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das große newcomer-karussell

Matthias Mehwald von Emergenza im Interview

Interview von Backstage PRO
veröffentlicht am 09.06.2006

emergenza matthias mehwald

Matthias Mehwald von Emergenza im Interview

Friede, Freude, Eieerkuchen & ein Bass

Emergenza ist das weltweit größte Newcomerfestival. Es ist professionell organisiert, agiert international und lässt eine Mischung aus Publikums- und Jury-Entscheidungen einfließen. Wie sich jüngst am Beispiel des Regiofinals Südwestdeutschland und unserer Berichterstattung über dieses Konzert zeigte, ist einerseits die Relevanz bezüglich der teilnehmenden Bands ungebrochen, andererseits wird der Modus des Festivals auch vehement kritisiert. regioactive.de sprach mit Matthias Mehwald (Area Manager Deutschland, Österreich, Schweiz).

Gerald Merkel: Was ist dein Job beim Emergenza und seit wann bist du in dabei?

Matthias Mehwald: Ok, fangen wir bei Adam & Eva an: Ich hab selbst 1998 eine Band betreut und hab den Wettbewerb durch Zufall entdeckt und die Jungs dran teilnehmen lassen. Ich hab das vorher genau angeschaut, und dachte mir, die Band hat eine gewisse Fanbase und Potential, das kann also nur gut tun.

Wir hatten immer einen guten Schwung an Leuten dabei aber auch immer – und das vermisse ich heute ein wenig – einen ordentlichen Merchandise-Stand am Start. Und wir kamen relativ locker-lässig ins Regiofinale, damals in Stuttgart. Da stand ich genauso bibbernd wie alle anderen heute auch vor der Jury-Verkündung. Und tatsächlich haben wir dann gewonnen und uns riesig gefreut.

Das internationale Finale war damals noch viel kleiner, in Hamburg auf einer Open Air Bühne und es waren auch nur ein paar Nationen dabei. Für uns war das aber damals gigantisch, wir haben Fans gewonnen, haben viele tolle Bands kennen gelernt, haben in Clubs gespielt, in die wir so nicht rein gekommen wären – eben alles was Emergenza ausmacht.

Und im Folgejahr war ich in der Jury, ein Jahr drauf kam das Angebot von Emergenza ein oder zwei Städte selbst zu organisieren und das fand ich eine prima Möglichkeit: Ich war selbstständig im Musikbusiness tätig und das war eine tolle Herausforderung im Veranstaltungsbereich weiter Fuß zu fassen, zumal ich wusste, dass das Ganze Hand und Fuß hat, sehr professionell abläuft und eine wirtschaftliche Basis bietet.

Ist das ein Full Time Job?

Saisonal schon. Im Juni / Juli hab ich nichts großartiges dafür zu tun, außer organisatorische Dinge im Folgejahr durchzudenken. Nach dem internationalen Finale auf dem Taubertal Open Air geht es schon recht schnell zur nächsten Runde. So gesehen beschäftigt es schon das ganze Jahr, wobei es in den Wintermonaten geballt kommt.

Ich hab aber auch meine eigene Management und Booking-Agentur, in der ich die Band von damals noch betreue und dann kamen auch – über Emergenza – die Itchy Poopzkids dazu. Die sind mittlerweile wie viele andere Ex-Emergenza-Bands auch gesigned, wobei man nicht zwingend soviel von diesen Bands hören muss, die aber in ihren Szenen gut dabei sind.

Nervous Nellie z.B. haben das Emergenza 2003 gewonnen und sind nun in Deutschland von Go Kart Records Europe gesigned und spielen quer in ganz Europa. Der größte kommerzielle Wurf waren die Emil Bulls, auch wenn es nach der ersten Platte wieder ruhiger wurde.

Also kann man die Ziele des Emergenza schon in Richtung Band-Scouting sehen? Es geht darum bewusst einzelne Bands nach vorn zu bringen?

Klar. Eine gewisse Selektion zu betreiben, aus der sich gute Bands herauskristallisieren bzw. sie überhaupt erst mal zu entdecken. Im Gegensatz zu allen anderen Wettbewerben bieten wir die Chance, dass sich jeder anmelden kann. Da ist nicht mal ein Demo nötig. Es reicht, eine Adresse anzugeben und das oft gescholtene Startgeld von 70 € zu zahlen. Das halte ich für die Chancen, die sich jeder teilnehmenden Band bieten, für einen Klacks.

