×

Hohe Nachfrage, sinkende Erträge

Berliner Clubkultur im Wandel: Wirtschaftlicher Druck verändert Geschäftsmodelle

News von BackstagePRO
veröffentlicht am 11.08.2026

liveszene clubsterben clubcommission berlin

Berliner Clubkultur im Wandel: Wirtschaftlicher Druck verändert Geschäftsmodelle

Vorstellung der Studie mit Staatssekretär Michael Biel, Prof. Dr. Klaus Goldhammer (Goldmedia) und Kai Sachse (Clubcommission). Durch die Veranstaltung führte Katharin Ahrend (Clubcommission). © Lisa Vlasenko

Die Nachfrage nach Berliner Clubkultur bleibt hoch, dennoch arbeitet nur noch eine knappe Mehrheit der Clubs kostendeckend. Eine neue Studie der Clubcommission Berlin zeigt, wie steigende Kosten die Geschäftsmodelle der Clubs grundlegend verändern.

Die Berliner Clubszene hat weiterhin kein Nachfrageproblem. Die Clubs sind voll, das Interesse am Nachtleben und an Musik bleibt ununterbrochen. Wirtschaftlich sieht die Situation allerdings deutlich schwieriger aus.

Das zeigt die Studie "Clubkultur Berlin 2026", die die Clubcommission Berlin gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe vorgestellt hat. Die Untersuchung macht vor allem deutlich, wie sehr sich das Geschäftsmodell der Berliner Clubs in den vergangenen Jahren verändert hat. 

Der Eintritt muss auffangen, was an der Bar fehlt  

Besonders sichtbar wird der Wandel bei der Zusammensetzung der Einnahmen. 2017 erwirtschafteten Berliner Clubs rund 60 Prozent ihrer Einnahmen über Gastronomie und Getränke. Eintrittsgelder machten damals lediglich 21 Prozent aus. 

Heute ist das Verhältnis nahezu umgekehrt. 59 Prozent der Einnahmen stammen aus Eintrittsgeldern. Der Grund dafür liegt vor allem im veränderten Konsumverhalten des Publikums. Besucher trinken weniger Alkohol, bleiben kürzer und entscheiden sich bewusster, für welche Veranstaltung sie Geld ausgeben.  

Für Clubs bedeutet das einen erheblichen Einschnitt. Der Getränkeverkauf, der lange Zeit einen wichtigen Teil der kulturellen Arbeit mitfinanzierte, verliert an Bedeutung. Gleichzeitig steigen die Kosten für Personal, Energie, Mieten und den laufenden Betrieb. Die Entwicklung des Eintrittspreises  zum zentralen Bestandteil der Finanzierung des eigentlichen Kulturbetriebs verändert zudem auch die Kalkulation von Veranstaltungen. 

Bemerkenswert ist ein Widerspruch bei der Förderung: 74 Prozent sehen sich zunehmend auf öffentliche Mittel angewiesen, 39 Prozent beantragen verstärkt Fördermittel. Diese machen aber nur 2 Prozent der Umsatzstruktur aus.

Hohe Auslastung schützt nicht vor Verlusten 

Wie weit die wirtschaftliche Entwicklung von der tatsächlichen Nachfrage entkoppelt ist, zeigt ein weiteres Ergebnis der Studie. 83 Prozent der befragten Clubs und Veranstaltern erreichen eine Auslastung von mindestens 50 Prozent.  

Trotzdem arbeiten deutlich weniger Betriebe kostendeckend als noch vor einigen Jahren. 2017 gaben 79 Prozent der Clubs an, mindestens kostendeckend zu arbeiten. 2025 waren es nur noch 61 Prozent. Die Rechnung ist paradox. Mehr als acht von zehn Befragten berichten von einer relevanten Auslastung, aber vier von zehn Clubs schaffen es trotzdem nicht, ihre Kosten zu decken.

