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Ausblick aufs Future Music Camp 2019

Klarsichtige Zukunft im Kulturbereich: Enrico Mina über mehr Transparenz durch die Blockchain

Interview von Florian Endres
veröffentlicht am 02.05.2019

future music camp blockchain

Klarsichtige Zukunft im Kulturbereich: Enrico Mina über mehr Transparenz durch die Blockchain

Symbolfoto. © ELEVATE via Pexels

Beim Future Music Camp 2019 hält Enrico Mina eine Keynote über die Verwendung des von ihm mitgegründeten Blockchain-Service "Blockchain My Art" (BMA) auf dem SeaNaps-Festival. In unserem Interview erklärt Mina das Konzept von BMA und zeigt, wie die Blockchain den Kulturbetrieb transparenter gestalten kann.

Backstage PRO: Enrico, du gehörst zu den Gründern von Blockchain My Art – einem Blockchain-Service für Musikfestivals und kulturelle Events. Kannst du uns die Idee hinter BMA erläutern?

Enrico Mina: Blockchain My Art wurde von Kulturschaffenden als Reaktion auf die derzeitige Situation der Kulturwirtschaft konzipiert. Es ist eine Antwort auf undurchsichtige finanzielle Strukturen und Wertschöpfungsketten, und soll, u.a. mit Blockchain-Technologie, neue (Bezahl-)Strukturen von Kulturveranstaltungen ermöglichen. 

Backstage PRO: Wie funktioniert Blockchain My Art?

Enrico Mina: BMA umfasst ein transparentes Zahlungssystem auf Blockchain-Basis, das Zahlungen mit und ohne Bargeld unterstützt. Das System ist in der Lage, die Finanzierungsstrukturen eines Kulturevents neu zu gestalten, und dient gleichzeitig als umfangreiches Kommunikationsmittel für alle Beteiligten.

"BMA bietet Transparenz und Sicherheit"

Während einer Veranstaltung kann das Publikum erzielte Einnahmen und deren Verteilung an die Begünstigten in Echtzeit verfolgen. So kann das Publikum über seine Rolle als Verbraucher hinaus seine aktive Mitgestaltung an der Veranstaltung erkennen. Das System zeigt, dass selbst vermeintlich triviales Handeln wichtige Auswirkungen auf das Gesamtsystem hat. 

Backstage PRO: Welche Vorteile hat der Einsatz von Blockchain-Technologie?

Enrico Mina: Die Blockchain ist durch ihren Ansatz aus sich heraus sicher. Diese Sicherheit wird genutzt, um eine genaue und spekulationssichere Basis zu gewährleisten, auf die sich das Projekt und seine Partner dauerhaft verlassen können.

Die Blockchain wird im BMA-System als Hauptbuch für die wirtschaftliche Struktur des Events verwendet und stellt sicher, dass alle gespeicherten Informationen unverletzlich und unveränderlich festgesetzt sind – so kann Transparenz gewährleistet werden. Außerdem ermöglichen Blockchain-Technologien eine außerordentlich kostengünstige Anwendung im Vergleich zu herkömmlichen Zahlungslösungen.

"Mehrwert für das Publikum"

Backstage PRO: Welche Vorteile bietet Blockchain My Art den Besucherinnen und Besucher von Festivals und Events?

Enrico Mina: Mit seinem Token-Ansatz bietet Blockchain My Art für Besucherinnen und Besucher einen Mehrwert: Rest-Token von einem Festival können vom Publikum auch in anderen Token-Systemen wiederverwendet werden, um beispielsweise Musik auf Streaming-Plattformen oder Tickets für andere Veranstaltungen zu kaufen.

Darüber hinaus schafft dieser Ansatz die Möglichkeit eines stärkeren Austauschs zwischen dem Event und seinen lokalen Kreisläufen, die das gleiche System anwenden. Kein anderes serverbasiertes Zahlungssystem bietet eine solche Bandbreite an Interaktionen.

Backstage PRO: Kannst du uns noch erläutern, wie Künstlerinnen und Künstler von der Blockchain profitieren – z.B. durch Smart Contracts?

Enrico Mina: Smart Contracts sind Regeln zur Einkommensumverteilung, die auf bestimmte Artikel angewendet werden. Sie können automatisch aktiviert werden, wenn ein Artikel gekauft wird. Der in das System eingehende Betrag wird sofort auf die richtigen Empfänger umgeleitet. 

"Der digitale Hut kommt den Künstlerinnen und Künstlern zugute"

Während des von uns veranstalteten SeaNaps-Festivals erhalten beispielsweise Künstlerinnen und Künstler zusätzlich zu ihrer normalen Gage einen Teil der Einnahmen, die durch jeden Kauf an der Bar und den Verpflegungsständen erzielt werden. Wir nennen es den "digitalen Hut". Der Betrag wird auf alle Artists aufgeteilt – oder kommt denjenigen zu Gute, die niedrigere Fixkosten erhalten haben.

BMA bietet weiterhin ein in die Publikums-App eingebettetes Spenden-Tool an, mit dem die Besucher in gewissem Umfang an Künstlerinnen und Künstler spenden können. Dies sind jedoch alles nur Beispiele: Das System ist flexibel und lässt sich an unterschiedliche Bedürfnisse und Vorgehensweisen anpassen.

