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"Keines unserer Konzerte ist auch nur annähernd kostendeckend"

Kultur abseits der Städte: Andreas Becker über seine Arbeit als Booker des Musikclubs Kinett in Kusel

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 13.11.2025

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Kultur abseits der Städte: Andreas Becker über seine Arbeit als Booker des Musikclubs Kinett in Kusel

Andreas Becker, künstlerischer Leiter des Kinetts in Kusel. © AB

Der vielfach preisgekrönte Musikclub Kinett in Kusel begeistert Musikliebhaber mit einer vielfältigen und kreativen Programmplanung. Im Interview spricht der künstlerische Leiter Andreas Becker über seine Arbeit, warum das Kinett vor einem schwierigen Jahr 2026 steht und warum er dennoch weitermacht.

BackstagePRO: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, in einem ehemaligen Kino einen Club zu eröffnen?

Andreas Becker: Wir haben vorher den Club Schalander betrieben, der nur ein paar hundert Meter vom Kino entfernt war. Das Schalander war aber in einem Kellergewölbe, weshalb es während der Corona-Pandemie nur über eine sehr geringe Kapazität verfügte. Also haben wir Open Air-Shows veranstaltet und parallel nach einer Ausweich-Location gesucht. 

Bei uns in Kusel gibt es einiges an Leerstand, darunter auch zwei alte Kinos, die wir vorher schon als Locations im Blick hatten. Als der letzte Kino-Pächter des Kinetts aufgehört hat, wurde den Besitzern klar, dass hier wohl niemand mehr ein Kino betreiben wird. So kamen wir schließlich ins Spiel.

Zunächst war das Kinett als Zwischenlösung gedacht, inzwischen ist es ein dauerhaftes Provisorium. Wir hätten die Kneipe am Standort des alten Clubs gerne weitergeführt, aber mit den Besitzern konnten wir uns nicht einigen. Trotzdem machen wir natürlich weiter: Das Kinett hat jeden Tag geöffnet, und man kann jederzeit zu uns kommen.

BackstagePRO: Wie ist die Arbeitsverteilung zwischen dir und Wolfram Butz?

Andreas Becker: Wolfram ist der Inhaber der Kneipe, und ich betreibe eine Plattenfirma, einen Backline-Verleih und kümmere mich um das Booking. Außerdem bin ich bildender Künstler. Wir arbeiten also im Prinzip als zwei eigenständige Unternehmen zusammen.

"Wir wollten in Kusel einen Musikclub eröffnen"

BackstagePRO: Wie bist du dazu gekommen, dich so breit aufzustellen?

Andreas Becker: Im Grunde mache ich das schon seit ich 16 bin – und im Laufe der Zeit ist einfach immer mehr hinzugekommen. Wer lange Gitarre spielt, sammelt irgendwann viele Gitarren und Verstärker. Wenn man mit Tontechnikern unzufrieden ist, muss man sich selbst beibringen, wie es besser geht. Auch Plakate mache ich schon seit meiner Jugend. 

Früher gab es in Kusel ein Jugendzentrum, in dem ich schon als Jugendlicher Konzerte veranstaltet habe. Später organisierte ich auf der Burg Lichtenberg ein relativ großes Festival – für die damalige Zeit war das sogar sehr groß. Das begann gegen Ende der 1990er-Jahre. Von da an kam alles mehr oder weniger nach und nach hinzu.

Später habe ich Kunst in Karlsruhe studiert und dort weiterhin Konzerte veranstaltet, Partys organisiert und dazu zeitweise Ausstellungsräume betrieben. Irgendwann erkannten wir dann die Notwendigkeit, in Kusel wieder einen Musikclub zu eröffnen. Im Juni 2015 ging es dann mit dem Schalander los, also vor genau 10 Jahren.

"Ich wähle nur Bands aus, die mir gefallen"

BackstagePRO: Wie gehst du das Booking an?

Andreas Becker: Ich wähle nur Veranstaltungen aus, die mir selbst gefallen. Einen Club zu betreiben, der keinen Gewinn abwirft, und dann Bands zu buchen, die mir nicht zusagen, nur weil ich denke, dass sie Besucher anziehen könnten, erscheint mir wenig sinnvoll.

BackstagePRO: Aber wie kommst du an die Bands?