Diese 70 € sind für uns auch eine Absicherung dafür, dass die Band es auch ernst meint. Mit dieser Basis können wir überhaupt erst auf unsere Sponsoren zugehen und dann im Gegenzug Saiten, Sticks etc. für jede Band bieten, was zusammengenommen auch auf um die 50-60€ kommen würde.

Sobald man angemeldet ist, hat man eine riesengroße Plattform auf unserer Homepage – und das alles bevor das erste Konzert gespielt wird. Trotzdem werden dann noch Konzerte abgesagt, und dann ist das unser Risiko und unser Verlust.

Das hatten wir gerade dieses Jahr öfter. Wenn 2-3 Bands kurzfristig absagen, bedeutet das entsprechend weniger Publikum, dann kommen wir grade mal Null auf Null raus. Meist sind die Vorrunden eh immer zum Drauflegen, verdient wird dann eher in den Folgerunden.

Letztendlich ist das auch bitter für die anderen Bands. Denn es ist ja schon ein Miteinander, ein gemeinsames Ding.

Das Startgeld ist in der Tat einer der Kritikpunkte ...

Aber genauso ausführlich erkläre ich das in jedem Meeting! Und jede Band, die während eines Meeting feststellt, dass sie das nicht will, kann aussteigen und bekommt in dem Fall ihr Geld zurück.

Wir bestehen ja auch darauf, dass alle Bandmitglieder bei den Meetings sind, damit Missverständnisse ausgeschlossen sind – denn oft genug liegen spätere Querelen auch an der schlechten Kommunikation innerhalb einer Band. Außerdem können sich die Bands so kennen lernen, beschnuppern und gemeinsame Werbeaktionen planen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist das Wettbewerbssystem. Nun ist dieses System – gerade in den Regiofinals – auch schwer für das Publikum nachzuvollziehen. Ihr habt in den ersten beiden Runden die klare Ansage „Publikum entscheidet“ ...

Und da geht es schon los, von wegen wir würden falsch zählen. Selbst meine 9-jährige Tochter schafft es lässig bis 100, das könnte jeder überprüfen. Man kann immer alles unterstellen.

Das Problem ist dann die Zweiteilung in den Regiofinals: Das Publikum wird zwar benötigt, um die besten sechs Bands auszufiltern und natürlich um die Hütte zu füllen, muss dann aber unter Umständen erleben, dass die Jury eventuell den Sechsplatzierten zum Sieger kürt, ihre Stimme also gar nichts mehr zählt.

Richtig. Aber das wissen die Bands. Wichtiger: Als das noch nicht so war, war es umgekehrt: Da wurde uns vorgeworfen, dass wir keine Jury haben, da so vielleicht nicht die beste Band, sondern die mit den meisten Freunden weiterkommt.

Kaum haben wir eine Jury, werden uns deren Entscheidungen vorgeworfen. Man kann das drehen und wenden wie man will ... Natürlich macht eine Band mit einer Fanbase von 200 Leuten am meisten Alarm, was lange noch nicht heißt, dass das auch die beste ist. Da heißt es dann „Ja aber bei uns war doch die größte Party“.

Wir suchen aber nicht die beste Party Band, sondern die mit dem größten Potential, mit der man am besten langfristig arbeiten kann, vielleicht nicht wir in Person, aber die Musikindustrie generell. Da zählt nicht nur Publikum und nicht nur die Tatsache, dass man gut ist.

So ist es doch auch: Kein Club-Besitzer bucht eine Band nur weil sie gut ist, sondern nur wenn sie gut ist und Leute zieht. Umgekehrt würde auch keiner eine Band buchen, die zwar ihr Publikum bringt aber alles andere vergraulen würde. Das muss eine gesunde Mischung sein und genau das versuchen wir anhand dieser zweigleisigen Geschichte nachzubilden.

Gut, einen Tod stirbst du bei Contests immer. Letztlich braucht ihr die Publikumsvotes auch, damit überhaupt welches kommt. Dann setzt ihr per Jury Qualitätsstandards oben auf. Du bist der Meinung, ihr seid durch die Meetings etc. transparent genug und müsst mit einem gewissen Level an Restgemeckere eben leben?

