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"Das Knust muss sich immer wieder neu erfinden"

Knust-Booker Tim Peterding über neue Formate und die notwendige Markenpflege für Clubs

Interview von Jan Paersch
veröffentlicht am 01.02.2019

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Knust-Booker Tim Peterding über neue Formate und die notwendige Markenpflege für Clubs

Tim Peterding. © (privat)

Die Freiluft-Saison ist noch fern, dennoch dreht sich unser Gespräch mit Knust-Booker Tim Peterding nicht nur um das Jobprofil eines Bookers, sondern auch um den Sinn von Openairs draußen vor dem Club und darum, dass man sich anderen Genres öffnen muss, wenn man mit Jazz Geld verdienen will.

Tim Peterding sitzt im Café direkt gegenüber der alten Schlachthalle, in der das Knust seit 2001 beheimatet ist. Die Wurzeln des traditionsreichen Hamburger Clubs reichen bis in das Jahr 1966 zurück.

Peterding ist seit 2011 Booker im Knust, das wie kaum ein anderer Club in der Hansestadt mit über 300 Konzerten im Jahr für eine Vielfalt zwischen Indie, Punk, Soul und Singer/Songwriter steht. Und seit einigen Jahren auch für Jazz, das Spezialgebiet von Tim Peterding.

Backstage PRO: Tim, wie ist dein Werdegang in der Konzertbranche?

Tim Peterding: Ich komme aus Kleinenbremen, einem Ort im Weserbergland. In der Gastwirtschaft meines Vaters habe ich angefangen, Veranstaltungen auf dem Dorf zu machen, weil ich in der örtlichen Funk- und HipHop-Szene gut vernetzt war. Mein Vater war der Initiator, er ermutigte mich – dabei passten in den Laden gut 400 Leute. Ich hatte eine Reihe namens Soundtology ins Leben gerufen, die sofort gut ankam. Ich habe dann auch ein Festival mitorganisiert, das waren die ersten Gehversuche in der Veranstaltungsbranche.

Backstage PRO: Wie war das später in Hamburg?

Tim Peterding: Hamburg war für ein Dorfkind wie mich eine krasse Umstellung. Als ich hier 2005 ankam, habe ich, um Geld zu verdienen, erst einmal im Lager geschuftet. Dann kam eine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann, weil ich keine Stelle als Veranstaltungskaufmann gefunden habe. Über Kontakte bekam ich dann aber doch eine Lehrstelle im Knust und fing 2011 an. Gastronomisches Arbeiten kannte ich schon. Hier konnte ich das mit dem Kulturellen und Subkulturellen zusammenbringen. Das war unglaublich interessant – ich hätte zum Beispiel nie gedacht, wie groß die Rockabilly-Szene ist, und welche Rituale es da gibt. Das war auch ein bisschen private Feldforschung.

"Von Jazz bis Punk funktioniert im Knust alles"

Backstage PRO: Was macht das Knust aus? Geschäftsführer Karsten Schölermann sagte 2012 im Backstage PRO-Interview: "Alle wollen in Hamburg spielen, daher sind Servicemerkmale entscheidender als unser persönlicher Geschmack." 

Tim Peterding: Das Knust war nie ein Spezi-Laden, sondern hat immer versucht, ein breites Spektrum abzubilden und zu schauen, wie sich der Musikmarkt entwickelt. Das Molotow [ein Interview mit den Bookern dieses Clubs findet ihr hier; Anm.d.Red.] macht gute Arbeit im Bereich Indie – wir dagegen haben uns immer neu erfinden müssen. In einer kleineren Venue kannst du dich eher spezialisieren. Die Agenturen schauen schon, für welchen Sound ein Club steht, aber wir bekommen Anfragen aller Art, weil wir breit aufgestellt sind. Da sind wir auch Dienstleister. Von Jazz bis Punk funktioniert hier alles. Wir haben im Jahr 300 Innen- und 50 Außenproduktionen. Und das sind nur die Konzerte, dazu kommen noch Parties wie Bundesliga-Public-Viewing. Da muss alles passen, die technische genauso wie die Büro-Infrastruktur.

"Es ist einfach geil, viel Zeit und Liebe hineinzustecken"

Backstage PRO: Dennoch kommt ihr bei so vielen Veranstaltungen sicher mal an eure Grenzen.

