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Regelmäßige Bewerbungsmöglichkeit bei Backstage PRO

Interview mit Patrick Bischler über Song Slams und das boomende Songwriter-Genre

Interview von Markus Biedermann
veröffentlicht am 24.09.2015

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Interview mit Patrick Bischler über Song Slams und das boomende Songwriter-Genre

Blick auf die Buehne beim Song Slam im Gleis4 (November 2014). © Petra Feldmann

Patrick Bischler, selbst ein erfahrener Singer-Songwriter, veranstaltet gemeinsam mit dem Gleis4 in Frankenthal die Song Slams. Bei diesem Format müssen die teilnehmenden Musiker das Publikum sehr puristisch, also nur mit ihrem Gesang und einer einfach gehaltenen Instrumentalisierung überzeugen. Wir sprachen mit Bischler über diese ungewöhnliche Eventreihe, für die man sich regelmäßig bei Backstage PRO bewerben kann.

Zwei Albumveröffentlichungen und unzählige Konzerte hat Patrick Bischler im Gepäck. Als Gitarrist begleitet er andere Künstler, boxt sich durch ein Studium und schreibt nebenbei an vielerlei neuem Musikkrams. Aber wie kommt man eigentlich auf solche Ideen wie den "Song Slam"? Und wie läuft das? Wie bewirbt man sich? Wir fragten nach…

Backstage PRO: Hi Patrick! Danke, dass du uns einige Fragen zum Song Slam beantwortest. Nun wurden ja normale Poetry Slams im Laufe der letzten ein bis zwei Jahrzehnte recht beliebt. Warst du selbst ein früher Fan dieses Formats?

Patrick Bischler: Ich fand die aufkommende Poetry-Szene von Beginn sehr spannend und innovativ. Als das Ganze aufkam war das ja ne recht neue Geschichte. Da trugen junge Leute plötzlich auf unterhaltsame Art lyrische Texte vor – und das, wo diese Generation doch als abgestumpft und uninteressiert galt. Fand ich irgendwie geil und war von Anfang ein Fan.

"Manche Künstler erfinden dieses Genre nochmal ganz neu"

Backstage PRO: Wie kam es zur Idee, Song Slams zu organisieren?

Patrick Bischler: Nachdem ich selbst als deutschsprachiger Musiker Fuß gefasst hatte, wurde ich immer wieder zu Slams als "musikalischer Feature" eingeladen. Dadurch hatte ich das große Glück, an der Szene teilhaben zu dürfen. Ich fand diese Auftritte und die damit verbundenen Begegnungen immer sehr inspirierend und bereichernd. Prägend für mich war dann eine Begegnung mit Tilman Döring, der in und um Darmstadt eine Art Poetry-Slam-Alpha-Tier ist. Irgendwie fand er mich gut, weshalb ich immer wieder bei seinen Veranstaltungen dabei war. Daraus entstand dann die Idee, dass wir zusammen einen Song Slam im wunderschönen Theater Sapperlot in Lorsch initiieren sollten. Und genau das haben wir dann gemacht. So kam eins zum anderen. Sprich, irgendwann kamen die Betreiber des Gleis4 in Frankenthal auf mich zu und fragten, ob ich nicht Lust hätte, bei ihnen auch so was zu machen.

Backstage PRO: Wie wurde das Format vom Publikum angenommen?

Patrick Bischler: Das Format wurde sehr gut aufgenommen. Es reicht natürlich noch nicht an den Poetry Slam ran, aber wir konnten eigentlich immer mit an die 100 Leuten rechnen, was für einen Song Slam in einer neuen Location in einem Ort wie Frankenthal durchaus super ist. Wir starten jetzt ja in die zweite Runde und hoffen, dass sich der Slam noch mehr etabliert. Ab Oktober 2015 wird es fünf neue Veranstaltungen geben, jeweils jeden zweiten Monat – bis in den Mai hinein, dann ist wieder Sommerpause.

Backstage PRO: Wie viele Bewerber werfen ihren Hut in den Ring und was sind eigentlich die Vorraussetzungen zur Teilnahme?

Patrick Bischler: Da die deutsche Singer-Songwriter-Szene, nicht zuletzt durch die immer mehr aufkommenden Song Slams, ja im absoluten Boom ist, haben wir als Veranstalter das große Glück – aber auch die Schwierigkeit – immer aus einem großen Pool von tollen und interessanten Künstlern auszuwählen. Wir schauen uns jede Bewerbung mit Interesse an. Bei den Events haben dann jeweils 6 Teilnehmerinnen auf der Bühne. Unser Anspruch ist natürlich, ein qualitativ hochwertiges Line-Up ins Rennen zu schicken und dabei auch die Bandbreite dessen, was der Singer-Songwriter-Begriff mittlerweile so hergibt, zu repräsentieren. Deshalb sind wir natürlich immer auf der Suche nach neuen Künstlerinnen. Wir halten jeweils einen Slot frei, der dann über Backstage PRO ausgeschrieben wird, so dass solche unbekannteren Musiker, die in der Szene noch nicht oder weniger etabliert sind, die Möglichkeit erhalten, sich zu präsentieren.