Mehr als mit den Leuten reden, kann ich nicht. Es gibt vor jeder Veranstaltung ein Meeting. Wir erklären auch explizit nach was für eine Art Band wir suchen: Gute Songs, gutes Auftreten, gutes Handwerk, wenn’s geht einigermaßen unverwechselbar etc.

Und natürlich wollen wir, dass die Bands vor großem Publikum spielen. Und selbstverständlich müssen wir schauen, dass mit den Konzerten Geld reinkommt. Du kannst keine Hundertschaft an Leuten europaweit als 1€-Jobber beschäftigen. Jeder steckt in dem Business drin, Emergenza beschäftigt mich ein dreiviertel Jahr also müssen auch ¾ meines Jahreseinkommens darüber gedeckt werden.

Also eine klare Ansage: Emergenza ist ein Unternehmen, das wirtschaften muss, es ist kein Verein, damit will Geld verdient werden.

Ja! Natürlich! Und zumindest soviel Geld, dass wir leben können. Überschüsse werden natürlich in die Company investiert. An die diversen Firmierungen in den Ländern. Dann gibt es einen gemeinsamen Förderpool, einen Fond, der diese Überschüsse verwaltet.

In den USA wurde das Label Track One gegründet, das die internationalen Veröffentlichungen betreut. Das riesengroße Taubertalfinale muss finanziert werden. Da kommen Bands von überall aus der Welt und wir haben dort überhaupt keine Einnahmequelle.

Mit anderen Worten: Die positiven Bilanzen aus den ersten Runden werden für das gesamte Paket genutzt. In diesem Zusammenhang wird oft geäußert, dass – auch dadurch, dass die Bands den Vorverkauf selbst abwickeln – ihr keinerlei Risiko aber alle Einnahmen habt. Und durch das Startgeld im vorneherein eine gewisse Finanzdecke habt.

Es ist definitiv so, dass wir in den ersten Vorrunden meist Verlust einfahren, den wir nur durch diese Startgelder abdecken können ...

Das ist allerdings wirklich schwer nachvollziehbar.

Es ist halt so, dass wir ja auch vorher schon Kosten haben – Personalkosten, Backliner, Security -, und die werden ja nicht kleiner nur weil wir in den Vorrunden in kleineren Clubs sind. Dann hast du eben 7-8 Bands, die im Schnitt nur 20 Leute bringen. Und dann kommst du schnell unter die Schallmauer.

Viele lassen es ja auch erst mal langsam angehen, es kommen ja automatisch vier Bands weiter und es gibt noch eine Wildcard. Die meisten geben publikumsmäßig erst Gas, wenn sie im Semifinale sind. Und da fangen wir auch erst mit dem Verdienen an. Und das kommt enorm auf die Orte an. Ich komm grade aus der Schweiz und da bist du gottfroh, wenn du so ein Finale trotz 800-1000 Leute kostendeckend fährst. Es ist übrigens ja auch so, dass wir uns in die Clubs einmieten. Wir bekommen das nicht geschenkt.

Der Kartenvorverkauf: Die Bands bekommen Freikarten dazu, und je nachdem wie sie mit diesen umgehen, können sie den Preis eben runterbrechen. Das ist ihr Ding. Wir bekommen letztlich 8 € für die Vorverkaufskarten. Sie müssen mit uns nur ihre Verkaufskarten abrechnen (Anm. d. Red.: Die Bands erhalten bis zu 100 Tickets zum Verkauf, diese können an die eigenen Fans billiger als zum Abendkassepreis weitergegeben werden. Die Bands sind nicht verpflichtet, diese Tickets zu kaufen und zu verkaufen – müssen also nichts aus ihrer Tasche zahlen -, aber das Eintrittsgeld geht komplett an Emergenza) .

Wenn sie auf dem Preis bleiben und die Freikarten verkaufen, erspielen sie sich eine kleine Gage.

Damit kommen wir zu noch nem Punkt: Die Preise der Emergenza-Konzerte werden von vielen für Newcomerkonzerte als zu teuer empfunden.

Wenn ich 50 Leute mitbringe, kostet die Karte im Durchschnitt nur noch 6€ (Ab einer gewissen Anzahl verkaufter Tickets gibt es eine preisliche Staffelung für die von einer Band verkauften Tickets. Anm. d. Red.). Was soll daran zu teuer sein? Bei 8 Bands sind das 80-90 Cent pro Band. Wenn eine Band meint sie sei nicht mehr wert ...?