Andreas Becker: Ich wähle aus den Angeboten aus, die ich von Agenturen bekomme. Ich kann nicht einfach zu einer Agentur gehen und sagen: "Ich hätte gerne am Samstag, 4. Oktober 2026, diese und jene Band". Wenn das überhaupt jemand liest, wissen die gar nicht, wo Kusel ist und die Anfrage landet sofort im Papierkorb.

Stattdessen versuche ich das Programm immer weiter zu verbessern und immer neue Angebote von anderen Agenturen zu erhalten. Nur so funktioniert das. Ich kann aber nicht alle Vorschläge anhören, man muss sich schon eine Strategie überlegen, mit der Flut an Angeboten umzugehen. Oft reicht mir die Betreffzeile für eine erste Einschätzung.

"Die Auftritte müssen sich für beide Seiten rechnen"

BackstagePRO: Von welchen Agenturen erhältst du die Angebote?

Andreas Becker: Im Gegensatz zu den meisten anderen Clubs arbeiten wir fast ausschließlich mit ausländischen Agenturen zusammen. Deutsche Agenturen wollen in der Regel nicht, dass Bands in so kleinen Orten auftreten. Wenn wir auf die Bands aufmerksam werden, sind diese meist schon ein Stück größer, dass wir sie uns gar nicht mehr leisten könnten. Deshalb müssen wir – wenn wir ein gutes Programm bieten wollen – diesen Weg gehen. Unser Saal hat eine Kapazität von 120 Besuchern und es muss sich für beide Seiten irgendwie rechnen.

BackstagePRO: Musikalisch bietet das Kinett ein breites Spektrum von Psychedelic-Rock bis Darkwave. Oder wie würdest du es zusammenfassen?

Andreas Becker: Wir machen auch Jazz, Avantgarde und Pop-Musik. Das ist mir wichtig- ich betrachte ohnehin alles als Popmusik. Es soll nicht darum gehen, dass man einer bestimmten Szene angehört, sondern dass man einfach auf ein Konzert gehen kann und sagt: Das ist gut.

Vorgestern hatten wir Cousins Like Shit aus Wien zu Gast. In einer besseren Welt würden die nicht im Kinett vor 40 bis 50 Leuten spielen, sondern Stadthallen mit tausend Leuten ausverkaufen. Für uns ist das natürlich großartig. Wenn ich erlebe, welche fantastischen Bands heute bei uns auftreten, hätte ich das nicht erwartet, als wir vor zehn Jahren angefangen haben. 

"Die Bands sind begeistert vom Kinett"

BackstagePRO: Wie reagieren die Bands auf das Kinett und ihren Auftritt dort?

Andreas Becker: Der Raum besitzt eine eigene Ausstrahlung, und deshalb sind die meisten sofort begeistert. Das liegt auch an der großen Bühne. Selbst Bands, die sonst in Berlin spielen, treten meist in winzigen Clubs auf und müssen sich auf Bühnen quetschen, die vielleicht gerade mal drei mal vier Meter groß sind. Unsere Bühne bietet ihnen deutlich mehr Platz – darüber freuen sie sich immer.

Dazu kommt, dass sie bei uns mit Essen versorgt werden und eine Bandwohnung in Laufnähe erhalten, sodass sie nicht quer durch die Stadt müssen. Das ist schon mehr, als die meisten anderen Veranstalter anbieten. Außerdem stellen wir eine Menge Backline bereit. Wenn Bands ihre Backline zum Beispiel aus Amerika mitbringen, zählt oft eher nicht die Qualität, sondern das, was in den Bus passt. Wir haben zum Beispiel eine ziemlich gute Bass-Anlage, und darüber freuen sie sich immer sehr.

BackstagePRO: Welche akustischen Eigenschaften hat der Konzertraum? 

Andreas Becker: Es gibt Studios, die ähnlich gebaut sind wie dieser Raum: Es hat keine parallelen Wände und dazu einen schrägen Boden. Wir haben außerdem einige Absorber an der Decke installiert. Vorher war der Sound schon ganz gut, aber gerade wenn eine Band einen lauteren Monitorsound wollte, verteilte sich der Schall ungünstig. Das haben wir mit den Absorbern komplett gelöst – jetzt funktioniert alles einwandfrei. Aus meiner Sicht hat das Kinett den nahezu perfekten Konzertraum – da kann man wirklich nicht viel verbessern.

"Wir versuchen, die Menschen persönlich zu betreuen"

BackstagePRO: Kusel ist die zweitkleinste Kreisstadt Deutschlands und befindet sich im Nordpfälzer Bergland, das sowieso eher dünn besiedelt ist. Der Zuschauerzuspruch ist daher ein konstantes Problem, richtig?