Backstage PRO: Der Ablauf eines Song Slam-Abends ist ja ziemlich geregelt. Wie und weshalb?

Patrick Bischler: Das kommt einfach vom großen Bruder, dem Poetry Slam. Letztendlich is es ziemlich genau dergleiche Ablauf, nur dass es sich um musikalische Darbietungen handelt. Da sich dieser Ablauf bei den Slams etabliert hat, gibt's auch keinen Grund, daran etwas zu ändern. Inhaltlich wird das natürlich variiert und man versucht auch immer, neue Ideen mit rein zu packen. Aber der Gesamtablauf mit Abstimmung des Publikums und mehreren Runden bis zum Finale ist eben durch das Format schon vorgegeben.

"Man darf den Wettbewerbsgedanken der Slams nicht zu hoch hängen"

Backstage PRO: Das Format lautet ja im Kern: Contest. Kann dadurch nicht auch ungewünschter Druck bei diesem an sich ja recht freien Format entstehen?

Patrick Bischler:  Meiner Meinung nach darf man den Wettbewerbsgedanken der Slams nicht zu hoch hängen. Letztendlich steht im Vordergrund, dass das Publikum einen spannenden, abwechslungsreichen Abend erlebt, dass die Künstlerinnen die Möglichkeit erhalten, sich einem größerem Publikum zu präsentieren und dass sie eine unmittelbare Rückmeldung auf den Auftritt erhalten. Nach meinen Erfahrungen wird das auch von allen Beteiligten so gesehen. Ich habe es auf jeden Fall noch nie erlebt, dass unter den Teilnehmern Intrigen abliefen oder der Konkurrenzgedanke im Mittelpunkt stand. Im Gegenteil! In der Regel herrscht immer eine sehr entspannte Atmosphäre und alle freuen sich, bekannte Gesichter wieder zu treffen oder neue kennenzulernen.

Backstage PRO: Künstler und Song erhalten durch das Konzept einen herausragenden Stellenwert. Das macht sicher einen Teil der Faszination aus. Aber wie stellt ihr sicher, dass beim Publikum auch dann keine Langeweile aufkommt, wenn mal schwächere Nummern präsentiert werden?

Patrick Bischler: Wichtig ist eben schon bei der Auswahl, dass die Qualität stimmt – und zwar sowohl musikalisch als auch textlich. Wir fassen den Singer-Songwriter-Bereich ja auch recht weit, so dass Abwechslung garantiert ist. Es ist manchmal wirklich unfassbar, was sich unter diesem Begriff mittlerweile alles so tummelt. Gerade bei den Slams sind immer wieder Leute dabei, die dieses Genre nochmal ganz neu erfinden. Das liegt natürlich auch daran, dass sich welche in den musikalischen Bereich trauen, die eigentlich aus einer ganz anderen Ecke kommen, zum Beispiel aus der Comedy oder den Poetry Slams. Das ist wirklich spannend, meistens sehr humorvoll und intelligent. Ich hab's noch nie erlebt, dass Langeweile aufkam.

"Die deutsche Szene boomt"

Backstage PRO: Wie beurteilst du grundsätzlich die Entwicklung des Songwriter-Genres?

Patrick Bischler: Es ist zweifelsohne so, dass die deutsche Szene boomt. Das liegt zum einen daran, dass deutsch als Sprache der Liedtexte wieder salonfähig, ja sogar hipp wurde. Zum anderen ist es meiner Meinung nach so, dass – neben allem "laut & druff & boom" – bei vielen Menschen doch eine Art Sehnsucht nach handgemachter, ganz entspannter Musik entstanden ist, die glücklicherweise durch viele hervorragende Künstlerinnen bedient wurde. Zudem handelt es sich dabei ja nicht selten um Musik, die zum Nachdenken anregt oder kritische Fragen aufwirft, also irgendwie den Intellekt anspricht. Das scheint in unsere Zeit zu passen.

Backstage PRO: Welche Inhalte werden dabei behandelt?