Tim Peterding: Man muss auch schauen, wieviel eigene Konzerte man mit seinem Personal stemmen kann. Aktuell verändert sich das Verhältnis. Früher hatten wir vielleicht 80 Prozent Fremd- und 20 Prozent Eigenveranstaltungen. Das hat sich verschoben, wir machen jetzt mehr nach eigenem Geschmack, das macht uns auch unabhängiger von Bookingagenturen. Eine gewisse Definition muss sein, es darf nie wahllos werden. Jazz entspricht meinem persönlichen Geschmack. Es ist einfach geil, da viel Zeit und Liebe hineinzustecken.

Backstage PRO: Woher weiß man, was funktioniert?

Tim Peterding: Man beobachtet den Musikmarkt. Beispiel Jazz. Da schiele ich ständig mit einem Auge nach England hinüber. Dort passiert gerade so viel Spannendes, weil ein Generationenwechsel eingesetzt hat. Junge Musiker machen zeitgemäßen Jazz, dementsprechend verjüngt sich auch das Publikum und der Jazz verliert sein staubiges Image. Das Publikum ist zum größten Teil unter 30, Genres werden aufgebrochen. Da haben auch Festivals wie das Hamburger Überjazz Aufbauarbeit geleistet. Es wird nicht mehr so engstirnig sortiert. Wir machen hier Jazz für den Club. Wer als Jazzer eine geile Live-Performance bietet, kann damit in jedem Rockclub auftreten. 

"Jazz hat sich selbst kaputt subventioniert"

Backstage PRO: Woher kommen dieser Typ Jazzmusiker, der bei eurer Reihe "Jazzhouse" auftritt?

Tim Peterding: Die jungen Jazzer sind vielfältiger, die haben alle in völlig verschiedenen Bands gespielt. Die sind unfassbar gut vernetzt! Und waren oftmals lange mit ihren eigenen Backlines unterwegs, und mussten einfach Geld rein bekommen. Das Genre hat sich selbst kaputt subventioniert. Immens hohe Gagen, dazu eine Backline anmieten – mit solchen Gigs haben wir schon viel Geld verloren, z.B. als wir den ersten Jazzhouse-Weekender gemacht haben.

Backstage PRO: Bei euch sind auch schon früh Hamburger Jazz-Newcomer wie We don’t Suck We Blow und Rocket Men aufgetreten.

Tim Peterding: Diese Vernetzung funktioniert gerade auch in Hamburg. Da ist wenig Neid und Missgunst im Spiel, sondern ein gemeinsamer Kampf für die Sache. Die wollen dahin, wo es Spaß macht, zu spielen. Viele der alteingesessenen Jazzclubs haben Schwierigkeiten, sich über Wasser zu halten. Man muss sich öffnen. Heute merkt man, dass die Brücke zum Jazz total klein ist, gerade, wenn man die US-Szene mit Acts wie Kamasi Washington betrachtet. HipHop und Jazz sind historisch eng verwandt. Wir machen seit einigen Monaten sehr erfolgreich die Reihe "rejazzed" mit der Band Toytoy. Da kommen Leute, die eigentlich HipHop-Fans sind, um zu schauen, wie JazzmusikerInnen klassische HipHop-Alben interpretieren.

Backstage PRO: Aber kommt man mit jungem Jazz auf einen grünen Zweig?

Tim Peterding: Was unabdingbar ist: Dinge ausprobieren. Wir machen im Sommer mehrmals die Woche Open Air Konzerte auf dem Lattenplatz vor dem Knust, da können wir schon neue Formate austesten. Wenn von zehn Reihen eines funktioniert, das dann jahrelang läuft, ist das schon viel wert. Das "Jazzhouse Open Air" ist da ein neues Format für frischen, modernen Jazz. Der Eintritt ist frei, die Produktion wird am Ende vom Hut finanziert. 

"Open-Air-Konzerte machen wir nur fürs Image"

Backstage PRO: Der Lattenplatz liegt, wie das Knust, prominent zwischen Karolinen- und Schanzenviertel. Eine tolle, bunte Ecke, in der aber zuweilen auch Drogenkriminalität vorkommt.