Gut, natürlich hat man gerade im Newcomerbereich immer die Frage: Hält man den Eintritt gering und kommen deshalb Leute oder erreicht man damit nur, dass das Gefühl entsteht, was nichts kostet, ist auch nicht wert.

Da will und kann ich Emergenza auch nicht mit anderen Newcomercontests vergleichen. Es kann nicht angehen, dass ich im Jugendzentrum X einen Eintritt von 3-4€ habe und jeder sagt: „Oh, prima“. Aber dafür drittklassige Technik und keinerlei Preise außer vielleicht 50€-Einkaufsgutscheine.

Dann noch maximal 200 Leute und ein Monitoring, das aus zwei Boxen besteht. Emergenza spielt sich in amtlichen Clubs ab, die 2/3 der Bands, die bei Emergenza dabei sind, sonst nicht von der Bühne aus sehen würden. Es gibt natürlich Ausnahmen bei den Clubs, aber es gibt genügend, die da sonst gar nichts machen. Und da ist es schon eine feine Sache, den Club überhaupt in der Gigliste zu haben.

PR kostet Geld und wenn ich die mit einem Konzert inkl. für 70€ Startgebühr bekomme – ja und? Da sehe ich Preise wie 8€ für die Vorrunden, 9€ für die Semifinals und Abendkasse 15€ (für Bands im Vvk. 12€) doch im Rahmen. Und diese Preise sind seit 6 oder 8 Jahren stabil. Denn auf der anderen Seite: Kids gehen ins Kino und danach ins McDonalds und schreiben noch für ein paar € SMS dazwischen.

Regionale Unterschiede gibt es da natürlich auch. In München zuckt niemand wegen einem Abendkassepreis von 15€ zusammen, im Gegenteil. Wir haben überall die gleichen Preise und steuern das eher über das Kontingent an Freikarten: Auf dem Land gibt es die schneller als in einer Großstadt mit entsprechend mehr Konkurrenz.

Wie siehst du denn Emergenza im internationalen Verhältnis? Wie wird es im Vergleich zu Deutschland in anderen Ländern von Publikum und Musikern angenommen und bewertet?

Die Kritiken sind überall ähnlich. Österreich war z. B. ein schwieriges Pflaster, da dort viele andere Wettbewerbe liefen. Nun sind die meisten aber am Ende, da sie eben nicht wirtschaftlich gedacht haben oder nur auf einen einzigen Sponsoren gesetzt haben, und die Resonanz wird auch dort größer. Was in Paris abgeht, ist der Hammer: es waren zwischen 40 und 60 Vorrunden-Ausscheidungen. Und dann Semifinals mit durchschnittlich 1000 Zuschauern.

Da erstaunt mich jetzt die Verteilung der internationalen Bands auf dem Taubertal: Deutschland hat da mit drei Bands schon den Löwenanteil.

Nö, das geht nach der Gesamtanmeldezahl pro Land, also ca. pro 300-400 Bands bekommt ein Land einen Slot auf dem Taubertal.

Das heißt in Frankreich haben wir dann das klassische Zentrums-Ding: Wer Musik macht ist in Paris?

Genau, in Restfrankreich passiert nicht viel. Ein paar in Bordeaux, ein paar in Lyon und damit hat sich’s. Ich denke, die reisen dann aber auch größere Strecken um in Paris dabei zu sein. Dieses Jahr sind die Niederlande zum ersten Mal dabei und es schlug ein wie eine Bombe.

Wir erleben es öfter, dass wir in Ländern, in denen wir frisch am Start sind, mit Kusshand empfangen werden. Der deutsche Newcomermarkt ist dagegen komplett übersättigt. Man kann ja mittlerweile bald jede große Marke aufzählen und findet einen Newcomerwettbewerb.

Zum Glück für uns sind die meisten Sachen aber auch sehr kurzlebig, da fehlt es oft an Professionalität. Und das wissen auch die meisten Clubbesitzer. Da geht es auch um Details wie Zeitpläne durchzukriegen und so. Wir haben ja sogar einen Backliner für die Bands, der sich auf der Bühne um sie kümmert.

Andererseits kannst du ja gerade von Newcomerbands nicht unbedingt erwarten, dass sie so schnell mit fremden Verstärkern klar kommen (bei Emergenza spielen alle Acts über die gleiche Backline). Sonst leidet ja deine eigene Veranstaltung am Sound ...