Das Programm der Clubs verändert sich

Die größte Belastung liegt laut Studie bei den Personalkosten. 64 Prozent bezeichnen sie als den wichtigsten Kostenfaktor. Dahinter folgen die Betriebskosten mit 62 Prozent und die sinkende Kaufkraft des Publikums mit 60 Prozent.

Der wirtschaftliche Druck bleibt dabei nicht ohne Folgen für das Programm. 85 Prozent der Befragten geben an, dass sich ihre Programmgestaltung aufgrund der wirtschaftlichen Situation verändert hat. Für Veranstalter bedeutet das letztlich weniger Spielraum bei der Programmplanung. Wenn eine Veranstaltung nicht mehr allein über Ticket- und Gastronomie-Umsätze wirtschaftlich tragfähig ist, steigt der Druck, Risiken zu reduzieren und Angebote stärker nach ihrer wirtschaftlichen Tragfähigkeit auszurichten.

Das Problem beginnt nicht erst an der Kasse

Neben den Einnahmen und laufenden Kosten ist vor allem die Verfügbarkeit geeigneter Räume ein strukturelles Problem. Nur acht Prozent der Betriebe, die an der Studie teilgenommen habe, besitzen ihre Spielstätte. 31 Prozent verfügen über Miet- oder Pachtverträgen, die weniger als fünf Jahre Laufzeit haben. Technische Ausstattung, Schallschutz, Umbauten und Personalstrukturen lassen sich nur schwer planen, wenn nicht sicher ist, ob ein Standort die nächsten Jahre noch zur Verfügung steht. 

Hinzu kommt die räumliche Konzentration der Berliner Clubszene. 71 Prozent der erfassten Orte befinden sich in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Neukölln. Gerade dort ist der Wettbewerb um die Flächen besonders hoch. 23 Prozent der Befragten denken darüber nach, ihren Betrieb innerhalb der nächsten 12 Monate aufzugeben. Damit wird die Raumfrage zu einer Überlebensfrage. 

Die Branche reagiert 

Die Branche versucht gleichzeitig, sich an die veränderten Bedingungen anzupassen. 62 Prozent haben ihre musikalische Ausrichtung erweitert. 67 Prozent haben ihre Getränkepreise erhöht, 47 Prozent haben die Eintrittspreise angepasst. Mehr als die Hälfte arbeitet mit anderen Clubs und Veranstaltungsorten zusammen. 

Diese Maßnahmen zeigen, dass die Szene nach neuen Wegen sucht, um ihre wirtschaftliche Lage zu stabilisieren. Doch auch Preissteigerungen haben Grenzen. Wenn das Publikum weniger Kaufkraft zur Verfügung hat, kann ein höherer Eintrittspreis zwar kurzfristig die Einnahmen verbessern, gleichzeitig aber die Zugänglichkeit von Clubs einschränken.

Diese Anpassungen zeigen, dass die Branche sich nicht passiv mit der Situation abfindet, sondern versucht neue Einnahmequellen zu erschließen, Zielgruppen zu erweitern und Ressourcen stärker gemeinsam zu organisieren. 

Auch die Entwicklung der Standorte verdeutlicht diese Dynamik. Seit 2020 sind nach eigenen Angaben der Clubkommission mindestens 24 Club- und Kulturstandorte geschlossen worden. Gleichzeitig sind auch um die 25 neuen Standorte entstanden. 

 

Hohe Bedeutung

Die Studie kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Berliner Clubszene wirtschaftlich neu sortiert. 95 Prozent der Befragten sehen ohne strukturelle Verbesserungen die langfristige Existenz vieler Clubs gefährdet. 

Gleichzeitig bleibt die Bedeutung der Szene für die Menschen in Berlin hoch. Alle im qualitativen Teil der Studie befragten Zugezogenen gaben an, dass die Clubkultur für ihre Entscheidung nach Berlin zu ziehen eine wichtige Rolle gespielt habe. Die Szene ist nicht nur Teil des Nachtlebens, sondern auch Bestandteil des kulturellen Profils der Stadt. 