Backstage PRO: Stichwort SeaNaps: Wie war es, BMA zum ersten Mal selbst bei einem Festival zu verwenden?

Enrico Mina: Im Jahr 2017 war SeaNaps ein großes Experiment auf technischer und kommunikativer Ebene. Die Implementierung der Blockchain für einen "echten" Anwendungsfall war in der Tat eine große Herausforderung, die uns dazu brachte, unseren Ansatz gegenüber unseren Partnern und Zielgruppen zu hinterfragen und neu zu definieren. 

"Die Ideen prägen die Technologie"

Wir wollten, dass unsere Ideen die Technologie prägen, nicht umgekehrt. Der daraus resultierende Arbeitsprozess brachte viele wesentliche Fragen und Inkonsistenzen des Kulturbereichs zur Sprache und zwang uns, tief in die Problematik einzutauchen und nach konkreten Lösungen zu suchen.

Backstage PRO: Und wie kam es letztendlich an?

Enrico Mina: Das Ergebnis war eine positive Resonanz bei Festivals und Plattformen der internationalen Musikszene, aber auch bei unseren lokalen Partnern.

In der Ausgabe 2018 schlossen sich etwa ein Verein und ein Kulturzentrum dem Transparenzmodell an und zeigten durch das BMA-System, wie sich die eigenen Einnahmen (Eintrittsgelder und Getränke) über den Festivalzeitraum verteilen. Das sind Beispiele, die zeigen, wie notwendig Fairness und Transparenz in der Kulturwirtschaft auf ganz unterschiedlichen Ebenen sind.

Die Größe bei SeaNaps ist relativ bescheiden, aber das Interesse übertraf die Erwartungen und zeigte die Bedeutung eines progressiven und transversalen Diskurses über den Status quo der kulturellen Kreisläufe.

"Wir wollen niemanden zwingen"

Backstage PRO: Wie nahm das Publikum die neue Technologie auf?

Enrico Mina: Deren Reaktion war sehr positiv, die neue Konsum-Praxis weckte in erster Linie Neugier. Unsere Festivalbesucher hatten während SeaNaps 2017 die Möglichkeit, sich freiwillig für das bargeldlose System zu entscheiden, und die Mehrheit probierte es aus, fasziniert von der Möglichkeit, in die "Black Box" Festival zu schauen.

Im Gegensatz zu bereits bestehenden, bargeldlosen Systemen zwingen wir bei SeaNaps das Publikum jedoch auch nie dazu, unsere Armbänder zu benutzen. Dank der hybriden Natur der BMA-Lösung können die Festivalbesucher mit oder ohne Bargeld bezahlen, ohne das System zu beeinträchtigen. Wir glauben, dass Besucher nicht in neue Systeme gezwungen werden sollten, um alternative Strukturen zu erleben, die den Einsatz neuer Technologien beinhalten. 

Backstage PRO: Was plant ihr weiterhin?

Enrico Mina: Derzeit arbeitet BMA an einem Ticketing-System. Ziel ist es, dass Festivals und allgemein kulturelle Veranstaltungen ihrem Publikum zeigen können, wie viel vom Ticketpreis für die Übernahme ihrer Kosten (darunter die Künstlerhonorare) verwendet wird.

"Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten"

Durch BMA entsteht so eine Win-Win-Situation: Das Publikum kann einen Blick auf die wirtschaftlichen Bedürfnisse der künstlerischen Produktion werfen, die Veranstalter können ihren guten Willen zeigen und Künstlerinnen und Künstler können sich vor unterbezahlter Arbeit schützen. Dies führt zur Schaffung einer Vertrauenslinie, die eine eher kooperative als wettbewerbsorientierte Beziehung zwischen diesen drei Parteien fördert.

Backstage PRO: Wie beurteilen Sie das Zukunftspotenzial dieser neuen Rechnungform? Werden wir in Zukunft mehr Festivals mit Blockchain My Art sehen?

Enrico Mina: Im Jahr 2019 wird BMA auf sechs Festivals in verschiedenen europäischen Ländern implementiert. Bis 2020 wird das Projekt in der Lage sein, sein System für eine größere Anzahl von Veranstaltungen bereitzustellen und sich an deren Bedürfnisse anzupassen. Im Jahr 2020 wird die BMA auch mit ganzjährig aktiven Veranstaltungsorten zusammenarbeiten.

Ein beträchtlicher Teil der Branche ist bereit, transparenzorientierten Praktiken zu implementieren – was die Blockchain bereits jetzt erlaubt.

Backstage PRO: Vielen Dank für das Interview!

Future Music Camp 2019 – sei dabei!

Die Future Music Camp-Keynote "Blockchain und Musikfestivals – Das SeaNaps Festival und das Europäische Projekt Blockchain My Art" von Enrico Mina findet am 17. Mai von 14:30 bis 15:00 Uhr in der Jungbuschhalle statt.

Die Anmeldung zum Future Music Camp ist unter diesem Link kostenlos möglich. 

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