Stimmt schon. Aber die eigenen Sachen mitbringen lassen, kostet enorm Umbauzeit. Und letztendlich ist es doch superbequem, keine eigene Backline ankarren zu müssen. Da nörgeln auch nur ganz wenige rum und ich kann das auch nur bei solchen Leuten verstehen, die schon ein Stück weiter sind. Ein guter Song hängt nicht am Gitarrensound. Wie viele Bands wir haben, die das so lässig finden, dass sie jedes Jahr wieder mitmischen ...

Man kann demnach mehrmals am Emergenza teilnehmen?

Ja, sicher. Und da gibt es etliche, die sich sagen „Die Vorrunde überstehen wir locker und dann haben wir zwei Konzerte, neue Leute hören uns etc“. Das sind wirklich viele, die das für lässig und bequem halten und so jedes Jahr dabei sind.

Um so mehr, wenn man sich auf Grund einer gewissen Fanbase einigermaßen sicher sein kann die Vorrunde zu überstehen. Das Emergenza-Prinzip ist ja eigentlich „The winner takes it all“ in softer Pyramidenform. Je länger man dabei ist, umso mehr macht sich das Startgeld bezahlt.

Klar. Es kommt darauf an mit welcher Motivation die Bands an die Sache rangehen. Es gibt natürlich welche, die wollen einfach mal sehen wo sie stehen, die zum ersten Mal aus dem Proberaum kommen und das dann auch gleich in einem amtlichen Club tun können.

Wie ist denn die Zuschauerentwicklung von den Regionalfinals zu den nationalen Finals, bei denen das Publikum keinen Einfluss hat und dementsprechend die Bands auch nicht mehr im absoluten Zugzwang stehen, ihre Leute mitzubringen?

Wir machen das, z.B. jetzt in München, so, dass wir das dortige Regiofinale mit dem nationalen Finale mischen.

Nicht unclever. Ist das generell so?

Schon, in unterschiedlichen Formen. Kommt immer drauf an, welche Möglichkeiten man gerade hat. Letztes Jahr konnten wir die Finalveranstaltung in Karlsruhe auf dem Fest machen, mit freiem Eintritt und Jury-Entscheid. Und eine Crowd, die vorne gut abgeht, gibt ja einer Band immer einen guten Rahmen, auch wenn das nur die Jury und auch das andere Publikum positiv beeinflusst.

Jeder, der Leute mitbringt, bringt sie auch für andere Bands, denn die dürfen dann ja auch bei anderen die Hände heben. Generell halten wir den Modus flexibel, in Paris gibt es z.B. zwei Vorrunden, denn so schnell darf man das nicht runter brechen. Wir sehen uns nicht nur als Wettbewerbsveranstalter sondern eben hauptsächlich als Veranstalter und wir wollen, dass die Bands möglichst viele, gute Konzerte spielen.

Was wir machen, ist letztendlich Hilfe zur Selbsthilfe, man schnuppert in professionelles Business rein, knüpft Kontakte, spielt Shows. Wer Emergenza durchlaufen hat, weiß, was er weiter zu tun hat, um weiterzukommen. Im Prinzip ist das Coaching. Woanders würdest du Geld dafür zahlen und bei uns kriegst du das im Vorbeigehen.

Bzgl. des Regiofinals in Mannheim wurde in den Kommentaren zu unserem Bericht etliche Details angesprochen, die vermutlich symptomatisch für Missverständnisse und Unmut sind. Wie war das denn z-B. mit dem in den Kommentaren angesprochenen Line Up? Wird das normalerweise so kommuniziert, dass das Line Up erst am Abend der Veranstaltung bekannt gegeben wird?

Nö. Es wird keine richtige Auslosung gemacht. Das kommt jeweils von einem anderen Emergenza-Büro. Wir selbst wissen natürlich schon vor der Veranstaltung über das Line Up Bescheid. Aber es hätte in der Tat so nicht auf der Feuerwache-Site erscheinen sollen. Wir geben das Line Up normalerweise nicht an die Bands weiter, da wir nicht möchten, dass die ihren Fans kommunizieren zu welcher exakten Uhrzeit sie auftauchen sollen um ihre Stimme abzugeben und dann wieder abhauen.