Patrick Bischler: Das is wirklich alles dabei. Von klassischen Liebesliedern über gesellschaftskritische Themen bis hin zu völligem Nonsens. Nichts, was nicht besungen werden könnte. Darüber hinaus haben die Song Slams wie erwähnt Künstlerinnen hervorgebracht, die nicht nur die Musik, sondern eben auch das Wort nochmal ganz anders interpretieren, als es der klassische "Singer-Songwriter" tut. Oft steht noch viel mehr der Text im Vordergrund oder die Darbietung an sich.

Backstage PRO: Wie denkst du insgesamt über die Qualität der Musik und Texte, die von den jüngeren Liedermachern dargeboten wird?

Patrick Bischler: Bei all der Fülle von Künstlerinnen und den vielen Auftrittsmöglichkeiten, gerade durch die Slams, gibt es natürlich auch viel – wie soll man sagen – … "Scheiß". Das ist natürlich so. Aber sowas hörst du dann einmal irgendwo und das war's dann. Durchsetzen tun sich immer jene, die wirklich gut sind. Auf welche Art auch immer. Das ist oft Geschmackssache, aber wenn jemand einen Slam rockt oder sich in der Szene einen Namen macht, dann hat das vor allem qualitative Gründe. Und es gibt wirklich immer mehr richtig gute Leute. Ich persönlich bin zum Beispiel ein ganz großer Fan von Tilman Claas. Das is so ein Typ, der das ganze Ding – Texte schreiben, singen, sich darbieten – auf eine eigene Art neu interpretiert. Einfach genial finde ich auch Wolfgang Müller. Der ist so gut, das find ich schon schräg, dass der noch "relativ" unbekannt ist.

Backstage PRO: Wie ist das Event und die Zusammenarbeit mit der Location organisiert?

Patrick Bischler: Das Event läuft über die Location, das Kulturzentrum Gleis4 in Frankenthal. Die haben letztes Jahr nach viel Arbeit und Planung eröffnet und kamen dann auf mich zu, ob ich Lust hätte, eine Song Slam-Reihe zu initiieren. Ich kümmere mich also um die Orga, sprich das Booking der Künstlerinnen und so und auch die Moderation. Ab Oktober mache ich das zusammen mit meinem guten Freund und Singer-Songwriter-Kollegen Lukas Herbertson, worüber ich sehr glücklich bin. Ist schöner, nicht alles alleine machen zu müssen. Die Location kümmert sich um Werbung, Technik, Öffentlichkeitsarbeit und so weiter – und sie stellen das Budget für die Veranstaltung zur Verfügung. Das klappt alles ganz wunderbar, was mich sehr freut.

Backstage PRO: Welche Erfahrungen mit der Orga einer solchen Eventreihe hast du gemacht?

Patrick Bischler: Da ich selber ja gar nicht aus der Slam-Szene bin, war es anfangs etwas schwierig, Kontakte zu den vielen Künstlerinnen der Szene zu bekommen bzw. sich da einen Überblick zu verschaffen. Da ich glücklicherweise aber einige Leute kenne, die in der Szene sehr aktiv sind, war das dann aber doch gar nicht schlimm. Und man kommt da sehr schnell rein und wenn man erst mal drin is', ist das ein Selbstläufer. In Zeiten des Internet ja sowieso. Ansonsten ist es natürlich Luxus, einen Veranstalter im Rücken zu haben, der das Ganze finanziell und werbewirksam trägt, das ist ja keine Frage. Sonst würde das nicht so laufen. Wichtig finde ich persönlich, den Abend so zu gestalten, dass sich alle Beteiligten, ganz besonders aber die Künstlerinnen, einfach wohl fühlen. Das sind oft Kleinigkeiten, sei es die schöne Location, ein gutes warmes Essen, eine herzliche Begrüßung, die technische Betreuung oder anderes. Im Gleis4 ist das alles gegeben; dann kann eigentlich gar nicht mehr so viel schief laufen!

Backstage PRO: Vielen Dank für deine Zeit und viel Erfolg mit den kommenden Song Slams!

Bewerbt euch für den Song Slam in Frankenthal. Aktuell sind zwei Termine ausgeschrieben: Hier für den Slam am 9. Oktober und bei dieser Ausschreibung für den 11. Dezember 2015 bewerben!

Euer Feedback

"Eine gute Idee lohnt sich", erfuhren wir kürzlich bezüglich eines ganz anderen außergewöhnlichen Veranstaltungskonzepts. Wie gefallen dir solche Songs Slams oder was hältst du grundsätzlich von Events, die mit einem ganz eigenwilligen Konzept an den Start gehen?

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Locations

Kulturzentrum Gleis4

Kulturzentrum Gleis4

Johann-Klein-Straße 22, 67227 Frankenthal

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