbekannter Bands? Wir haben uns schwer damit getan, der ganzen Sache nach außen hin ein Wettbewerbsbild zu geben, aber wir haben es ausprobiert und von Anfang an waren die Veranstaltungen voll. Erst dann sagten wir, uns: Dann ist das auch ein richtiges Konzept. Die Bands haben ein Publikum und somit hat der Veranstalter ein Publikum – was ja ganz wichtig ist, denn welcher Veranstalter macht denn Konzerte, bei denen er letztendlich draufzahlt? Das muss einfach stimmen. Aber nach innen sind wir eigentlich weiterhin ein Projekt bzw. ein Plattform, wo Bands sich treffen und austauschen können und wo, wenn der Veranstalter die Mittel zur Verfügung hat, Bandcoachings oder weitere Fördermöglichkeiten angeboten werden.

"Bands müssen ihre Erfahrungen machen"

Backstage PRO: Wenn du dir rückblickend die Bands anschaust, die über die Jahre teilgenommen haben, was sind denn die besonderen Merkmale bei jenen, die tatsächlich etwas mehr geschafft haben als nur den einen Contest-Sieg?

Dieter Herker: Schwer zu sagen. Ein wichtiger Punkt scheint immer zu sein, dass die Bands in ihrer Formation zusammenbleibt und sich gemeinsam weiterentwickelt. Dass es mal Umbesetzungen gibt ist nicht auszuschließen, alle sind ja noch sehr jung, es kommen Zivildienst, Arbeit, Frau und Kinder – aber wenigstens der Kern der Band sollte kontinuierlich arbeiten und sich nicht zu schade sein, überall aufzutreten. Das ist ganz entscheidend. Ich habe viele Bands erlebt, die wirklich wollen und die mindestens ein gutes regionales Standing erreichen konnten, durch das sie immer wieder angefragt werden. Als Beispiel fallen mit Madsen ein. Die kenne ich quasi von Kleinauf. Die haben zudem nicht gleich bei jedem Angebot eines Labels zugeschlagen, sondern haben sich das in Ruhe überlegt, die Verträge durchgelesen und auch viele Absagen erteilt. Oder die fantastischen Dioramic, die als jüngste Band jemals den Bundeswettbewerb gewinnen konnten. Lange war die Band im Umbruch, als der Drummer seine eigene Karriere forcierte (Grammy-Gewinner Zedd). Die Band fand Ersatz und konnte jüngst eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne durchziehen.

Backstage PRO: Du sagst Bands sollten sich nicht zu schade sein überall zu spielen. Gilt das in deinen Augen auch für Auftrittsmöglichkeiten, bei denen den Musikern Kosten entstehen, ob das jetzt Contests wie Emergenza sind, Shows wie der Deutsche Rock und Pop Preis des DRMV oder andere Formen des Pay to Play?

Dieter Herker: Ich finde, dass die Bands ihre Erfahrungen machen müssen. Es gibt – wie überall im Leben – die Guten und die Bösen, jetzt mal platt gesagt. Das heraus zu finden ist nicht einfach. Man muss an solchen Wettbewerben auch mal teilnehmen, um das abzuchecken; aber natürlich nur, wenn man als Band das Geld dafür übrig hat. Es kommt dem Business ja wirklich sehr nahe: Wir haben da eine Sonderposition, bieten eine Art geschützten Raum, denn unsere Veranstalter sind immer pro Bands eingestellt. Aber bei vielen anderen Wettbewerben geht es halt ums Business. Und das Musikbusiness ist ein knallhartes Geschäft. Man muss halt immer zusehen, dass man nicht ein zweites Mal in die Scheiße tritt. Aber meistens macht man dieselben Fehler ja doch dreimal hintereinander (lacht). Und wenn sie schon nicht selbst bei solchen Wettbewerben spielen, dann sollten die Musiker doch wenigstens zu solchen Veranstaltungen gehen, die Kollegen ansprechen, neue Kontakte aufbauen.

"Die Kleinen sind die Zuträger"

Backstage PRO: Damit sprichst du das Stichwort Netzwerken an. Darin bist du ein Meister des Fachs, der das ganze Jahr über selbst auf Konferenzen und Branchenmeetings unterwegs ist. Was kannst du jungen Musikern noch empfehlen, wo sollten sie präsent sein?

Dieter Herker: Alle genannten Events bieten Gelegenheiten dazu Kontakte aufzubauen. So lernt man ja nicht zuletzt auch die lokalen Veranstalter kennen, kann verfolgen, welche Möglichkeiten diese anbieten. Meist besteht drumrum ja noch weiteres, ganz anderes Programm. Zu nennen wären natürlich auch noch Workshops, bei denen man neben dem Netzwerken noch auf bestimmte Schwerpunkte eingeht, z.B. Pressearbeit, Arrangements und was eben alles so dazu gehört. [Tipp der Red.: Der Artistguide bei Backstage PRO liefert Einsteigern viel Know How]

Backstage PRO: Die Rufe werden immer lauter, dass es in diesem Business nicht nur knallhart sondern bisweilen unfair zugeht. Veranstalter beklagen mangelnde Einkünfte, Bands gehen bei unvergüteten Gigs oder Pay to Play an die Decke u.v.m. – siehst du die Lage ähnlich kritisch?