Wir sind seit Jahren dabei unser System zu optimieren und der Punkt gehört dazu. Früher war es so, dass die Band, die zuerst beim Meeting war, sich die Spielzeit aussuchen konnte, der letzte hatte Pech. Also kamen sehr viele Fans nur zum Konzert ihrer Band und entsprechend uncool war die ganze Sache. Jetzt teilen wir die Bands nur in drei ungefähre Zeitfenster ein, damit sie sich ein bisschen orientieren können, was dem vorbeugt, dass die Leute, die wirklich nicht den ganzen Abend Zeit haben, sonst vielleicht gar nicht kommen.

Das Resultat war dann wirklich, dass bei Veranstaltungen, die schon um 19.00 beginnen, auch wirklich schon viel mehr Leute da sind – denn nun wird gesagt „hey, Leute, kommt rechtzeitig, denn es kann sein, dass wir als Erstes spielen“. Und im Ergebnis ist es dann letztlich auch nicht mehr so wichtig, wer als Erstes spielt, weil dann ja immerhin schon ein paar Leute da sind. Nun kommt halt der typisch Dummdeutsche daher, der alles 1000mal hinterfragen muss und sich überlegt wie er das System austricksen kann, obwohl es eigentlich für die Bands gut gemeint ist.

Nun werden eben Massen-SMS verschickt, wenn wir um 18.00 den Zeitplan veröffentlichen. So werden viele Systeme, die wir eigentlich für alle machen, wieder direkt ad absurdum geführt, was eigentlich die pure Kinderkacke ist. Deshalb wird die genaue Reihenfolge von anderen Büros entschieden und – im Normalfall - wird es erst um 18.00 bekannt gegeben.

Natürlich trifft mein Gemeckere nicht auf alle Bands zu, die meisten sind entspannt und wir haben seitdem wesentlich coolere Veranstaltungen. Jetzt wechseln sich eher die Zuschauer der verschiedenen Zeitfenster ab, der Durchlauf ist nicht mehr so stark.

Kommen wir mal zu Wildcards. Wie ist das generell, wie war das in Karlsruhe?

Früher gab es die nicht. Dadurch, dass immer mehr Bands sich benachteiligt fühlten, da sie nicht die Möglichkeit hatten, soviel Publikum mitzubringen und uns dadurch dann tatsächlich zu viele gute Bands durch die Lappen gingen – was dann auch negatives Feedback seitens der Industrie gibt – haben wir letztes Jahr entscheiden für besonders herausragende Leistungen eine Wildcard einzuführen.

Und die setzt ihr fest.

Ja. Es passiert äußerst selten, denn (lacht) besonders herausragende Leistungen sehen wir nicht so oft.

Willst du das so geschrieben wissen?

Schon. Man muss einfach mal unterscheiden zwischen einer ordentlichen, guten Band, einer soliden Band und einer, bei der man mit offenem Mund dasteht. Beispiel Mannheim: Eine Reggae-Band, selbst eine drittklassige, schafft es immer eine Party mit dem Publikum abzuziehen.

Oku & the Reggaerockers sind nicht drittklassig, die sind richtig gut, aber ein Unterschied in Punkto Eigenständig zu My Baby wants to eat your Pussy wird wohl ernsthaft niemand bestreiten wollen.

Noch mal zu den Wildcards: Wenn das Publikum einen solchen Unterschied nicht registriert – aus Parteinahme für eine andere Band, weil es keinen Zugang zur Musik gefunden hat oder warum auch immer – dann müssen wir die Möglichkeit haben, zu entscheiden, dass wir diese Band noch mal in der nächsten Runde sehen wollen. Es kann aber nur eine Wildcard an eine Band vergeben werden. Es ist nicht so, dass das in jeder Runde passieren kann.

Und sie werden nicht immer vergeben, es gibt nur theoretisch die Möglichkeit?

Es besteht die theoretische Möglichkeit, Wild Cards zu vergeben, es ist kein Standard.

Kommen im Falle einer vergebenen Wildcard dann weniger „Publikums-Bands“ ins Regiofinale? Oder werden dann mehr gesetzt?

Das war dieses Jahr ein Knackpunkt. Eigentlich heißt es im Semifinale „entweder, oder“ – also entweder zwei Publikumssieger oder ein Publikumssieger und eine Wild Card. Das Finale kann ich nicht mit beliebig vielen Bands voll stopfen.