Tim Peterding: Sobald Kultur stattfindet, ändert sich das. Wenn man einen Platz mit Liebe füllt, gibt es weniger dunkle Ecken. Unser Vermieter, die steg, die Stadtentwicklungs- und Erneuerungsgesellschaft Hamburg, begrüßt es ausdrücklich, wenn wir kulturell Licht auf den Platz bringen. Die Fläche soll für alle zugänglich sein, von 18 bis 20 Uhr machen wir ein Programm für alle, auch für Kinder und Familien. Mit Ausnahme der Knust Acoustics sind diese Veranstaltungen umsonst.

Backstage PRO: Wieviel Arbeit sind diese Open Air-Konzerte?

Tim Peterding: Wir bauen da schonmal mit vier bis sechs Leuten vier Stunden auf, und drei Stunden ab. Das ist ein Riesenaufwand. Das machen wir nicht zum Geldverdienen, sondern nur fürs Image. So pflegen wir die Marke Knust. 

Backstage PRO: Konzerte auf der Bühne im Club sind sicherlich weniger aufwändig, oder?

Tim Peterding: Drinnen können wir verhältnismäßig günstig produzieren. Man braucht auch nicht für jede Produktion einen Haufen Security-Leute. Eine kleine Produktion funktioniert mit drei Leuten: einmal Night Leader, einmal Bar, einmal Technik. 

Backstage PRO: Booking, Promotion, und Abenddurchführung – eigentlich machst du drei Jobs gleichzeitig, oder? 

Tim Peterding: Die abendliche Durchführung mache ich vor allem bei Acts, die mir persönlich am Herzen liegen. Ich versuche aber schon, so oft wie möglich da zu sein. Klar, das ist viel Arbeit, ich mache ja auch die Social-Media-Arbeit für Reihen wie Jazzhouse. Das Knust hat keinen expliziten Angestellten für Pressearbeit, das muss jeder für seine Acts selbst machen. Da muss man ganz gezielt seine Kontakte anschreiben, es reicht längst nicht, einfach nur monatlich die kommenden Veranstaltungen rauszuschicken.

"Auch ein finanzieller Fehlgriff ist eine Investition in die Marke"

Backstage PRO: International wirklich bekannte Namen liest man auf eurem Programm gar nicht so häufig.

Tim Peterding: Unser Problem: wir können nicht mit den Bands mitwachsen. Mehr als 500 passen bei uns nicht rein. Musiker wollen irgendwann mehr Geld verdienen, wenn sie größer werden. Wenn man feste Formate hat, macht man sich davon unabhängig. Dann kann man auch Künstler aufbauen. Die Knust Acoustics sind das beste Beispiel, da lässt sich das Publikum gern überraschen. Die Jazzhouse-Reihe geht in eine ähnliche Richtung. Finanziell mögen manche Veranstaltungen ein Fehlgriff sein, dennoch sind sie eine Investition in die Marke.

Backstage PRO: Wann ist eine Veranstaltung erfolgreich?

Tim Peterding: Wir haben drei Säulen: eine Veranstaltung sollte entweder monetär, kulturell oder politisch erfolgreich sein. Politisch bedeutet, dass wir Dinge machen, die wir selbst unterstützen möchten. Wir sind ein öffentlicher Raum und machen auch Arbeit fürs Viertel. "Rap for Refugees" ist nur ein Thema von vielen.

Backstage PRO: Vor sechs Jahren meinte Karsten Schölermann: "wenn wir an der Tür nicht im Schnitt 1.500 Euro pro Konzert einnehmen, zahlen wir drauf." 

Tim Peterding: Mittlerweile brauchen wir deutlich mehr. Eigentlich rechnet sich eine Produktion erst ab 200 Personen. Das Knust hat ungefähr 20 sozialversicherungspflichtig angestellte Personen. Karsten führt noch eine Sportagentur mit Events wie dem Halbmarathon, auch dafür wird unsere Gastronomie eingesetzt. Dazu kommen Festivals wie das Müssen Alle Mit. Das Defizit, das man oft an der Tür hat, muss man an der Bar reinholen.

Backstage PRO: Wie spontan kann ich mit meiner Band bei euch auftreten?

Tim Peterding: Der Markt wird größer, genau wie die Vorlaufzeiten. Wochenendtermine sind bei uns zum Teil schon 14 Monate im Voraus ausgebucht.

Backstage PRO: Vielen Dank für das Gespräch!

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