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Beweisen immer wieder ihr Gespür für Trends

"Man kämpft permanent ums Überleben": Interview mit Fred und Mario, Booker des Hamburger Molotow

Interview von Sebastian Meißner
veröffentlicht am 29.06.2016

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"Man kämpft permanent ums Überleben": Interview mit Fred und Mario, Booker des Hamburger Molotow

© Migel Ferraz

Fred (29) und Mario (39) arbeiten als Booker im legendären Hamburger Molotow. Im Interview mit Backstage PRO sprechen sie über ihren Job, über den Umzug des Molotow und darüber, welche Bands sie live noch immer begeistern können.

Die beiden Booker wählen aus der Masse an Bewerbungen diejenigen Bands und Djs aus, die zum Molotow passen – und prägen damit entscheidend das Gesicht des Clubs.

Backstage PRO: Könnt ihr euch noch an das erste Konzert erinnern, das ihr gebucht habt?

Fred: Ich habe beim Reeperbahn Festival 2008 in der damaligen Meanie Bar aus Eigeninitiative heraus ein Programm gebucht. Das kam sehr gut an und mache ich auch bis heute noch. Daraus hat sich auch die komplette Umgestaltung der Meanie Bar zur Molotow Bar entwickelt, die ich konzeptioniert und umgesetzt habe.

Mario: Die erste Band, die ich gebucht habe, waren Bright Eyes. Damals war ich noch Plakatierer für das Molotow. Als ich gerade mal wieder ein paar neue Poster abholen wollte, hab ich mitbekommen, dass das Team sich nicht ganz sicher war, ob sie die Bright Eyes buchen sollten oder nicht. Die waren ja eine kleine Nummer zu der Zeit. Ich hab mich dann eingemischt und gesagt, dass das eine tolle Live-Band ist und dass das garantiert ausverkauft wird. Und so kam es dann auch. So bin ich Booker vom Molotow geworden. 2002 war das.

Backstage PRO: Habt ihr vorher schon Veranstaltungen organisiert?

Mario: Ja, ich hab schon im Kir in Altona Veranstaltungen gemacht.

Fred: Ich komme ursprünglich aus dem Hamburger Umland. Zu Schulzeiten haben wir mit Freunden das Delikatess Musikkollektiv gegründet. Weil sonst nichts los war und wir uns der Dorfdisko nicht auf die Fresse hauen lassen wollten, haben wir selbst Konzerte und Partys veranstaltet.

Aus dem Musikkollektiv hat sich 2009 dann Delikatess Tonträger heraus gehoben, eine für Indenpentverhätnisse sehr erfolgreiche Plattenfirma. 2005 bin ich für den Zivildienst nach Hamburg gezogen. Als das vorbei war, hab ich mich dann beim Molotow als Praktikant beworben und wurde genommen. Später bin ich dann der erste Molotow Azubi geworden und nach meiner Ausbildung als Programmdirektor fest angestellt.

"Unser Job besteht aus einem ausgeprägten Bauchgefühl, aber auch Wissen"

Backstage PRO:  Wie wählt ihr aus der Masse an Bewerbungen die richtigen Bands fürs Molotow aus?

Mario: Bei uns trudeln jeden Tag zwischen 20 und 50 Bewerbungen ein. Viele Sachen scheiden von vorneherein aus. Bands, die einfach blind rumsenden und sich mit dem Molotow gar nicht beschäftigt haben, also zum Beispiel Blues- und Jazz-Bands. Sowas machen wir gar nicht. Aus dem Rest wählen wir die Sachen aus, die zum Molotow und seinem Publikum passen. Wir müssen abwägen, ob genügend Leute kommen oder ob vielleicht nur wenige, aber wir die Band trotzdem haben wollen, weil sie cool ist.

Ein Stück weit besteht unser Job also aus einem ausgeprägten Bauchgefühl, aber auch Wissen, das man sich tagtäglich drauf schaffen muss. Ohne gewisse Kenntnisse und einen großen Erfahrungsschatz würde es nicht funktionieren.

Backstage PRO: Seid ihr euch bei der Auswahl immer einig?

Fred: Wir haben schon verschiedene Schwerpunkte.

Mario: Fred kennt sich im HipHop zehn Mal besser aus als ich. Dafür gibt es Bereiche, in denen ich mich besser auskenne. Wir teilen das also schon ein Stück weit auf. Natürlich gibt es immer wieder auch mal Sachen, wo wir uns nicht einig sind. Aber genau da wird es spannend. Also jetzt gerade hatte ich eine Punk/Hardcoreband, bei der alle Kollegen gesagt haben: Oh Gott, die sind gruselig. Ich hab die dann trotzdem gebucht, weil ich die geil fand, ohne genau sagen zu können, warum. Das ist aber die Ausnahme, in der Regel schätzen wir die Sachen schon ähnlich ein.