Clubkultur benötigt Unterstützung

Die entscheidende Veränderung der kommenden Jahre liegt nicht in der Frage, ob die Menschen weiterhin ausgehen wollen. Die Nachfrage ist vorhanden. Die Frage ist vielmehr, unter welchen wirtschaftlichen und räumlichen Bedingungen Clubkultur künftig noch stattfinden kann. 

Die Studie "Clubkultur Berlin 2026" zeichnet dabei kein Bild einer sterbenden Szene. Sie beschreibt eine Branche, die sich bereits mitten in der Transformation befindet. Ob daraus ein tragfähiges neues Modell entsteht, hängt nicht allein von den Clubs ab, sondern auch davon, wie Politik, Immobilienwirtschaft und Stadtentwicklung mit ihnen umgehen.

Die Studie erhebt dazu folgende Forderungen:

  • Flächenaktivierung: Landeseigene Immobilien systematisch für Clubkultur öffnen. 
  • Verlässliche Förderung: Langfristige Förderstruktur statt projektbezogener Einzelmaßnahmen. Ein Club-Euro-Modell sollte geprüft werden.
  • Rechtliche Anerkennung von Clubs als Kulturstätten auf Landes- und Bundesebene, mit Folgen für Baurecht, Lärmschutz und Förderung.
  • Arbeitsbedingungen verbessern: Beratung zu sozialer Absicherung ausbauen, Mindeststandards für faire Honorare entwickeln. 

Über die Studie

Die Studie wurde von der Clubcommission Berlin im Auftrag der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe durchgeführt. Den quantitativen Teil verantwortete das Berliner Research- und Consulting-Institut Goldmedia, den qualitativen Teil Dr. Martin Fuller (Tresor Academy).

Befragt wurden im März und April 2026 Berliner Clubs und Veranstaltende mit regelmäßigem Programm, unabhängig davon, ob sie über eine eigene Location verfügen. 163 begannen die Teilnahme, 102 füllten den Fragebogen vollständig aus. Das sind 44 Prozent mehr abgeschlossene Fragebögen als bei der Vorerhebung 2019.

Ergänzt wurde die Befragung um zwölf qualitative Interviews mit Clubgängerinnen zwischen 22 und 28 Jahren sowie um einen Expertinnen-Workshop aus Clubkultur, Verwaltung, Politik und Stadtentwicklung.

Ähnliche Themen

LiveKomm fordert stärkere Berücksichtigung von Clubs und Festivals bei der Kulturförderung

"Live-Gipfel" soll Strategie festlegen

LiveKomm fordert stärkere Berücksichtigung von Clubs und Festivals bei der Kulturförderung

veröffentlicht am 27.08.2026

Musikclubs sollen künftig im Baurecht als Kulturorte gelten

Mehr Flexibilität für die Live-Musik-Branche

Musikclubs sollen künftig im Baurecht als Kulturorte gelten

veröffentlicht am 28.05.2026

Live Music Fund ruft Künstler zur solidarischen Unterstützung kleiner Musikclubs auf

Livekultur am Leben erhalten

Live Music Fund ruft Künstler zur solidarischen Unterstützung kleiner Musikclubs auf

veröffentlicht am 19.02.2026

Kultur abseits der Städte: Andreas Becker über seine Arbeit als Booker des Musikclubs Kinett in Kusel

"Keines unserer Konzerte ist auch nur annähernd kostendeckend"

Kultur abseits der Städte: Andreas Becker über seine Arbeit als Booker des Musikclubs Kinett in Kusel

veröffentlicht am 13.11.2025   9

Musikclubs sind noch immer keine Kulturorte: LiveKomm fordert Reformen von der neuen Bundesregierung

Vier Jahre nach Beschluss des Bundestags

Musikclubs sind noch immer keine Kulturorte: LiveKomm fordert Reformen von der neuen Bundesregierung

veröffentlicht am 08.05.2025

Newsletter

Abonniere den Backstage PRO-Newsletter und bleibe zu diesem und anderen Themen auf dem Laufenden!