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"man beutet in erster linie sich selbst aus"

Interview: Knust-Betreiber Karsten Schölermann über Pay-to-Play und die Kunst des Überlebens als Clubbesitzer

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 11.04.2012

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Interview: Knust-Betreiber Karsten Schölermann über Pay-to-Play und die Kunst des Überlebens als Clubbesitzer

© Karsten Schölermann

Der Hamburger Musikclub Knust gilt als einer der besten Clubs der Republik. In einem außergewöhnlich offenen Interview spricht Inhaber Karsten Schölermann über die Selbstausbeutung als Clubbesitzer, das Pay-to-Play-Prinzip und die Schwierigkeit mit Livemusik Geld zu verdienen.

Im neuen Locationguide können über 1000 Live-Clubs anhand von Musikerbewertungen und exklusiven Informationen (bevorzugtes Genre, Größe, Backstagesituation, Technik etc.) recherchiert werden.

Auch die Clubbetreiber und Veranstalter selbst sollen bei Backstage PRO zu Wort kommen und sich zu Branchenthemen äußern: Sollte Bands eine Mindestgage für Live-Auftritte zustehen? Gilt das auch dann, wenn der Clubbesitzer an ihrem Auftritt nichts verdient oder gar Verlust macht? Werden Bands von Veranstaltern ausgebeutet? Oder stehen einer angemessenen Bezahlung häufig ökonomische Zwänge im Weg?

Diesen und anderen heiß diskutierten Fragen wollen wir in den nächsten Wochen und Monaten auf den Grund gehen. Den Anfang macht der erste Teil des Interviews mit Karsten Schölermann, dem Inhaber des legendären Hamburger Liveclubs Knust.

Ihr seid herzlich eingeladen, seine ebenso erhellenden wie kontroversen Aussagen unter die Lupe zu nehmen und in den Kommentaren zu diskutieren. Es lohnt sich!

 

Interview mit Knust-Betreiber Karsten Schölermann (Teil 1)

Der Hamburger Musikclub Knust gilt als einer der besten Clubs der Republik. In einem außergewöhnlich offenen Interview spricht Inhaber Karsten Schölermann über die Selbstausbeutung als Clubbesitzer, das Pay-to-Play-Prinzip und die Schwierigkeit mit Livemusik Geld zu verdienen.

Das Logo des Knust in Hamburg

Das Logo des Knust in Hamburg

Backstage PRO: Das Knust ist eine Hamburger Institution und als solche bundesweit bekannt. Was ist denn das Besondere am Knust?

Karsten Schölermann: Das Besondere unter den Liveclubs dieses Kalibers ist, dass wir jeden Tag ein Konzert haben. Deshalb ist es schwer, wenn nicht unmöglich, uns einer speziellen Musikrichtung zuzuordnen. Wir fallen in der Einordnung durch alle denkbaren Raster, weil wir kein Indie-Club, kein Hardrock-Club und kein Jazz-Club sind. Wir haben 365 Tage im Jahr ein ständig wechselndes Publikum. Da wir kein Stammpublikum haben, müssen wir uns – auf welche Weise auch immer – stets neu erfinden. Bei Konzerten mit gewissen japanischen Popbands kampieren 16- bis 18-jährige bei uns 24 Stunden vor der Tür. Das verjüngt uns genauso wie jeder neue Musikstil, der gerade in Mode ist. Alle wollen in Hamburg spielen, daher sind unsere Servicemerkmale entscheidender als unser persönlicher Geschmack.

Findet wirklich jeden Tag ein Konzert im Knust statt?

Wir haben selbstverständlich auch mal ein paar freie Tage, aber prinzipiell basiert unser Modell des Livemusikclubs darauf, dass man die vielen Kosten, die anfallen, indem man beispielsweise eine hochwertige Anlage oder ein aktuelles Digitalmischpult kauft, durch möglichst viele Nutzungstage wieder reinholt. Als ungeförderter Liveclub ist das unser Geschäftsmodell: Unsere teure und sehr gute Musikanlage rechnet sich nur, wenn sie auch idealerweise 300 Mal im Jahr benutzt wird – ansonsten kann ich sie gar nicht bezahlen.

Begeistertes Knust-Publikum bei Aura Dione.

Begeistertes Knust-Publikum bei Aura Dione., © Falk Simon

Das Knust erhält also keine städtische oder staatliche Förderung?

Wir bekommen eine Unterstützung, die aber lächerlich ist. Man kann nicht "nein" sagen, aber "ja" ist auch gelogen.