"Es ist alles immer ganz knapp an der Grenze finanziert"

Backstage PRO: Es steht also nicht immer ein volles Haus im Vordergrund?

Fred: Naja, im besten Falle ist ein Konzert am Ende für alle toll: für die Bands, für die Techniker, fürs Publikum – und für den Club. Es gibt Bands, bei denen weiß man, daß wahrscheinlich keiner kommt. Trotzdem macht man das. Schön sind positive Überraschungen, wenn der Laden am Ende doch voll ist.

Mario: Stimmt. Und manchmal verpasst du diesen Punkt nur um einige wenige Wochen. Ich muss da immer an Royal Blood denken. Da mussten wir um jeden einzelnen Besucher kämpfen. Am Ende war es trotzdem nicht voll. Und die, die da waren, sind überwiegend wegen der Support-Band gekommen. Ein paar Wochen später spielen die in der ausverkauften Großen Freiheit. So was erlebst du immer wieder. The Killers, TV on the Radio – die Liste ist unendlich lang.

Backstage PRO: Ist dieses Abwägen zwischen Publikumszuspruch und musikalischer Ausrichtung für einen Club in dieser Größenordnung eine besondere Herausforderung?

Mario: Absolut. Weil egal, wie gut es läuft, alles immer ganz knapp an der Grenze finanziert ist. Immer. Also so lange ich da bin, war es immer so auf des Messers Schneide. Das Molotow hat in seiner Geschichte mehr Krisenzeiten erlebt als Phasen, in denen es entspannt lief, in denen man sich keine Sorgen um die Zukunft machen muss. Das war schon immer so, seit ich hier bin.

"Einen Club mit einer 300er-Kapazität zu betreiben ist eigentlich wirtschaftlicher Selbstmord"

Backstage PRO: Woran liegt das?

Mario: Das liegt ganz einfach an der Grundkonzeption eines Musik-Clubs in dieser Größenordnung – auch wenn das Molotow jetzt am neuen Standort etwas größer ist als früher. Einen Club mit einer 300er-Kapazität zu betreiben ist eigentlich wirtschaftlicher Selbstmord. Man kann mit einem solchen Club nicht so viel verdienen, dass man automatisch in ruhigem Fahrwasser schwimmt. Das schließt sich aus. Allein die normalen Kosten, die jedes Jahr steigen, verhinderrn das. Egal, wie schnell man sich da anpasst– man hinkt eigentlich immer hinterher.

Backstage PRO: Das klingt anstrengend. Woher nehmt ihr die Kraft dafür?

Mario: Das ist ein bisschen Selbstausbeutung. Die Kraft kommt daher, dass wir einfach so unglaublich Bock auf diesen Club haben. Sonst würd das alles auch niemals klappen. Und wir bekommen ja auch viel zurück: Eine gute Show, positives Feedback von den Leuten – das ist es, was mir immer wieder zeigt, wie geil es ist, hier zu arbeiten. Aber es ist superhart. Man kämpft eigentlich permanent, den Hauptteil des Jahres, ums Überleben. Das muss man so sagen. Und in den letzten zwölf Monaten war es besonders hart mit zwei Umzügen in so kurzer Zeit.

Backstage PRO: Gab es in dieser Zeit einen Punkt, an dem ihr geglaubt habt, es geht jetzt nicht mehr weiter, das war's ?

Fred: Ja, im letzten Jahr, als wir von einem auf den anderen Tag evakuiert wurden ist, gab es mehrfach den Punkt, an dem die Chancen schlecht standen und es einfach keine Aussicht auf einen neuen Club gab. Es ist inzwischen super schwierig, in St. Pauli eine Räumlichkeit für einen Liveclub zu finden.

"Alles kannst du hier ausprobieren"

Backstage PRO: Nun habt ihr endlich eine Bleibe gefunden. Welche neuen Möglichkeiten bietet euch der neue Club?

Fred: Die Bühne und Fläche im Hauptraum ist etwas größer als früher. Außerdem haben wir hier jetzt drei Bühnen: eine in der Sky-Bar im 2. Stockwerk mit Ausblick auf die Reeperbahn, wo 150 Menschen reinpassen und noch eine kleinere im Karate-Keller. Im Januar haben wir erstmals im neuen Laden ein eigenes Festival durchgeführt, das „Mach 3-Festival“. Da haben Bands drei Tage lang auf allen drei Bühnen gespielt.

Backstage PRO: Das Festival kam beim Publikum richtig gut an. Wird es eine Fortsetzung geben?

Fred: Das Festival wird auf jeden Fall fortgesetzt. Wir sind schon wieder mitten in den Planungen. Das schöne ist: Alles, was dir in den Kopf kommt, kannst du hier ausprobieren.

Mario: Das Festival war gut besucht und es war auch notwendig für das Team, nachdem wir jetzt so lange mit Umziehen und Überleben zu tun hatten. Wir wollten alle endlich mal wieder ein dickes Ding veranstalten. Weil das ist der Grund, warum wir jeden Tag hier sind.