Andreas Becker: Natürlich würden wir uns freuen, wenn mehr Leute kommen würden. Aber wir können mit unseren Mitteln nur das machen, was möglich ist. Wir versuchen, das bestmögliche Programm zu machen und die Menschen, die dann kommen, persönlich zu betreuen – die Bands ebenso wie das Publikum. Gerade die Kids, die zu uns finden, versuchen wir wie kleine Pflänzchen zu pflegen – in der Hoffnung, dass sie bleiben.

Dazu haben wir eine Abo-Karte eingeführt: Für 150 Euro kann man ein Jahr alle Konzerte besuchen, auch die, bei denen man die Band vielleicht noch gar nicht kennt. So kann jemand, der eigentlich Grindcore hört, auch mal bei einer Folksängerin aus Portland landen – und geht dann begeistert wieder raus. 

BackstagePRO: Die Schwierigkeiten, Kulturprogramm im ländlichen Raum zu veranstalten, sind beträchtlich, oder?

Andreas Becker: Ja. Da unser Club schon irgendwie am Ende der Welt ist, macht es das schwer, unser Programm zu transportieren und bekannt zu machen. Selbst im Nachbarkreis, im Kreis Birkenfeld, gibt es andere Lokalzeitungen und andere Strukturen, dabei beträgt die Entfernung gerade einmal 20 Kilometer. Man ist in zehn Minuten über die Autobahn bei uns, aber natürlich nur mit dem Auto, denn der öffentliche Nahverkehr fällt praktisch aus.

BackstagePRO: Wie wichtig sind ehrenamtliche Helfer für euch?

Andreas Becker: Es gibt immer wieder Leute, die mithelfen. Manche sind alte Bekannte, mit denen wir schon lange zusammenarbeiten. Wolframs Sohn ist jetzt 19 und hilft immer wieder mit. In seiner Freundesgruppe gibt es auch eine Handvoll, die immer mal wieder mit anpacken. Meine Tochter ist jetzt 15, und sie muss auch immer mal wieder einspringen.

"Das nächste Jahr wird ziemlich hart"

BackstagePRO: Welche Rolle spielt staatliche Förderung für das Kinett beispielsweise durch die Initiative Musik?

Andreas Becker: Fast keine unserer Veranstaltungen ist auch nur annähernd wirtschaftlich - das muss man einfach so sagen. Deswegen wird das nächste Jahr auch ziemlich hart. Wir wissen schon, dass wir den APPLAUS-Preis dieses Jahr nicht gewinnen werden und beim Live 500 Gage-Zuschussprogramm der Initiative Musik waren wir für die dritte Runde nicht antragsberechtigt, weil wir schon in den ersten beiden Runden dabei waren. Stand jetzt ist unsere Förderung für nächstes Jahr als null – und das ist schon ganz schön wenig. 

BackstagePRO: Wie kann man dieses Problem lösen?

Andreas Becker: Wir haben nicht die größte Lobby, da wir in Rheinland-Pfalz quasi am Ende der Welt zu Hause sind. Aktuell verhandele ich mit dem Land, ich bin auch optimistisch, dass wir am Ende etwas erhalten werden, aber das ist keineswegs sicher.

"Die Wertschätzung für unsere Arbeit wächst"

BackstagePRO: Wie ist euer Verhältnis zur Stadt Kusel? Unterstützt die euch?

Andreas Becker: Unterstützung bekommen wir von der Stadt nicht, das ist ja klar. Hier ist ja nichts zu holen, weder bei der Stadt noch beim Landkreis, noch bei der Verbandsgemeinde, die sind alle pleite.

Aber Wolfram sitzt im Stadtrat, und mittlerweile wissen sie dort schon, was sie an uns haben. Es gibt auch Kooperationen mit der Kreisverwaltung: Zum Beispiel organisieren wir Kinovorführungen am Weltfrauentag oder die Jugendzentrale veranstaltet eine Pyjamaparty für Mädchen. Die Wertschätzung wächst jedenfalls – und wenn man sich die politische Lage anschaut, wird ein Ort wie unserer sowieso jeden Tag wichtiger. 

BackstagePRO: Vielen Dank für das Gespräch!

Locations

Kulturzentrum Kinett

Kulturzentrum Kinett

Am Hofacker 11, 66869 Kusel

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