Dieter Herker: Mit Sicherheit ist insgesamt zu wenig Geld im Spiel. Die Großen schöpfen unheimlich viel ab und bei den Kleinen, nunja, die sind mehr oder weniger die Zuträger. Da ist sehr ungerecht verteilt. Neulich las ich eine Studie, in der beleuchtet wurde, was man als Musiker verdient. Man rangiert noch unter den Friseuren. Also ganz schlecht. Das ist irgendwie kein besonders guter Zustand. Es gibt gerade in den skandinavischen Ländern einige bessere Bespiele. Da steckt mehr Geld in der Nachwuchsarbeit. Davon sollten wir uns also wirklich mal eine Scheibe abschneiden. Ab und zu werden mal ein paar Finanzspritzen in die Szene hinein gegeben, wenn der Unmut groß ist, aber dann hat sich das meistens wieder. Es braucht eigentlich eine sichere Basisförderung, die einfach bisher nicht gegeben ist. Da könnte mehr passieren, müsste mehr passieren.

"Local Heroes spiegelt, was aus den Proberäumen kommt"

Backstage PRO: Noch eine persönlichere Frage zum Schluss: Du bist "Mr. Local Heroes". Was passiert, solltest du irgendwann einmal bei Local Heroes aufhören? Wird es wieder eine Person geben, die so sehr für diese Sache steht?

Dieter Herker: So genau kann ich dir das gar nicht sagen, Ich werde wahrscheinlich, so wie alle Musiker – dazu zähle ich mich noch so ein bisschen, obwohl ich kein "gelernter" Musiker bin – immer in diesem Business sein, solange es körperlich wirklich noch geht. Warum sollte man ab einem bestimmten Rentenalter damit aufhören? Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Trotzdem ist es natürlich wichtig, dass andere Leute in die Rolle des Koordinators des Gesamtwettbewerbs hinein wachsen. Seit einem Jahr bin ich bereits mit diesem Thema beschäftigt. Ich selbst werde dann vielleicht die Baustelle Local Heroes Europa etwas genauer betrachten und den Deutschlandwettbewerb – vielleicht sogar schon ab dem nächsten Jahr – an jüngere Leute aus unserem Team übergeben.

Backstage PRO: Klingt nach einem anstehenden Generationenwechsel.

Dieter Herker: Ich sehe das gar nicht so. Wir sind ja kein Franchise-Unternehmen. Ganz viele Leute geben ja stets ihre Einflüsse mit hinein, und jeder regionale Veranstalter ist der eigentliche Local Hero in seiner Region. Klar, ich selbst bin am längsten dabei. Deshalb konzentriert sich das auch so sehr auf eine einzelne Person. Diesen Stempel habe ich nun mal, das werde ich immer bleiben. Aber trotzdem wird die Organisation mehr und mehr von anderen übernommen.

Backstage PRO: Wie sieht die Marschroute aus, die du beim Thema Europa weiter verfolgen wirst?

Dieter Herker: So arg viel tun wir selbst ja gar nicht dazu bei, sondern andere Länder fragen mittlerweile an, ob sie kooperieren können. Das ist das Schöne daran! Es wäre toll, wenn sich der Contest insgesamt auch für elektronische Musik wieder mehr öffnet und die Elektroniker wieder mehr Spaß an Local Heroes haben. Da gehen wirklich interessante und innovative musikalische Entwicklungen ab. Allein, dass man heute ein Tablett schon als vollwertiges Bühneninstrument einsetzen kann, ist ja schon beachtlich! Local Heroes hat ja insgesamt immer gespiegelt, was frisch aus den Proberäumen gekommen ist. Das soll auch so bleiben.

Backstage PRO: Danke für deine Zeit und das Gespräch, Dieter!

Euer Feedback

Liebe Backstage PRO Community, euer Feedback zu diesem Interview könnt ihr wie gewohnt hier in den Kommentaren loswerden! Dieter Herker pflegt hier einen Account, über den ihr ihn auch persönlich erreichen könnt.

Auch interessant

Unternehmen

local heroes Bayern

Verein/Verband in 97762 Hammelburg

Local Heroes SH

Veranstalter in 24114 Kiel

Aktion Musik / local heroes e.V.

Artist-Management, Veranstalter in 29410 Salzwedel

Personen

Dieter Herker

local heroes Öffentlichkeitsarbeit aus Salzwedel Projektleiter bei Aktion Musik / local heroes e.V.

Ähnliche Themen

Sind Bandcontests als Förderinstrument noch zeitgemäß? Wie sich Musikwettbewerbe und Bandförderung wandeln

Nach dem Aus von Rockbuster und Play Live

Sind Bandcontests als Förderinstrument noch zeitgemäß? Wie sich Musikwettbewerbe und Bandförderung wandeln

veröffentlicht am 19.04.2019   19

Aus nach 14 Jahren: Der Bandwettbewerb "Play Live" findet nicht mehr statt

Zeit für einen Neustart?

Aus nach 14 Jahren: Der Bandwettbewerb "Play Live" findet nicht mehr statt

veröffentlicht am 18.02.2019

Zwischen Idealismus und Nachhaltigkeit: Interview mit Robin Müller vom SPH Bandcontest

"Wir wollen möglichst viel an die Bands zurückgeben"

Zwischen Idealismus und Nachhaltigkeit: Interview mit Robin Müller vom SPH Bandcontest

veröffentlicht am 13.02.2018   7

local heroes feiert seinen 25. Geburtstag

Netzwerk zur Newcomerförderung

local heroes feiert seinen 25. Geburtstag

veröffentlicht am 29.08.2016

Local Heroes Contest 2015: Peak City beste Newcomerband, Kyles Tolone Publikumsfavoriten

Die harte Arbeit hat sich gelohnt

Local Heroes Contest 2015: Peak City beste Newcomerband, Kyles Tolone Publikumsfavoriten

veröffentlicht am 13.11.2015