Backstage PRO: Werden solche Ideen bei euch gemeinschaftlich entwickelt?

Mario: Ja. Wir arbeiten sehr demokratisch. Jeden Montag gibt es ein Treffen, bei dem wir alles diskutieren, was anliegt.

Fred: Und am Ende setzt sich immer die beste Idee durch, ganz egal, wer sie hatte.

Mario: Da sind hier alle gleich, ohne dass das jemals so als Regel aufgestellt wurde. Es gibt eigentlich keine Hierarchie, und das macht den Weg frei für neue Ideen. Und neue Ideen sind das, wovon das Molotow lebt. Wir haben uns vor Jahren gesagt, dass wir nur überleben können, wenn wir immer neue junge Leute einbinden, die hier bei uns auch ihre eigenen Veranstaltungen machen. Übers Jahr verteilt haben wir mindestens vier, fünf Praktikanten bei uns.

"Wir entscheiden: Ist die Band gut oder nicht."

Backstage PRO: Mal so ganz allgemein: Ist die Qualität der Bewerbungen heute höher oder niedriger als vor – sagen wir – zehn Jahren? Oder gibt es da gar nicht so große Unterschiede?

Fred: Durch das Internet ist heute viel mehr Masse da. Du kannst heute alleine mit deinem Rechner eine ganze Platte aufnehmen und dir ne Homepage basteln und damit Clubs bemustern.

Mario: Es wird auch viel geschummelt. Hinter vielen Platten, die ok sind, steckt nicht einmal eine echte Band. Ich hab schon Bands erlebt, die haben durchaus gute Songs bei iTunes eigestellt, hatten live aber nicht einmal die Qualität einer Schülerband. Also das sind schon ganz schön skurrile Zeiten im Moment.

Backstage PRO: Seit Jahren werden immer weniger Tonträger verkauft. Der Markt verändert sich stark. Könnt ihr beschreiben, wie sich das auf eure Arbeit auswirkt?

Mario: Faktisch ist es ja so, dass das Live-Geschäft inzwischen viel wichtiger ist als das Plattengeschäft. Insofern haben wir ein Stück weit das A&R der Plattenfirmen übernommen. Weil wir denen die erste Präsenz in Medien und beim Publikum klarmachen. Die Live-Clubs sind mehr oder weniger die Gradmesser, ob eine Band Erfolg hat oder nicht. Oft hat eine Band schon drei, vier Tourneen gespielt, bevor sie im Studio ihre erste Platte aufnimmt, bevor ein A&R auf sie aufmerksam wird. Wir sind mit den Konzertagenturen die wirklichen A&R. Wir entscheiden: Ist die Band gut oder nicht.

Backstage PRO: Wie oft haut euch eine Band noch richtig aus den Schuhen?

Fred: Immer wieder. Gestern Wanda zum Beispiel. Die waren Hammer!

Mario: Geht mir auch so. Ich denke da zum Beispiel an Royal Blood. Die waren auf Platte schon gut. Live aber sind sie der Oberhammer. Solche Überraschungen gibt es immer wieder. Und das sind dann genau die Bands, die den Sprung über das Molotow hinaus auf die ganz großen Bühnen schaffen. Das sieht und spürt man live ganz schnell.

Mando Diao ist auch so ein Fall. Die waren bei ihrer ersten Show bei uns unfassbar gut. Und so unfassbar cool. Es war unerträglich heiß und die haben trotzdem ihre Lederjacken angelassen, vom ersten bis zum letzten Song. Obwohl ihnen das Wasser in die Schuhe gelaufen ist. Die wussten einfach, was sie wollen. Und man hat gespürt, dass die sich das auch holen werden. 

Dasselbe gilt für die Black Keys oder Dresden Dolls. Alles Bands, bei denen wir mit offenem Mund im Publikum standen. Und das passiert zwar nicht oft, wenn man so viele Bands gesehen hat über die Jahre. Aber es kommt vor. Zum Glück.

Backstage PRO: Vielen Dank für das Gespräch.

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Molotow – das Buch

25 Jahre Molotow – das ist ein Vierteljahrhundert Rock’n’Roll-Geschichte. Mit enormem Gespür für Trends, kreativen Ideen und dank einer breiten Solidarität hat das Molotow immer wieder auch Krisen überstanden. Dadurch ist der Club längst zu einem Sinn- und Vorbild für den Kampf gegen Verdrängung und Aufwertungsprozesse in St. Pauli geworden.

Das Interview ist in Sebastian Meißners neu erschienenem Werk "Molotow – das Buch" enthalten, das uns der Autor freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Es ist anlässlich des 25-jährigen Jubiläums im Junius Verlag erschienen, bietet auf 160 Seiten ca. 300 Abbildungen und kostet 22,90 Euro.

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