Also war speziell in Karlsruhe das Problem, dass es tatsächlich zweimal passiert ist.

Und es ausgerechnet Musiker von der Popakademie waren, die die Wild Card bekommen haben. Was aber eigentlich logisch ist: Natürlich können die spielen und stehen auf einem anderen Niveau als die meisten anderen. Und zweitens haben die natürlich auch nicht die Möglichkeit, im Pausenhof mal eben 50 Karten zu verkaufen wie irgendeine Schülerband.

Und die Wildcards sind eben für solche Bands und nicht für die Pille-Palle-Hinterhofband, die zwar 100 Karten verkauft hat, aber dann kamen nur 50 wirklich aufs Konzert und deshalb sagen wir „ach, ihr Armen, dafür, dass ihr euch solche Mühe gegeben hat, bekommt ihr jetzt auch eine Wildcard“. Wir hatten auch schon Fälle, dass ein Bus mit Fans liegen geblieben ist, oder so. In Karlsruhe war so was ähnliches bei Trypanosoma der Fall, die hinterher ein Riesentheater gemacht haben und in Mannheim erst gar nicht am Start waren. Im Semifinale haben sie behauptet, wir hätten sie ins falsche Zeitfenster eingeteilt und nun könnten ihre Fans nicht rechtzeitig hier sein.

Wir haben versucht zu tauschen, wozu dann nur My Baby wants to eat your Pussy bereit waren. Und wir haben uns dann noch an die Abendkasse gestellt und anhand der Ticketnummern die Leute, die mit Karten von Trypanosoma kamen – das kann man ja nachprüfen – und für die Abstimmung zu spät kamen, zu der Abstimmung dazugerechnet. Durch diese Kulanz kamen Trypanosoma weiter.

Und nach diesem Trara hab ich beschlossen, dass wir in Karlsruhe den Erst- und Zweitplatzierten mitnehmen und zwei Wildcards vergeben, darunter auch an MBWTEYP, die nicht nur die Einzigen waren, die bereit waren zu tauschen sondern eben schlicht die beste Band des Abends. Letztlich war das alles umsonst, da Trypanosoma dann erst richtig losgelegt haben und den Mannheim-Slot gecancelt haben.

Solche Geschichten erlebt man aber ständig, und für solche Härtefälle haben wir natürlich auch unsere Blacklist, auf der Bands landen, die wir nicht mehr zur Emergenza-Anmeldung akzeptieren und die wir auch nicht an andere Veranstalter weiter empfehlen. Wir können uns unsere Partner aussuchen – und als Partnerschaft sehe ich die Teilnahme einer Band am Emergenza.

Zum Abschluss: Du bist seit ein paar Jahren dabei und hast wohl auch vor, noch ein paar dranzuhängen. Wie geht es weiter mit Emergenza? Wohin wächst es?

Es gibt keinen Wettbewerb, der von Teilnehmerzahl und Gebietserweiterung stärker am Wachsen ist. Und das möchte man natürlich ausbauen. Spannend wird das Thema Osterweiterung. Je offener die Grenzen, das politische Gefüge stabiler und die Gesetze lockerer werden, kann ich mir sehr gut vorstellen, solche Sachen in Tschechien, Polen oder Rumänien zu machen.

Gelistet sind diese Länder und da sehen wir bereits die Nachfrage per Internet. Skandinavien haben wir gerade ins Boot geholt, Benelux ist nun komplett, Irland ist wieder dabei – das „alte“ Europa ist flächendeckend dabei und der Schritt über den Ozean ist gemacht. Wir sind im Prinzip für jede Weltgegend offen. Wir hatten auch Einbußen, es gibt Bereiche wo, wir uns gesundschrumpfen müssen. In meinem Bereich werde ich z.B. nächstes Jahr weniger Veranstaltungen und weniger Städte machen.

Da muss man mitunter auch die Anreize erhöhen. Letztendlich hatte ich dieses Jahr 500 Bands in meinem Bereich, Kritik gibt es wie bei jedem Wettbewerb immer, und auf uns fokussiert sich das sicher besonders, da wir eben am größten sind. Ernsthaft Ärger hab ich höchstens mit zwei Bands gehabt, das ist bei der Teilnehmerzahl ein fantastischer Schnitt.

Die Danksagungen überwiegen da bei weitem.

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