Es spielt also keine Rolle, ob ihr die bekommt oder nicht?

Nein, nein, es spielt eine gewaltige Rolle. Wenn wir einen Millionenumsatz im Jahr machen und davon 20.000 Euro übrig bleiben, dann spielen die 5.-6.000 Euro Förderung durchaus eine Rolle, weil sie einen Anteil des Jahresgewinns ausmachen – wenn man überhaupt einen schafft. Aus der Perspektive eines Kaufmanns ist das, was wir tun, im Grunde Wahnsinn. Aus der Tatsache, dass wir mit Livemusik eigentlich kein Geld verdienen können, ergeben sich harte Folgen, beispielsweise das Pay-to-Play-Prinzip. Das hat irgendwann vor 30 Jahren in New York begonnen und sich dann über London in den großen Städten Deutschlands verbreitet, vor allem in Hamburg und Berlin.

Was bedeutet Pay-to-Play?

Jede Band, die in Deutschland spielen will – und das wollen sie alle – kommt an Hamburg nicht vorbei. Und da das so ist, können die Clubs in Hamburg sich zurücklehnen und sagen: "Wer bei uns spielen will, muss dafür bezahlen." Wir machen unsere Tür nur auf, wenn wir für diese Dienstleistung Geld erhalten, denn wir wissen, dass wir damit sowieso kein Geld verdienen können. Pay-to-Play hört sich härter an, als es in Wirklichkeit ist, denn am Ende teilt man die Einnahmen an der Tür im Verhältnis 60:40, aber in unseren 40% ist so viel Leistung enthalten, dass niemand mehr auf die Idee kommt zu fragen, ob er eine Gage erhält. Dennoch bezahlen diese 40% im Leben nicht das, was wir an Arbeit reinstecken – und genau das ist das Strukturproblem der Livemusikclubs. Je häufiger man seinen Saal nutzt, desto geringer wird dieses Strukturproblem, weil die Kosten durch die Anzahl der Konzerte sinken.

Die Einnahmen eines Konzertabends werden im Verhältnis 60:40 zwischen Bands und Veranstalter geteilt?

Ja, genau. Das ist in anderen Clubs auch üblich. Es gibt dann auch solche, die erst eine Garantiegage zahlen und dann den Rest auf diese Weise teilen. Das können wir eben nicht, das brauchen wir auch nicht. Wenn die Bands in Hamburg nicht spielen, erleiden sie davon einen größeren Nachteil, als wenn sie auftreten. Eine Band, die gut ist, verkauft das Konzert ja dennoch aus. Wenn das passiert, müssen wir auch damit leben, dass die Band in die nächstgrößere Location wechselt.

Der Bandcontest Emergenza holt Newcomer auf die Bühne und lockt regelmäßig zahlreiches Publikum ins Knust (hier: Kleinstadtpioniere, 2011). Kritiker des Wettbewerbs nehmen ihn als pay2play-Event wahr.

Der Bandcontest Emergenza holt Newcomer auf die Bühne und lockt regelmäßig zahlreiches Publikum ins Knust (hier: Kleinstadtpioniere, 2011). Kritiker des Wettbewerbs nehmen ihn als pay2play-Event wahr., © Nina Schober

Das Pay-to-Play-Prinzip betrifft alle Bands, die bei euch spielen?

Natürlich. Es gibt keine Garantiegagen, was in den großen Städten nicht ungewöhnlich ist. Das ist natürlich auf Nürnberg oder Mannheim nicht übertragbar – dort befindet man sich in Konkurrenz zu anderen Städten. In Hamburg gibt es eine solche Konkurrenz nicht, man spielt als Band in Hamburg und Berlin und nicht in Hamburg oder Berlin.

Das heißt eine Band erhält Gelegenheit zu spielen, Merchandise zu verkaufen…

…nein, sie erhält ja auch Geld. Aber wir garantieren das Geld nicht. Wir gehen einfach raus aus der Veranstalterrolle. Eine Band, die in Hamburg spielt, muss sich schon selbst darum kümmern, dass genug Leute kommen. Wir können das gar nicht. Wenn man vierzig, fünfzig Musikstile im täglichen Wechsel bedient, dann hat man gar keine Möglichkeit, jede Band so liebzuhaben, dass man dafür zweihundert Plakate klebt oder die entsprechende Pressearbeit leistet. Das müssen dann z.B. die jeweiligen Agenturen machen, auch davon haben wir genug in Hamburg. Diese Agenturen leisten tolle Arbeit, ohne die würde es uns viel schlechter gehen. Ein Liveclub wie wir kann eben nicht für 350 Konzerte im Jahr Promotion machen.

Müssen bei Pay-to-Play die Bands tatsächlich zahlen?

Das kommt schon vor. Gerade den Amateuren sagen wir: "Ihr könnt gerne bei uns spielen. Hier sind 100 Karten, für die wollen wir 300 Euro haben. Ihr könnt damit machen, was ihr wollt." Manche Bands verkaufen die Karten für 6 Euro, andere verschenken sie, weil sie wissen, dass sie keine 100 Leute finden, die 6 Euro für sie bezahlen. Trotzdem verdienen wir an einem solchen Konzert nichts. Wir kriegen ja nur 300 Euro. Die Idee ist im Grunde: Wir verdienen kein Geld, bringen aber welches mit ein, also lieber Künstler, leiste auch Du Deinen Anteil.

Es ist ein fortwährendes Veranstalter-Risiko:

Es ist ein fortwährendes Veranstalter-Risiko: "leeres" Haus. Hier bei Gus Black, 2011., © Falk Simon

Ihr teilt also den Verlust?

Wir teilen ihn ja noch nicht einmal: unser Anteil am Verlust ist wesentlich höher und meistens ist es so, dass man darauf auch verzichtet. Wir reden aber auf dem Clubniveau nicht über Honorar für eine künstlerische Leistung, das kann nämlich niemand bezahlen. Das ist das, was gerne vergessen wird: Wenn 150 Leute 12 Euro Eintritt bezahlen, dann können wir aus diesen Einnahmen nicht unsere laufenden Kosten decken. Die Technik wird alleine von drei Leuten bedient, und selbst wenn die nicht alle da sind, kostet die Anlage immer noch einen sechsstelligen Betrag, deren Nutzung uns mit Abschreibungen und Zinsen zwei bis dreihundert Euro kostet. Dazu kommen noch GEMA und Künstlersozialkasse und so weiter. Das heißt, wenn wir nicht an der Tür im Schnitt 1.500 Euro einnehmen, zahlen wir drauf. In den weitaus seltensten Fällen schaffen wir das. Man kann nur schwer draußen vermitteln, dass die Produktionskosten in einem Club wie dem Knust deutlich über 1.500 Euro/Tag liegen.

1.500 Euro ist ja eine ganz schöne Summe…

Damit sind die Booker noch nicht bezahlt. Personallöhne werden gerne vergessen in diesem Selbstausbeutungsbetrieb.

Du betrachtest das also durchaus als Selbstausbeutungsbetrieb?

Es ist Selbstausbeutung, da muss man gar nicht lange darum herum reden. Jeder Musikclubbesitzer beutet in erster Linie sich selbst aus. Das ist auch der Grund, warum man dieses Märchen der Gagenzahlung irgendwann vergessen muss. Auf unserem Niveau reden wir auf jeden Fall von Selbstausbeutung, sowohl was den Künstler auf der Bühne, als auch was den Betreiber betrifft. Der Künstler erreicht in den seltensten Fällen sein Ziel. Einer von 100 schafft es und das Gleiche gilt für die Clubbetreiber, nur haben die nicht die Chance zu wachsen, denn unser Club wird ja nicht größer, wenn wir gute Arbeit leisten.

BOY nach ihrem umjubelten Auftritt im Knust, 2011.

BOY nach ihrem umjubelten Auftritt im Knust, 2011., © Nina Schober

Dann stellt sich natürlich die knallharte Frage, warum Du das überhaupt machst.

"I have a dream", sagte der Bürgermeister. Ich mache das in erster Linie, weil ich daran glaube, dass wir etwas für unsere Stadt und unsere Seele wichtiges tun, aber wir tun es bestimmt nicht, um Geld zu verdienen. Der entscheidende Punkt ist: Ich arbeite nicht für Geld. Wenn man akzeptiert, dass man für einen anderen Wert außer Geld arbeitet, dann ist man aus diesen herkömmlichen Betrachtungsweisen raus. Das Schizophrene ist aber, dass wir gezwungen werden, uns hart mit Geld auseinanderzusetzen, weil wir sonst pleitegehen. Wir sind gute Kaufleute geworden, aber nicht mit der Zielvorstellung einen Porsche bestellen zu können oder ein Eigenheim mit Hund und Baum zu besitzen, sondern um zu überleben.

P.S.: Mehr Informationen über das Knust und zahlreiche andere Clubs findet ihr in unserem neuen Locationguide.

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Locations

Knust

Knust

Neuer Kamp 30, 20357 Hamburg

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